Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 5,1-5

Stefan Fischer, Vikar (ev.-luth.)

17.04.2016 Christuskirche Sulzbach-Rosenberg

I.

Liebe Gemeinde,

„So werden auch Sie zum Siegertyp!“ Beim Rechercheiren im Internet bin ich irgendwie auf der Seite mit diesem Werbelink gelandet: „So werden auch Sie zum Siegertyp!“

 

Wer wäre das nicht gerne – ein Siegertyp?

Redegewandt wie Joachim Gauk, muskelbepackt wie Arnold Schwarzenegger, erfolgreich wie Jogi Löw, genial wie Steve Jobs und die Fähigkeit Massen zu begeistern wie Rhianna, oder Helene Fischer. Oder wen würden Sie (spontan gefragt) unter dieser Kategorie fassen?

 

Mich hat das irgendwie neugierig gemacht - und ich hab einfach mal reingeklickt. ...

„Drei Leitlinie auf dem Weg zum Siegertyp:

1.      Setze Dir ein Ziel und halte es dir immer bildlich vor Augen.

2.      Nur keine negativen Gedanken!

3.      Nicht erschüttern lassen! Niederlagen sind Herausforderungen!“

 

Schön wärs, wenn das so leicht wäre, habe ich mir gedacht. Wenn da nicht mehr dazugehören würde. (Lebensumstände, Soziale Herkunft, Ausdauer, Glück, und was auch sonst oft reinspielen mag....)

Aber, was mir klar geworden ist: Es gibt eine ganz klare Vorstellung, was einen Siegertyp auszumachen scheint:

Ein Ziel vor Augen; immer voller positiver Energie und durch nichts zu erschüttern.

 

II.

Jemanden, den man auch zweifelsohne als Siegertypen bezeichnen kann, liebe Gemeinde, möchte ich Ihnen heute einmal vorstellen.

Mehrfachen Bundesmeister im Boxen. Muskelbepackt. Erfolge hat er in seinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes einen nach dem anderen errungen. Dazu: ein Vordenker und emsiger Geschäftsmann: Als erster seiner Zeit hat er damals im Ort ein Fitnessstudio eröffnet und gutes Geld damit verdient. Nennen wir ihn einfach mal Herrn S. ...

 

Kennengelernt habe ich Herrn S. vor etwa 5/6 Jahren im Krankenhaus, in dem ich 6 Monate lange das Praxisjahr für mein Studium abgeleistet habe und im Pflegebereich auf einer Station für Innere Medizin gearbeitet habe.

Herr S. war damals 87 Jahre alt und hatte sich ein Bein gebrochen. Er lag schon einige Zeit im Krankenhaus zur Reha auf einer anderen Station. Für seine Vorgeschichte und sein Alter war er relativ rüstig und schon wieder ziemlich mobil. Mit dem Rollator als Entlastung zog er jeden Abend seine Kreise im Speisesaal. Irgendwann habe ich den alten Mann einfach mal angesprochen:

„Na, Sie sind aber fleißig!“ – „Jaja, stark bleiben und siegen!“.

Das war immer sein Spruch, wenn er die Runde drehte und mich sah. „Stark bleiben und siegen! Ich will ja wieder ohne Wagen hier raus“, sagte er und lachte.

Zielstrebig, voller positiver Energie und nicht unterzukriegen. Auch im hohen Altern noch: ein echter Siegertyp eben.

 

Und dann? ... Dann hatte ich eine Woche Urlaub ... Als ich wieder in die Klinik kam, hatte man Herrn S. auf unsere Station verlegt. Ihm ging es nicht sonderlich gut. Er konnte selbst nicht mehr aufstehen, das Atmen fiel ihm schwer und sein Zustand verschlechterte sich rapide von Tag zu Tag. Er war nun ans Bett gefesselt; konnte weder selbstständig essen noch trinken, und musste regelmäßig gelagert und umgebettet werden. Bei der Dienstübergabe sagte eine Schwester: „Mit dem Mann ist nicht mehr viel los.“

Man ging ungern in sein Zimmer: Von Guter Laune und Kampfgeist war nichts mehr übrig geblieben. Er motzte und schimpfte den ganzen Tag. Keiner hat es ihm auch nur ansatzweise rechtmachen können. Und alle waren froh, wenn sie nicht rein mussten.

Doch zu mir war er seltsamerweise ganz anders. Offener und freundlicher als zum restlichen Personal. Vielleicht, weil ich ihm bewusst immer freundlich begegnet bin. Ich habe immer wieder versucht so zu nehmen, wie er ist. Wir sind oft ins Gespräch zu kommen. Und letztlich ist zwischen uns ist so etwas wie eine kleine Freundschaft entstanden.

„Stark bleiben und siegen!“ Das war sein Lebensmotto, hat er mir erzählt. Nur so kann man einen Boxkampf  und den Lebenskampf gewinnen. Und gewonnen hat fast immer. Aber jetzt war alles ganz anders.

Ansehen zu müssen, wie er abbaute, wie die Kräfte nachließen, und er selbst nichts dagegen tun konnte, das war hart für ihn. Wenn er doch nur wieder mit dem Wagen laufen könnte.

Nach wenigen Tagen kam dann die Diagnose: Krebs im Endstadium. Dazu auch noch ein Darmverschluss. Herr S. musste verlegt werden. Alles ging sehr schnell.

Als die Sanitäter ihn abholten, wollte ich mich noch bei ihm verabschieden und ihm ein paar aufbauende und tröstliche Worte mit auf den Weg geben:

„Also, Herr S., alles Gute, sie schaffen das schon, ich denk an Sie (und dann hab noch hinzugefügt) – gell, stark sein, siegen!“

Seine Antwort darauf war überraschend und doch ergreifend: „Nicht ich – du! Du musst stark sein! Für mich ist jetzt ein anderer stark!“

Sein Blick, als er aus dem Zimmer gefahren wurde, ging ans Kreuz an der Wand, an dem Christus hing.

 

Einige Tage später stand eine Todesanzeige im Lokalteil unserer Tageszeitung: Rainer S. – Boxer. Und in der oberen rechte Ecke eben der Vers aus unserem Predigttext abgedruckt:

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Ein für mich bis heute unvergessliches Erlebnis, liebe Gemeinde.

 

III.

Warum erzähl ich Ihnen das? Weil ich finde, dass man unseren Predigttext nicht lebendiger darstellen kann, als eben in dieser ganz konkreten Erfahrung, wo ganz handgreiflich wird, was es heißt, dass der Glaube zu wahren Siegertypen macht.

 

Man sollte doch glauben, dass es in diesem Moment der alte, kranke und kraftlose Mann ist, der ein aufmunterndes Wort braucht und getröstet werden muss.

Nein! Herr S., der für sich sagen kann „mit meinem Glauben habe ich die Welt überwunden!“, kann in Frieden Abstand nehmen von dieser Welt, und mit Freude siegessicher auf das zugehen, was ihn erwartet.

Da verlässt ein getrösteter Mann den Raum, der so vor innerer Stärke sprüht und auf einmal selbst zum Tröstenden wird.

 

Lange habe ich überlegt, warum er meint mich stärken und mir unbedingt noch einen Satz auf meinen weiteren Lebensweg mitgeben zu müssen: „Du musst stark sein!“

 

Eben weil er überwunden hat. Abgeschlossen. Wir aber stehen noch  in dieser Welt, können sie formen und uns einbringen, ... mit unseren eigenen Kräften stark sein.

Was heißt stark sein: Stark sind für mich Menschen, die andere so annehmen wie sie sind. Gottes Gebot halten: Lieben! (Und dass das wirklich manchmal Stärke abverlangt, das uns wie schwach auch ich selber oft bin, habe ich ja an Herrn S. ja erfahren dürfen, und brauche ich Ihnen sicher nicht erzählen).

 

Nie jedenfalls hat mich ein eigentlich körperlich so schwacher Mensch so beeindruckt, wie der Christ, Herr S.

Der Glaube ist es, der echte Sieger macht, die selbst die tiefsten Tiefen im Leben überwinden können – aus dem Vertrauen: „Für mich ist jetzt ein anderer Stark!“

Und manchmal denke ich mir: Wenn ich auch einen solchen Glauben hätte. Wie Herr S. ... Das wäre stark!

AMEN.

 

Predigtlied:     EG400,1-3+5+6 (Ich will dich lieben, meine Stärke)