Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 13,13

Pfarrerin Silvia Johannes (ev.)

18.03.2016 Friedhofskapelle, Überlingen

Traueransprache

Hinweis: Bild von Klimt „Der Kuss“ lag den Predigthörern vor.

 

Liebe Frau Mustermann. Liebe Trauergemeinde.

Max Mustermann ist eingeschlafen. Und des Schlafes Bruder wurde der Tod. Sanft und behutsam kam er zu ihm. Kam, als kein Wille und keine Liebe mehr die Krise wenden konnte. Da ist seine Seele heimgekehrt zu Gott. Was bleibt? Das ist die eine Frage beim Tod eines geliebten Menschen. Und die andere Frage ist doppelt gestellt: Wer ist Gott und wohin kehren unsere Toten heim?

Am Ende unseres Trauergesprächs, liebe Frau Mustermann, stand mir ein Bild vor Augen, das viele von uns kennen, wenn auch nur in Ausschnitten. Es heißt: „Der Kuss“ und wurde von Gustav Klimt Anfang des vorigen Jahrhunderts gemalt. Darauf schmiegen sich ein Mann und eine Frau eng aneinander. Ihre golden schimmernden Gewänder scheinen wie eins. Die Frau hat die Augen geschlossen, ihre Hände fassen nichts. Sie kniet auf einem blühenden Grund und zugleich an einem Abgrund, der wie der Bildhintergrund in einem dunkleren, wie geschwärzten Goldton gemalt ist. Das Bild ist im Original quadratisch angelegt. Klimt wählte damit für sein Bild mit den vier gleichen Seiten ein Symbol der Ganzheit.  

1972, mit siebzehn Jahren haben Sie die Liebe Ihres Lebens, Max Mustermann, kennengelernt. Damals standen Sie auch an einer schicksalhaften Abbruchkante. Denn Ihr Vater war in diesem Jahr tragisch verunglückt. In der Trauer um ihn wurde Max für Sie der Mann auf dem Bild von Klimt. Er hielt Sie voll Liebe fest, als Sie den Vater loslassen mussten. Seine Liebe umfing Sie ganz. Vier Jahre später, 1976 heirateten Sie und Ihr Trauspruch steht im Hohen Lied der Liebe: Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 1. Kor. 13, 13

Dieses Bibelwort und Gottes Segen trugen Sie fortan als Ihr Ehegewand. Ihr ganzer Alltag war aus diesen drei Fäden gewirkt, die da heißen: Glaube, Liebe, Hoffnung. Und ihre Gewänder wurden in vierundvierzig Jahren so golden, wie bei den Liebenden auf dem Bild von Klimt „Der Kuss“. Durchwirkt mit grünen Fäden der Hoffnung, blauen Fäden des Glaubens und, zwischen all dem Gold, dem Rot der Liebe.

Was aber bleibt, wenn ein Mensch stirbt, wer ist Gott und wohin kehren die Toten heim? Das sind die Fragen Trauernder. Zur Frage: Wer ist Gott? Dazu möchte ich sagen: weil ich glaube, dass Gott die Liebe ist; Sie durften „Gott“ schon „anfassen“ und er nahm Sie in den Arm. In Max, Ihrem Mann, konnten Sie ganz irdisch Gott als Liebe erfahren. Diese erfahrene Liebe bleibt, weil Sie sich mit allen Fasern ihres Körpers daran erinnern können, als geschähe sie jetzt. Zugleich denken Sie: Max ist nicht mehr bei mir, er ist doch eingeschlafen, nicht mehr da. Ja und nein, sage ich. Mit unseren irdischen Augen gesehen stimmt das. Mit Klimt oder mit den Augen des Glaubens betrachtet, dürfen Sie weiter und tiefer schauen. Sehen Sie den goldenen Hintergrund, vor dem sich die Liebenden abheben. Dort hinein, in das tiefer oder dunkler schimmernde Gold des Hintergrundes, ist Ihr Mann nun ganz hinein verwandelt. Und ist Gold die archetypische Farbe für das Göttliche, dann umhüllt Sie Max mit dem goldenen Gewand nun gemeinsam mit Gott. Und so gesehen bleibt seine Liebe Ihnen ganz nahe. Es ist wie die Menschen in der Bibel es immer wieder erfahren haben, wenn sie fragen, wer und wo ist Gott? Gott ist ganz nah und ganz fern.

Und die Liebe hört nimmer auf. Auch das steht im Hohen Lied der Liebe. Sie ist nur so groß und strahlend geworden, dass sie sich aus Gnade ganz verdunkelt hat. Denn würden wir sie direkt und ganz anschauen, wir würden blind durch ihren Glanz. Und so hat Klimt, dies wohl wissend, die goldene Hintergrundfarbe für sein Bild „Der Kuss“ mit Schwarz, bei uns die Farbe der Trauer, abgedunkelt. Ihre Wirklichkeit, liebe Frau Mustermann, ist jetzt so, wie es einen Vers vor Ihrem Trauspruch im Hohen Lied der Liebe heißt: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ 1. Korinther 13,12

Vierundvierzig Jahre währte Ihr irdischer Liebeskuss, das einander Umfassen und Erkennen, wie bei dem Paar von Klimt. Denke ich dazu, dass die Vier, wie das Quadrat ein Ganzheitssymbol ist und Sie Ihre Beziehung vierundvierzig Jahre leben durften, dann betont die verdoppelte Vier in Ihrem Leben die Vollendung Ihrer irdischen Liebe.

Was bleibt ihnen noch als Trost der Liebe? Ihr Zuhause, das Sie mit Ihrem Mann gesucht und bewohnt haben. Der See, den er mit Segelboot und Freunden voll Genuss und Freude befuhr, liegt Ihnen, wann immer Sie wollen, vor Augen. Und vor allem aber Ihre Erinnerungen an Ihren Mann Max. Dieser blühende Garten an Schönheit und Liebe bleibt. Im Bild ist er der Grund auf dem das Paar steht. Der blüht in Ihren Erinnerungen weiter und bei allen Freunden und Bekannten, die Ihren Mann kannten und schätzten. Bei den Freunden können Sie das Echo seiner Liebe hören, wann immer Sie über Ihren Mann reden wollen. Zugleich ist der blühende Grund Ihrer Liebe in Ihrem Herzen schon angelegt. Das konnte ich wahrnehmen. Und auf die Frage, wohin kehren die Seelen der Entschlafenen heim, können wir getrost glauben: Sie leben im Herzen der Trauernden, weil sie Liebende sind. In Ihnen, Frau Mustermann, ist der neue Raum mit Max. Denn ich glaube, im Tod wird nicht nur der Sterbende verwandelt. Auch die Trauernden werden verwandelt.

Das Bild von Klimt „Der Kuss“ malt sich in der Trauer nun mehr und mehr in Ihren Seelengrund ein. Mit allen Blüten und Ranken auf dem goldenen und zugleich dunklen Grund Gottes bleiben Sie und Ihr Mann Max beisammen. Die Fäden Ihrer Gewänder waren gewirkt aus Glaube, Hoffnung und Liebe; und heißt es am Versende „aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Dann ist diese Liebe Gott gleich. Und wir alle kommen aus dieser Liebe und kehren zu dieser Liebe heim. Und diese Liebe geht mit Christus auch durch unseren Tod hindurch. Mit dieser Liebe stehen wir mit Christus wieder auf. Wann wissen wir nicht. Wir wissen aber: Karfreitag und Ostern trennen nur zwei Nächte. Am Ende der zweiten oder in der letzten Nacht des Todes beginnt bei Gott die Auferstehung. Dann werden die Liebenden wie Träumende sein … und sich umfangen zum ewigen Kuss des Lebens. Amen.