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Predigt über 1. Korinther 15,12-28

Vikarin Nina Ciesielski

05.04.2015 Ev.-luth. Münsterkirche zu Herford

„Das Gesamtpaket muss stimmen!“ – Mit diesem Satz werden Menschen manchmal beschrieben. Wird er in einer Musik-Castingshow gesagt, dann beschreibt er, dass der Kandidat oder die Kandidatin gut aussehen soll, gut tanzen soll, gut singen soll – nur wenn alle Anforderungen erfüllt sind, kommen sie eine Runde weiter.

In anderen Zusammenhängen beschreiben Leute mit diesem Satz den Mann oder die Frau ihrer Träume: die sollen einfühlsam sein und sexy, humorvoll, klug und ehrlich. Nur wenn alle Anforderungen erfüllt sind, werden sie als möglicher Partner in Betracht gezogen.

Auch für Paulus ist das Gesamtpaket ausschlaggebend. Ihm ist wichtig, dass die Menschen in Korinth den Zusammenhang begreifen zwischen mehreren Dingen. Deshalb kreist Paulus immer wieder darum:

Wenn aber von Christus verkündigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie können dann einige unter euch sagen: „Es gibt keine Auferstehung der Toten“? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist unsre Verkündigung vergeblich, dann ist auch euer Glaube vergeblich.

und kurz darauf noch einmal:

Denn wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist Christus auch nicht auferstanden.

Paulus kreist um diesen Zusammenhang, immer wieder:

Auferstehung Jesu – Auferstehung der Toten.

In diesen Zusammenhang spielt noch viel mehr hinein: Es fallen die Begriffe „Sünden“, „Glaube“, „Verkündigung“.

Aber der Reihe nach.

Paulus ist zu Ohren gekommen, dass einige Menschen in der Gemeinde von Korinth sagen „Es gibt keine Auferstehung der Toten.“ Dabei muss es sich um Mitglieder der christlichen Gemeinde handeln, denn Paulus schreibt „einige unter euch“: einige unter euch sagen: „Es gibt keine Auferstehung der Toten“.

Vielleicht sagen sie ja auch Dinge wie „Jesus hatte ja in vielen Dingen Recht, mit dem was er gelehrt hat. Nächstenliebe ist ja ne gute Sache. Und sozialkritisch war er auch, hat die Maßlosen in ihre Schranken gewiesen. Und er hat auch noch Kranke geheilt. Der muss echt einiges auf dem Kasten gehabt haben.“

Das ist uns nicht überliefert. Auf jeden Fall sagen sie „Es gibt keine Auferstehung der Toten“.

 

Diese Aussage wühlt Paulus auf. Er scheint nicht zu begreifen, wie die Menschen, die sich doch eigentlich zu Christus und der Verkündigung seiner Auferstehung bekennen, so etwas sagen können.

Hat er sich nicht klar genug ausgedrückt? Deshalb betont er es jetzt doppelt und dreifach; er will ein für alle Mal klarstellen: Jesus Christus ist von den Toten auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – und genauso werden auch wir von den Toten auferstehen.

 

Jesus war Sozialkritiker, er hat die Reichen und Mächtigen in ihre Schranken gewiesen. Jesus war Heiler. Jesus war ein Lehrer, ein Rabbi, der vom Reich Gottes sprach.

Aber Jesus war noch mehr:

Jesus war auch ein Sozialkritiker, auch ein Heiler, auch ein Lehrer, ein Rabbi. Doch davon gab es mehrere.

Jesus war zu seiner Zeit ja nicht der einzige, der die Hoffnung auf den Messias neu entfachte.

Und freilich hat er Dinge getan und gesagt, mit denen er angeeckt ist. Dafür wurde er hingerichtet.

 

Darüber sind sich die Menschen in Korinth sicherlich einig. An Jesus glauben sie alle. Aber woran genau?

Paulus schreibt ihnen: Ist Christus aber nicht auferstanden, dann ist euer Glaube nichtig, dann seid ihr noch in euren Sünden.

An einer früheren Stelle des Briefes hatte er schon dargelegt, dass Jesu Tod die Vergebung unserer Sünden bewirkt. Jetzt macht er wiederum den Zusammenhang zwischen dem Kreuzestod und der Auferstehung ganz stark: Der Kreuzestod ist nur wirksam, die Sünden sind nur dann vergeben, wenn Jesus auch auferstanden ist, so schreibt er.

 

Und er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Bei Jesus stimmt das Gesamtpaket:

Er hat für sein Wirken auf der Erde göttliche Vollmacht. Darum kann er Kranke heilen, darum kann er zu ihnen sagen: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Darum kann er mit Gewissheit und Überzeugungskraft vom Reich Gottes reden – denn er weiß, wovon er spricht.

Doch damit ist es nicht getan. Gott erweckt Jesus von den Toten auf.

 

In dieser Auferweckung Jesu bekennt sich Gott zu seinem Sohn. In der Auferweckung zeigt er, dass Jesu Wirken vor seinem Tod bereits göttlich war, dass es wahr ist, was er vom Reich Gottes erzählt hat.

Die Auferweckung Jesu übersteigt die kühnsten Träume der Menschen – übersteigt die Albträume derer, die dazu beigetragen haben, ihn zu töten, und übersteigt die Wunschträume derer, die sein Tod doch so schrecklich schmerzt.

Jesus, der Heiler und Lehrer, wird von den Toten wieder auferweckt – welch ein Gesamtpaket!

Doch damit ist es nicht getan. Jesus ist noch mehr.

Im Johannesevangelium sagt Jesus: ich lebe und ihr sollt auch leben. Und genau so schreibt auch Paulus an die Gemeinde in Korinth: Jesus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden. Jesus ist lebendig.

Und so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

 

Jesus gibt es nur im Gesamtpaket.

Wenn wir glauben, dass er gelehrt und gewirkt hat, wenn wir glauben, dass er gestorben ist – für unsere Sünden gestorben ist! – dann, das spricht Paulus uns zu, dann glauben wir doch auch, dass er auferstanden ist. Und wenn wir das glauben, dann glauben wir doch auch an die Auferstehung der Toten, dann hoffen wir doch darauf, nach unserem Tod selbst einmal von Gott auferweckt zu werden.

 

All diese Aspekte christlichen Glaubens hängen zusammen. Jesu Auferstehung hat für Christinnen und Christen, hat für uns heute eine Bedeutung.

Paulus schreibt:

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

Jesus gibt es nur im Gesamtpaket. Man kann Jesus als Vorbild nehmen, sicherlich, wenn es um Nächsten- und Feindesliebe geht.

Man kann auf einen Gott hoffen, sicherlich, der bewirkt, dass eine Prüfung oder eine Operation gut verläuft, dass eine schwere Zeit schnell vorüber geht oder den Menschen, die ich lieb habe, nichts Schlimmes zustößt.

Ich glaube, dass Jesus ein Vorbild sein kann, ja.

Ich glaube, dass Gott uns beschützt und trägt und hilft, ja.

Doch damit ist es nicht getan.

Gott ist noch mehr.

Ein Glaube, der sich daran erschöpft, trägt nicht in allen Zeiten.

In Zeiten nämlich, wenn man nicht nur durch die schwierige Prüfung durchfällt, sondern auch durch die, die man für leichter hielt.

In Zeiten nämlich, wenn die Operation nicht nur anders verläuft als erhofft, sondern noch Schlimmeres zu Tage fördert als zuvor schon bekannt war.

In Zeiten nämlich, wenn Dinge geschehen, die wir nicht begreifen können: Wenn Flugzeuge abstürzen, wenn Brandanschläge verübt werden, wenn Bomben explodieren, wenn Kriege und Gewalt einfach nicht enden wollen.

In Zeiten nämlich, wenn es den geliebten Menschen nicht nur schlechter geht, als man es ihnen wünscht, sondern sie etwas Schreckliches erleiden müssen.

In solchen Zeiten trägt ein Glaube nur schwer, der sich allein auf dieses Leben richtet.

 

Aber in Jesus gibt es das Gesamtpaket.

Er ist nicht nur der Heiler, nicht nur der Sozialkritiker, nicht nur das Vorbild. Er ist mehr.

Er bleibt nicht im Leiden und nicht im Tod. Er bleibt nicht der tragische Held, für den man ihn an Karfreitag noch halten könnte. Er wird von Gott auferweckt. Wir haben gesungen, wie wir es wohl zu jedem Osterfest singen: Christ ist erstanden von der Marter alle. Des soll’n wir alle froh sein: Christ will unser Trost sein.

Wir sollen froh sein, wir können froh sein über das, was da geschehen ist.

Nicht nur, weil es der Geschichte Jesu ein Happy End gibt, sondern weil es uns betrifft, als Gesamtpaket: Wir hoffen auf die Auferstehung der Toten, wir hoffen doch, nach unserem eigenen Tod nicht in diesem Tod zu bleiben, sondern, dass Gott uns zu sich holen wird.

Christus ist nur der Erstling der Auferstehung, er zeigt uns die Zielrichtung unserer Hoffnung – für uns und die Menschen, die wir lieben. Nämlich, dass wir bei Gott sein werden, wo an den Tod kein Gedanke mehr verschwendet wird.

 

Jetzt sind wir in diesem Leben, ja. In diesem Leben, in dem der Tod allgegenwärtig scheint in Nachrichten und Todesanzeigen, aber auch in der Familie und im Freundeskreis – und auch im eigenen Leben.

Die Gegenwart des Todes macht uns handlungsunfähig, lähmt und verängstigt uns. Dass der Tod Macht in der Welt hat, ist nicht zu leugnen. Dass er Einfluss auf unser Leben hat, ist Realität.

 

Heute aber, am Ostertag singen wir: Christ ist erstanden! Des soll’n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.

Und Paulus verknüpft den Ostertag ganz klar mit den Menschen in Korinth, ganz klar mit uns: Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind und in Christus werden alle lebendig gemacht werden.

 

Durch die Auferstehung Jesu ist der Tod zwar noch immer gegenwärtig, er ist noch lange keine Kleinigkeit, genau so wenig wie Jesu Sterben und Tod eine Kleinigkeit gewesen ist. Trennung und Schmerz, Trauer und Schuld – das alles bleibt wirklich. Und der Tod ist und bleibt schrecklich. Er stellt womöglich alles in Frage, was ein Menschenleben ausgemacht hat.

 

Aber an Ostern wird klar: Gott bekennt sich zu dem, was Jesus gelehrt und getan hat. Er erweckt ihn von den Toten auf.

Damit wird klar: Was Jesus vom Reich Gottes erzählt hat, ist wahr.

Dass Gott ihn auferweckt hat, ist wahr.

Damit wird klar: Dass er uns auferwecken wird, ist wahr.

Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Des soll’n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Halleluja!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.