Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 1,18-25

Pastor Dr. Martin Grahl (ev.)

04.07.2010 in der Kirche "St. Martin in der Mauer" in Prag

anlässlich der Pfarrkonferenz der Auslandspfarrer der EKD für Mittel- und Osteuropa sowie Skandinavien

Anlass: Pfarrkonferenz der Auslandspfarrer der EKD für Mittel- und Osteuropa sowie Skandinavien. Die Konferenz stand unter dem Thema "Unkirchlichkeit".

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Christus Jesus! Amen.

Liebe Gemeinde!

Wären wir heute nicht in Prag, der Hauptstadt des für seine Unkirchlichkeit bekannten Tschechien, sondern nach Athen gereist, würden wir auf Menschen treffen, zu deren Identität es gehört, orthodox zu sein und für die Mose, Abraham und Jesaja zu den allergrößten Autoritäten gehören. Durch die Alte Kirche wurde das Denken der Philosophen und Gebildeten von Athen mit der Bibel und dem Glauben der Propheten konfrontiert. Und sie waren damals davon wenig beeindruckt. Es erschien ihnen barbarisch, unreflektiert, - ja es erschien ihnen sogar atheistisch. Der Himmel zwischen der Ersten Ursache und den Menschen war ihnen in diesem asiatischen Glauben entvölkert, es waren dort ja keine Götter mehr. Wo vorher ein ganzes Pantheon von Zeus bis Athene thronte, gab es höchstens noch Boten Gottes, die Engel, und die waren bis auf drei symbolische Ausnahmen auch noch namenlos. Die Ursache von Allem, das Höchste, der Inbegriff des Göttlichen, das sollte nun gar eine Person sein: Wie primitiv! dachten sich die Philosophen. Welche Torheit, so zu denken, Gott ist doch kein Mensch. Außerdem sollte diese, doch offensichtlich missratene Schöpfung mit ihrer verdorbenen Menschenwelt dem Willen des Besten von allem Guten entsprechen. Da brach doch alle Logik zusammen! Und dann gar diese verrückte Geschichte vom Opfertod Gottes am Kreuz! Das sprengte jeden vernünftigen Mythos.

Es ist das Werk unserer Väter im Glauben, klärende Gespräche zwischen biblischem Glauben und griechischem Denken geführt zu haben. Aber es war erst ein Anfang. Die Welt sollte sich noch viel öfter über Gottes Wort wundern und an der Botschaft des Kreuzes Anstoß nehmen. Und sie ist noch immer dabei, sich darüber zu entsetzen: Frauen sollen vor Gott den Männern gleichrangig sein. Der einzelne Mensch stehe im Mittelpunkt der Geschichte, sei Gott unmittelbar wie die großen Könige, Mächte oder auserwählte Genies es sind. Gottes Gerechtigkeit neige sich den Sündern zu. Das Böse würde nicht durch Gewalt bekämpft, sondern solle durch Güte überwunden werden. Die Geschichte habe ein Ziel, und dieses Ziel liege nicht in zeitlichen Fernen, sondern decke sich schon wie der Himmel über uns. Pluralität sei kein Mangel, sondern Bedingung der Liebe. Und diese andere Liebe egalisiere nicht, sondern mache uns erst zu Personen, zu Wesen, durch die die Unendlichkeit Gottes durchschimmere. Erlösung sei keine Flucht, sondern Erfüllung unserer Unvollkommenheiten?

Die Weisheit des Kreuzes ist der Welt eine Torheit. Auch heute. Wir sollten das nicht wegdiskutieren oder nicht wahrhaben wollen. Dadurch, dass wir diese Widersprüche in ihrer Schärfe wahrnehmen, kann die Weisheit des Kreuzes in uns ihre Kraft entfalten.

Liebe Schwestern und Brüder, man kann das Verhältnis von Juden- und Christentum unterschiedlich sehen. Zum Beispiel so: Erst gab es das griechische Denkmuster, Paradigma, in dem man Gott und die Menschen philosophisch nach Platos Ideenlehre ansah, und dann kam die christliche Theologie, die das griechische Denken schluckte, ablöste oder absorbierte, wie die nächste Stufe der Entwicklung die vorherige übernimmt und übersteigt. Und dann kommen eben wieder andere Muster, - Wissenschaft, Globalisierung, neue Revolutionen, und so sei das Christentum schließlich nur noch eine, wenn auch sehr achtenswerte Wurzel Europas unter anderen. Der christliche Glaube müsse sich entsprechend modernisieren und anpassen, einfügen, sich auch übersteigen lassen. Jesaja und Jesus treten neben Plato und Aristoteles, meinetwegen auch um eine Stufe höher. Aber für uns heute sind sie abgerutscht in die Geschichtsbücher, Philosophiegeschichte, Religionskunde und sind im Grunde tot oder nur noch in ihren Erben lebendig. Ihre Ideen leben weiter, aber das war´s.

Oder eine andere Variante: Das Muster, das Paradigma des Glaubens stellt sich der Welt gegenüber. Wir denken so, ihr denkt anders. Wir bilden eine der postmodernen Inseln und pochen darauf, dass wir im Unterschied zu den anderen recht haben. Darum dürfen wir kein Jota an den alten Gedanken ändern, egal, was man von uns denkt. Wir versperren uns allen modernen Ideen, lassen sie nicht an uns heran. Alle Menschen müssen bei uns Mitglied werden, wenn sie gerettet werden wollen. Kirche ist die Insel der Seligen, Arche.

Doch unser Glaube ist kein Fluchtfahrzeug. Gott schickt nicht einfach seine Arche in die Welt, um die Seligen und Überzeugten herauszuholen. Die Geschichte Jesu ist die mit dem Zeichen des Jona: Der Prophet geht nach Ninive zu den Heiden. Er mischt sich ein, mit Leib und Seele. Er liebt die Sünder. Er sucht sich seinen Verfolger Paulus heraus, und macht ihn zum Verkünder des Heilsangebots für alle.

Unser Glaube ist kein Denk- oder Lebensmuster neben anderen. Gott spricht zur Menschheit, in alle Zeiten und Kulturen hinein, seit Abraham, und neu, solange unsere Zeitrechnung die Jahre neu zählt. „Wir predigen den gekreuzigten Christus“, schreibt Paulus den Korinthern. Ein für allemal hat Gott in Ihm gesprochen, für alle Menschen, für die damals und für die in den kommenden Zeiten. Gott, an den wir glauben, dem wir vertrauen, uns anvertrauen, ist keine Weltanschauung, keine Ideologie oder dogmatische Theorie. „Ich bin der, als der ich euch begegnen werde“, das ist Gottes Name. Jeder Mensch kann mit diesem Gott reden, dem Schöpfer des Kosmos. Er ist keine bloße Chiffre, er wendet mir und dir sein Angesicht zu.

Darum sollte es uns nicht so sehr beunruhigen, wenn heute viele Menschen mit der Kirche nichts mehr anfangen wollen und können. Wir sollten Verständnis aufbringen, wenn Menschen die Weisheit des Kreuzes nicht verstehen. Wir verstehen sie ja selbst kaum. Und wenn wir hundert und tausend mal das Glaubensbekenntnis sprechen, erfassen wir es in seiner ganzen Tiefe? Die Zeiten sind vorbei, als der Landesherr den Menschen vorschrieb, was sie zu glauben hatten, und man brauchte sich nur zu fügen. Endlich fragen die Menschen selbst! Wir sollten diese Situation als die Chance unserer Epoche begreifen, mit allen möglichen Menschen gemeinsam die großen Schätze heben zu können, an die uns der Glaube heranführt.

Es heißt ja, in Christus seien alle Schätze der Weisheit bereits verborgen. Und wir können Schätze nur dann bewundern, wenn sie uns nicht selbstverständlich sind. Ein Schatz, der uns als das Gewöhnlichste der Welt erscheint, wird nicht wert geachtet.

Liebe Gemeinde, wir sind hier in Prag an einem Ort, wo man in besonderer Weise dem Judentum begegnet. Max Brod und Franz Kafka waren hier. Sie sind als Juden genau so an den Glauben herangegangen, wie ich es bei dem Juden und Christen Paulus finde: Setze die Botschaft der Schrift mitten in unsere Tage. Gott hatte nicht nur früher mal dem Menschen etwas zu sagen. Sein Wort zeigt auch in unserem Lebenskontext seine einmalige Leuchtkraft. Wir müssen lernen, sie wahrzunehmen.

Es gibt heutzutage nach Jahrhunderten der Ablehnung bei vielen Christen eine interessante Begeisterung für das Judentum. Warum? Weil man da lernt, altbekannte Dinge neu zu sehen, zum Beispiel das Jüdische am Christlichen zu entdecken. Wir verstehen, dass die Geschichte vom Exodus nicht nur eine Story aus der Kinderbibel ist, sondern ein ganzes Volk in diesen Geschichten jetzt lebt und glaubt. Viele lesen fasziniert von dem Chassidismus, der Frömmigkeit des Ostjudentums, wohl weil man darin seinen eigenen Traum von einem frommen Leben wiederzuentdecken meint. Man kann den Schatz unseres eigenen Glaubens im Judentum neu entdecken. Wir sehen uns wie von außen. Weisheit ist in den chassidischen Schriften zu finden, tiefer Glauben, wir lesen von überraschenden und befreienden Ratschlägen. Den Geschichten ist Hoffnung abzuspüren, das bedeutet Offenheit für das Kommende. Nichts ist so gefährlich für den Glauben wie Gewohnheit, der das Leben abhanden gekommen ist. Darum sind Perspektivwechsel heilsam, - und auch Zweifel. Ich meine nicht das oberschlaue Nein zu allem, was man nicht genau weiß. Ich meine den echten, fragenden Zweifel, offenes Interesse. Die alten Rabbiner hatten einst regelrecht Sport damit getrieben: Frage, frage, bis du daran fast irre wirst, aber frage. Ein Weiser des Ostjudentums galt umso mehr, je mehr Paradoxien er verkünden konnte. Er musste geradezu etwas verrückt erscheinen, sonst schien er den Leuten nicht viel wert zu sein. Einer von den Rabbinern warnte seine Schüler ausdrücklich vor Leuten, die vorgaben, alles zu wissen. Arm im Geist sollen wir sein, wenn wir selig sein und ins Himmelreich kommen wollen, sagt uns auch Jesus. Zeichen dieser guten, bekennenden Armut im Geist ist es, zu fragen. Und jede Antwort taugt nur etwas, wenn sie zu neuen Fragen reizt, denn in einer komplexen Welt ist es gefährlich, sich die Dinge zu einfach zu machen. Zur Weisheit gehört es darum, etwas von den Netzen zu erkennen, mit dem die Dinge der Welt verbunden sind. Und laufen nicht alle Fäden im Schöpfer zusammen? Aber Er ist nicht einfach der Große, Starke, Übermächtige:

„Die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Dieser Satz aus unserem Predigttext besagt nicht einfach die Überordnung Gottes, dessen schwächste Unterseite immer noch himmelhoch unseren babylonischen Türmen überlegen ist. Es ist tatsächlich Schwachheit, mit der Gott die Welt überwindet. Es war doch vom Kreuz die Rede! Gottes Gnade bringt Gerechtigkeit hervor. Erbarmen ist Seine Größe. Als sie Christus schlugen und verspotteten, erwies der König der Könige seine wahre Majestät. So baut Gott sein Reich, das ist die Kopernikanische Wende des Glaubens.

Sie wissen von der Kopernikanischen Wende: Bis zu Kopernikus dachte man, die Sonne drehe sich um die Erde. Dann begriff man, es ist umgekehrt: Die Erde dreht sich um die Sonne. Die Kirche wollte das nicht wahrhaben. Im Josuabuch hieß es doch, Gott hätte die Sonne einmal angehalten, also müsse sie sich doch sonst bewegen! Aber wenn wir uns um die Sonne drehten, dann wären wir nicht mehr Mittelpunkt der Schöpfung! Das erschien der Kirche eine freche Ketzerei zu sein.

Nun wissen wir, auch die Sonne bewegt sich, die Kirche hatte in dem Punkt also recht. Aber auch Kopernikus hatte recht: Wir sind nicht der ruhende Pol in der Mitte des Kosmos. Wir sind eher wie ein flüchtiges Staubkorn im unendlichen Weltall.

Die kopernikanische Wende unseres Glaubens ist aber die: Am Rand zeigt sich Größe. An den Sündern erweist Gott seine Macht. Es ist ja auch schwerer, Sünden zu vergeben, als einem Lahmen zu sagen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Versöhnung ist bedeutender als militärische Siege. Kinder Gottes sind die Friedensstifter, nicht die Karrieristen und Sonnenkinder in Luxusvillen und mit großem öffentlichen Einfluss.

Liebe Gemeinde, es ist nicht schlimm, wenn man heutzutage unseren Glauben für Torheit hält. Schlimm ist, wenn Leute sagen: „Ja, ja, der Glaube, das ist eine Weisheit unter anderen. Wir geben darum die Worte der Propheten und der Bergpredigt in der Buchreihe `Weisheiten der Völker` heraus.“ „Ja, ja, geh mal zum Konfirmandenunterricht, das muss man halt wissen.“ Bedenklich ist es, wenn man denkt: „Wir brauchen Religion als Wertebegründung einer bestehenden Ordnung,“ und damit die lebendige göttliche Quelle heilsamer Unruhe mit dem Zementfußboden eines Regierungsgebäudes verwechselt. Gefährlich ist es, wenn man die Bibel als esoterisches Werk liest, und mit ihr vor allem religiöse Gefühle bedienen will. Fürchten sollten wir, wenn man Halleluja singt und sich einen Fan von Jesus nennt, aber nicht mehr spürt, wie dieser Jesus mich und meine Zeit fortlaufend mit neuen Fragen drängt, provoziert und meine Weisheiten in Zweifel zieht.

Ja, der gekreuzigte Christus ist eine Provokation erster Güte, liebe Gemeinde. Er ist eine Herausforderung, die mich aus den Mustern herausreißt, in denen ich mich bequem eingerichtet habe. Er stellt mich selbst infrage.

Nicht nur Griechen ist das Christentum eine Torheit gewesen, sondern auch den Christen geschah und geschieht es, dass wir die Weisheit Gottes nicht wahrnehmen. Wir haben sie verdeckt mit unseren eigenen Weisheiten. Mit Gottes Wort im Kopf und Herzen aber haben wir erhebliche, unbequeme und schwerwiegende Fragen an unsere Zeit zu stellen. Gott stellt sie uns und unserer Zeit. Er wendet beständig die Perspektiven, so wie sich auch im All beständig die Konstellationen ändern. Gottes Friede ist höher als unsere Vernunft. Er bürstet uns gegen den Strich. Gott gibt sich nicht mit unseren Kompromissen zufrieden. Oberflächliche Versöhnungen lässt Er nicht gelten. Alle Übersetzungen seiner Gebote in Gesetze und Moralregeln zweifelt Er an, sie genügen Ihm nicht. Das ist es, was uns uns die Bergpredigt lehrt, wenn es da heißt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“

Glaube? Das ist der Widerstreit von göttlicher und menschlicher Weisheit. Und Gottes Weisheit ist eine unerschöpfliche Quelle der Erneuerung. Wieder und wieder korrigiert Gott unsere Versuche, allein und ohne Ihn weise sein zu wollen. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Himmel, und dennoch wird erst Gott das Himmlische Jerusalem auf den Ort, der einst die Erde war, herabsenken müssen. Doch dann wird Er alle Tränen abwischen und Schmerz und Leid wird nicht mehr sein. Denn das ist Erlösung nach Gottes Art: Trost. Heilung. Erfüllung. 

Amen.