Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 1,18–25

Dr. Sabine Heumann, Lektorin (ev.-luth.)

26.06.2016 Kapelle Lichtenhorst, Kirchenkreis Nienburg/Weser

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt: Jesus Christus. Amen.

 

(lebhaft)

Anna ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen.

Erst im letzten Jahr ist sie in die nächstgelegene Großstadt gezogen.

Sie macht jetzt eine Ausbildung bei einer großen Versicherung.

Vielleicht - wenn sie einen guten Abschluss macht – kann sie hinterher auch noch studieren.

Ihre Eltern möchten ihr dies gern ermöglichen.

Anna war schon immer ein kluges Mädchen, sie hat meistens gute Noten.

Sie ist fleißig, aber eben einfach auch sehr ‚pfiffig‘ wie ihre Freunde sagen.

‚Es läuft‘ einfach gut bei ihr – auch in der Ausbildung.

 

Schnell hat sie dort einen netten jungen Mann kennengelernt: Thomas.

Thomas ist schon mit der Ausbildung fertig.

Auch er ist ein kluger Kerl, möchte vorankommen.

Gerade sind die beiden dabei zu planen, nach ihrem Abschluss zusammen in eine andere Stadt zu ziehen und dort gemeinsam zu studieren.

Es ist kurz vor Ostern und Anna will über Ostern wieder ihre Eltern und ihren Opa besuchen.

Am liebsten würde sie Thomas ja mitnehmen, damit er ihre Familie mal kennenlernt und ihr Dorf, ihre Heimat, eben all das, was ihr viel bedeutet.

 

Thomas ist nicht abgeneigt – zunächst!

Dann erstarrt er innerlich als er mitbekommt, dass die ganze Familie Ostern immer zusammen in die Kirche geht!

Und nicht nur zu einem normalen Gottesdienst, sondern schon früh morgens um 5 Uhr, mit anschließendem Frühstück im Gemeindehaus.

Ihm ist gar nicht wohl zumute: „Soll das etwa heißen, dass ihr so richtig gläubig seid? Das wusste ich ja gar nicht! Du hast mir das doch nicht absichtlich verschwiegen?“

 

Anna wiegelt ab: „Nein, beruhige dich! Es hat sich nur - bislang - einfach nie ergeben. Was hast du denn plötzlich?“

 

Doch Thomas ist völlig verwirrt: „Ich verstehe das nicht. Glaubst du selbst denn auch an Gott und Jesus?“

Er wird jetzt fast spöttisch: „Nein, das willst du mir doch wohl nicht weiß machen, dass du an all das glaubst?

à Gott wohnt im Himmel.

Jesus musste für unsere Sünden am Kreuz sterben und ist wieder auferstanden.

Und auch wir werden alle nach dem Tod weiterleben???

Oh nein – das kann doch nicht wahr sein!“

 

Jetzt zuckt Anna innerlich zusammen und kommt nicht dazu, ihm zu antworten,

denn Thomas redet weiter:

„Also ich glaube nur an das, was ich selbst sehe. Und ich bin bislang am besten damit gefahren, dass ich mich vor allem auf mich selbst verlasse.

Anna, ich bitte dich: An Gott glaubt doch heute niemand mehr in unserem Alter!

Und ich dachte, auch du wärst eine kluge, gebildete Frau!?“

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(nüchterne Stimme)

Atheisten gibt es mittlerweile viele in Deutschland, wie überall auf der Welt.

Im engeren Sinne bedeutet dieses Wort, dass jemand ohne Gott - oder Götter – lebt und auch nicht an eine ‚höhere Macht‘ oder etwas Ähnliches glaubt.

 

Thomas ist also keine Ausnahme, etwa ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen lebt ohne Gott, Tendenz - leider - stark steigend.

Aber sogar auch jedes 5. evangelische Kirchenmitglied hat in einer Umfrage zugegeben, eigentlich nicht an Gott zu glauben.

Viele berufen sich auf den großen Denker Immanuel Kant, der vor über 200 Jahren feststellte, es gibt keinen - wissenschaftlichen - Beweis für die Existenz Gottes oder einer höheren Macht!

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(wieder lebhaft)

Anna ist sehr erschrocken über die Reaktion ihres Freundes!

Sie hatte nicht geahnt, dass er so heftig zu ihr sein könnte.

Und sie ist verwirrt, warum er so reagiert hat.

Außerdem – und das ist das Schlimmste – sie ist verletzt, ihr Herz tut ihr weh:

Wie kann er nur indirekt behaupten, es sei dumm an Gott zu glauben!?

Gleichzeitig klingen ihr jedoch seine drängenden Fragen weiter in den Ohren:

„Glaubst du an all das?

Gott wohnt im Himmel.

Jesus musste für unsere Sünden am Kreuz sterben und ist wieder auferstanden.

Und auch wir werden alle nach dem Tod weiterleben???“

 

Darüber hatte sie noch nie wirklich nachgedacht!

Sie war zwar konfirmiert worden, aber sie hatte sich noch nie die Mühe gemacht, ihren persönlichen Glauben einmal zu formulieren.

Also diese Fragen: „Was heißt das alles für mich selbst? Gott, Himmel, Kreuzigung, Auferstehung, ewiges Leben …?“

 

Anna beschließt, mit ihrem Opa darüber zu sprechen, wenn sie Ostern - doch allein - nach Hause fährt.

Opa wird sie nicht auslachen, sondern erstmal ruhig zuhören und Verständnis zeigen. Da ist sie sich sicher.

 

Und … so macht sie es dann diesmal auch.

Sie geht nach nebenan zu ihrem Opa, setzt sich - wie schon so oft - zu ihm auf‘s Sofa und erzählt ihm die ganze Geschichte.

Als sie fertig ist und ihm all ihren Kummer mitgeteilt hat, fragt sie ihn: „Du Opa, ich bin immer - wie selbstverständlich – mit euch in die Kirche gegangen und es hat mir dort auch meistens gut gefallen.

Aber ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, also selbst formuliert, was ich eigentlich - genau - glaube.

Einerseits komme ich mir jetzt schrecklich blöd vor, andererseits frage ich mich aber auch, ob man es nicht auch ‚dumm‘ nennen könnte, sich nur auf sich selbst zu verlassen und auf das, was man sehen kann.

Opa, sag mal: Was heißt hier eigentlich klug oder dumm?“

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Ich lese aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther

im 1. Kapitel, Verse 18 – 25:

 

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden;

uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.

Denn es steht geschrieben:

„Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“

Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten?

Wo sind die Weisen dieser Welt?

Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.

 

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;

denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

 

Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind,

und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

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(nüchterne Stimme)

Paulus schrieb dies in einem Brief an die junge christliche Gemeinde in Korinth, also nach Griechenland.

„Die Griechen fragen nach Weisheit“ schreibt er.

Die ‚alten Griechen‘ waren ja bekannt für ihr Streben nach Wissen, Bildung, nach Klugheit.

Viele wissenschaftliche Theorien wurden damals entwickelt.

Die Griechen waren auch bekannt für ihre Aufgeschlossenheit neuen Lehren gegenüber.

Allerdings führte dies auch dazu - und das war auch ein Grund für Paulus‘ Brief - dass sie gern  alles Mögliche ausprobierten.

Und manchmal waren sie auch ziemlich ein-gebildet.

In Korinth hatte dies so weit geführt, dass manch einer der jungen Christen meinte, Jesus und Gott nicht mehr zu brauchen.

Vielleicht mochten sie sich Gott nicht ganz anvertrauen, oder sie fanden es sogar - auch – ‚dumm‘, dass sich jemand (also Jesus) von Gott, seinem Vater, kreuzigen lässt – und dann noch für das Wohl anderer!?

(spöttisch) Außerdem meinten einige, durch Ekstase selbst neue und bessere Erkenntnisse zu erlangen.

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(lebhaft-sanft)

Annas Opa ist wie immer mitfühlend und verständnisvoll:

„Mein liebes Kind“, beginnt er, „es freut mich sehr, dass du dir schon jetzt diese Fragen stellst!

Weißt du - ‚klug‘ oder ‚dumm‘ - darum geht es doch hier gar nicht. Das passt nicht.

Deinen Thomas, den kenne ich zwar nicht, aber ich kann ihn gut verstehen.

Mir ging es früher selbst nicht anders: Ich wollte etwas erreichen und freute mich über meine Erfolge - mit dem Hof hier und im Gemeinderat.

Deine Oma, die hat es zuerst nicht leicht gehabt mit mir.

Aber sie hat es - irgendwie - mit der Zeit geschafft, mir zu zeigen, dass meine eigene Kraft nicht alles ist und ich dadurch nicht alles erreichen kann.

Sie hat mich wirklich ‚Demut‘ gelehrt - ein Wort, das ich als junger Mann nicht ausstehen konnte! Das kannst du mir glauben!

Demut vor der Macht Gottes.

Bzw. eigentlich ist Gott selbst für mich eher eine Macht oder Kraft, etwas Allmächtiges eben – kein alter Mann mit weißem Bart, der im Himmel sitzt ;-).

Das ist doch eher ein Kinderglauben, finde ich.“

 

Anna fragt weiter: „Das finde ich spannend, Opa!

Und wie ist das für dich mit dem Tod Jesu am Kreuz für unsere Sünden?

 

„Auch das verstehe ich heute anders als früher“, sagt er.

„Jesus wurde nämlich nicht sozusagen von Gott geopfert für unsere Schwächen und unseren Egoismus.

Nein, Jesus hat sich selbst geopfert – besser gesagt hingegeben, in sein Schicksal gefügt.

Ich meine, seine Lehre der unendlichen Liebe Gottes sie war den Priestern und Königen einfach zu revolutionär und wohl auch zu gefährlich für ihr eigenes Amt.

Jesus hat sich in diesen Auftrag, dieses menschliche Schicksal gefügt.

Und er hat allen folgenden Menschengenerationen durch seine Auferstehung gezeigt, dass auch sie selbst auferstehen werden zu einem ewigen Leben!

Und das trotz all dem Schlimmen, das wir im Laufe unseres Lebens so tun, sagen oder auch nur denken!

Ich finde, das ist wahre Größe und Stärke, echte Gotteskraft eben!“

 

„Aber … wie war das denn für dich bei Omas Tod?“, möchte Anna nun wissen.

 

„Deine Oma, die glaubte fest an ein ewiges Leben bei Gott.

Zuletzt da freute sie sich fast auf den Tod.

Sie starb selig - mit strahlenden, leuchtenden Augen.“

Opa zögert etwas: „Ich will dir heute eingestehen, mein Kind, dass ich selbst erst seit Omas Tod an unsere Auferstehung zum ewigen Leben glaube.

Denn deine Oma die spüre ich immer wieder noch um mich.

Sie ist geborgen in Gottes Allmacht, die uns immer umgibt.“

 

„Ja, ich spüre sie auch noch manchmal um mich“, sagt Anna nun.

„Danke für dein Verständnis und dein Vertrauen, Opa“.

(Gedankenpause, bis 5 zählen)

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(nachdenklich, langsam, Menschen anschauen)

Auch mir - Sabine - fällt es meist schwer, insbesondere zu Nichtchristen wie z.B. meinen Arbeitskollegen, offen von meinem eigenen Glauben an Gott und die Auferstehung zu sprechen.

Dahinter steckt wohl auch die Sorge, für dumm oder zumindest für extrem ‚merkwürdig‘ gehalten zu werden.

Und das, obwohl Glauben und Verkündigung mich richtig glücklich machen - deshalb stehe ich ja hier vor Ihnen!

 

Bitte denken Sie während des gleich folgenden Orgelstücks doch mal darüber nach, wie es Ihnen damit geht!

Also: Was finden Sie hier selbst dumm und was finden Sie klug?

Und was macht Sie am Glauben glücklich oder sogar selig?

Vielleicht mögen Sie auch einmal darüber nachsinnen, mit wem Sie schon einmal so gesprochen haben wie Anna und ihr Opa?

Oder: Mit wem würden Sie gern einmal darüber sprechen?

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Orgelmusik zur Besinnung (ca. 2 min.)