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Predigt über 1. Korinther 9,16-23

Barbara Häußler

01.06.2008 in der Markuskirche (A.B.) in Wien-Ottakring

Kanzelgruß: „Friede sei mit euch, von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.“

Liebe Gemeinde! Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Kor 9,16-23:

16  Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. 21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi –, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.

I

In diesem Briefabschnitt, liebe Gemeinde, spricht Paulus von sich selbst. Es geht um ihn persönlich, um ihn als Apostel. Paulus reiht sich mit dem Anspruch, ein Apostel zu sein, in die Reihe der 12 Jünger ein. Er fühlt sich direkt von Gott beauftragt. Der Apostel erklärt sich nun vor den Menschen aus der Gemeinde in Korinth. Dabei will er zeigen, wie er das Evangelium predigt und warum er sich dazu gezwungen fühlt, warum er es tun muss.
Die Situation, auf die diese Passage des Korintherbriefes Bezug nimmt, ist folgende:
Paulus könnte dafür, dass er das Evangelium in der Gemeinde in Korinth predigt, Geld verlangen. Dazu hätte er das Recht, denn er macht seine Sache gut. Doch er will sich nicht abhängig machen. Es soll nicht irgendwann heißen: „Paulus, wir bezahlen Dich. Jetzt predige auch, was uns gefällt.“ Paulus will das nicht, denn die Botschaft, die er zu verkündigen hat, ist nicht beliebig. Also verzichtet er auf Lohn. Und er predigt weiter, denn er spürt, dass er es tun muss.

Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.
Dieser Satz klingt zuerst bedrohlich. Das „Wehe“ steht für das Schlimmste, das man sich vorstellen kann. Es tritt ein, wenn Paulus das Evangelium nicht predigt. Doch dass er predigt, ist Gottes Wille. Paulus kann sich Gott nicht widersetzen. Er muss das Evangelium predigen. Und Paulus ist sich all dessen bewusst. Er weiß sich von Gott beauftragt und vertraut auf Gott. Er vertraut darauf, dass Gott es ihm zutraut, dass Evangelium zu predigen. Das, was das Leben des Paulus ausmacht, die Predigt des Evangeliums, ist Gottes Auftrag an ihn, dem er sich nicht entziehen kann. Das WEHE ist keine Drohung, denn es erfüllt sich niemals. Paulus kann diesen Satz sagen, weil er fest auf Gott vertraut. Er ist sich sicher, dass er so handelt, wie Gott es will. Deshalb liegt in diesem WEHE keine Bedrohung. Es verdeutlicht die Sicherheit, die Paulus hat. Es zeigt, wie überzeugt Paulus von seinem Auftrag ist, dass er sagen kann:
„Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.“

II

Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte. Ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, genauer zeigen, dass in diesem Satz keine Drohung, sondern eine große Stärke für jeden von uns liegen kann und das wir ihn sagen können.
Die wenigsten von uns sind Prediger und ich bin es im Alltag als Christin ebenfalls nicht. Aber als Gläubige sind Sie und ich wie Paulus; denn auch uns obliegt eine Aufgabe. Gott mutet uns etwas zu. Er traut uns etwas zu. Er bringt uns immer wieder in Situationen, in denen wir von ihm erzählen. Die Betonung liegt nicht auf dem Wort „predigen“. Es muss und darf nicht immer eine Predigt sein. Die Predigt ist in der Kirche an den Auftrag gebunden und nicht jeder darf predigen. Es geht um das bezeugen. Um das Bezeugen der Hoffnung aus der heraus wir leben.
Im 1.  Petrusbrief 3,15 heißt es: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung die in euch ist.“
Als Christen müssen wir von Christus Zeugnis ablegen, denn er ist unsere Hoffnung.
Wehe mir, wenn ich nicht bezeugte, aus welcher Hoffnung heraus ich lebe.
Die Bereitschaft zur Bezeugung schenkt uns Gott. Und, wenn er sie uns schenkt, können wir uns nicht dagegen wehren. Dann legen wir Zeugnis ab, weil es Gottes Wille ist. Dann können wir nicht anders.

III

Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte. Wehe mir, wenn ich nicht bezeugte, aus welcher Hoffnung heraus ich lebe.
Was predigt Paulus, was predige ich? Was ist unsere Hoffnung?
Denken wir an den Spruch für diese Woche, den wir zu Beginn des Gottesdienstes gehört haben: „Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Christus spricht uns an. Uns, die wir nur Menschen sind. Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ich mache viel falsch und manchmal weiß ich nicht mehr weiter. Mein Leben endet in einer Sackgasse. Ich habe jahrelang studiert und bekomme den Job nicht, den ich haben wollte. Die Kinder sind groß, die Rente reicht zum Überleben. Ein Tag gleicht dem anderen. War es das? Soll es das gewesen sein? Mein Leben!?
Jemand weiß um unsere Verzweiflung und gesteht sie uns zu. Es bleibt ein Funken Hoffnung: Wir können nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Darauf dürfen wir vertrauen. Den Glauben an diese Hoffnung schenkt uns Gott. Und weil die Hoffnung des Glaubens unser Leben bestimmt, können wir ohne Angst und voll Zuversicht sprechen:
Wehe mir, wenn ich nicht bezeugte, aus welcher Hoffnung heraus ich lebe.

IV

Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.
Paulus wird seinem Auftrag, dass Evangelium zu predigen gerecht, indem er allen alles wird, indem er sich zum Knecht macht.
Beim ersten Lesen des Predigttextes kam mir der Gedanke: Paulus verbiegt sich. Er kann sich doch nicht jedem anpassen. Wo bleibt er selbst, wenn er jedem nach dem Mund redet? Doch in dem Verhalten des Paulus wird eine große Stärke sichtbar. Er denkt sich in die Lebenswelt der Menschen hinein. In die Situation seines Gegenübers hinein trägt er seine Hoffnung, das Evangelium, das nicht beliebig ist.

Ich möchte Ihnen von einer besonderen Begegnung erzählen, die mir im Frühling letzten Jahres passiert ist:
Ich hatte einen Job als Jätkraft auf einem kleinen Versuchsfeld der Uni. Aufgabe war es, auf der kleinen abgesteckten Wiese, alles zu jäten außer Spitzwegerich. Das war sehr mühsam und es ging bei so viel Gras und Löwenzahn nur langsam voran. Jeder hatte eine 1m breite Bahn bis zum anderen Ende der Wiese vor sich. Man saß auf einem kleinen Hocker und hatte zwei Jätwerkzeuge. Neben mir hockte ein junger Mann aus Asien, ein Chinese vielleicht oder auch ein Koreaner. Nach einer Weile kamen wir ins Gespräch. Er fragte mich, was ich studiere. „Theologie“, sagte ich. Damit konnte er nichts anfangen. Ich erklärte in einem 2. Versuch, dass ich Religion studiere, christliche Religion. Ich erzählte ihm, dass ich Christin sei und an Gott glaube. Er war begeistert, denn seine Mutter sei auch Christin, sagte er. Doch sie glaube nicht an Gott.
Mmmhhh! Ich war verdutzt. Als Christ/in glaubt man doch an Gott. An den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Wir jäteten eine Weile schweigend weiter. Plötzlich rief er auf: „Meine Mutter glaubt nicht an Gott, die glaubt an Jesus!“ Ich war erstaunt. So etwas war mir noch nie passiert. Nie war ich jemandem begegnet, der so wenig Ahnung hatte von unserem Glauben. Der junge Mann kam aus einer anderen Welt. Unsere Kultur ist so sehr christlich geprägt, dass die Grundlagen des Christentums wahrscheinlich den meisten bekannt sind. Und doch regte mich seine Unwissenheit zum Nachdenken an. Ja, natürlich! Jesus! Jesus Christus! Ich erklärte ihm, dass ich auch an Jesus glaube und seine Mutter auch an Gott und dass sich das nicht wiederspricht, weil unser Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Das habe ich mit ganz einfachen Worten versucht zu erklären.

Ich bin diesem Chinesen, wie eine Chinesin geworden. Ich habe versucht, mich in sein Denken einzufühlen. Dem unwissenden bin ich wie eine unwissende geworden, obwohl ich selbst nicht unwissend bin.
So kann ich die Auflistung des Paulus mit diesem Beispiel aus meinem Leben fortsetzen.
Und in dieser Situation blieb mir ja gar nichts anderes übrig. Hätte ich den Chinesen sitzen lassen sollen in dem Glauben, es gäbe Christen die an Gott glauben und welche die an Jesus glauben und womöglich wieder andere die an Christus glauben? Im Nachhinein kann ich in Bezug auf diese Begegnung ganz selbstverständlich, mit einem Lächeln, sagen: Wehe mir, wenn ich nicht bezeugte, aus welcher Hoffnung heraus ich lebe.

V

Diese Geschichte von dem Chinesen ist so besonders, dass ich mich noch gut an sie erinnere. Doch zum Schluss, liebe Gemeinde, möchte ich auf die vielen kleinen JAs zu Gott aufmerksam machen, die uns kaum auffallen.
Wir bekennen uns häufiger als wir denken.
So gibt es in meinem Bekanntenkreis und in Ihrem sicher auch, immer wieder jemanden, der es nicht verstehen kann, warum wir sonntags den Gottesdienst besuchen. – Vielleicht antworten wir: Es ist mir wichtig, denn ich glaube an Gott.
Wenn wir antworten, dann tun wir das nicht, weil wir uns aufspielen und als treue Christen hinstellen wollen, sondern weil uns die Hoffnung, auf die wir unser Leben gründen, weil uns Gott dazu drängt. Ganz selbstverständlich.
Wir sind nicht wie Paulus, sind keine Apostel, die auf Missionsreisen gehen, aber im Rahmen unseres Lebens handeln wir wie Paulus, wenn wir die Botschaft des Evangeliums vor unserem Nächsten bezeugen. Vor den Menschen um uns herum.
Wenn das geschieht, dann geschieht es, weil es Gottes Wille ist. So ist es nicht unser Verdienst, sondern allein Gottes. Wir haben keinen Grund, uns zu fürchten, denn es ist Gott, der in uns wirkt. Und wenn er wirkt, dann ist es eine Selbstverständlichkeit.
Wenn wir auf Gott vertrauen, darauf, dass er uns ruft und uns dort hin bestellt, wo er uns haben will, so wie er Paulus einen Auftrag gegeben hat. Wenn wir auf ihn allein unsere Hoffnung setzen, die Hoffnung, aus der heraus wir leben, dann haben wir Kraft und Mut und Sicherheit. Dann gründen wir unser Leben auf Jesus Christus und können diese Botschaft, die so unbegreiflich, so herrlich und hoffnungsvoll ist, nicht für uns behalten. In solchen Momenten des Vertrauens und der Hingabe unseres Lebens unter den Willen Gottes können wir dann sagen:
Wehe mir, wenn ich nicht bezeugte, aus welcher Hoffnung heraus ich lebe.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.