Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Könige 8, 22-28

Pfarrer Dr. Matthias Figel (ev.)

25.05.2017 Evang. Stephanuskirche in Hausen ob Verena

Christi Himmelfahrt

Liebe Gemeinde,

 

⇒ da stehen sie,

die Jünger,

im Jahr 30 nach Christus,

und bekommen

den Mund nicht mehr zu

vor Staunen.

 

Sie sind noch

ganz benommen

von dem,

was gerade geschah.

 

Überrascht,

aufgewühlt,

überwältigt:

 

Eben war ihr Herr noch hier.

Hatte mit ihnen geredet,

sie seiner Nähe versichert:

 

„Siehe,

  ich bin bei euch alle Tage

  bis an der Welt Ende.“

 

Doch dann kam diese Wolke.

 

Plötzlich war sie da

und nahm ihn auf –

vor ihren Augen.

 

Den Jüngern

fällt es schwer,

zu realisieren,

was gerade geschah:

 

Was hat das zu bedeuten?

Wo befindet sich ihr Herr?

Ist nun alles vorbei?

 

Die gewohnte Nähe,

die klaren Anweisungen,

die anbrechende Gottesherrschaft.

 

„Jesus,

  wo bist du?

  Der Himmel hat dich aufgenommen –

  wie kannst du weiter bei uns sein?“

 

ð Da steht er,

König Salomo,

im Jahr 959 vor Christus,

und bekommt

den Mund nicht mehr zu

vor Staunen.

 

Er ist noch

ganz benommen

von dem,

was gerade geschah.

 

Überrascht,

aufgewühlt,

überwältigt:

 

Eben

hatten die Priester

die Bundeslade

in das neuerbaute Heiligtum gebracht.

 

Die Einweihung

des fertig gestellten Tempels

lief wie geplant.

 

Doch dann

kam diese Wolke.

 

Plötzlich

war sie da

und nahm den Neubau in Besitz –

vor aller Augen.

 

Die Herrlichkeit Gottes

erfüllte den Jerusalemer Tempel.

 

König Salomo

fällt es schwer,

zu realisieren,

was gerade geschah.

 

Ergriffen

formuliert Salomo

sein Tempelweihgebet.

 

Wir finden es

im ersten Königebuch, Kapitel 8 –

es ist unser heutiger Predigttext:

 

„Und Salomo trat

vor den Altar des Herrn

angesichts der ganzen Gemeinde Israel

und breitete seine Hände aus gen Himmel

und sprach:  Herr, Gott Israels,

es ist kein Gott

weder droben im Himmel

noch unten auf Erden

dir gleich,

der du hältst den Bund

und die Barmherzigkeit deinen Knechten,

die vor dir wandeln von ganzem Herzen;

der du gehalten hast deinem Knecht,

meinem Vater David,

was du ihm zugesagt hast.

Mit deinem Mund hast du es geredet,

und mit deiner Hand hast du es erfüllt,

wie es offenbar ist an diesem Tage (…)

 

Nun,

Gott Israels,

lass dein Wort wahr werden,

das du deinem Knecht,

meinem Vater David,

zugesagt hast.

 

Denn sollte Gott

wirklich auf Erden wohnen?

 

Siehe,

der Himmel

und aller Himmel Himmel

können dich nicht fassen –

wie sollte es dann

dies Haus tun,

das ich gebaut habe?

 

Wende dich aber

zum Gebet deines Knechts

und zu seinem Flehen,

Herr, mein Gott,

auf dass du hörst

das Flehen

und Gebet deines Knechts

heute vor dir.“

 

Salomo

geht der Mund über

vor lauter Staunen:

 

Gott,

den aller Himmel Himmel nicht fassen,

nimmt Wohnung in Jerusalem!

 

Der Unendliche

konzentriert,

bündelt,

fokussiert sich

auf einen Punkt.

 

Wählt

dieses Fleckchen Erde,

lässt sich im Tempel nieder,

lässt sich ansprechen,

lässt sich begegnen.

 

Hier

ist er ganz da,

hier offenbart er sich,

an diesen Ort bindet er sich.

 

Ohne dabei

seine Größe,

seine Souveränität

  und Unfassbarkeit

zu verlieren.

 

Der ganze Gott

an einem Ort!

 

„Der Himmel

und aller Himmel Himmel

können dich nicht fassen –

wie sollte es dann

dieses Haus tun,

das ich gebaut habe?“

 

ð Da

stehen wir

als Gemeinde,

heute Morgen,

und bekommen den Mund

nicht mehr zu

vor Staunen.

 

Wir feiern Gottesdienst.

 

Haben ihn

im Namen des dreieinigen Gottes

begonnen.

 

Und vertrauen darauf,

dass Gott

in unserer Gemeinschaft

Wohnung nimmt –

so

wie damals

im Tempel.

 

Dass der erhöhte Christus

seine Verheißung wahrmacht,

                             einlöst

                      und erfüllt:

 

„Wo zwei oder drei

  versammelt sind

  in meinem Namen,

  da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18, 20).

 

Der von einer Wolke

aufgenommen wurde,

steht zu seinem Wort:

 

„Ich bin bei euch alle Tage

  bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20).

 

Wie kann es sein,

dass der,

dem alle Gewalt gegeben ist

im Himmel und auf Erden,

heute Morgen

uns die Ehre erweist,

uns zu besuchen,

uns kleine Schar,

gewöhnliche,

durchschnittliche Menschen?

 

„Der Himmel

  und aller Himmel Himmel

  können dich nicht fassen –

  wie sollte es dann

  unsere Kirchengemeinde tun?“

 

Wie kann es sein,

dass der,

der zur Rechten Gottes sitzt

                        und uns vertritt,

heute Morgen

ganz Ohr sein will

um auf unser Gebet zu hören?

 

Dass ihm

nichts wichtiger ist

als unser Reden des Herzens

in Bitte und Fürbitte,

    Dank und Anbetung.

 

Wo ist Jesus?

So fragen

die verlassenen Jünger.

 

Nur ein Gebet weit entfernt.

 

Der sich in einer Wolke verhüllt,

lässt sich finden im Gebet.

 

Wie kann es sein,

dass der,

der als König herrscht

und dem alles untertänig wird,

heute Morgen

das Bedürfnis hat,

zu uns zu reden?

 

Dass er sich

vom Himmel herab

ins Wort begibt,

im Evangelium sich offenbart,

im Zuspruch sich fokussiert:

 

„Fürchte dich nicht!“

„Dir sind deine Sünden vergeben!“

„Der Herr segne dich!“

 

Unser Herr kleidet sich

ganz unscheinbar

in menschliche Worte.

 

Wir hören sie

in der Schriftlesung,

in der Predigt,

in den Liedern,

beim Segen

und staunen:

 

„Der Himmel

  und aller Himmel Himmel

  können dich nicht fassen –

  wie sollte es dann dein Wort tun?“

 

Wie kann es sein,

dass der,

dem alle Engel dienen,

nicht nur ein Kind

              und Knecht wird,

sondern

sich in Brot und Wein begibt,

sich im Abendmahl

uns darreicht?

 

Im Altarsakrament

bietet sich der Erhöhte

selbst an:         „Nehmt hin das Brot,

                         trinkt von dem Wein. …

 Wenn ihr das tut,

 will ich bei euch sein.“

(EG 587, 3 Württembergische Ausgabe)

 

Können wir uns

noch wundern

über dieses Wunder:

 

„Der Himmel

  und aller Himmel Himmel

  können dich nicht fassen –

  wie sollte es dann

  Brot und Wein tun?“

 

ð Da stehe ich,

kleiner Mensch,

und bekomme den Mund

nicht mehr zu vor Staunen.

 

Als kleines Kind

habe ich gebetet:

 

„Ich bin klein,

  mein Herz ist rein,

  soll niemand drin wohnen

  als Jesus allein.“

 

Gott in mir?

 

Ich zögere,

diesen Gedanken zu denken.

 

Weil er so kostbar ist,

             so zerbrechlich.

 

„Der Himmel

  und aller Himmel Himmel

  können dich nicht fassen –

  wie sollte es dann

  mein Herz tun?“

 

Als Erwachsener

kann ich nur staunen,

dass Christus

Wohnung nimmt

in mir.

 

Mein Leib

zum Tempel

des Heiligen Geistes wird. (1Kor 6, 19).

 

„Wie viele ihn

  aber aufnahmen,

  denen gab er Macht,

  Gottes Kinder zu werden,

  denen,

  die an seinen Namen glauben.“ (Joh 1, 12).

 

Liebe Gemeinde,

die beiden Männer

in weißen Gewändern,

die nach der Himmelfahrt Jesu

plötzlich auftauchten,

fragten die Jünger:

 

„Was steht ihr da

  und seht zum Himmel?“

 

Mit ihrem Erscheinen

gaben sie dem Blick der Jünger

         und deren Gedanken

eine neue Richtung:

 

Lasst uns

an Himmelfahrt

nicht Jesu Abwesenheit,

seinen weit entfernten Thron beklagen,

sondern lasst uns

darüber staunen,

dass er

ganz

bei uns

sein will,

in unseren Gottesdiensten,

in unserer Gemeinde,

in seinem Wort,

in Brot und Wein,

in unserem Herz.

Amen.