Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 22,1-13

Pastorin Sigrid Falk (ev.-freik.)

02.04.2017 Gemeinde Hamburg Eimsbüttel

Der Predigttext wurde vor der Predigt aus der „Bibel in gerechter Sprache“ gelesen und wird in der Predigt zitiert.

Liebe Gemeinde.

Wie geht es euch mit dieser Geschichte von Abraham und Isaak? Ich nehme an, ihr habt sie schon vorher gehört. Doch sie ist anstößig. So etwas macht man nicht! Und so etwas darf auch von keinem Menschen gefordert werden, dass er seinen Sohn opfert, tötet, hingibt. Kinder werden beschützt, egal, wie alt sie sind. Kinder sollen von ihren Eltern nichts Böses zu befürchten haben. Gott erwartet nicht das Unmögliche von uns.

Dieser Text regt mich auf. Er gehört nicht zu meinen Lieblingstexten.

Die übliche Auslegung: Gehorsam und Glauben

Dieser Text heißt in der christlichen Tradition „Die Opferung Isaaks“ und weist auf das endgültige Opfer in Jesus hin.

In der jüdischen Tradition heißt sie „Die Bindung Isaaks“, wird am Neujahrsfest gelesen und darin die Verschonung betont.

Auch der Islam hat dieser Geschichte einen wichtigen Platz gegeben und begründet mit dieser Begebenheit das Opferfest, das an das Ersatzopfer für den Sohn erinnert.

Wir lesen diesen Text aus 1. Mose 22 mit der Vorgabe: „Gott prüft Abraham.“

Abraham, der schon einen langen Weg mit Gott gegangen ist, der schon so viel erlebt hat, soll sich einmal mehr bewähren. Vor langer Zeit ist er aus seiner Heimat weggezogen, weil Gott es ihm gesagt hat. In seinem Leben als Nomade hat er viel erlebt, auch sehr viel mit Gott. Gott hatte ihn geführt, ihn und seine Familie und seinen Besitz bewahrt. Gott hatte ihm Sieg in Auseinandersetzungen gegeben. Gott hatte ihm Segen versprochen und einen Bund mit ihm geschlossen.

Abraham glaubte Gott und vertraute auf Gott – immer wieder. Abraham wartete so lange vergeblich auf den Sohn, der den Segen Gottes weitertragen sollte. Als er schon lange nicht mehr damit gerechnet hatte, wurde seine schon alte Frau Sara schwanger und schenkte ihm diesen Sohn, Isaak. Natürlich wurde Isaak besonders geliebt. Er war ja der einzige Sohn.

Und dann sagt Gott: »Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den, den du liebst, den Isaak, und geh los in das Land Morija und führe ihn dort hinauf für ein °Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.«

Abraham glaubt Gott und ist gehorsam. Er nimmt seinen Sohn und geht zu dem Ort, den Gott ihm zeigt. Er ist bereit, Gott seine Gegenwart und seine Zukunft, seine Liebe und seine Hoffnung hinzugeben – das ist großer Gehorsam und besonderer Glaube. Das ist Gehorsam, der nicht nach dem Preis dafür fragt, nicht nach den Auswirkungen und nicht nach dem Sinn.

Kurz bevor Abraham dann seinen Sohn mit dem Messer tötet und sich damit selbst das Herz herausreißt, hält Gott ihn auf. Die Hingabe muss also doch nicht bis zum Letzten gehen, aber sie soll zu allem bereit sein. Und so, wie Abraham bereit war, seinen Sohn, sein Liebstes, sein Leben, seine Gegenwart und seine Zukunft zu geben, aufzugeben, hinzugeben, so macht es Gott viel später mit seinem einzigen, geliebten Sohn. Und in dieser Hingabe zeigt Gott seine Liebe und gibt Versöhnung.

Mir bleiben Fragen:

Braucht es bei Gott tatsächlich solche einen Gehorsam? Einen Gehorsam, der Gottes gute Spuren im Leben auslöscht? Braucht Gott Opfergaben? Muss vor Gott etwas vernichtet / hingegeben werden? Warum schweigt Abraham eigentlich – Gott gegenüber, seiner Frau gegenüber und seinem Sohn gegenüber? Kann diese Geschichte noch etwas anderes erzählen als Gehorsam, Glauben und Opferbereitschaft?

Ein Blick auf Abraham: der schweigende, der hörende, der gehorsame Abraham ist eine prägende Person in der Bibel.

Das, was ihn besonders macht, ist seine Beziehung zu Gott. Oder besser gesagt Gottes Beziehung zu ihm. Denn immer wieder spricht Gott Abraham an. Immer wieder sagt Gott Abraham, was er tun soll und immer wieder verspricht Gott Abraham, dem kinderlosen Nomaden, Segen in Form von Nachkommen und Landbesitz, also ein festes Zuhause für die Nachkommen.

Es werden Situationen berichtet, in denen Abraham scheinbar ohne weitere Fragen genau das tut, was Gott sagt. Und es gibt auch Berichte darüber, dass Abraham fragt, nachdenkt und mit Gott handelt – ein Beispiel ist das Ringen um die Städte Sodom und Gomorrha (1. Mose 18).

Doch jetzt zu dieser Geschichte: Gott sagt: »Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den, den du liebst, den Isaak, und geh los in das Land Morija und führe ihn dort hinauf für ein Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.«

Und Abraham? Er redet anscheinend mit niemand. Nicht mit Sara. Nicht mit Isaak. Obwohl es die beiden doch existentiell betrifft. Er bereitet sich auf einen langen Weg vor, nimmt den Sohn und die Burschen, die Knechte, mit und alles, was er braucht für ein Brandopfer, nur kein Opfertier. Auf dem Weg ist Schweigen. Uns wird zumindest von keiner Unterhaltung berichtet. Vor meinem inneren Auge entsteht eine lange, zähe Wanderung, auf der jeder für sich seinen mehr oder weniger düsteren Gedanken nachhängt.

Am dritten Tag sind sie so nah am Berg, dass Abraham nur noch mit dem Sohn, Isaak, und dem Nötigsten weiter geht. Isaak, ist schon groß. Er kann das Holz für ein anständiges Feuer tragen. Doch die Verantwortung, Messer und Feuer, übergibt der Vater ihm noch lange nicht. So gingen die beiden zusammen. Jetzt geht es bergauf. Die Last drückt und das Schweigen sicher auch. Was denkt sich Abraham? Wie weit ist sein Vertrauen und sein Gehorsam auf dieser letzten Etappe? Und warum spricht er nicht mit Isaak? Wenn er, der Vater, sich jetzt für den Sohn öffnet, dann kann er das nicht mehr tun, was er glaubt, tun zu müssen. Diese Aufgabe ist doch schon so viel zu schwer für einen Menschen. Warum schenkt Gott erst um dann zu entreißen – ja noch viel schlimmer – Abraham soll ja selbst den Sohn töten, so glaubt er. So gingen die beiden zusammen.

Es geht um Hingabe. Ja, Abraham ist ein Mensch, der sich Gott hingegeben hat. Von Gott hat er alles, was er hat. Und er ist bereit, alles wieder an Gott abzugeben. Für Abraham ist sein Glaube ganz praktisch. Er tut, was er erkannt hat. Damit ist er bis jetzt gut gefahren. Und für die Zukunft vertraut er auf Gott. Das können wir kritisch denkenden Menschen unserer Zeit nicht, oder? Ich kann so etwas nicht hinnehmen. Ich kann nicht so blind vertrauen oder so gehorchen. Ich frage nach, ich wäge ab, ich frage mich, ob das tatsächlich Gottes Stimme war. Denn so eine Aufforderung widerspricht allem, was ich von Gott kenne. Gott bewahrt Leben. Gott spielt nicht mit den Menschen. So zumindest lese ich die Bibel.

Abraham lebt eine Hingabe, die mir fremd ist. Und Abraham vertraut Gott bedingungslos. Abraham sieht sich ganz in Gottes Hand. Und so geht er diesen langen und schweren Weg mit scheinbar bösem Ausgang. Vielleicht überlegt er sich, wie sein Leben ohne den Sohn werden kann, wie er Sara sagen kann, was er hat tun müssen. Scheinbar ist alle Verheißung Gottes aufgegeben. Kein Sohn, kein Segen, keine Hoffnung für die Zukunft.

Das Opfer wird verhindert. Gott hat wieder mit ihm gesprochen.

Nun macht er sich auf, gemeinsam mit Isaak, seinem Sohn, seinem einzigen, den, den er liebt, und sie machen sich auf. So gingen die beiden zusammen den Berg hinunter und wieder ins Leben hinein.

Abraham hat etwas Neues erfahren: Gott ist so anders. Gott nimmt nicht einfach den geliebten Sohn weg, um seine Hingabe zu prüfen. Mit Gott zu gehen bleibt ein Wagnis, doch soll die Hingabe an Gott nicht zerstören, ihn nicht zerbrechen. „Beim nächsten Mal, wenn du mich rufst, Gott, mache ich das anders. Da höre ich anders hin. Da fülle ich nicht alle Lücken mit meiner Fantasie. Das nächste Mal rede ich mit denen, die es angeht.“ Vielleicht denkt er so.

Ein Blick auf Isaak:

Isaak ist zu dieser Zeit schon mindestens ein kräftiger Teenager. Er wird sehr geliebt, wie das lang erwartete Kind alter Eltern. Sie versuchen es so sehr richtig zu machen mit ihm. Er arbeitet mit bei allem, was es im Familienbetrieb zu tun gibt. Er wird vom Vater auf die kommenden Aufgaben vorbereitet. Und er lernt auch, wie Abraham Gott dient. Auf ihm ruhen alle Hoffnungen seiner Eltern. Er soll ihren Weg weiter gehen. Er soll ihrem Gott dienen. Er soll ihr Lebenswerk weiterführen. In ihm wird es Erinnerungen an sie geben. Er ist ihre Zukunft.

Ob er wohl ab und zu Rebellion gespürt hatte? Wahrscheinlich. Jetzt geht er mit seinem Vater einen langen Weg. „Mal wieder ein Opfer“ denkt er sich und hilft seinem schon wirklich alten Vater auf dem Weg. Der Vater ist schweigsam und erklärt diesmal nichts. Nichts soll er sich merken, nichts soll er auf eine ganz besondere Weise machen, nichts aus dieser Reise lernen. Diesmal ist es keine Übstunde für die Zukunft. Das ist ungewöhnlich.

Isaak geht den Weg seiner Eltern. Er vertraut auf den Gott seines Vaters. Er kennt die Vorschriften Gottes. Er weiß, wie sein Vater mit Gott lebt und will es auch so machen, denn Gott segnet und begleitet. Auch Isaak gibt sich hin. Seine Hingabe ist es, da weiter zu machen, wo sein Vater nicht mehr kann. Er will in der gleichen Hingabe wie sein Vater dem gleichen, dem ewigen Gott dienen.

Irgendwann auf dieser schweigsamen Wanderung fragt er endlich nach. Es war ihm schon die ganze Zeit merkwürdig vorgekommen, dass sie zu diesem Brandopfer nichts zum Verbrennen mitgenommen hatten. Sonst wurde ein besonderes Tier aus den großen Herden dafür ausgewählt. Und jetzt soll es dem Zufall überlassen werden?

Auf diesem Weg fängt für Isaak etwas Neues an. Er fragt kritisch nach: „Vater, was machen wir hier?“ Vielleicht macht er sich Sorgen: „Wird mein Vater langsam verwirrt?“ Er wird verändert von diesem Berg herabsteigen. Isaak lernt, dass Gott anders ist und anderes fordert, als Menschen denken – auch Menschen die Gott nahe sind. Und Isaak erschrickt über den Fanatismus seines Vaters, der ihn fesselt und auf den Altar legt und ihn opfern will.

Ob er gekämpft hat, der große Junge? Ob er sich dem Unausweichlichen und dem Willen Gottes hingegeben hat? Nach diesem Erlebnis ist er ein anderer. Er wird seinen Glauben anders leben als sein Vater es tat. Er wird Gott dienen, aber weniger spektakulär. Er hat ein pragmatisches Verhältnis zu Gott. Es gibt keine Geschichte, in der davon die Rede ist, dass Gott mit ihm selbst spricht. Doch er erfährt Gottes Segen und er gibt Gottes Segen weiter.

Seine Hingabe an Gott geht nicht so weit wie die seines Vaters Abraham. Und doch glaubt er und doch zeigt er seinen Söhnen, wie Gott angebetet wird. Und doch erzählt er die Geschichten von Gott und Gottes Handeln weiter.

Nach dieser Reise auf den Berg Morija fragt er häufiger seinen Vater, was Gott ihm gesagt hat. Er fragt mehr, wer Gott ist. Und er macht sich kein einfaches Bild von Gott, denn Gott hat sehr verborgene Seiten, die er nicht einschätzen kann.

Eine andere Auslegung als die Gewohnte:

Was kann ich also noch aus dieser Bibelgeschichte herauslesen? Was sagt sie noch, außer Gehorsam und Opfer? Sie zeigt, dass Gott etwas anderes möchte als Opfer. Menschen können Gott doch nichts geben, denn sie haben alles, was sie geben können, von ihm bekommen.

Ja, es stimmt doch: Hos 6,6 Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.

Gott möchte eine Hingabe des Herzens. Er fragt nach Hingabe, die Gott sucht und nicht den eigenen Vorteil. Liebe zu Gott und Menschen ohne den Gedanken an Lohn und eigenen Nutzen. Und Gott liebt es, wenn Menschen die Erkenntnis Gottes suchen, wenn sie zu Gott hin wachsen, wenn sie weiter fragen, suchen und denken.

Erkenntnis Gottes in der Sehnsucht danach, mehr zu entdecken von Gott, das ist das Ziel des Glaubens. Von Gott wissen, angerührt sein. Von Gott reden und nach Gottes Geboten handeln, das ist die Hingabe, die Gott will.

Ja, manchmal kostet es auch eine Menge und manchmal ist es wichtig, zu prüfen, was wichtig oder zu wichtig geworden ist in unserem Leben. Brandopfer und Opfer allgemein sollen eigentlich den Kontakt zu Gott herstellen. Erst durch ein Opfer gelingt es, zu Gott vorzudringen, glaubten die Menschen. Darum bringen Menschen Gott Opfer dar. Doch Gott begegnet Abraham auch ohne Opfer – Gott macht es Abraham erst möglich, Gott etwas zu bringen. Gott erwartet von Abraham nicht die Hingabe, von der Abraham dachte, dass sie nötig ist.

Gott begegnet uns und gibt uns seinen Sohn, der sich für Menschen hingibt, sich ganz und gar schenkt. Gottes Gnade braucht kein Opfer und keinen Beweis unserer Hingabe. Doch wir brauchen sie. Wir glauben auf andere Weise und sind nicht ganz sicher, dass es gut ist, mit Gott und uns. Wir können daran zweifeln, dass nichts mehr dazwischen kommen kann zwischen Mensch und Gott.

Menschen brauchen Opfer und Zeichen zur eigenen Versicherung: es ist besiegelt, amtlich, unveränderlich gut geworden. Jesus ist diese Hingabe – ganz und gar, damit wir leben und glauben können. Jesus ist Hingabe, damit wir von Gottes Gnade wissen. Jesus ist Hingabe, damit wir nicht immer wieder mit den Opfern anfangen.

Gott sprach zu Abraham : »Abraham!« Er sagte: »Hier bin ich.« 2 Er sprach: »Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den, den du liebst, den Isaak, und geh los in das Land Morija und führe ihn dort hinauf für ein °Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.« 6 Da nahm Abraham die Holzstücke des Brandopfers und gab sie seinem Sohn Isaak zu tragen, in seine Hand nahm er das Feuer und das Messer. So gingen die beiden zusammen. 7 Da sprach Isaak zu Abraham, seinem Vater, und sagte: »Mein Vater!« Der sagte: »Sieh mich an, mein Sohn.« Und der sprach: »Sieh da, das Feuer und die Holzstücke. Doch wo ist das Tier für ein Brandopfer?« 8 Da sprach Abraham: »Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ausgucken, mein Sohn.« So gingen die beiden zusammen. 13 Da hob Abraham seine Augen, schaute hin, und siehe: ein Widder, hinten, verfangen im Gestrüpp mit seinen Hörnern. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und ließ ihn als Brandopfer aufsteigen anstelle seines Sohnes.

Hingabe: das hat Gott vorgemacht. Jesus schont sich nicht für seine Menschen. Hingabe an Gott, das ist Liebe zu Gott und Menschen und Suche nach Gott, nach Gotteserkenntnis.

AMEN.