Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über 1. Korinther 12,31b-13,13

Pfarrvikarin Alexandra Pook (ak)

01.10.2016 Kath. Kirche in Meisenheim am Glan

Trauung

Die Brautleute sind beide Berufsmusiker/innen und suchten sich für die Feier den Song „God is God“ von Steve Earle aus, der den zweiten textlichen Bezugspunkt der Predigt ausmacht. Diese selbstverfasste Übersetzung ins Deutsche wurde neben dem Lied selbst im Gottesdienst vorgetragen:

Gott ist Gott

Ich glaube an die Vorsehung.
Manche Menschen sehen Dinge, die nicht jeder sehen kann.
Und manchmal verraten sie dir und mir ein Geheimnis.

Und ich glaube an Wunder.
Etwas Heiliges brennt in jeder Pflanze und jedem Baum.
Wir können alle lernen, die Lieder der Engel zu singen.

Ja, ich glaube an Gott und Gott ist nicht ich.

Ich bin durch die ganze Welt gereist,
stand auf hohen Bergen und habe in die Wildnis geschaut.
Niemals habe ich eine nicht übertretbare Linie im Sand
oder einen Diamanten im Staub gesehen.
Und während unser Schicksal sich entfaltet
bin ich an jedem Tag, der vorbei geht, etwas weniger selbstsicher.
Sogar mein Geld erinnert mich daran, dass ich Gott vertrauen muss.

Ja, ich glaube an Gott und Gott ist nicht wir.

Mein begrenzter Verstand sagt mir, dass es Gott egal ist mit welchem Namen ich ihn rufe.
Ob ich glaube oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle.
Ich empfange Segen
und jeder Tag auf der Erde birgt eine neue Chance, es richtig zu machen.
Lass mein kleines Licht scheinen und kämpfen gegen die Nacht.
Es ist nur eine neue Lektion, die ich lernen kann.
Vielleicht beobachtet mich jemand und fragt sich,
welche Gaben ich habe.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich hier auf Erden bin, aber vielleicht auch nicht.

Aber ich glaube an Gott, und Gott ist Gott.

 

Liebe C., lieber J., liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde, liebe Schwestern und Brüder!

1. Heiraten heißt, jemanden zu sagen: „Ich bleibe bei Dir.“ Das ist, glaube ich, das Schönste, was man jemandem sagen kann. „Auch wenn Du alt und runzelig wirst, oder mal einen schlechten Tag hast (oder gleich mehrere davon hintereinander) und ich Dich deswegen gerade saublöd finde... Ich möchte und ich werde bei Dir bleiben!“
Ihr seid ja beide Musiker. Vielleicht habt Ihr das im Laufe Eures Lebens ja bei Euren Musikinstrumenten auch schon mal gedacht: diese blöde Geige nervt, die schmeiße ich jetzt aus dem Fenster! (Mit Klavieren und Orgeln ist das ja etwas schwieriger…) Aber Ihr habt es dann natürlich nicht getan, nicht nur weil natürlich Ihr Euer Instrument liebt (und wisst, was es gekostet hat), sondern auch, weil Ihr eine Ahnung davon hattet, wie schön die Musik sein könnte, die ihr damit machen wollt. Wie erfüllend es sein könnte, sie zu spielen… Und so habt Ihr immer wieder den mühevollen Weg des Übens mit Geduld und Ausdauer weiter beschritten. Und erzählt heute wahrscheinlich Euren Schülerinnen und Schülern, wie wichtig das ist mit dem Üben, oder dass es noch etwas mehr Geduld und Konzentration braucht, damit die Ton-Aufnahme wirklich schön wird… Ich erzähle das alles (mit dem Aus-dem-Fenster-Schmeißen) natürlich nicht, weil ich den Eindruck hätte, dass Eure Beziehung so unharmonisch ist… (Ganz im Gegenteil!) Aber ich habe das Gefühl, dass die Musik und die Liebe sehr viel miteinander gemeinsam haben.

2. Musik und Musizieren habe ich immer erlebt als total von etwas erfüllt Werden. Und als etwas, was größer ist als ich selbst, etwas, womit ich mich selbst überschreite. Oder auch als etwas, bei dem ich nicht zu viel wollen darf, wo ich hinter der Musik zurücktreten muss, meine Ideen von einem Stück loslassen muss, damit es gut wird.
Und dennoch, wenn wir Musik machen, haben wir eine Ahnung davon, ein Gefühl dafür, wie etwas richtig ist, wie es stimmt – und auch: wie es nicht stimmt, nicht gut ist. - Und das können wir, weil die Musik in uns angelegt ist. Weil wir eine Ahnung in uns tragen von ihrer Vollendung – auch wenn wir diese Vollendung leider selten wirklich erreichen. – In all dem ist Musik genau wie die Liebe! (Und vielleicht sind Musikerinnen und Musiker deswegen, weil sie mit diesen Dingen Erfahrung haben, hervorragende Liebende und Liebhaber/innen…? Wer weiß…)

3. Paulus schreibt in seinem Brief, aus dem wir ein Stück gehört haben:
„Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen.“

Diese Worte sprechen von unserer menschlichen Begrenztheit – aber auch davon, dass es andererseits auch so etwas gibt wie Vollendung, einen vollendeten Zustand: von Erkenntnis, von Liebe, wohl auch von Musik! Wir erleben umrisshaft schon jetzt ein wenig davon und wir erahnen einen vollendeten Zustand. Und im Laufe unseres Lebens dürfen wir vielleicht immer mehr davon erfahren: eine reifende, immer mehr der Vollendung sich annähernde Musik - eine reifende, immer mehr der Vollendung sich nähernde Liebe. Aber erst nach diesem Leben, bei Gott, den vollendeten Zustand davon.

4. In Eurer Einladung zur Hochzeit war von einer „Zeit der Fülle und Reife“ die Rede, in der Ihr Euch angekommen fühlt und in der Ihr jetzt mit uns allen dieses Fest feiern wollt. Aus Eurer Liebe zu zweit, in der Ihr (so habt Ihr es mir erzählt) Euch gegenseitig als Boden entdeckt habt, auf dem Ihr stehen könnt, ist eine Liebe als Familie geworden, in der Ihr Euch gegenseitig in Eurem Kind wiederentdeckt. Und Ihr habt erzählt, dass Ihr jetzt, an dieser Stelle Eures Lebensweges, auch ganz leicht ja sagen könnt zu der Verantwortung: für den anderen und für Eure Tochter. Und in Eurer Tochter hat sich Eure Liebe schon weiter vollendet, weist sie über Euch hinaus!
Ihr habt einander „erkannt“ und im Laufe Eures Lebens werdet Ihr vermutlich immer mehr von dem erkennen, wer Ihr seid und füreinander seid. Und Ihr werdet Euch hoffentlich immer mehr in dem, wer Ihr selbst seid, vom anderen wahrgenommen und erkannt fühlen.
Und dann können bei Euch die Dinge gedeihen, von denen Paulus spricht: Liebe als Langmut (oder „Geduld“) und als Güte, die nicht ihren Vorteil sucht. Die sich nicht – oder immer weniger – zum Zorn reizen lässt. Die nichts nachträgt, sondern den anderen ihr Verhalten an schlechten Tagen immer wieder vergeben kann. Eine Liebe, die belastbar ist und allem stand hält, was das Leben so bringen mag. Und eine Erfahrung von Liebe, aus der Euch in allen Lebenslagen die Kraft der Hoffnung zufließt.

5. „Manche Menschen sehen Dinge die nicht jeder sehen kann. Und manchmal verraten sie dir und mir ein Geheimnis.“
So heißt es in dem Songtext von Steve Earle, den Ihr Euch für Eure Hochzeit ausgesucht habt. Als Musiker und als Liebende seht auch Ihr Dinge, die nicht jeder sieht. Ihr seht „Wunder“, dass „etwas Heiliges brennt in jeder Pflanze und jedem Baum.“ Und mit Steve Earle ahnt Ihr, dass „wir alle lernen können, die Lieder der Engel zu singen.“
Das sind Wunder, die wir nicht sehen können, nicht anfassen und die wir schon gar nicht machen können. Aber wir können sie wahrnehmen und erkennen, in unserem Inneren: dass wirklich etwas Heiliges brennt in den Dingen.
So wie Mose in der Wüste, der eines Tages beim Schafe- und Ziegen-Hüten auf einen brennenden Dornbusch trifft. – Sicher habt Ihr diese Geschichte schon einmal gehört. – Ein brennender Busch ist in der Wüste etwas ziemlich Gewöhnliches. Aber dennoch erkennt Mose, dass hier etwas ganz Außergewöhnliches passiert: dass der Busch brennt und doch nicht verbrennt. Dass Gott an dieser Stätte gegenwärtig und erfahrbar ist! Und für Mose ist dieses innere Erkennen so klar, so stark, dass er total auf diese Erfahrung vertrauen und sein ganzes Leben danach daran ausrichten kann. Ja mehr noch: mit dem Rückenwind dieser Erfahrung hat er die Kraft und die Fähigkeit, seinem ganzen Volk das Vertrauen in Gott zu vermitteln, so dass schließlich alle bereit sind, mit ihm aufzubrechen ins Ungewisse.
Und genau so kann es auch uns mit unseren Erfahrungen von innerem Erkennen gehen: auch wenn es da materiell gar nichts zu sehen oder anzufassen gibt, kann das Erkennen dennoch stark genug sein, uns die Sicherheit zu geben, dass wir ganz und gar darauf setzen können. Die Sicherheit, ganz und gar trauen können, uns ganz und gar überlassen können: der Musik - der Liebe – dem Leben selbst...

6. Der Song von Steve Earle heißt „God is God“ – Gott ist Gott. Ihr habt Euch dieses Lied für Eure Trauung ausgesucht, weil Gott Euch beschäftigt. Weil Ihr Euch fragt, wer oder was Gott ist und für Euch bedeutet. Ihr wolltet auch nicht nur auf dem Standesamt heiraten, sondern Eurer Leben miteinander, Eure Liebe und Eure Ehe, und auch Eure Tochter, unter den Segen Gottes stellen.
Eine Antwort auf die Frage, wer Gott ist, lautet: Gott ist das, was Ihr in Eurem Inneren erahnt, vielleicht sogar erkennt. Das, was Euch in all den Wundern der Welt begegnet: nicht zuletzt im Wunder Eurer Liebe zueinander und im Wunder des Kindes, das daraus entstanden ist. - Und zugleich ist Gott das, was unendlich darüber hinausweist.
Und wie die Musik und wie die Liebe ist Gott, ist Gottes Segen nicht verfügbar, nicht machbar, und auch nicht sichtbar oder greifbar. Aber als Musiker seid ihr Menschen, die erkennen können, „dass etwas Heiliges brennt in den Dingen“ und Beziehungen, und die in sich fühlen, dass es so etwas wie Vollendung gibt. Und darum ist Euch beiden auch die Fähigkeit gegeben, auf Gott und seinen unsichtbaren und unverfügbaren Segen zu bauen und ihm zu vertrauen. Ja, Euch ist die die Fähigkeit gegeben, Euch diesem Segen – wie der Musik - ganz und gar zu überlassen.
Und das wünsche ich Euch für Eure Ehe und Eure Familie: dass Ihr in Eurem Leben immer mehr erkennen könnt, was es bedeutet und was es bewirkt, Euch diesem Segen Gottes zu überlassen.