Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 22,1-13

Pfarrerin Christel E.A. Weber (ev.-luth.)

02.04.2017 Neustädter Marienkirche, Bielefeld

Einführung in Neustadt-Marien

Gnade sei mit euch und Friede vom dem, der ist und der war und der kommt.

Schwestern und Brüder,

 

wer sich über diese Geschichte nicht moralisch empört, der ist kein Mensch.

Wer angesichts dieser tickenden Uhr, mit der die Geschichte geradezu mechanisch voranschreitet, nicht innerlich aufschreit und sagt: „Halt! Das darf doch nicht wahr sein! Gott, das kannst Du doch nicht wollen!“, der hat kein Herz.

Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn, zu opfern, zu töten.

 

Diese Geschichte rüttelt und schüttelt an uns und stellt vieles in Frage:

  • Der Held, Abraham, der Stammvater der drei großen Religionen, ist kein Held. Wortkarg, nahezu kontaktlos, schickt er sich an, einen grausamen Befehl zu vollziehen. Er hinterfragt ihn nicht einmal.
  • Gott, der liebe Gott, ist nicht lieb. Und selbst wenn er am Ende durch einen Engel eingreift: Wem ist danach nicht der naive Kinderglauben vergangen?
  • Das Kind stellt die einzig vernünftige Frage: „Vater, hier ist Feuer und Holz. Wo ist das Schaf zum Brandopfer?“
  • Und die Mutter, Sara, fehlt. Schmerzlich. Wärst Du doch nur da, Sara…

 

So ziemlich alles gerät in dieser Geschichte ins Schlingern. Manchmal macht das Bibel so. Und dann will sie es. Dann will sie uns aus dem Gleichgewicht bringen, dann will sie uns beunruhigen. Und mit solch einer Geschichte starte ich hier meinen Dienst als Pfarrerin in Neustadt-Marien! Gut, dass ich sagen kann: Ich habe mir diesen Text nicht selbst ausgesucht! Das Lektionar war’s!

 

Wir entwickeln im Laufe unseres Lebens unsere Mechanismen, solche Beunruhigungen in Grenzen zu halten. Es fehlt deswegen auch nicht an Interpretationen, die sich aus dieser Beunruhigung möglichst schnell und elegant herauswinden wollen:

 

Eine z.B. sagt, das hier sei eine alte Geschichte, die die Abschaffung der Kinderopfer in der damaligen Zeit sichern solle. Also die Versuchung gehe also eigentlich von den Nachbarvölkern aus, die solche Kinderopfer möglicherweise noch praktizierten. Dann dokumentiere diese Geschichte also sozusagen den zivilisatorischen Fortschritt, die Überlegenheit der Religion Israels.

Als wir in Chicago in einer kleinen Arbeitsgruppe über schwierigen Texten in der Bibel sitzen und auf diese Interpretation zu sprechen kommen, lacht Heather, die Kollegin aus dem reichen Villenviertel in Baltimore, laut auf: „Zivilisatorischer Fortschritt“, sagt sie, „Dass ich nicht lache. Als ob danach keine Kinder mehr geopfert wurden. Und ich meine jetzt nicht nur die jungen Männer, die von Terrororganisationen zu lebendigen Waffen abgerichtet und im Namen Allahs geopfert werden. Ich meine die Leute um mich herum, die alle zwei Jahre um der Karriere willen umziehen, ihre Kinder von dauernd-wechselnden Nannies erziehen lassen und aus schlechtem Gewissen mit allem vollstopfen, was der technische Fortschritt so hergibt. Nein, so leicht ist es nicht, sich von Abraham zu distanzieren. Kinder werden immer noch geopfert, und Väter berufen sich dafür immer noch auf höhere Ziele.“

„Nicht zu vergessen die Söhne, die wir im Namen der westlichen Freiheit im Irak oder anderswo geopfert haben“, wirft David ein. Und ich denke: Ja, die Geschichte ist ein guter Anlass, mal wieder darüber nachzudenken, auf welchen Altären wir unsere Kinder opfern, aber mogeln wir uns damit nicht um die entscheidende, schwierige Tatsache herum: „Gott versuchte Abraham“? Der Auftrag, sein Kind zu opfern, entstammt doch nicht einer fixen Idee aus Abrahams Hirns. Es sind auch nicht die Nachbarvölker, die Abraham in Versuchung bringen. Gott gibt den Befehl. Er testet Abraham.

 

Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“ Und Abraham antwortete:„Hier bin ich!“

Und Gott sprach: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.“

 

Wir können die Beunruhigung nicht abschütteln: Hier ist Gott, der Abraham testet. Da ist Abraham, der nicht widerspricht, nicht einmal den leisesten Versuch macht. Und dort ist Isaak, ein Kind! Mein Gott, es ist doch ein Kind!

 

Chor: Sometimes I feel like a motherless child…

 

Im ersten Anflug würde ich mich von Abraham distanzieren. Aber es geht nicht. Das Opfern ist nicht vorbei. Und Abraham ist auch nicht eine biblische Randfigur, so dass ich sagen könnten: Der alte Abraham dort, ich hier. Abraham ist der Stammvater von drei Religionen, des Judentums, des Islams, und des Christentums. Ein Vater im Glauben, einen, der uns trägt wie eine von diesen über 700 Jahre alten Säulen der Marien-Kirche, jetzt auch meiner Kirche. Was von ihm erzählt wird, gehört zum tragenden Fundament unseres Glaubens. Wenn wir seine Geschichte wegnehmen, dann stürzt das Dach des Glaubens ein. In allen drei Religionen.

 

Das höchste islamische Fest, das Opferfest, geht auf genau diese Geschichte zurück! Es hebt den Gehorsam Abrahams hervor. So haben es mir die beiden jungen muslimischen Frauen, die bei mir wohnen, bestätigt. So soll eine gute Muslima, ein guter Muslim, leben, so wie Abraham: Sie sollen Gott über alles fürchten und ihm gehorchen. Denn Gott ist groß, und darf alles verlangen. Auch das Einzigste, das Liebste. Die Geschichte erzählt, so sagen die beiden, von bedingungsloser Hingabe an Gott.

 

Und obwohl ich in meiner Auslegung einen anderen Weg gehe, habe ich daran verstanden:

Es geht hier nicht um die Geschichte eines grausamen Vaters, der bereit ist, sein Kind zu opfern. Zu trennen zwischen der Individualität des Vaters und des Sohnes ist sowieso ein neuzeitlicher Gedanke. Abraham gibt mit Isaaks Leben sein eigenes Leben hin. Er opfert mit Isaaks Zukunft seine eigene Zukunft. Isaaks Tod wäre auch Abrahams Ende. Und damit unser aller Ende. Kein Stammvater mehr, kein Vater eines großen Volkes zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer, so hatte es Gott versprochen. Alles am Ende. Und wie kann auch ein Vater weiterleben, der seinen Sohn, sein Ein und Alles, tötet? Wie hätte er Sara, seiner Frau und Mutter des einzigen gemeinsamen Kindes, wieder unter die Augen treten können? Wie hätte sie weiterleben können?

In einer jüdischen Erzählung zu dieser Geschichte kommen die Knechte, die Abraham und Isaak ein Stück auf ihrem Weg begleitet haben, zu Sara nach Hause zurück. Sie erzählen ihr, was geschehen ist, dass ihr Mann ihren Sohn beinahe geopfert hätte. Und die kleine Geschichte erzählt, dass Sara auf der Stelle tot umfällt. Nur davon zu hören, bringt sie schon um!

 

Nein, als Abraham mit seinem Sohn Isaak loszieht, muss er wissen: Hier geht es um alles oder nichts. Hier kommen wir entweder alle heraus oder niemand.

Wenn wir uns also, Schwestern und Brüder, mit unserem Glaubensvater auf den Weg machen, weil uns nichts anderes übrig bleibt, weil man dieser Geschichte nicht wie von ferne zuschauen kann, dann dämmert uns diese erste Erkenntnis: Hier kommen wir entweder alle heraus oder niemand. Hier geht es um alles oder nichts. Sich auf diesen aberwitzigen, zu diesem und manch anderem Zeitpunkt völlig unverständlichen Gott einzulassen, ist kein Freizeitvergnügen. Wir werden von diesem Gott ergriffen mit Haut und Haaren, mit allem, was uns lieb, wert und teuer ist, mit unserer ganzen Existenz als Mensch und Mitmensch. Was das bedeutet, was glauben, was diese Hingabe bedeutet - ich kann nicht sagen, dass ich das schon ganz verstanden hätte. Man versteht es wahrscheinlich sowieso nur im Tun, im Gehen. Auch deswegen brauchen wir diese Geschichte, um uns genau daran zu erinnern -  und deswegen brauchen wir auch das Evangelium, das wir eben gehört haben von den Jüngern, die mit ihrem beträchtlichen religiösen Selbstbewusstsein oben sitzen wollen oder wie ich hier oben stehen und von Jesus dann einen anderen Platz zugewiesen bekommen: Da unten! Nicht herrschen. Sondern dienen. Nicht Menschen den Kopf waschen, sondern die Füße. Aber auch das ist nichts, was ich schon ein für allemal verstanden hätte. Auch das verstehen wir wahrscheinlich nur im Tun, im Gehen und im Wagnis des Handelns. Und ich wünsche mir, liebe Schwestern und Brüder, dass wir das zusammen lernen, als Gemeinde, was das heißt, wie das geht, Menschen zu dienen, ihnen die Füße zu waschen statt den Kopf  - und gerade damit die Welt zu verändern. Wir können das nur zusammen lernen, Jesus nachfolgen. Weil wir in unserem Glauben immer schon aneinander verwiesen sind. Weil wir niemals glauben können, ohne nicht automatisch, stante pede, den Mitmenschen in den Blick zu nehmen.

 

Und so kann auch Abraham nicht seinen Sohn opfern und hoffen, dass er dabei heile herauskommt. So können wir nicht einen Teil der Welt opfern und hoffen, dass wir unbeschädigt bleiben. Wir können in der Nachfolge Gottes nicht einen einzigen Menschen opfern und denken, dass wir dabei mit heiler Haut heraus kommen. Das ist der ganze rote Faden dieser Weltfamiliengeschichte um Abraham, Sara, Isaak, Rebecca, Jakob, Esau, Joseph und seinen Brüdern im 1. Buch Mose: Über all den Verwerfungen, Betrügereien, Trennungen, Verletzungen und Versöhnungen steht: Es geht nur zusammen. Hier kommen wir entweder alle heraus oder niemand. Darum können wir uns ja auch als Gemeinde nicht an uns selbst genügen, nicht unter uns bleiben im Kreis Gleichgesinnter, Gleichgebildeter und dabei unbeschädigt bleiben. 

 

Nicht einmal Gott kann opfern und glauben, mit heiler Haut davonzukommen. Auch Gott kommt da nur mit uns zusammen heraus. Auch Gott kann nicht einfach zuschauen. Auch Gott nimmt Schaden, wenn einer seiner Menschen Schaden nimmt. Als er sein Volk Israel in die Verbannung schickt, ins Exil nach Babylon (und das war eine ganz andere Geschichte, weil es da um Schuld ging) da brachte er sich selbst um sein Zuhause, da machte er sich selbst wohnungslos, da war Gott selbst verlassen, mutterseelenallein…

 

Chor: Sometimes I feel like a motherless child

 

Der erste Mensch in der Bibel, der weint, ist Hagar, die Sklavin Abrahams. Der erste aber überhaupt, der in der Bibel weint, ist Gott. Ob Abraham insgeheim darauf setzt? Ob er insgeheim darauf setzt, dass auch für Gott etwas auf dem Spiel steht? Seine Verheißung, seine Versprechen, seine Glaubwürdigkeit? Ob Abraham sich an diesem dünnen Faden festhält?

 

Mit Abraham machen wir uns auf den Weg ins Land Morija. Der Name Morija ist zweideutig, wie fast alles in der Geschichte: Das „Land des Fürchtens“ kann es heißen, aber auch das „Land des Sehens“. Und tatsächlich haben wir, wenn wir mit Abraham losgehen, nicht die leiseste Ahnung, wie die ganze Geschichte ausgeht: ob wir uns am Ende fürchten oder ob wir klarer sehen.

 

Was für ein Kontrast das ist zum Kapitel vorher. Und ich muss noch mal kurz zurückspringen. Was leicht unterschlagen wird, was Gott in seinem Befehl selbst unterschlägt ist ja, dass Abraham mehr als einen Sohn hat. Mit Hagar, seiner Sklavin, hat einen Sohn, Ismael. Das ist sein Erstgeborener. Und weil Sara Ismael als Konkurrent zu ihrem Sohn Isaak ansieht, muss Abraham ihn mitsamt seiner Mutter fortschicken. Ein weiterer schrecklicher Teil der Weltfamilien-Geschichte. Allerdings sagt ihm Gott dort: „Keine Angst, Abraham. Schick die ruhig weg. Ich werde auch den Sohn deiner Sklavin zu einem großen Volk machen. Mach Dir keine Sorgen. Die Geschichte geht gut aus.“ Mit so einem Wort im Ohr lässt sich ja vieles ertragen. Was gäben wir Eltern manchmal für diese Worte: „Lass die Kinder ruhig. Ich pass schon auf! Aus dem wird noch was. Mit der hab ich noch viel vor!“ Super! Mit so einem Wort ihm Ohr stehe ich doch ganz anders auf der Türschwelle, wenn die Kinder sich mal gerade wieder in die Weltgeschichte verabschieden und in irgendein Abenteuer stürzen, von dem wir lieber nicht genau wissen, was da passiert. Was könnten wir auch in anderen vernebelten Situationen unserer Weltfamiliengeschichte für Zuversicht ausstrahlen: Gott ja gesagt: Die Geschichte geht gut aus! Was sehne ich mich manches Mal nach so einem Wort wie Abraham es hier bekommt! Gott, was würden so viele Menschen in der Welt darum geben!

Aber uns geht es eher wie Hagar, der Mutter, der Sklavin, die diese beruhigenden Worte Gottes nicht gehört hat, und Abraham hat sie ihr gemeinerweise nicht weitergegeben. Und nun irrt sie im Kapitel vor unserer Beinahe-Opferungs-Geschichte in der Wüste umher, verzweifelt. Und wieder geht es um ein Kind, das gewissermaßen höheren Interessen geopfert werden soll. Hagar legt ihren Jungen unter einen Strauch und spricht die Worte, die wir ja eigentlich von Abraham in unserer Geschichte erwarten und erhoffen: „Ich kann das Sterben meines Jungen nicht mit ansehen.“ Und dann setzt sie sich in Bogenschuss-Weite, so heißt es, und erhebt die Stimme und weint.

 

So, Umweg vorbei! Es braucht diesen kleinen Umweg, um besser zu verstehen, was in unserer Abraham-Isaak-Geschichte passiert: Abraham muss jetzt die gleiche Erfahrung machen wie Hagar, der Vater muss die gleiche Erfahrung machen wie die Mutter, der Herr muss die gleiche Erfahrung machen wie die Sklavin: Unser Vater im Glauben soll sich genauso wenig wie die Brüder im Evangelium rühmen können, oben zu sitzen, exklusive Offenbarungen zu empfangen, immer genau wissen, wo es lang geht. Erst hier, finde ich, wird Abraham wirklich unser Glaubensvater, in seinem ganzen Nicht-Wissen:

 

Chor: Sometimes I feel like a motherless child…

Den größten Teil des Weges in das Land des Fürchtens oder Sehens schweigt er. Er weint nicht. Sein Enkelsohn, Jakob, wird später einmal mit Gott ringen am Fluss Jabbok, eine ganze Nacht lang, und wird Gott den Segen abringen, ohne den er nicht weitergehen kann. Aber Abraham wehrt sich nicht. Vielleicht ist er von dem Befehl Gottes traumatisiert. Möglich ist das. Verständlich allemal. Die Geschichte stellt mehr Fragen als sie beantwortet. Und das will sie offenbar auch.

Aber vielleicht, vielleicht hält sich Abraham fest an dem dünnen Faden, der Gottes Mitgefühl heißt. Vielleicht wird dieses „Vielleicht“ in seinem Kopf zum Strohhalm, an dem er sich festhält. Hatte Gott nicht am Ende Hagar und ihren Sohn in der Wüste gefunden? Hatte er nicht Hagars Tränenbäche gesehen und daraus einen Wasserbrunnen geformt? Hatte Gott nicht selbst geweint über die Bosheit der Menschen? Würde er sich dann nicht auch seiner Kinder Abraham und Isaak erbarmen? Und selbst wenn ER den Befehl zur Opferung gegeben hat, kann er ihn nicht zurücknehmen? Kann es Gott nicht auch gereuen? Er ist doch kein unbeweglicher Holzklotz, keine eiserne Statue sondern ein lebendiger Gott!

Und da waren doch auch die Engel, die Sara und ihn einst besuchten hatten und ihnen im hohen Alter einen Sohn ankündigten, und hatten sie nicht auf Saras schallendes Gelächter hin gesagt: „Aber sollte Gott etwas unmöglich sein?“ Könnte er jetzt nicht noch einmal das Unmögliche tun? Vielleicht tut er es ja. Vielleicht!

Und vielleicht ist es dann ja doch keine vermeintlich-barmherzige Lüge an ein vermeintlich-unverständiges Kind sondern es liegt ein Hauch von Überzeugung in dem einzigen Satz, den Abraham auf dem Weg an seinen kleinen Sohn richtet. Vielleicht steckt in diesem Satz tatsächlich eine irre, wackelige, wahnwitzige Hoffnung: „Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer ersehen.“ Und dann soll Abraham erst recht unser Glaubensvater sein, und uns diese irre, manchmal belächelte Hoffnung ins Stammbuch schreiben: „Gott wird – in dieser Welt ersehen, erhören, erretten.“

 

Und vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, macht die Geschichte dann ja das Schweigen auf dem Weg auch so laut, damit wir reden, wir, seine Gemeinde. Vielleicht gibt es diese so beunruhigende Geschichte ja gerade deswegen, damit wir uns beunruhigen, damit wir aus unserer Bequemlichkeit aufstehen, damit wir Gott nicht einen guten Mann sein lassen, damit wir ihm Fragen stellen und damit wir in die vielen Leerstellen der Geschichte hineinspringen. Unsere Stimme erheben. Tun, was unsere Glaubensmutter, Hagar, und was Jakob uns vorgemacht haben. Damit wir das Schweigen brechen. Damit wir mit Hagar weinen „Ich kann das Sterben des Knaben nicht mit ansehen“ und das Herz Gottes erweichen. Damit wir Jakob sind und mit Gott ringen, kämpfen: „Wir lassen dich nicht los, bis du uns segnest.“ Damit wir das Schweigen der Lämmer dieser Erde brechen, aber auch Gottes Schweigen brechen. Auch er schweigt ja den langen Weg vom Befehl bis zum Opferplatz.

“Harre auf Gott“, ruft es aus dem Wochenpsalm, den wir nachher noch vom Chor gesungen hören: „Harren“, das heißt dranbleiben, uns festbeißen an Gott wie ein Terrier am Hosenbein und nicht locker lassen, bis Gott endlich seinen Engel schickt und uns unser grausames Handwerk legt: „Lege deine Hand nicht an den Jungen und tu ihm nichts!“ Bis Gott sich endlich selbst in das Rad wirft. Harren, uns an ihm festbeißen, bis er seine Verheißungen von der einen geeinten Weltfamilie wahrmacht. Vielleicht hätten wir dann den Test bestanden. Sie erinnern sich doch noch an den Anfang der Geschichte? Gott testete Abraham. Was würden Sie sagen: Hat er den Test bestanden? Ich kann das nicht so genau sagen. Aber dass wir, seine Gemeinde, den Test bestehen, darum geht’s. Dass wir mit dem lebendigen, dann eben auch manchmal widersprüchlichen und unverständlichen Gott rechnen und uns nicht mit einem dauergrinsend-unbeweglichen, zahnlos-glatten Langeweiler mit Bart begnügen, der weder in Bielefeld noch anderswo irgendeinen hinter dem Ofen hervorlockt. Um diesen Test geht’s, finde ich. Dass wir mit dem lebendigen Gott ringen und leidenschaftlich bleiben und nicht locker lassen. Dass wir uns und ihm die Fragen nicht ersparen. Und dass wir vor Gott eintreten für seine Welt und ihn an seine Verheißungen erinnern, immer wieder: „Du hast doch gesagt, Gott. Also mach auch. Also ersehe, erhöre, errette, wie du verheißen hast.“ Um diesen Test geht’s, finde ich. Darum, ob es uns noch juckt, was Gott mit den mutterlosen Kindern der Erde zu schaffen hat…

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.