Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 12,1-3

Prof. Dr. Andrea Nickel-Schwäbisch (ev.)

24.03.2017 Evangelischen Hochschule Nürnberg

Bachelorabschlussfeier

Begrüßung:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ich begrüße sie ganz herzlich zur Abschlussfeier der Studiengänge Soziale Arbeit, Sozialwirtschaft, Erziehung, Bildung und Gesundheit im Kindesalter.

Vor allem begrüße ich sie, liebe Absolventen und Absolventinnen. Die  Jahre des Studiums liegen hinter ihnen und sie brechen nun auf in den Beruf.

In diesem Gottesdienst soll uns eine Aufbruchgeschichte begleiten – eine Aufbruchgeschichte,  die Mut macht.

Es ist die  Aufbruchsgeschichte von Abraham. Er lässt das Vertraute zurück und macht sich auf Gottes Zusage hin auf den Weg.

Mit der Zusage, dass Gott mit auf dem Weg ist, können auch sie aufbrechen. Gottes Segen sei mit ihnen in diesem Gottesdienst und auf ihrem weiteren Weg.

 

Szenische Collage vor der Predigt

 (Sprecher verteilt im Raum)

SprecherIn 1: Let's make Amerika great again!

SprecherIn 2: Let's make Polen great again!

SprecherIn 3: Let's make Germany great again!

SprecherIn 4: Let's make me great again!

SprecherIn 5: Doch für so viel Größe reicht die Erde nicht.

Pause

SprecherIn 1-4: Krieg?

Pause

SprecherIn 5: Und so entschlossen sie sich, in die Höhe zu bauen, da die Fläche nicht reichte.

SprecherIn 1: Lasst uns einen Namen machen!

SprecherIn 2: Wir wollen bekannt werden!

SprecherIn 3: Ja, groß sollen wir werden!

SprecherIn 4: Wir könnten ja einen riesigen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht...

SprecherIn 1: Doch...unsere Sprache wurde verwirrt. Ich kapier gar nichts mehr!

Sprecher In2: Fake news!

SprecherIn 3: Ich verstehe dich nicht!

SprecherIn 4: Alternative Fakten

SprecherIn 1: Ich kann nichts verstehen!

Sprecher In2: Was ist wahr? Was ist falsch?

SprecherIn 5: So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, den Turm zu bauen.

 

 

Predigt:

Abrams Berufung und Zug nach Kanaan

1 Und der HERR sprach zu Abram: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein.3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.
   4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.

Fünfundsiebzig Jahre ist Abram alt als Gott ihn anspricht. Und Abram zieht los. Es scheint ein Schöpfungswunder zu geschehen. Gott spricht und es geschieht. Abram lässt sich ein auf Gottes Weisung.

„Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde.“

Abram nimmt Abschied von all dem, was ihm vertraut ist: sein Land, seine Freunde, seine Kultur. Er macht sich auf in die Fremde, von der er noch nicht einmal den Namen kennt.

Im Hebräischen Urtext steht an dieser Stelle der Gottesname Jahwe. Gott ist keine abstrakte göttliche Macht, kein Lebensprinzip. Gott ist der Ansprechende ein Gegenüber des Menschen. Als solcher wird es sich dann auch Mose wieder offenbaren. „Ich bin Jahwe“, spricht er zu Mose am brennenden Dornbusch.  „Ich bin, der ich bin“. „Ich bin, der ich sein werde“. „Ich bin der Mitseiende.“

Jawhe also spricht Abram an.  Im Vertrauen darauf, dass Gott auch ist, was sein Name zusagt, ein Mit-seiender, verlässt Abram seine Heimat.

Das ist ein bemerkenswerter Predigttext. Das beginnt schon beim allerersten unscheinbaren Wort.  Unser Predigttext beginnt mit dem Wort:„Wa“.  Es kann übersetzt werden mit „und“, „darauf“ „jedoch“ und „aber“.

 Aber was  ist bemerkenswert an diesem kleinen Wort?

Zunächst einmal  ist es die Kontinuität, die mit dem kleinen Wort „Wa“ ausgedrückt wird, denn  in dem vorausgegangen Kapitel wird der Turmbau zu Babel geschildert.

Die Menschen wollen ein Turm bauen und sich damit einen Namen machen. „Let’s make Amerika great again. “ Let’s Germany make great again.“

Die Menschen wollen sich einen Namen machen, indem sie einen Turmbau bauen, der weithin sichtbar ist, der sie überdauern soll.

Sie wollen  mit diesem Bau auch ihre Identität schützen. Sie sollen sich nicht auflösen, nicht verteilen unter die Völker. Es ist damit auch der Beginn der identitären Bewegung.

Doch: ihre Sprache wird verwirrt und sie werden zerstreut im Land. Es ist also eine Geschichte des menschlichen Scheiterns. Schon immer sind die Versuche gescheitert, wenn Menschen sich selbst einen Namen machen wollten.

 Aber – und das ist wirklich erstaunlich -  Gott schreibt die Geschichte weiter.   Gott spricht sein „und“. Er lässt es nicht beim Scheitern der Menschen bewenden „Und Jahwe sprach zu Abram.“ Es bleibt nicht bei der Zerstreuung, es bleibt nicht beim Scheitern.

Gott spricht sein „Und“ und die Geschichte nimmt eine neue glückende Wendung.

Gott spricht aber auch ein „aber“, ein „jedoch“.

Denn es geschieht mit der Berufung Abrams wirklich eine Wendung, Neues bricht an.

Während die Menschen sich beim Turmbau selbst einen Namen machen wollten und scheiterten, verspricht nun Gott  selbst Abrams  Namen groß zu machen.

Nicht Abram wird seinen Namen selbst groß machen, Gott wird ihn groß machen. Vier Kapitel später spricht Gott zu Abram: „Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham (Vater der Menge) wirst du heißen; denn zum  Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.“

Gott ruft damit Abram auch aus einer falschen Geschichte heraus. Nach dem Turmbau stehen nur noch Abstammungslisten, Namenslisten. Es scheint, dass sich nach dem Turmbau nichts geändert hat. Das falsche Leben hat sich in Genealogien verfestigt. Abram wird aber nun herausgerufen. Es gibt kein rechtes Leben im falschen. Es muss neu werden mit den Menschen.

Warum muss es neu werden? Warum muss Abram herausgerufen werden aus dem Alten?

Die Geschichte des Turmbaus selbst gibt Antwort. Sie zeigt die große Angst der Menschen, der Angst zerstreut zu werden, den Namen und die Identität zu verlieren.

Im Studium habe ich ein Buch fast an einem Stück gelesen, so gefesselt hat es mich. Ich sehe mich noch in der Bibliothek des Evangelischen Stifts sitzen und bei der Lektüre wirklich Raum und Zeit vergessen. Es war das Buch „Mut zum Sein“ von Paul Tillich. Bevor Tillich auf den Mut eingeht, beschreibt er die Grundängste des Menschen. Es sind für ihn die Angst vor Schicksal und Tod, die Angst vor Schuld und Verdammung und die Angst vor Leere und Sinnlosigkeit.  Diese Ängste sind ganz grundlegend. Als Menschen können wir zum Tode vorlaufen. Wir wissen um unser Ende und das macht, wenn wir diese Erkenntnis nicht verdrängen, Angst. Wir wissen darum, dass wir schuldig werden können und schuldig werden und wir wissen darum, dass unser Leben immer in der Gefahr steht ins Leere zu laufen.

Die menschliche Geschichte und sicherlich auch unsere Lebensgeschichten sind nun voll von Versuchen diese Angst zu überwinden. Wir bauen an den Lebenstürmen, die uns überdauern sollen, die unseren Namen groß machen sollen, die helfen sollen, dass wir uns nicht im Irgendwo zerstreuen. Die Bauten zu Babel markieren den Lauf der Geschichte und der Lebensgeschichten. Wieviel Energie kostet ihre Errichtung. Es werden sogar Kriege um sie geführt. Ja wirklich Gemeinschaften zerbrechen an ihnen.

Aus dieser Geschichte der Angst wird nun Abram herausgerufen.

Abram, zieh weg aus deinem Land. Vertraue mir. Vertraue, dass ich mit dir gehen werde ins Unbekannte. Und ich will deinen Namen groß machen. Dein Leben wird sich nicht in Schuld und Sinnlosigkeit verlieren. Du wirst ein Segen für andere.

In diesem wenigen Versen wird deutlich was Glauben ist. Es ist nicht, das Bekenntnis von objektiven Heilstatsachen.  Abram sagt in unserem Predigtext gar nichts.  Glaube ist ein Lebensvollzug. Abram bricht auf  Gottes Zusage einfach auf und lässt die alte Lebensgeschichte zurück. Glaube erweist sich in unserem Predigttext als Vertrauen, Vertrauen in das Mit-Sein Jahwes. Abram setzt sein Vertrauen ganz auf Gott, der ihm in seinem Wort nahe gekommen ist, sich als wahr und wirklich erweisen hat, auch wenn er unfassbar bleibt. Kierkegaard beschreibt diesen Glauben als  Wagnis, als Springen.  Das aber macht den Glauben aus: nicht das Bekenntnis  zur Existenz eines Gottes, sondern das vertrauende Wagen mit Jahwe zu leben, sich auf sein Wort zu verlassen. „Der Bewunderer ist ja im strengsten Sinn nicht der wahre Christ, nur der Nachfolger ist der wahre Christ.“

Und so ist die Bibel im Grunde ein Buch mit vielen Biographien, die beschreiben, dass Menschen dem Zuspruch  Gottes vertrauen und mit ihm gehen. Da verlässt der Prophet Amos seine  Maulbeerbäume, um im Auftrag Gottes in Nordisrael zu predigen. Da verlassen, die Jünger und Jüngerinnen alles und folgen Jesus nach.

„Da zog Abram weg wie der Herr ihm befohlen hatte.“

Wie schwer ist es sich aber sich auf das Wort Gottes zu verlassen. Schon Martin Luther sah, dass viele sich zwar zum Glauben bekennen, aber doch im Herzen ihr Vertrauen an anderem fest machen. So sagt er zum Beispiel im Großen Katechismus bei der Auslegung des ersten Gebotes:

„Ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.

Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden.“

Wer eigentlich auf sein Geld vertraut, vertraut nicht Gott, selbst dann, wenn er die Glaubenssätze für richtig hält. Glaube beginnt mit dem Vertrauen. Glaube ist ein Lebensvollzug.

„Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte.“

Abram vertraut und das besondere geschieht: er wird gerade in dem Loslassen falscher Sicherheiten zu einem großen Volk, sein Name wird groß und er wird zum Segen für viele.

Ein Beispiel für diesen Vertrauensglauben ist für mich Dietrich Bonhoeffer. In seiner Jugend war er durchaus eitel. Er wollte sich einen Namen machen vor allem durch seine wissenschaftliche Arbeit. Sein erster Aufbruch aus dem Lebensturm der Angst und selbstgewählten Angstbewältigung, war als er den Ruf folgte, eine Konfirmandengruppe in einem Problemviertel Berlins zu betreuen.  Statt Seminare an der Uni zu halten und an seiner Karriere zu bauen, setzte er sich mit Jugendlichen auseinander, die ihn anfangs mit Unrat bewarfen. Aber die Jugendlichen, viele aus sogenannten Problemfamilien, wuchsen Bonhoeffer ans Herz. Er hörte mit ihnen amerikanische Jazzmusik, half ihnen bei den Hausaufgaben. Einige der Konfirmanden studierten später Theologie und waren im engsten Kreis der bekennenden Kirche.

Noch einmal folgte Bonhoeffer dem Ruf in die Ungewissheit.  Im Jahr 1939  hatte er eine Einladung erhalten nach Amerika. Dort hätte er eine glänzende akademische Karriere machen können in Sicherheit. Dann, so schriebt Bethge in seiner Bonhoefferbiographie kam der 20 Juni:

„Am nächsten Tag suchte er Henry Leiper im Federal Council of Churches auf. Der hatte schon die ersten tausend Dollar für die neue Aufgabe frei gemacht. Doch Bonhoeffer lehnte ab. Abends notierte er:

„Besuch bei Leiper. Damit ist wohl die Entscheidung gefallen. Ich habe abgelehnt. Für mich ist es wohl mehr, als ich im Augenblick zu übersehen vermag. Gott allein weiß es.“

Bonhoeffer fährt zurück zu seinen Studenten, zum Seminar der Bekennenden Kirche in Pommern. Er kann die ihm Anvertrauten nicht im Stich lassen, nicht wenn er weiß, dass sie in Lebensgefahr schweben.

Es geht ihm nicht mehr darum, dass sein  Name groß wird, es geht ihm um die Menschen, die ihm anvertraut sind.  Diesen Weg kann er nur gehen, weil er sich Gott anvertraut. Bonhoeffer hat erfahren, dass Gott wirklich der Mit-seiende ist. 

Das Lied von „guten Mächten“  ist ein Zeugnis von seinem Vertrauen zu Gott. Bonhoeffer schrieb es im Dezember 1944. Ich möchte es ihnen mit auf ihren weiteren Lebensweg geben.

 

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Ich wünsche ihnen dieses Gottvertrauen.

Gerade jetzt, wenn sie neu in ihren Beruf starten. Gott ist mit auf ihrem Lebensweg. Gott hat es Mose und Abrahm  zugesagt: ich bin der Mitseiende. Brich auf, vertraue mir. Dein Leben ist behütet.

Auch das ihre. Amen