Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 1,18-25

Gregor Tobias Brysch, Student der Evangelischen Theologie

21.06.2016 Gottesdienst für Studierende an der Humboldt-Universität zu Berlin

[Liedtext betont sprechen:]

„At first I was afraid, I was petrified

Kept thinkin' I could never live without you by my side

But then I spent so many nights thinking how you did me wrong

And I grew strong

And I learned how to get along“

 

Gloria Gaynor singt: „I will survive.“

Ich höre dieses Lied als Lebensbejahung. Und ich höre es als eine Kampfansage. Eine Kampfansage an ein Leben, das mir mehr wegnimmt, als es mir gibt.

Eine Kampfansage an ein Leben, in dem ich fremdbestimmt und abhängig bin, von den Entscheidungen anderer.

Ich höre dieses Lied als Lebensbejahung, die mir sagt, dass ich nicht in Selbstmitleid zergehen muss. Dass auch in harten Zeiten Kraft in mir wachsen  kann. Dass ich mir selbst das Leben zurückerobern kann.

Gloria Gaynor ist zu dem Zeitpunkt als sie dieses Lied erstmals singt noch unbekannt. Sie nimmt es in einem kleinen Studio auf. Es soll die B Seite für die Single einer anderen Band werden. Sie hat keine Ahnung, wie das Lied ihr Leben verändern wird. Keine Ahnung dass es noch Jahrzehnte später im Radio gespielt und auf Partys mitgesungen werden wird. Keine Ahnung, dass es unzählige Cover und Variationen von dem Lied geben wird. Keine Ahnung, dass es die Hymne einer schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung werden wird.

Es ist der Sommer 1979. Gloria Gaynor ist 29 Jahre alt und singt: „I will survive.“

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Sommer 2016. Ich bin 29 Jahre alt. Ich kann sagen: Ich habe überlebt!  Einen Treppensturz.  Meine gemeine Englischlehrerin Frau Hansen [Name fiktiv]. Eine Malariainfektion.  Ein Gewitter in den Anden. Trennungsschmerzen. Abschlussprüfungen. Winter in Berlin.

Ich habe überlebt und das ist an sich schon ein Wunder.  Denn eigentlich andauernd läuft es in meinem Leben anders, als ich‘s mir vorgestellt habe. Und trotz aller Enttäuschung und trotz aller Trauer um das was ich dachte haben zu können… bin ich bisher wieder auf die Beine gekommen. Und habe irgendwie weitergelebt.

 

Aber das reicht mir nicht. Ich will mehr. Sommer 2016. Ich bin 29 Jahre alt. Und ich will:

Eine große Dachgeschosswohnung.

Eine Reise in ein fernes, unbekanntes Land. Ein Abenteuer.

Ich will einen unvergesslichen Abend. Ich will der Mittelpunkt der Party sein.

Ich will Schönheit, die nur mir gehört.

 Ich will einen Standpunkt vertreten. Ich will Applaus. Ich will Bewunderung.

Ich will weise werden.

Ich will des Lebens Fülle kosten.

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Schaue ich mich selbst dagegen an, dann sieht mein Leben an manchen Tagen ganz schön mager aus. Wie ein halbaufgepumpter Fußball mit dem keiner recht spielen mag. Nicht mal ich selbst. Was habe ich schon zustande gebracht?

Fast 30. Ich studiere immer noch. Meine Eltern waren mit 30 selbstständig und hatten zwei Kinder.

Seit fünf Jahren in Berlin - noch nie im Berghain gewesen. Eine durchschnittliche Erasmus Studentin kennt nach vier Wochen in Berlin mehr Clubs von innen, als ich nach Jahren.

Es ist Mittag - ich liege noch im Bett. Andere arbeiten, bringen ihre Kinder zum Klavierunterricht oder geben Deutschkurse für Geflüchtete. Ich liege rum und frage mich, was genau bei mir eigentlich schief läuft.

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Mein Leben kommt mir oft brüchig vor. Es findet statt zwischen einer Vergangenheit bei der sich Freuden und Enttäuschungen scheinbar wahllos mischen und einer Zukunft, bei der ich davon ausgehen muss

-           dass ich sie nicht planen kann,

-          dass das meiste außerhalb meines Einflusses liegt,

-          und dass mir das Leben immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen wird…

 egal wie schön ich meine Pläne schmiede.

Mein Leben findet statt zwischen einem unveränderbaren nicht mehr und einem unverfügbaren noch nicht. Je weiter ich durch die Jahre nach oben steige, desto dünner wird die Luft. Und ich japse danach, dass aus diesem Berg von Leben doch noch mal ein großes und sinnvolles Ganzes wird.

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Es gibt einen Maßnahmenkatalog, der mitunter angeboten wird, um dem Chaos, das man das eigene Leben nennt, Herr zu werden. Einige der angebotenen Maßnahmen lauten:

                - „denke positiv!“

                - „was du dir vornimmst, kannst du auch erreichen, du musst nur hart an dir arbeiten!“

                - „nimm dein Leben selbst in die Hand!“

oder auch besonders beliebt: „everything happens for a reason!“

Wobei einem der schlaue Freund oder die schlaue Freundin, die solche Weisheiten zum Besten gibt, gerne verschweigt, was denn nun der Grund ist, für den alles passiert. Und warum es eigentlich vielen Leuten so dreckig geht… wenn doch alle nur ein bisschen mehr an sich arbeiten müssten und mal positiver denken.

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Wenn das jetzt auch kritisch gegenüber aufmunternden Ratschlägen klingt, möchte ich doch klar sagen: positive Gedanken und Tatkraft haben zumindest mir schon oft geholfen, mich aufzurappeln und einen Weg aus Stagnation, Grübelei oder Traurigkeit zu finden.

Die Frage ist nur: worauf gründe ich meine positiven Gedanken? Und was erhoffe ich mir von ihnen?

Im Glauben gründen meine positiven Gedanken auf Christus. Und ich erhoffe mir nichts mehr als die Nähe Gottes in meinem Leben.

Und das ist eine ziemlich große Dummheit. Jesus zahlt nämlich meine Miete nicht. Gott schreibt mein Theologieexamen nicht für mich - obwohl das ja nun wirklich ein Klacks sein sollte. Gott macht mit mir überhaupt nie Karriereplanung! …und Jeus sitzt nicht morgens bei mir am Frühstückstisch und gibt mir Tips für das perfekte Date.

Jesus… hängt am Kreuz.

Und was macht er da eigentlich?

[Prediger wendet sich direkt an den Gekreuzigten als Gegenüber:]

„Jesus - was machst du da eigentlich? Komm da runter! Verändere doch die Welt mit mir.  Aber hör‘ auf da so nutzlos rumzuhängen! Meinetwegen lass uns einfach einen Wein trinken gehen. Aber komm da runter! Ich will mir dieses fortwährende und sinnlose Herumgeleide von dir da oben nicht länger ansehen!“

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Jesus…

 hängt immer noch. Er schaut mich vom Kreuz aus an und sagt:

„Ich bleibe hier. Ich bleibe hier für dich. Für all die Momente, in denen du denkst, dass dein Leben nicht klappt. In denen du vor dir selbst weglaufen willst. In denen du fragst: how on earth will I survive?

Mein Kreuz steht an einem Ort, an dem diese Frage verstummt. Es steht in der entgegengesetzten Richtung von allem Erfolgsstreben, von aller Selbstoptimierung und von allen Überlebens-Strategien. An den Grenzen und Bruchlinien deines Lebens habe ich es aufgestellt. Hier begegnen wir uns. Hier bin ich für dich - und das schon seit dem ersten Tag deines Lebens. Ich bin hier in Scheitern und Leiden.  Ich bin hier damit du verstehst, wie Gottes Liebe ist. Denn Gottes Liebe kümmert sich nicht ums Erreichen, nicht ums Planen, nicht ums Absichern. Gottes Liebe läuft nicht weg, wo Menschen scheitern.

Gottes Liebe will wachsen. Sie ist geduldig darin. Sie blüht in deinem Verzeihen. Ihre Frucht ist deine Freiheit.

Von hier -  unter dem Kreuz - brich auf ins Leben! Ohne Furcht. Du musst nichts mehr beweisen. Alles, was in dieser Welt zu beweisen war, bleibt hier, bei mir, unter dem Kreuz. Von hier aus führen nur Vergebung und Freiheit.

Erschrecke nicht, wenn das Denken der Welt dich wieder einholt. Fürchte dich nicht, wenn du dich wieder beginnst zu sorgen. Hierher – an diesen Ort der nur für dich ist - kannst du wieder zurückkehren und ruhen und neu aufbrechen. Mein Kreuz bleibt für dich – aus  Ewigkeit."

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.