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Predigt über 1. Korinther 15,12–20

Predigt über 1Kor 15,12–20

Pfarrer Michael Glöckner (ev.)

28.03.2016 Jakobuskirche in Fambach

Rundfunkgottesdienst

I.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
im Tale grünet Hoffnungsglück,
der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in raue Berge zurück.“
Goethes Osterspaziergang. In der Schule habe ich ihn einmal auswendig gelernt. Seitdem sind mir seine Worte vertraut und lieb geworden. Kein Osterfest ohne dieses wunderbare Gedicht auf den Lippen! Mir spricht Faust geradewegs aus dem Herzen! Gewiss, in den letzten Monaten hielt das Wetter so manche Überraschung bereit. Einen „richtigen“ Winter haben viele vermisst und ein paar mehr Sonnenstrahlen würden guttun. Doch der Frühling ist nicht mehr zu übersehen. Auf den Wiesen und in den Gärten blüht es. Vögel begrüßen jeden anbrechenden Morgen mit einem freudigen Konzert. Die Natur ist wieder zu neuem Leben erwacht. Vor den Cafés werden Tische aufgebaut und in den Dörfern liebevoll die Brunnen geschmückt. Nach grauen Herbsttagen und langen Winternächten nimmt das Leben an Fahrt auf. Ich mag den Frühling. Führt er doch vor Augen, wie schön unsere Natur und wie reich unser Leben in all seinen Facetten ist. Wie leicht geht mir über die Lippen, was auch Dr. Faustus empfindet:
„Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.“
Den beiden Männern, deren Geschichte wir eben gehört haben, war ganz anders zumute. Jedenfalls am Anfang nach dem schrecklichen Ende. Die Kreuzigung von Jesus hatte sie in tiefe Zweifel gestürzt; all das Schreckliche der letzten Tage ihnen den Boden unter den Füßen entzogen.
Dem Leben konnten sie nicht mehr trauen. Mit einer schweren Last waren sie losgegangen, weg von dem Ort, an dem man alle Hoffnung verliert. Kein Sonnenstrahl und kein Vogelgezwitscher wären in der Lage gewesen, ihre tiefe Traurigkeit von ihnen zu nehmen. Irgendwo zwischen Jerusalem und Emmaus ist Jesus zu ihnen gestoßen. Sie waren aber so traurig, so bekümmert – den Kopf tief gesenkt und das Herz verschlossen -, dass sie Jesus gar nicht erkannten. Zuerst jedenfalls nicht. Ich habe das manchmal auch erlebt: In der größten Traurigkeit ist man so mit sich selbst und seinen Sorgen beschäftigt, dass man gar nicht merkt, wo Hilfe da ist, welche Perspektive sich einladend aufbaut, manchmal auf ganz verborgene Weise. Wenn es dabei geblieben wäre: Bei dem gesenkten Kopf und dem verschlossenen Herz? Wenn das alles keinen Grund hätte – das mit der Osterfreude, dem Aufbruch in diesen Tagen, dem neuen Leben? Was, wenn ich dem Leben tatsächlich nicht mehr trauen kann? Diese Sorge bedrängt viele Menschen, auch Christinnen und Christen. Sie ist nicht neu. Es ist keine Frage, die erst in unseren Tagen formuliert wurde. Seit es Menschen gibt, ist sie da, die Frage, was es mit dem Leben in seiner Tiefe auf sich hat, ob dem Leben zu trauen ist, was einmal sein wird, wenn meine Zeit hier abgelaufen ist, und was das für mein Leben bedeutet. Weil von ihr so viel abhängt, hat kein Geringerer als Paulus, der Apostel, dazu Stellung bezogen. In der Hafenstadt Korinth, einer Gemeinde in Griechenland, die er selbst einmal gegründet hatte, waren einige, die sagten: Es gibt keine Auferstehung der Toten. Hören wir, was er ihnen entgegenhält.
VERLESEN DES PREDIGTTEXTES (VV 12¬–19)
12Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 14Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. 19Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
II.
„Es gibt keine Auferstehung der Toten.“ Manche sagen das.  Andere leben so. Viele Menschen leben, als gäbe es keine Auferstehung der Toten. Gefangen in unentrinnbarem „Sein zum Tode“ können sie dem Leben nicht trauen. Vielleicht weil manches dagegenspricht. Weil sie so vieles erlebt haben, erleben mussten. Wie die beiden Jünger, neben denen Jesus hergelaufen ist, ohne dass sie es bemerkt hätten, bleibt der Kopf tief gesenkt und das Herz verschlossen.
Gewiss: Viele der Menschen, die sagen „Es gibt keine Auferstehung der Toten.“, glauben daran, dass Jesus gelebt hat. Dass er ein besonderer Mensch war: Ein hilfreiches Vorbild, wenn es darum geht, im Miteinander der Menschen einen barmherzigen Umgang einzufordern. Zwischen Jungen und Alten. Zwischen Stadtteilbewohnern und Flüchtlingen. Oder eine alternative Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, in der alle auf ihre Kosten kommen, weil keiner auf Kosten eines anderen lebt. So jemanden könnte unsere Welt heute auch gut gebrauchen! An den vielen, vielen Orten, an denen sie im Argen liegt. An den vielen, vielen Plätzen, an denen sie auseinanderzubrechen droht. Würde so einer da sein und Gehör finden, viele Konflikte wären aus der Welt! Einer, der mutig dem IS-Terroristen den Sprengstoffgürtel abnimmt. Einer, dem es endlich gelingt, auch die schweren Krankheiten zu heilen. Dass keiner mehr vor der Zeit sterben muss. Einer, der jedem Menschen neuen Mut und viel Hoffnung schenkt. So einer ist Jesus gewesen, und so einer wäre auch heute hilfreich. Das alles müssen wir im Blick behalten, denn Ostern ist nicht nur ein religiöses, sondern genauso auch ein politisches Fest. Dass Jesus auferstanden ist, dass er mitten unter uns lebendig ist und uns auf unserem Weg durch das Leben begegnet– nicht nur zwischen Jerusalem und Emmaus – daran können viele nicht glauben. Paulus hält diesen Menschen und mit ihnen auch uns ziemlich deutlich entgegen: Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus tot geblieben. Unsere Predigt ist vergeblich. Keine schönen Gottesdienste mehr! Unser Glaube ist vergeblich, …Keine Gemeinde mehr, nicht in Fambach, nicht in kleinen Dörfern und großen Städten, nicht in Korinth, nirgendwo auf der ganzen Welt. Weiter: Wir sind noch immer in unseren Sünden. Alles, was uns von Gott, voneinander und von uns selber trennt, es bleibt, als eine schwere Last auf uns selbst liegen. Keiner kann es wegnehmen. Verloren sind insbesondere auch diejenigen, die bereits verstorben sind und wir, die wir noch leben, die „elendesten unter allen Menschen“. Was für eine traurige Perspektive! „Es gibt keine Auferstehung der Toten“. Für viele Menschen ist das genau das letzte Wort, die bittere Realität ihres Lebens. Von dieser Traurigkeit herkommend, bleibt in der Konsequenz gar nichts anderes übrig, als alles auf dieses eine, einmalige Leben zu setzen. Das Leben selbst optimieren. Etwas daraus machen. Genießen. Es spricht ja vieles dafür. Ob Schrittzähler oder Fernuniversität. Ob Ernährung oder Sprachreise. Doch sind wir in der Tat die „elendesten unter allen Menschen“, wenn das unsere einzige Perspektive ist. Denn die Erfahrung zeigt auch: Vieles liegt nicht in der eigenen Hand. Mit Selbstoptimierung kann man die Fülle des Lebens nicht erreichen. Irgendwann bei diesem Lauf, der dem in einem Hamsterrad gleicht, ist der Druck nicht mehr auszuhalten. „Es gibt keine Auferstehung der Toten.“ Wie bedauernswert sind die, die schon einen Großteil von ihrer Lebenszeit hinter sich gebracht haben! Ein Glück wäre für sie allenfalls, wenn ihre Lebenserfahrung von anderen abgefragt würde. Doch das bleibt meist aus. Und wer noch im ersten Drittel seines zu erwartenden Lebens steht, der möge nur nichts falsch machen. Zu korrigieren gibt es nichts, sind die Weichen einmal gestellt. Was gewesen ist, kommt nicht wieder. Vielleicht versteht sich von daher die unübersehbare Fülle von Ratgebern für Lebensfragen. „Es gibt keine Auferstehung der Toten.“ Was für eine traurige Perspektive!
III.
Gott sei Dank lässt uns Paulus mit all dem nicht allein zurück. Er schreibt weiter:
VERLESEN DES PREDIGTTEXTES (V 20)
20Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Ein einziger Satz. Alle Zweifel will er in den Hintergrund treten lassen. „Der Herr ist auferstanden!“ „Er ist wahrhaftig auferstanden! “ So haben sich Christen schon ganz am Anfang gegrüßt. Bis heute grüßen sich Christen mit diesem Ostergruß. Zugegeben: Was sich damals nach der Kreuzigung Jesu in Jerusalem ereignet hat, ist und bleibt ein Geheimnis der Welt. Wir können es nicht lüften. Ich nicht, Paulus nicht, keiner kann das. Ich glaube, dass Gott in dem Tod seines Sohnes den Tod aller Menschen ein für allemal zunichte gemacht hat. Nicht so, dass wir nicht mehr sterben müssten. Das wäre zu schön, um wahr zu sein! Leider wird noch immer gestorben, manchmal auf ganz schreckliche Weise. Leider wird in unserer Welt noch immer getötet. Also, Kopf tief gesenkt und das Herz verschlossen? Es gibt ja keine Auferstehung der Toten? Paulus würde wohl sagen: Die Kreuze, die es noch gibt und die uns das Leben so schwer machen, sie stehen unter einem anderen Vorzeichen. Durch die Auferstehung erscheint der Tod in einem neuen Licht. Die Natur ermöglicht eine Ahnung davon, wie das geschieht. Einem Urkampf zwischen Finsternis und Licht vergleichbar, geht das Licht als Sieger hervor. Nach langen, dunklen Wintertagen ist es wieder Frühling geworden. Aus der kalten Tristesse beim Blick aus dem Fenster nun ein ganzes Blumenmeer. Dieses wunderbare Schauspiel wiederholt sich Gott sei Dank in jedem Jahr. Es weckt in uns Menschen eine Hoffnung von Auferstehung und sie erfasst uns selbst. „Jeder sonnt sich heute so gern, sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden. “So sagt es uns Faust. Und Marie Luise Kaschnitz, die Dichterin, erinnert daran:
„Manchmal stehen wir auf    
Stehen wir zur Auferstehung auf    
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar    
Mit unserer atmenden Haut.“
Ehrlich gesagt: Ich möchte auf keinen Frühling meines Lebens verzichten und würde gerne noch viele, viele Frühlinge erleben. Ich weiß aber auch, dass die Zahl der Frühlinge, die ich hier erleben kann, begrenzt ist. Darum hilft mir der Hinweis auf das Leben, das kommt. Jesus ist der Erstling, schreibt Paulus. Der Erste von vielen. Was ihm widerfahren ist, wird auch uns widerfahren. In prächtigen Farben malt die Bibel aus, worauf wir uns freuen: ein neues Leben, dessen Herrlichkeit die unseres jetzigen Lebens bei weitem überstrahlen wird. Jesus hat das, was uns erwartet, „Reich Gottes“ genannt, manchmal auch „Reich der Himmel“. Wenn es soweit ist, wird Gott für immer bei uns sein, wir sehen ihn von Angesicht zu Angesicht. Sind mit ihm zusammen. Sitzen an einem Tisch. Spüren Frieden. Sind frei. Dann kommen endlich auch die zu ihrem Recht, die jetzt übersehen werden. Die eine große Mühsal und Last mit sich tragen. Die nicht mehr wissen, wozu sie da sind, und denen jeder Tag nur noch eine Plage ist. In Gottes Reich wird nichts bleiben, wie es ist. Alles wird anders. „Dein Reich komme“, darum lohnt es sich zu beten, nicht nur im Gottesdienst. Mit der Auferstehung von Jesus hat alles einmal angefangen. Er ist nur der „Erstling“. Weitere werden folgen. Und wir? Wo immer wir uns daran festhalten, wo immer wir daran glauben, da ist Gottes Reich schon mitten unter uns. Es ist darum der tief gesenkte Kopf und das verschlossene Herz keine Haltung für einen Osterspaziergang. Für Menschen, die von Ostern herkommen und die sich in der Tiefe ihres Herzens über Ostern freuen, ist der erhobene, um sich blickende Kopf und ein weites, fröhliches Herz, eine passende, angemessenere Haltung.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.