Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 22,1-13

Pastor Hans Kolthoff (ev.-freik.)

02.04.2017 Evang.-Freikirchliches Gemeindezentrum Karlsruhe

Liebe Gemeinde,

„die folgende Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet“ – so könnte man den Bibeltext überschreiben, den wir eben gelesen und gehört haben. Die Vorstellung ist auch für Erwachsene schwer erträglich. Was ist denn das für ein Vater, der bereit ist, seinen eigenen Sohn für seine persönlichen Überzeugungen zu opfern? Und was ist das für ein Gott, der so etwas von einem Menschen verlangt? Kann der denn alles von einem verlangen? Und darf der das?

Für das Volk Israel, das uns diese Begebenheit überliefert hat, ist das keine akademische Frage, ganz im Gegenteil. Dass Gott mit der einen Hand etwas gibt und es mit der anderen Hand wieder wegnimmt, ist bittere Erfahrung, Lebenserfahrung. Die ganze hebräische Bibel ist ja ein Zeugnis davon, dass man an diesem Gott Abrahams schier verzweifeln könnte. Nicht genug damit, dass ein uraltes Ehepaar Jahr um Jahr vergeblich auf den ersehnten Stammhalter warten muss, und dann ist er endlich, endlich da – und dann soll der „einzige Sohn, der Sohn den du lieb hast“, wie es hier heißt, wieder hergegeben werden? Was es heißt, einen Sohn zu verlieren, haben wir in dieser Woche hier in der Nordstadt erfahren, als eine Familie ihren 17jährigen vermisste und überall, auch an unsere Kirchentür, Suchanzeigen anklebte; glücklicherweise ist der Junge inzwischen wieder zu Hause. Aber was für eine Anfechtung! Gott versucht niemand, lesen wir im Jakobusbrief, aber der biblische Erzähler hier nimmt keinerlei Rücksicht darauf und spricht es unverblümt aus: „nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“ – und wir können nur hoffen, dass Gott uns vor solchen Situationen bewahrt, eines Tages das Liebste loslassen zu müssen. Da hülfe uns keine noch so fromme Erklärung oder der Hinweis, das alles sei ja nur eine Prüfung – da würde doch jeder sagen: nein danke, auf so eine Prüfung kann ich gerne verzichten! Nein, meine Kinder gebe ich nicht!

Und trotzdem hören wir bis zum heutigen Tag immer wieder erschütternde Geschichten von Eltern, die ihre eigenen Kinder irgendeinem Prinzip unterordnen. Ein Vater, so hörte ich vor kurzem im Radio, hatte seinen halbwüchsigen Sohn an den so genannten Islamischen Staat verloren. Er reiste ihm nach, bis er den armen Verirrten endlich nach vielen Abenteuern an der syrisch-türkischen Grenze wieder in die Arme schließen konnte. Gefragt, was ihn am meisten erschüttert hätte, erzählte er von einer anderen Familie, auch mit einem im syrischen Kriegsgebiet verlorenen Sohn, und ihrer zynischen Antwort auf die Frage, wie sie damit umgehen: soll er doch verrecken! Was ist denn das für ein Zynismus? Da reagiert ja sogar Jeftah, von dem die hebräische Bibel erzählt, noch nachvollziehbarer. Für einen Sieg gegen die Feinde legt er ein Gelübde ab, das, „was mir aus der Haustür entgegengeht, wenn ich zurückkomme“, als Brandopfer darzubringen; diesen Moment der Heimkehr erzählt die Bibel dann in der Gegenwartsform: „als nun Jeftah … zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus zu ihm …“ (Ri 11,34) Es zerreißt dem Vater das Herz, aber er kann sein Gelübde nicht widerrufen: „und er tat ihr, wie er gelobt hatte,“ endet die Erzählung tragisch, wenn auch mit dem Hinweis, dass seitdem „die Töchter Israels jährlich hingehen zu klagen …“ Kein Ruhmesblatt, dieses Opfer, sondern Anlass zur Klage. – Kleine Zwischenüberlegung: wie steht es um uns? Selbst wenn es in unseren Familien nicht um Leben und Tod geht, kommt es doch immer wieder mal vor, dass Eltern die eigenen Kinder abschreiben, weil sie ihre Überzeugungen nicht mehr teilen oder gegen unsere elterlichen Normen verstoßen.

Zurück zu Abraham und seiner Geschichte. Aufmerksame Bibelleser, insbesondere, wenn sie die Lutherbibel lesen, sind vielleicht schon einmal darüber gestolpert, dass der Name Gottes mal vorkommt und mal nicht. Im Deutschen erkennt man das daran, dass das Wort „Herr“ komplett großgeschrieben wird; hinter diesen vier Buchstaben steht der hebräische Name JHWH, mit dem Gott sein Geheimnis dem Mose mitteilt. Vermutlich lesen wir die beiden Begriffe „Gott“ und „Herr“ synonym, so wie wir ja auch in unseren eigenen Texten gleichbedeutende Begriffe austauschen, um uns nicht zu wiederholen. Für die Heilige Schrift jedoch handelt es sich um mehr als nur um eine sprachlich willkommene Abwechslung. Es ist schon ein Unterschied, ob ich ganz allgemein „Gott“ sagen (im Hebräischen Elohim) – oder ob ich seinen Namen, sein Geheimnis kenne. Viele (alle?) Menschen reden von Gott, aber fragt sie mal danach, was sie sich denn eigentlich darunter vorstellen. Der katholische Theologe Karl Rahner hat einmal ein wenig zugespitzt formuliert: „Gott sei Dank gibt es nicht, was 60 bis 80 Prozent sich unter Gott vorstellen“ – einen alten Mann mit einem langen Bart vielleicht, oder aber einen grausamen Despoten, der jeden noch so kleinen Ungehorsam bestraft. In der Tat: das Wort „Gott“ „ist das beladendste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden, “ schreibt Martin Buber. Kriege wurden (und werden) damit gerechtfertigt, eigene Interessen damit bemäntelt, Untaten damit entschuldigt. „Gott“ will es. „Gott“ versuchte Abraham, lesen wir hier, und der Erzvater hört diese Stimme, horcht nicht nur auf sie, sondern gehorcht ihr auch, ohne allerdings seinen Sohn ins Bild zu setzen. Drei endlos lange Tage braucht er, um an den Ort seiner Bestimmung zu kommen, zuerst noch begleitet von den Knechten, am Ende ganz allein mit seinem Sohn. Ein Gespräch, fast wie in Zeitlupe: „Mein Vater.“ „Hier bin ich, mein Sohn.“ „Wo ist das Schaf?“ „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ „Und gingen die beiden miteinander.“ Zweimal wird das gesagt. Miteinander auf einem letzten Weg, beide ergeben. Letzte Worte. Von Gott ist die Rede, von seinem unbegreiflichen Willen, dem niemand entkommt, nicht einmal das Kind der Verheißung. Gott will es. Verlangt das Liebste von uns. Trennt uns von denen, die uns am nächsten sind. Gott.

„Da rief ihn der Engel des Herrn“ – genau an dieser Stelle, an der Abraham mit dem Messer ausholt, ist auf einmal nicht mehr die Rede von Gott, sondern vom Herrn – wie gesagt, in der hebräischen Bibel finden wir den Namen, mit dem Gott dem Mose sein Geheimnis verrät. Im Buch Exodus wird dieses Geheimnis erklärt: „ich bin für dich da.“ Das Wort „Gott“ tritt – jedenfalls für einen Moment – in den Hintergrund, ein Engel, ein Bote tritt auf – in letzter Minute. Zu Beginn der Geschichte wird Abraham einmal gerufen; hier an ihrem Höhepunkt zweimal: Abraham, Abraham – wie um ihn zu schütteln. Was machst du da?! Nicht doch! „Lege deine Hand nicht an den Knaben“. Was dann jedoch folgt, klingt – jedenfalls im Deutschen – fast wie ein Lob der Entschlossenheit Abrahams, ganz offensichtlich selbst vor dem Äußersten nicht zurückzuschrecken: „denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“ Hier nun heißt es wieder „Gott“. Und wir fragen uns: braucht Gott denn so einen Treuebeweis? Und wusste er das nicht schon im Voraus?

Ich muss zugeben: für mich hat der Begriff „Gottesfurcht“ einen positiven Klang. Wer Gott fürchtet, fürchtet sich nicht so schnell vor anderen Mächten und Autoritäten. Insofern macht Gottesfurcht frei. Aber könnte es nicht gleichzeitig sein, dass es eine Gottesfurcht mit dem Akzent auf „Furcht“ gibt, die unfrei und ängstlich macht, immer auf der Hut vor negativen Folgen? Wenn ich dies oder das nicht tue, dann lande ich in der Hölle? Und wenn mir das oder ähnliches droht, dann spiele ich lieber mit, dann halte ich lieber den Mund, dann füge ich mich eben. Interessanterweise ist an dieser Stelle nicht die Rede von der „Furcht des Herrn“, sondern von Gottesfurcht. Könnte dieser Wechsel in der Begrifflichkeit vielleicht auf etwas ganz anderes hindeuten, als wir (ich auch!) üblicherweise in diesen Text hineingelesen haben? Ich frage ganz vorsichtig. Könnte vielleicht gemeint sein: „nun sehe ich, dass du so von Angst getrieben warst, dass du sogar bereit warst, deinen einzigen Sohn zu opfern“? Denn alles, was jetzt folgt, ist ja eigentlich keine Bestätigung dieses irrsinnigen Handelns, sondern eine handfeste Alternative: der Widder in der Hecke, die Namensgebung für den Ort „Der Herr (Ich-bin-für-dich-da) sieht“, die erneute Verheißung und der Eid des Herrn, aus eben diesem Isaak ein großes Volk zu machen, ihn zu mehren wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meer und durch eben diesen Sohn der Verheißung alle Völker der Erde zu segnen. Also Hände weg von Isaak – Gott braucht ihn noch!

Gott segnet Abraham und mit ihm (und trotz ihm) Isaak – obwohl der Vater seinem Sohn Unglaubliches aufbürdet, ja Todbringendes, setzt der Gott Abrahams seinen Segen durch nicht nur für die erste Generation, sondern auch für die zweite und alle nachfolgenden. Gottes Segen ist einfach stärker als alle unsere menschlichen Fehlleistungen und auch unsere vermeintlichen Guttaten. Und an Jesus sehen wir: selbst der vollstreckte Tod hält Gott nicht ab, seine Segenslinie durchzuziehen, diesen Segen für alle Völker, wie es hier heißt. Jetzt erst recht, könnte man sagen – trotz Ablehnung und Kreuz; jetzt erst recht und gerade so kommt der Segen Abrahams unter die Völker. Im Buch der Chronik heißt es: „Was du, Herr, segnest, das ist gesegnet – ewiglich.“ (I 17, 27) Auch das ist biblische Erfahrung – erprobt durch viele Stürme hindurch.

Amen