Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 15,12-20

Pastor Dr. Dr. Günter Goldbach

31.03.2002 in der Hervormde Kerk in Cadzand/NL

Liebe Christinnen und liebe Christen!

Heute ist Ostern. Haben Sie die österliche Botschaft schon irgendwie in sich aufgenommen: Vorhin bei der Lesung des ehrwürdigen Evangeliums nach Markus? Beim Lesen einer theologischen Betrachtung in der Zeitung? Hat Sie die gute Nachricht schon irgendwie erreicht: "Der Herr lebt! Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Heute ist Ostern. Spüren Sie etwas von der Freude eines solchen Feiertages? Ist nicht alles heil und freundlich, voller Erwartung und Hoffnung? Steckt das nicht geradezu an, dieses Gefühl der Freude?! Menschenskinder, das Leben ist schön!

Heute ist Ostern. Ist es Ihnen aufgefallen, wie in jungem Grün und Braun das Leben neu ansetzt an den Bäumen und Sträuchern? Fällt es einem nicht direkt auf an einem solchen Tage, wie alles neu wird und wie alles sich belebt?! Und wir alle sind am Leben und atmen das neue Leben ein wie ein Lebenselexier. Ostern - heißt das nicht Leben?!

Heute ist Ostern. Am Karfreitag war ich auf der Fahrt hierher. Es war noch ganz in der Nähe der Stadt, in der ich lebe. Auf dem Weg zur Autobahn. Vor einer Ortsdurchfahrt plötzlich eine Autoschlange. Da kein Hindernis zu sehen ist, steige ich aus und gehe an den Wagen entlang. Bald treffe ich auf eine kleine Gruppe von Menschen. Merkwürdig: Niemand spricht ein lautes Wort. Ich höre kein Diskutieren. Als ich näherkomme, öffnet ein Mann den Kreis und sieht mich wortlos an. Inmitten der Menschengruppe liegt ein Mann. Seine Beine sind fürchterlich verrenkt. Er blutet aus dem Mund. Keiner wagt es, ihn anzufassen aus
Furcht, alles noch schlimmer zu machen. Es ist ein alter Mann, der da auf dem Bauch liegt. Regungslos. Tot.

Eine Frau sagt: Die junge Frau da ist schuld! Beim Überholen hat sie ihn mit seinem Fahrrad auf der Gegenfahrbahn erfasst. Ich sah es zufällig von meinem Fenster aus.
Erst jetzt sehe ich sie: Eine junge Frau sitzt an der Böschung am Straßenrand. Sie schluchzt fassungslos, das Gesicht in den Händen verborgen. Daneben ein Auto mit zertrümmerter Windschutzscheibe. Die Motorhaube leicht eingedrückt, nicht allzusehr. Auf dem Lack Blutspuren.
Polizei und Krankenwagen treffen jetzt gleichzeitig ein. Die Sanitäter laufen auf den am Boden Liegenden zu. Ein Polizist kommt heran. Zwei andere gehen an den Autos entlang, um den Verkehr wieder in Gang zu bringen. Die zuerst Gekommenen bleiben noch stehen.

Mein Gott, denke ich, was für ein Tod für diesen gerade noch Lebenden! Mein Gott, wer wälzt den Stein von der Seele dieser jungen Frau, die daran schuld ist?! Mein Gott, wer bringt es uns allen bei, sorgsamer mit unserem eigenen und mit dem Leben der anderen umzugehen?! Wo ist der Anwalt und Protektor unseres Lebens?"
Heute ist Ostern. Was heißt eigentlich Ostern?!

"Der Tod", schreibt der marxistische Theoretiker Herbert Marcuse, "der Tod ist das Wahrzeichen der Niederlage des Menschen." Der Tod, so sagten es die korinthischen Gnostiker, ist der Augenblick der Befreiung der Lichtfunken aus der Gefangenschaft der zum Untergang bestimmten Materie. Andere sagen es noch anders. Aber das Ergebnis dieser Reflexionen ist allemal gleich. Es lautet: anastasis ton nekron ouk estin - eine Auferstehung der Toten gibt es nicht. Für den einzelnen Menschen, der hier sein individuelles, unverwechselbares Leben lebt, ist der Tod das Ende. Für uns alle ist mit dem Tode alles aus.

Ist das nicht in der Tat eine realistische Erfahrungsweisheit? Sind das nicht die Mutigen, die so den Fakten nüchtern ins Auge sehen?!

Marie Luise Kaschnitz schreibt in einem sehr schönen, sehr menschlichen Gedicht: "Die Mutigen wissen/ Daß sie nicht auferstehen/ Am Jüngsten Morgen/ Daß sie nichts mehr erinnern/ Niemandem wiederbegegnen/ Daß nichts ihrer wartet/ Keine Seligkeit/ Keine Folter/ Ich/ Bin nicht mutig."

Auch Christen, so scheint mir, sind nicht mutig, wenn es darum geht, sich abzufinden mit der Macht des Faktischen. Aber sie sind mutig in einer ganz anderen Weise: Wenn sie eine wahnwitzige Hoffnung haben gegen den Tod. Wenn sie Kräfte des Widerstandes mobilisieren gegen die tödliche Verzweiflung. Wenn sie daran zu leiden beginnen, dass es so viel sinnloses Sterben gibt auf unserer Erde. Christen sind Protestanten gegen den Tod. Sie sind Widerstandskämpfer gegen todbringende Verhältnisse. Sie sind Fanatiker der Leidenschaft für das Leben.

Ist das die Möglichkeit? Gibt es einen Grund für solche Verhaltensweisen und Überzeugungen? Leben für das Leben? Leben gegen den Tod? Schließlich und vor allem: Leben aus dem Tod?
Greift eine solche Hoffnung über den Tod hinaus nicht ins Leere? Welche Erfahrungen sprechen dafür? Und: Lässt sich diese Hoffnung erlernen, wie man andere Fähigkeiten lernt, die zum Leben notwendig sind? Und wenn: Was bewirkt eine solche Hoffnung? Wie weit reicht sie? Wie weit trägt sie?

Über solche Fragen denkt Paulus nach. Er will deutlich machen: Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist nicht dies oder das am christlichen Glauben, ein Detail wie andere auch. Dieser Glaubensartikel ist das Zentrum. Damit steht und fällt der christliche Glaube. Auferstehung der Toten, Leben aus dem Tod - das ist das, worauf alles ankommt. Eben das gibt uns die Kraft zum Widerstand gegen den Tod, wo immer und in weilcher Gestalt wir ihn antreffen - trotz des Sterbenmüssens.
Paulus redet hart. Er argumentiert alternativ, mit prinzipieller Schärfe. Er sagt: Wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist Christus auch nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer ganzer Glaube unsinnig. Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann sind auch alle verloren, die im Glauben an ihn gestorben sind. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten!

Damit hat er einen Anfang gemacht, der für alle Toten gilt. Und weil wir nicht allein in diesem Leben auf Christus hoffen, können wir hoffnungsvolle und lebensbejahende Menschen sein.

Meine Schwestern und Brüder,
das sind große Worte. Paulus war ein großer Christ. Wir sind gewiß alle nur ganz kleine Christen. Wir sind wohl alle nur fähig, ganz bescheiden anzufangen; erste Schritte zu versuchen mit der Hoffnung. Doch eben dazu sollten wir uns gegenseitig Mut machen. Dann sehen wir weiter. Vielleicht sogar über den Horizont - wer weiß? Wir sollten uns gegenseitig Geschichten vom Widerspruch gegen den Tod erzählen. Dann verstehen wir besser. Vielleicht sogar Ostern, wer weiß?

Heute ist Ostern. Heute vor zwei Tagen liegt ein Mann auf der Straße, seltsam verkrümmt. Andere stehen um ihn herum - betroffen und ratlos. Und einer, der schuld ist an diesem Tod - voller Verzweiflung. Und einige, für die der Umgang mit dem plötzlichen Tod zur Routine. gehört.

Da kommt noch einer hinzu, steigt vom Fahrrad. "Das ist Wilhelm Deters", sagt er, "der wohnt hier bei uns, An der alten Mühle 7". Der Polizist notiert es. "Er ist Kirchenvorsteher wie ich", sagt der Neuankömmling. "Vorhin haben wir nebeneinander gesessen beim Gottesdienst." Der Polizist sieht ihn an. "Er erlebt nun, was er geglaubt hat", sagt der Mann. Und, wahrhaftig, er zieht ein Neues Testament aus der Tasche, schlägt es auf, findet ein paar unterstrichene Verse und beginnt zu lesen. Die Sanitäter haben die Bahre schon halb im Wagen, halten ein, sehen sich an, hören zu. "Ich erinnere euch an das Evangelium", liest der Mann, "das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch steht, durch das ihr auch gerettet werdet: daß Christus gestorben ist, und daß er begraben ist, und daß er auferstanden ist am dritten Tage... Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus" (1.Kor. 15, 1 - 4.55f).

Heute ist Ostern. Die Frau, die von ihrem Fenster aus alles gesehen haftte, geht hinüber zu der anderen, die es immer noch nicht fassen kann, was geschehen ist. Sie legt den Arm um die Weinende, streicht ihr übers Haar. Tröstet sie ohne viele Worte. Nimmt sie schließlich mit in ihr Haus.

Heute ist Ostern. "Wir müssen uns ändern", sagt einer, der kopfschüttelnd zu seinem Wagen zurückgeht. "Es kann nicht so weitergehen", fügt ein anderer hinzu. - Nun ja, werden Sie denken, das sagt man so - unter dem Eindruck des Schocks. Gewiss mögen Sie Recht haben. Aber was war Ostern anderes als eine Schocktherapie des Lebens für diejenigen, die an den Tod glaubten?!

Heute ist Ostern. Liebe Christinnen und Christen, immer ist Ostern, wenn Menschen Sensibilität gewinnen für das Recht des Lebens und den Widerspruch gegen den Tod.
Immer ist Ostern, wenn Menschen einander helfen, aus tödlicher Verzweiflung herauszukommen, den Lebensmut zu behalten - und sei es durch kleine Gesten der Zärtlichkeit.
Immer ist Ostern, wenn der Sieg des Lebens proklamiert wird angesichts des Todes - im Namen des Auferstandenen.

Amen