Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-19

Pfarrer Peter Berner

05.03.2017 Evangelische Stadtkirche Sigmaringen

Genesis 3   "Der Sündenfall"

                              

Liebe Gemeinde,

 

Marita malt ihr Leben. Was für ein Bild!  Sie malt eine große Wiese voller bunter Blumen. Daraus ragt ein großer, roter Arm heraus, der auf ein Herz am Himmel zeigt. Er gleicht einem großen Bogen, der sich bis zum Himmel spannt. Aber mitten am Himmel bricht er plötzlich ab.

 

Ich sehe ihr Bild. Und ich denke: Was für eine frohe, unbeschwerte Kindheit.   

Dann aber erschrecke ich: Was ist da so hart abgebrochen?

 

Marita erzählt von ihrem Vater. Er hatte sie lieb.

Und an seiner Hand entdeckte sie die Welt der Blumen und viele andere schöne Welten. Bei ihm war sie geborgen. Aber eines Tages kam er nicht mehr.

Er ging weg von der Mutter und weg von Marita.

Er ging zu einer anderen Frau.

Und Mutter sagte, er sei ein ganz Böser, und er solle

ja nie wiederkommen. Und Marita sagte das auch. Denn sie verstand Mutter. Aber heimlich wünschte sie ganz dringend, dass er doch wiederkäme. Denn sie hatte ihn immer noch lieb. Nur dass er weggegangen war, war furchtbar.

 

Das ist die Geschichte von Marita. Sie ist eine moderne Version der Geschichte von Adam und Eva. Die Geschichte eines Bruches. Es gibt zig-tausende solcher Brüche, und jeder hat schon einen erlebt.
Diese Geschichten  haben alle den Titel:

„Jenseits von Eden“.

 

Eden ist der Name des Paradieses. Und das Leben im Paradies ist Leben im blühenden Garten,

ist vollkommene Harmonie:  Harmonie mit Gott, Harmonie unter den Menschen, Harmonie mit der Natur. Aber in diese Harmonie kommt der Bruch,

und alles ist anders. Jetzt spielt alles jenseits

von Eden.

Die ganze Welt und unser Leben – eine Geschichte voller Brüche.

 

Die Geschichte der Marita ist solch ein gebrochenes Leben. Sie zeigt, dass es in unserer Welt  das Paradies nicht gibt.

 

Sie zeigt aber auch, dass das Paradies trotz allem

in uns lebt. Es blüht auf in unseren Träumen und zeigt sich in dem, wonach wir uns sehnen.

Aber die Realität ist anders. Sie spielt jenseits von Eden.

 

Die Bibel erzählt uns in Genesis 3 die Geschichte

des Bruches in eigenwilliger Form. Sie verlegt sie an den Anfang der Welt und zu den ersten Menschen.

Das berichtet sie einer großartigen Erzählung.

Es ist die Urgeschichte der Menschheit.

 

Dabei geht es aber nicht nur um die ersten Menschen, sondern um die Menschheit schlechthin, es geht immer auch um uns, es geht um Marita und um dich und mich. Alle menschliche Geschichte spielt immer schon jenseits von Eden und ist eine Geschichte voller Brüche. Und so wird es auch bleiben, solange es Menschen gibt.

 

Der Bruch kommt durch die Schlange.

Wie kommt die Schlange ins Paradies, von dem Gott doch gesagt hatte: "Und siehe, es war sehr gut"?  Darüber sagt die Bibel nichts. Die Schlange ist einfach da. Auch das Wort "Sünde" kommt in unserer Geschichte nicht vor. Obwohl sie immer schon den Titel trägt: "Der Sündenfall".  Die Sünde ereignet sich erst im nächsten Kapitel, dann, wenn Kain seinen Bruder Abel tot schlägt.

 

Ich verstehe unsere Erzählung auch anders als die traditionelle Auslegung: Nicht als Geschichte des Sündenfalls, sondern durchaus positiv. Sie ist die eigentliche Geburtsgeschichte des Menschen.

Sie erzählt von den Menschen in der diesseitigen Welt. Sie berichtet, wie sie kämpfen müssen, um darin zurecht zu kommen. Sie berichtet über ihre Chancen und über ihr Versagen.

 

Ich sage: Die diesseitigen Menschen. 

Das sind nicht Adam und Eva. Sie sind die paradiesischen Menschen. Sie leben in  vollkommener Harmonie und Unbeschwertheit.

Danach sehnen wir uns zwar alle.

Aber in unserer Welt gibt es das nicht.

 

Ich möchte es Ihnen am Beispiel der Nacktheit erklären. Adam und Eva waren im Paradies nackt

und schämten sich nicht.  Erst jetzt, wo sie vom Apfel gegessen hatten, heißt es:

"Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze."

Jetzt schämen sie sich. Das ist der Bruch.

 

Aber ich sage: Das muss sein. Sonst sind sie keine richtigen Menschen. Denn jetzt erst geht ihnen auf, dass sie Mann und Frau sind, dass sie verschiedene Geschlechter haben. Jetzt erst kommt es zu einer spannungsvollen Beziehung zwischen ihnen. Jetzt erst entwickeln sie Gefühle zu einander, Liebe, Zuneigung, und auch Erotik. Jetzt erst kommt es aber auch zu Zank und Hass und Trennungen. Denn jetzt erst wissen sie um Gut und Böse.

 

Ja, das Wissen um Gut und Böse ist für uns Menschen grundlegend. Denn wir können und sollen uns für das Gute entscheiden. Und wir tun es ja auch oft. –

Aber leider nicht oft genug.

Denn viel zu oft entscheiden wir uns für das Böse. Grundsätzlich wichtig ist aber, dass wir uns entscheiden können, dass wir um Gut und Böse wissen, dass wir ein Gewissen haben.

 

Und wie das alles zu uns Menschen kam, das erzählt unsere Geschichte  in Genesis 3.

Die Geburtsgeschichte des diesseitigen Menschen.

 

Ich denke, Gott selber wollte seine Menschen nicht im paradiesischen Zustand von Adam und Eva belassen, sondern wollte sie mit Erkenntnis und Gewissen ausstatten. So hat es Gott gewollt. Und so gefällt es ihm.

 

Wenn ich an Adam und Eva im Paradies denke,

dann fällt mir die Geschichte von dem Münchner

im Himmel ein, dem Alois, diese Satire von Ludwig Thoma, über die Sie bestimmt auch schon gelacht haben.  

Der Alois stirbt und kommt in den Himmel. Und Petrus weist ihn an, sich auf eine Wolke zu setzen und Halleluja  zu singen. Und das tut er auch. Aber mit der Zeit wird ihm die Singerei langweilig, und als sie ihm auch nur Manna zu trinken geben, kriegt er die Wut und schreit im Himmel so herum, dass sie ihn wieder zurück auf die Erde schicken, nach München, wo er als erstes das  Hofbräuhaus ansteuert und dort sein langersehntes Bier bekommt, und dort dann aber auch versackt. Dabei vergisst er, den Brief abzugeben,

den sie ihm vom Himmel für die Staatsregierung mitgaben. Deshalb warten sie in Bayern bis heute auf die göttliche Eingebung.

 

Hinter den Scherzen dieser Geschichte steckt ein kluger Gedanke. Er besagt: Unser Menschsein erfüllt sich nicht in paradiesischer Harmonie, sondern es braucht Spannungen. Es lebt von Zielen, die wir zu erreichen suchen, von Hindernissen, die wir überwinden müssen, von Gelingen und Scheitern.

Das ist kein Mangel. Das ist keine Sünde. Das gehört zum Menschsein in dieser Welt und macht es groß.

 

Noch einmal:  Das Paradies ist der Zustand vollkommener Harmonie.  Wir Menschen brauchen Harmonie, und wenn wir sie nicht haben, sehnen wir uns danach. Aber eine  ewige, gleichbleibende Harmonie ist kein richtiges Leben. Sie ist Langeweile pur.

Wir Menschen brauchen den Bruch. Denn wir wollen aus dem Bruch ja auch wieder herauskommen. Wir brauchen den Kampf. Und Kraft zum Kämpfen hat Gott den Menschen gegeben. Es ist eine seiner guten Gaben.

 

Unsere menschliche Tragik ist, dass wir in dieser Welt

viel zu oft den Bruch vertiefen, statt heilen,

dass wir kämpfen, um zu zerstören, anstatt auf

zu bauen. Das ist die Kehrseite.  Aber grundsätzlich

hat Gott den Bruch gegeben und uns die Kraft geschenkt, zu kämpfen. Das ist grundlegend,

um Mensch zu sein.

 

Die Geschichte in Genesis 3 ist eine unglaublich gute Erzählung. In vielen kleinen Szenen schildert sie, wie der Bruch in die Welt kommt und die Menschen zum Kämpfen anstachelt.

 

Da ist der Kampf gegen Gott. Er entzündet sich am Apfel.

Gott hatte dem Menschen gesagt: "Du darfst essen von allen Bäumen im Garten."  Ja, die Menschen schwimmen im Überfluss der reichen Gaben der Natur. Nur diesen einen Apfel sollten sie nicht anrühren. Damit setzt ihnen Gott eine Grenze. So wie menschliches Leben immer an Grenzen stößt. Das fordert sie zum Kampf heraus. Eigentlich völlig unnötig. Aber mit dem Apfelverbot war schon die Lunte des  Misstrauens gezündet:  Gott gönnt mir nichts, er will mich kurz halten, er will mein Unglück.

 

Gott fordert den Menschen heraus. Und dieser fängt an zu kämpfen.

Warum begnügen wir uns nicht mit dem Reichtum seiner Geschenke?  Wann werden wir endlich dankbar!

 

Der nächste Kampf tobt auf dem Feld der Arbeit.

Die Arbeit in der Natur, im Haus, im Beruf könnte für uns Menschen das wunderbare Geschenk sein, unsere Zeit in Gewissenhaftigkeit und Verantwortung aus zu füllen. Aber wir überbieten uns ständig und rackern uns im Schweiße unseres Angesichtes an allem ab und reiben uns in unersättlicher Gier darin auf.

 

Dann der Kampf gegen den Tod. Der Tod ist nicht mehr das natürliche Ableben, das der Mensch gottergeben hinnimmt. Sondern er wird zum Fluch, zum Feind, gegen den wir mit aller Energie ankämpfen, sei es, dass wir ihn verdrängen,

sei es, dass wir ihn hinausschieben.

 

Unser menschliches Leben ist Kampf. Es spielt  jenseits von Eden. Unser aller Leben. Und Marita hat es auf schlimme Weise erfahren müssen. Sie muss jetzt kämpfen gegen ihre Enttäuschungen und Schmerzen. Sie kämpft um ihre Liebe. Der Bruch ist hinein gekommen und macht alles, was gut sein kann, auch böse.

 

Jenseits von Eden. Die Vertreibung aus dem Paradies erzählt die Bibel mit eindrücklichen Worten. Es gibt kein Zurück.

 

Aber es gibt etwas anderes. Gott, der uns Menschen das Paradies verschlossen hat, ist selber auch nicht darin geblieben, sondern ist mit hinausgegangen.

Dort draußen hat er sie  beschützt, zum Beispiel dadurch, dass er ihnen schützende Kleider anfertigte.

Das wichtigste aber ist, dass er selber mit hinausging, hinaus in die Wüste, hinaus in die Brüche des Lebens. Er ist, auch wenn sich die Menschen vor ihm verstecken, ihr Freund geblieben. Er ist bei ihnen in ihrer Not, in ihren Ängsten, in ihren Kämpfen,

ja, er geht mit ihnen bis in den Tod.

 

 

Die Geschichte der Menschen mit Gott heißt Bruch.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen heißt -  

Jesus Christus. Und mit Jesus Christus hat sie begonnen, wieder ein Stück Paradies zu sein.

 

Amen.