Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 15,1-11

Pfarrer Martin Braukmann (ev.)

27.03.2016 Egringen und Wintersweiler

Ostern 2016

Herr wir bitten dich um deinen Geist, dass du uns deine Krafft verleihst; dass wir das Alte neu verstehn und uns in deiner Nähe sehn.

Liebe Gemeinde am Ostermorgen, kennt ihr den Ostergruß der ersten Christen? Man rief ihn sich gegenseitig zu: Einer sagte: Der Herr ist auferstanden! Der andere antwortete: Er ist wahrhaftig auferstanden! Jetzt mal ehrlich und Hand aufs Herz: glaubt ihr an die Auferstehung? Und käme es bei euch im Brustton der Überzeugung wie aus der Pistole geschossen: Er ist wahrhaftig auferstanden! (kurze Pause)
Ich denke mal, da kommt doch bei vielen die Antwort eher zögerlich. Ja, schon irgendwie, aber so ganz krieg ich das noch nicht unter die Füße. Ich kann es mir auch irgendwie nicht vorstellen.
Diese fragende, vorsichtige Haltung möchte ich zunächst ernst nehmen. Die Osterbotschaft ist ja auch die ungeheuerlichste, die es gibt. Da kommen wir mit unserem Verstand nicht weiter. Alles, was wir sehen und erleben, spricht eine ganz andere Sprache. Mit dem Tod tritt ein Prozess in Gang, der zum Verfall all dessen führt, was vorher mit Leben erfüllt war. Innerhalb dieses Prozesses gibt es kein Zurück mehr, keine Umkehr, kein Aufhalten. Unsere Erfahrung lehrt uns genau dies. Anderes kennen wir nicht.
Aber wie ist das mit der Erfahrung? Noch vor drei Generationen hätte einen wohl jeder für verrückt erklärt, wenn man behauptet hätte, man würde auf dem Mond landen. Das hatte bis dahin noch niemand gemacht und ich denke, das lag außerhalb all dessen, was man sich vorstellen konnte. Und so ist das eben mit der Auferstehung auch. Das ist nicht zu begreifen. Das lässt sich nicht reproduzieren. In allen anderen Fällen ist das bisher anders gewesen. Wenn etwas auf dieser Welt gilt, dann doch wohl der Spruch: Tot ist tot.
Wenn wir heute am Ostermorgen  den Predigttext aus dem Korintherbrief hören, dann ist das wohl einer der ältesten Ostertexte der Bibel, denn die Evangelien wurden erst später geschrieben. Wir werden uns etwa 20 Jahre nach der Auferstehung Jesu befinden. Durch die Apostel ist die christliche Botschaft und die Nachricht von Ostern rund um das Mittelmeer verbreitet worden. Dankbar ist dies Evangelium aufgenommen und angenommen worden. Aber mit der Zeit schleichen sich Fragen ein und werden laut. So wohl auch in Korinth. Man hat den Glauben an die eigene Auferstehung von dem Gedanken einer leiblichen Auferstehung abgelöst. Dieses zukünftige Geschehen hat man in die Gegenwart geholt. Durch die Taufe fühlen sich die Christen in Korinth quasi jetzt schon mit dem Auferstandenen verbunden. Auferstehung ist ihrer Meinung nach nichts, was noch aussteht, sondern es hat sich bereits vollzogen. (In der Theologie redet man von präsentischer Eschatologie). Sie leben schon heute in der Freiheit des Auferstandenen und das lässt sie frei umgehen mit all dem, was das Leben zu bieten hat. Den Glauben an ein jenseitiges Leben nach dem Tod, an eine Auferstehung, haben sie im wahrsten Sinne vergegenwärtigt. Das ist der Momentan-Zustand. Aber ein Leben nach dem Tod?
Dazu möchte ich folgende kleine Geschichte erzählen nach Henry Nouwen: Gibt es ein Leben nach der Geburt?
Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.
"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling.
"Ja auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was draußen kommen wird." antwortet der andere Zwilling.
"Ich glaube, das ist Blödsinn!" sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"
"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."
"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von ‘nach der Geburt’. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen."
"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"
"Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"
"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt…."
Von der Frage: Gibt es ein Leben nach der Geburt, kommen wir wieder zur Ausgangsfrage zurück: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Paulus bekräftigt seine Gemeinde darin, dass sie doch bei der Lehre und dem Glauben bleiben soll, wie er es ihnen bezeugt hat. Für Paulus kann es auf den Ostergruß nur eine Antwort geben: Er ist wahrhaftig auferstanden!
Für ihn gibt es da keinerlei Spielraum. Nicht in der vergegenwärtigenden Vergeistigung einer Auferstehung liegt das Heil, sondern nur darin, dass Jesus leibhaftig auferstanden ist. Er ist der Garant dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt: für uns ein Leben nach dem Tod gibt.
Zur Stützung seiner Botschaft führt Paulus gewichtige Zeugen ins Feld. Bemerkenswert ist daran besonders, dass sie quasi alle für ihren Glauben und das Bezeugen der Auferstehung hingerichtet worden sind. Auch in ihrer Lebenswirklichkeit gab es ansonsten keinerlei erfahrbaren Beleg dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Sie haben Ostern und die Erscheinung des Auferstandenen auch nicht geträumt und sie sind auch keine Fata Morgana gewesen. Bei einem skeptischen Hinterfragen von Ostern kommt man auch nicht weiter mit der These, dass die Apostel sich nicht mit dem Ende der Geschichte Jesu hätten abfinden können und sie hätten die Geschichte Jesu einfach in die Auferstehung verlängert. All das greift zu kurz. Außer eben die Auferstehung Jesu und seine Erscheinung haben sich ereignet.
Der Glaube des Apostel Paulus macht sich also nicht an einer bestimmten Lehre oder Lehrmeinung fest, sondern an den Zeugenaussagen von Männern, die sogar mit ihrem Leben für ihr Bekenntnis eingestanden sind. Es geht nicht um eine bloße Überzeugung, sondern, so macht es Paulus deutlich, um ein faktisches Ereignis.
Dies ist insofern auch noch bemerkenswert, weil der Auferstandene ja der Gekreuzigte bleibt. Und als solcher ist er nach jüdischer Lehre verflucht. „Verflucht ist, wer am Holze hängt“ (vgl. 5. Mose 21). Aus der jüdischen Tradition herkommend gäbe es keinerlei Anreiz ausgerechnet den als Heiland, Retter und Erlöser zu proklamieren, den man zuvor ans Kreuz geschlagen hat. Das alles macht nur vor dem Hintergrund Sinn, dass der Oster- und Auferstehungsglaube sich tatsächlich auf die Augenzeugenberichte derer beruft, denen Jesus erschienen ist. Und wenn dann später in den Osterbreichten der Evangelien ausgerechnet auch noch Frauen als Zeugen angeführt werden, dann geht es nicht um Schummelberichte und Fantasien, denn damit hätte man sich ja selbst seiner Zeugen beraubt; weil das Zeugnis einer Frau keinerlei Beweiskraft hatte.
Kurzum: es bleibt dabei. Der Herr ist auferstanden! - Er ist wahrhaftig auferstanden!
Hören wir noch einmal Paulus: 1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
Wenn Ostern und der Auferstehungsglaube eine Relevanz und Heilsbedeutung für uns haben sollen, dann nur in der Gestalt, dass Jesus auferstanden ist und wir mit ihm auferstehen werden. Einen exemplarischen Ausdruck und Niederschlag hat dies in der Frage 1 des Heidelberger Katechismus gefunden, wo ausdrücklich die Auferstehung Jesu und unsere Auferstehung einer zugeordnet sind.
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.
Wie nun dieses neue Leben nach dem Tod aussehen wird, das wird in der Bibel nicht genau beschrieben. Wie auch? Auch Paulus redet „nur“ in Bildern und Vergleichen. Was wir wissen, ist auf jeden Fall, dass es nicht einfach eine Fortführung dessen ist, was ist. Nein, die Bibel rechnet mit etwas ganz Neuem, etwas Großartigem. Es wird all das übertreffen, was jetzt ist. Eines aber wird das Neue Sein, das neue, ewige Leben kennzeichnen: es ist ein Leben vor und mit Gott. Was am Anfang der Schöpfung bestand und dann zerbracht, wird Gott wieder herrichten: Gott wird unser Gott sein und wir seine Kinder. Und darauf freue ich mich.
Und eben deshalb bleibe ich dabei: Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen