Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 1,1-4

Pfarrer Christian Siebold (ev.)

19.03.2017 Ev. Kirchengemeinde Ost, Lutherhaus

Konfirmation

Das Chaos im Griff …

Predigt anlässlich der Konfirmation

„Räum endlich dein Zimmer auf!“ – wann habt ihr den Klassiker unter den Eltern-Ansagen das letzte Mal gehört? Vielleicht in den letzten Tagen, als Vorbereitung auf die Gäste anlässlich euer Konfirmation?! Der angeblich fehlende Ordnungssinn bietet eine große Angriffsfläche für all die nervigen Kritiker in unserem Umfeld.

Die Legende, dass die kreativen Köpfe unter uns die zugemülltesten Schreibtische, Kleiderschränke und Zimmer haben, kursiert ja schon länger. Jetzt ist es aber durch eine Studie belegt! Das Arbeiten an einem unordentlichen Schreibtisch oder in einem unordentlichen Raum steigert die Kreativität. Die Unordnung bietet mehr Raum für neue Ideen.

Immerhin wusste schon Albert Einstein, dass ein leerer Schreibtisch nichts Gutes verheißt. Er fragte:  Wenn ein voller Schreibtisch ein Hinweis auf einen unordentlichen Verstand ist, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über seinen Besitzer aus?  Und ratet mal, wessen Schreibtisch überquoll und unordentlich war? Genau!   Der von Albert Einstein – ein Mann, voll unbändiger Kreativität.

Von dem kreativen Chaos lebt auch Snapchat, diese von euch geliebte App. Über die kostenlose Smartphone-App teilt man Fotos mit Freunden. Das Besondere dabei: Die Bilder bleiben nur eine kurze Zeit sichtbar – danach werden sie automatisch gelöscht. Besonders beliebt sind die Bildbearbeitungsmöglichkeiten von Snapchat. Man kann u.a. Text und Smileys zu den Fotos hinzufügen. Mit den regelmäßig wechselnden Filtern ist es möglich, ein ausgefallenes Aussehen zu kreieren. Man kann sein Bild z. B. in einen Hasen, einen Zombie oder einen Heiligen (mit Heiligenschein und Flügeln) verwandeln. Ist das Foto fertig bearbeitet, gibt es zwei Möglichkeiten es zu verschicken: Zum einen kann man es direkt an Freunde versenden, dann ist es für sie 10 Sekunden sichtbar. Danach ist es weg, für immer. Beliebter sind aber Geschichten: Diese können alle Snapchat-Nutzer sehen. Bei einer GESCHICHTE werden die Fotos nach erst 24 Stunden gelöscht.

Präsentation der SNAPCHAT-STORY „Vorbereitung auf die Konfirmation“ auf einem Bildschirm oder einer Leinwand

Der Gründer von Snapchat Evan Spiegel ist mit gerade einmal 26 Jahren der jüngste auf der Forbes-Liste der Milliardäre, sein Vermögen wird auf 2,1 Milliarden Dollar geschätzt. Ein Übernahmeangebot von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg lehnte Spiegel bisher ab, 3 Milliarden Dollar soll Zuckerberg ihm angeboten haben. Inzwischen wird die App mit mehr als 24 Milliarden Dollar bewertet.

Worum geht es bei Snappchat eigentlich? Welchen Nutzen hat der Spaß? Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um NICHTS! Und aus dem NICHTS entsteht etwas Neues. Aus Momentaufnahmen, aus Albernheiten und der optischen Vermischung von Realität und Fiktion entsteht etwas Einmaliges, vorher nicht Dagewesenes. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, frei nach Pippi Langstrumpf. "Snapchat ist ein kreatives Chaos, das man gerne stiftet", sagte jüngst ein Nutzer.

Es geht nicht – wie bei Facebook, Twitter und Google+ - um das eigene Personal Branding, das Bekanntwerden oder das „Aufmerksamkeiterregen“. Auch nicht um bedeutsame oder geistreiche Beiträge mit heischendem Blick auf die Likes – sondern banale Momentaufnahmen aus dem Alltag, die mit einem Verfallsdatum versehen sind und an denen sich einige, ausgewählte Freunde erfreuen dürfen. Snapchat dient nicht als Präsentationsplattform, sondern ermöglicht Nutzer, ganz sie selbst zu sein (ohne Schnickschnack, ohne Anspruch …).

Die Bilder wirken auf mich oft chaotisch, sind teilweise wüst und (auch ein bisschen sinn-) leer. Nicht immer erkennt man, was darauf abgelichtet ist. Euch egal. Ich finde die App passt perfekt zu euerm Alter. Chaos ist (beinahe) der Normalzustand in der Pubertät. Oft tobt es in euch selbst und regelmäßig in eurem Umfeld. Ihr seht die Welt nun nicht mehr mit Kinderaugen und das was ihr nun seht, ist unübersichtlich. Doch Chaos ist kein feindlicher Bestandteil unseres Lebens, ganz im Gegenteil. Chaos ist der Anfang aller großen Dinge. So beginnt schon die Schöpfungsgeschichte. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, so beginnt die Erzählung. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Wüst und leer – im Hebräischen heißt das Tohuwabohu. Mit Tohuwabohu ist mehr als Unordnung gemeint, es beschreibt das Fehlen von Orientierung, von Kraft, von Schutz und Perspektive (Möglichkeiten). Chaos ist der gähnende Abgrund in ein schwarzes, tosendes Meer.

Und was macht Gott in der Geschichte von der Erschaffung der Welt? Er schaltete das Licht in der Rumpelkammer der Welt an, um sich erstmal einen Überblick zu verschaffen und dann aufzuräumen. Gott bekommt das Chaos in den Griff – er erschafft das Licht und scheidet Licht und Finsternis (Licht nach oben, Dunkelheit nach unten).

Doch Chaos fühlte sich damals wie heute bedrohlich an. Es sind die Situationen, in denen uns der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Wenn wir scheitern in der Schule, in Beziehungen, im Job … – wenn unsere Gefühle toben. Aber damals wie heute kann Gott helfen, das Chaos zu beenden, die inneren Wogen zu glätten. Er ist ein stabiler, verlässlicher Orientierungspunkt in unserem Inneren. Mit ihm behält man den Überblick. Dass diese Wirkung vom Glauben ausgeht, kam im Konfirmandenunterricht immer mal wieder vor, z.B. bei euren selbstformulierten Glaubensbekenntnissen oder als wir über den Psalms 23 sprachen.

„Ordnung ist das halbe Leben" sagt ein Sprichwort, aber eben nur das halbe! Friedrich Nietzsche (ein berühmter wie verrückter Philosoph aus dem 19Jh.) schrieb in seinem Stück „Also sprach Zarathustra“: "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Aus Chaos kann Neues und Gutes erwachsen. Die Schöpfung ist niemals beendet, sondern entwickelt sich immer weiter und ereignet sich mit jedem Menschen und jeden Morgen aufs Neue. Auch mit euch. Noch wisst ihr nicht, wohin euch euer Leben führen wird und es wird euch immer mal wieder unüberschaubar vorkommen, aber verlasst euch darauf: Gott hat viel mit euch vor, - viel Gutes. Und nicht nur für euch und euer direktes Umfeld. Ihr könnt auch an dem Weiterbau an einer gerechten Welt mitarbeiten.

Das wird klappen, wenn ihr die Lesung vom Anfang beherzigt: Geschwister, ihr seid von Gott erwählt, ihr seid von Gott geliebt. Darum kleidet euch nun in tiefes Mitgefühl, in Freundlichkeit, Bescheidenheit, Rücksichtnahme und Geduld. Geht nachsichtig miteinander um und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat (Kolosser 3,12+13.)

Ihr habt einen geduldigen, liebenden Gott an eurer Seite, der euch durch euer ganzes Leben begleitet. Auch wenn ihr die Übersicht verliert, er ist nicht nur immer da, sondern gibt euch Kraft, aufrecht und mutig weiterzugehen. AMEN