Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 18,16-33

Pastor Ekkehard Pithan (ev.-freik.)

19.03.2017 Gottesdienstraum mit Lounge-Atmosphäre, Bayreuth

Missionarischer Abendgottesdienst „Gott-nach-8“ – mit Bibel, Jazz und Ambiente

Lässt Gott sich bequatschen?

“Lässt Gott sich bequatschen?!“ steht auf unseren Flyern[1]. Das Thema bringt mich in eine gewisse Zwickmühle. Wenn ich „Ja“ sage, werde ich verdächtigt, Gott auf ein Taschenformat zu reduzieren. Als könnte man ihn manipulieren und nach Belieben in die Tasche stecken, wenn man es nur geschickt genug anstellt. Und die Frage ist sofort: Warum klappt das bei Ihnen und bei mir nicht? Da habe ich also gleich die Kritiker auf den Fersen. Sage ich „Nein“, mache ich Gott unnahbar und fungiere wie eine Art Vorzimmersekretär, oder wie ein Leibwächter, der Gott von den aufdringlichen Bittstellern abschottet und Ihnen sagt: „Ihr Anliegen ist für Gott nicht so wichtig. Hören Sie auf, Gott zu bequatschen!“ Da werde ich Ärger bekommen mit einigen, die hier sitzen, denn die tun das andauernd. Sie werden versuchen, mich anschließend zu erdolchen, mindestens mit Blicken.

Ich sitze also auf einem heißen Stuhl. Ein bisschen sogar zwischen allen Stühlen, denn ich, der ich ja glaube, finde einen kleinen Agnostiker in mir selbst. In Form des leisen oder lautstarken Zweifels marschiert der mit und versucht, mich auf dem Boden der Tatsachen zu halten. Wenn es da nicht immer wieder diese irre Hoffnung gäbe und manchmal auch diese fast märchenhaften Erfahrungen, dass es sich lohnt, an höchster Stelle anzuklopfen, täte ich es nie.

 

Lässt Gott sich also bequatschen oder nicht? Ich will ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Es sind etwas zwiespältige Geschichten. Sie sind nicht so eindeutig, wie ich sie am liebsten hätte. Sie müssen am Ende selbst entscheiden, ob das für Sie bedeutsam ist oder nicht.

Die erste handelt von einer verfrühten Geburt im Freundeskreis meiner Gemeinde im niederen Bayern. Da hatte ein Paar ein Kind vor der Zeit bekommen und es war noch unreif und dazu irgendwie verwachsen, unausgegoren. Alles hat nicht gestimmt. Jede Menge Erschwernisse kamen zusammen. Es stand auf Messers Schneide, ob das Kind überlebt oder nicht. Ein Freund sagte: „Lass uns hingehen und beten!“ Der Agnostiker in mir hat sich gewehrt und Ausflüchte gesucht, aber der andere war zu vehement, ein junger Vater, der Kinder glühend liebte. Also sind wir losgezogen auf die Intensivstation, haben uns mit grünen Kitteln und Mundschutz verkleidet und standen dann vor dem Brutkasten. Man konnte das Kind kaum sehen zwischen all den Tüchern, so klein war es. Man kann natürlich sagen: „Tausende Kinder sterben jeden Tag in den Entwicklungsländern und bei uns auch. Forget it! Das ist der Lauf der Welt.“ Aber wenn man vor einem Brutkasten steht und sieht, wie der kleine Mensch kämpft, um zu leben, dann ist man nicht mehr so cool. Die Statistik fällt einem aus der Hand. Also habe ich gebetet, und ich weiß noch, dass ich angefangen habe, mit Gott zu handeln und habe ihm alle Argumente aufgezählt, die mir eingefallen sind, warum das Kind leben sollte – von der Freude der Eltern angefangen, über ihren Schmerz, wenn es sterben würde, bis zur Ehre Gottes vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Es ist irrational, so zu beten und ich bin weggeschlichen und habe mich gefühlt wie ein geprügelter Hund. Aber siehe da, ein paar Tage später wurden die Nachrichten besser. Das Kind hat die nächsten Tage überlebt. Das Herz stabilisierte sich und der Kreislauf auch. Sauerstoff war nicht mehr nötig. Irgendwie hatte es sich auch gestreckt und war offensichtlich ein bisschen gewachsen. Die Prognose lautete plötzlich: „Das wird!“

 

Szenenwechsel: andere Personen, aber wieder Krankenhaus. Ein Wissenschaftler aus unserem Bekanntenkreis liegt im Koma. Was er hat, weiß keiner. Irgendeine Autoimmunreaktion. Die Organe greifen sich gegenseitig an und fressen sich auf. Es ist wie Krieg an vielen Fronten. Er muss mehrfach notoperiert werden. Schließlich können die Ärzte nichts mehr machen. Dann ist eben der Pfarrer dran. Ich gehe mit einem Freund hin. Wir legen ihm die Hände auf und beten. Und wieder feilsche ich mit Gott um das nackte Leben. Für ihn selbst, der am Anfang seiner Karriere steht. Für seine junge Frau: Wer wird sie glücklich machen, wenn er stirbt? Für die zwei kleinen Kinder. Wie sollen sie ohne Vater zurechtkommen? Während wir beten, geschieht etwas Merkwürdiges. Tränen bilden sich hinter den geschlossenen Augenliedern und rollen die Wangen herab. Der Patient beginnt zu weinen. Das ist die erste Reaktion seit Tagen. Und dann drückt er schwach meine Hand. Mehr nicht. Wir verabschieden uns und gehen. Später kommt die Nachricht: Er ist aufgewacht. Und dann: Er kann essen. Und wiederum: Er steht auf. Er redet wieder. Es ist zwar eine Behinderung zurückgeblieben, aber er hat überlebt!

 

Man könnte jetzt meinen, dass man mit Gott nur im Krankenhaus handeln kann. Es geht auch anders. Ich habe mich mit einer Studentin unterhalten. Sie wusste, dass ich Pastor bin und hat alle ihre intellektuellen Argumente aufgefahren, warum sie nicht glauben kann. Ich habe versucht zu kontern, aber sie hat das alles als nicht relevant abgetan. Es war aber nicht der übliche Hahnenkampf zwischen Christ und Atheist, in den man häufig gerät, sondern man konnte eine tiefere Betroffenheit bei ihr spüren. Also habe ich nachgefragt und mir ein bisschen von ihrer Biographie erzählen lassen. Da kam heraus, wie verletzt sie war, dass ihre Eltern sich getrennt hatten und sie keinen Kontakt mehr zum Vater hatte. Sie fühlte sich verraten und verkauft, allein auf weiter Flur. Auch mit dem Studium klappte es nicht richtig. Die Orientierung war irgendwie verloren gegangen und ihr seelischer Horizont verdüsterte sich zusehends. Was soll man da machen, wenn man vor offensichtlichen Scherben steht und nichts tun kann? Ich habe sie gefragt, ob ich für sie beten dürfte. Sie hat zugestimmt - etwas von oben herab nach dem Motto: Lass dem Frommen seine Marotte. Also habe ich die Scherben vor Gott ausgebreitet und  gefragt, ob er da nicht etwas machen könnte. Meine Begründung war: Weil sie so verzweifelt ist und so mutlos. Ob es nicht ein schönes Zeichen wäre, wenn er, der Vater im Himmel, sie trösten würde. Schließlich wäre er doch barmherzig und der Beschützer der Witwen und Waisen. Und ob er nicht den Stein des Anstoßes, der die Tür ihres Herzens verbarrikadiert, wegräumen könnte, damit sie ihn kennenlernt.

Als ich Amen gesagt hatte und die Augen aufschlug, saß sie da und war in Tränen aufgelöst. Sie sagte: „So hat noch nie jemand für mich mit Gott gesprochen.“ Wenn das Gespräch mit Gott schon den Atheisten bewegt, sollte Gott sich das nicht viel mehr zu Herzen nehmen?

Lässt Gott sich bequatschen? Eigentlich glaube ich das wirklich, auch wenn es philosophisch schwierig zu begründen ist. Ich habe keine Methode, mit der ich ihn in Grund und Boden reden könnte. Ich kämpfe dabei mit meinen Zweifeln. Aber eins weiß ich: Wer nicht in der Not mit Gott reden kann, der ist wirklich arm dran.

 

Was mir ein Stachel im Fleisch ist und mich immer wieder anspornt, es zu wagen, Gott in die Quere zu kommen, sind die Geschichten in der Bibel, die nicht so vorsichtig daherkommen wie ich es tue. Da gibt es z.B. diese Erzählung von Abraham und Gott. Abraham hat in der Mittagshitze vor sich hingedöst, als plötzlich ein Schatten auf ihn fällt. Er schreckt hoch und denkt, eine Wolke hätte sich vor die Sonne gestellt, aber die Sonne scheint nach wie vor heiß vom Himmel. Ihn fröstelt, und dann spürt er, dass es sein Gemüt ist, das sensibel reagierte. Es ist etwas im Anzug. Und dann ahnt er: Es ist der GEHEIMNISVOLLE. Er kennt das schon von früheren Begegnungen her. Er setzt sich auf und horcht intensiver. Da ist die Stimme. Oder war es nur ein Gedanke? Abraham weiß es nicht. Aber es ist unüberhörbar. Die Stimme sagt:

„Sollte ich es Abraham nicht sagen? Schließlich habe ich noch Großes mit ihm vor.“ Und dann:

„Die Klagen über die Menschen von Sodom und Gomorra nehmen kein Ende; ihre Schuld schreit zum Himmel! Ich will selbst nachsehen. Ich will wissen, ob die Vorwürfe stimmen und die Leute es wirklich so schlimm treiben, wie ich gehört habe.“

 

Ich höre mich in der Situation antworten: „Ja, Herr, komm runter und sieh nach dem Rechten! Es wird Zeit! Sieh nach in Syrien und im Irak. Wenn du schon dabei bist, dann geh noch im Jemen und im Sudan vorbei. Bei Nordkorea solltest du auch genauer hinschauen. Die haben es nicht verdient, dass du dich zurückhältst. In der Türkei würde es zurzeit auch nicht schaden, einmal auf den Tisch zu hauen, und in Washington ebenfalls.“ So wäre ich wahrscheinlich.

 

Ganz anders Abraham. Er sagt versonnen: „Willst du wirklich rechtschaffene und gottlose Menschen zusammen vernichten? Vielleicht findest du ja fünfzig Leute in der Stadt, die nichts Böses getan haben und dir dienen. Willst du die Stadt nicht um ihretwillen verschonen? Lass nicht zu, dass der Schuldlose genauso sterben muss wie der Schuldige! Es wäre nicht recht, beide gleich zu behandeln. Du bist der Richter der ganzen Welt und kannst doch nicht gegen die Gerechtigkeit verstoßen!“

 

Eine Windböe raschelt in den Blättern und erwiderte: „Zugegeben, das geht nicht. Wenn ich in Sodom fünfzig Menschen finde, die so leben, wie es mir gefällt, werde ich um ihretwillen den ganzen Ort verschonen.“

 

Abraham freut sich bestimmt. 1:0 für ihn. Aber dann meldet sich wieder der  Zweifel. Er denkt an die himmelschreienden Geschichten, die er gehört hat von Rechtsbeugung und Folter. Menschen verschwinden spurlos. Andere werden missbraucht. Gottesdienste werden von der Polizei aufgelöst. Politiker erzählen haarsträubende Lügen. Bestechung blüht. Man rüstet auf. Er beginnt zu kalkulieren. Er ist schließlich Realist.

„Ich wage es, mich einzumischen, obwohl ich nur ein vergänglicher Mensch bin“, sagt er. „Angenommen, es gibt bloß fünfundvierzig Menschen, die kein Unrecht getan haben. Willst du wegen der fehlenden fünf die ganze Stadt zerstören?“

„Nein“, meint er Gott sagen zu hören, „wenn ich fünfundvierzig finde, verschone ich die Stadt.“

„Nur mal angenommen, es wären nur vierzig. Was dann?“ fragt Abraham.

„Auch dann vernichte ich die Stadt nicht“, verspricht Gott.

„Nicht böse werden“, bohrt Abraham weiter. Ihm bricht der kalte Schweiß aus. „Vielleicht gibt es nur dreißig dort.“

„Selbst dann werde ich es nicht tun.“ Pause.

„Nur noch einmal“, flüstert er: „Angenommen, es sind nur zwanzig?“

„Dann werde ich die Stadt trotzdem verschonen.“

Abraham windet sich. Er liegt inzwischen platt auf dem Bauch und hat die Arme beschwörend ausgestreckt.

„Ein letztes Mal: Was wirst du tun, wenn dort nur zehn unschuldige Menschen wohnen?“

Langes Schweigen, und dann:

„Die zehn werden verschont bleiben und ebenso die ganze Stadt.“

 

Abraham handelt wie ein Beduine, schamlos, gekonnt, mit allen Tricks, und das mit dem lebendigen Gott. Und der lässt sich darauf ein. Die bittere Pointe am Schluss ist, dass sich der ganze Handel eigentlich nicht gelohnt hat. Keine 10 aufrechten Menschen lassen sich in Sodom finden. Alles Gauner! Es kommt zur Katastrophe. Die Stadt versinkt in Schutt und Asche. Als der Pulverdampf verzogen ist, erfahren wir, dass es doch noch einen Lichtblick gibt. Ein Mann und seine Familie konnten entrinnen, sogar mit „englischer“ Eskorte. Gott hat sich doch noch irgendwie bequatschen lassen.

 

Eigentlich ist die ganze Bibel voll von Geschichten, wo Gnade vor Recht ergeht. Einer hat es so auf den Punkt gebracht:

„Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“[2]

Das Interessante dabei ist, dass Gott selbst sich solche Gesprächspartner geradezu aussucht. Er nennt Abraham seinen Freund. Mit dem will er reden. Jesus Christus sagt allen, die ihm nachfolgen wollen: „Ihr seid meine Freunde. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“[3]

Mich ermutigt das. Es spornt mich an, mit Gott über all die schlimmen Sachen zu sprechen. Ich feilsche mit Gott über Aleppo und Ankara, aber richtig warm wird mir, wenn ich über andere Sachen mit ihm verhandle, z.B. ob Sie nicht eine neue geistliche Erfahrung machen könnten; ob Jesus nicht ein erlösendes Wort in Ihre Situation sprechen will, und ob er Sie nicht doch ruft, ihm nachzufolgen. Erstens weiß ich, dass er nichts lieber täte als das, und zweitens weiß ich auch, dass Ihr Leben dann vom Kopf auf die Füße gestellt und es richtig interessant würde. Wie gesagt: Ich habe immer mit Zweifel zu kämpfen, aber ich bequatsche ihn gern, manchmal mit Erfolg. Das Beste wäre natürlich, wenn Sie nicht nur zuhören, wie man einem Märchenerzähler lauscht, sondern es selbst versuchen mit etwas, das Ihnen sehr am Herzen liegt. Montag vielleicht, oder heute Abend noch. Probieren geht über Studieren!

 


[1] Gott-nach-8-Abendgottesdienst „mit Bibel, Jazz und Ambiente“

[2] Ps 103,8

[3] Joh 15,7