Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-19

Vikar Philipp Stoltz (ev.-luth.)

05.03.2017 Jubilatekirche Waldperlach

MENSCH, WO BIST DU?!

„Mensch, wo bist Du?!“ – Gott ruft noch. Adam kann ihn ganz genau hören, auch wenn es ihm lieber wäre, er würde ihn nicht hören. Er hält den Atem an und presst sich ganz fest an den Baum, hinter dem er sich versteckt hat. Seine Haare stellen sich auf und er zittert am ganzen Körper. Ist das der kühle Abendwind im Garten, der ihn so frösteln lässt? Oder ist es die Aufregung?

Adam muss wieder Luft holen. Am liebsten wäre er jetzt weit weg, irgendwo anders, nur nicht in der eigenen Haut. Nur nicht in diesem Garten, der ihm gar nicht mehr vorkommt wie ein Paradies, sondern nur noch wie ein Versteck, in dem er sich verkriechen muss. Er weiß nicht mehr, wo er mit sich selbst hin soll. Er schämt sich.

„Mensch, wo bist Du?!“ Adam hört, wie Gott ihn ruft. Doch er hört auch, wie sein Herz klopft. Er kann ihn genau spüren, seinen Puls, hier gleich hinterm Ohr. Es ist eine Mischung aus Aufregung und Wut. Wieso hat er nur auf die Schlange gehört? Verflucht sei diese Ausgeburt des Bösen! War es nicht sie, die Eva und ihn dazu angestiftet hatte? Adam ballt seine Faust. Und doch ist ihm klar, dass er selbst es war, der den Apfel schließlich gegessen hat. Er hat die Grenze überschritten. Er muss jetzt auch die Folgen tragen. Adams Faust zittert. Er hat Angst, vor dem was jetzt geschieht.

„Mensch, wo bist Du?!“ Gott läuft durch den Garten und sucht ihn. Doch so kann Adam ihm doch nicht gegenübertreten, nach dem was er getan hat! Er schämt sich:

Adam schmeckt den Apfel noch in seinem Mund, der Geschmack klebt ganz hinten, im Gaumen. Er versucht den Geschmack herunter zu schlucken, aber es ist so als wäre da doch etwas, das nicht hinunter geht. Und an seinen Lippen klebt noch der Apfelsaft. Er wischt sich mit seiner Hand über den Mund und jetzt ist es auch noch an seiner Hand! Er ekelt sich vor dem Apfel und er ekelt sich vor sich selbst. Adam schämt sich. Er schämt sich nackt zu sein, er schämt sich, dass er sich hinter diesem Baum versteckt. Und er schämt sich, dass er noch diesen Geschmack von Apfel auf den Lippen hat.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Welt ist weiß Gott kein Paradies, sie ist voller Staub und Schweiß. Und sie ist voller Scham, diesem Gefühl, das Adam hatte, als er sich vor Gott versteckte. Scham hält Adam davon ab zu sagen: „Ich bin’s.“ Denn es ist wohl leichter, sich verschämt hinter einem Baum zu verkriechen, wenn der Ruf Gottes durch die Welt hallt. Anstatt dem Ruf zu antworten und sich der Frage Gottes zu stellen:

„Mensch, wo bist du?!“ Am Freitag hat ein polnischer Abgeordneter im Europa-Parlament gesagt, dass Frauen weniger verdienen sollten als Männer: Weil sie kleiner, schwächer und weniger intelligent seien. Und er steht damit in einer Tradition, die sich über Generationen hinweg auf diesen Bibeltext hier berufen hat. Schämt er sich denn nicht?!

„Mensch, wo bist du?!“ Vergangene Woche hat mir Herr Patzak erzählt, dass in unserer Partnergemeinde in Sadja die vielen Aids-Weisen bis vor kurzem nicht einmal einen Stift hatten, um in der Schule mitzuschreiben. Ich schäme mich.

„Mensch, wo bist du?!“ Letztes Jahr sind über 5000 Menschen im Mittelmeer ertrunken, als sie vor diesen Zuständen in Afrika fliehen wollten. Und in Europa echauffiert man sich über die Mauer von Donald Trump. Es ist beschämend.

„Mensch, wo bist du?!“ Wahrscheinlich könnte ich noch viele Sätze in dieser Art aussprechen, wahrscheinlich auch einige über mich selbst. Ich höre Gott rufen und ich frage mich: Wo ist der Mensch? Der Mensch antwortet nicht auf den Ruf, er versteckt sich zwischen den Bäumen – und auf seinen Lippen klebt der Geschmack von Apfel.

 

Dieses Verstecken beginnt mit Adam. Im Paradies, das eigentlich schon gar kein Paradies mehr ist, sondern nur noch ein Versteck. Adam kauert hinter einem Baum. Er schmeckt den Apfel in seinem Mund. Und er schämt sich. Wo ist Gott? Gott läuft in der Kühle des Abendwindes durch den Paradiesgarten und sucht seinen Menschen.

 

„Mensch, wo bist du?“ – „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Ist dies das Ende der Geschichte? Ist es das, was vom Paradies bleibt? Scham – und der Geschmack von Apfel auf unseren Lippen? Nein! Es ist erst der Anfang von der Geschichte Gottes mit dem Menschen. Gott sucht den Menschen weiter. Und er hört nicht auf ihn zu rufen. Gott entdeckt den Menschen. Und er geht zu den Menschen hin. Er wird selbst einer von ihnen.

Viele Jahrtausende später saß eines Abends ein Mensch in einem Garten. Der kühle Abendwind säuselte ruhig durch die Bäume. Doch da dröhnten auch die Schritte von Soldaten. Sie suchten ihn. Und als die Soldaten zu dem Mensch kamen, da fragte er: „Wen sucht ihr?“ Die Soldaten sprachen: „Wir suchen Jesus von Nazareth!“ Und er antwortete: „Ich bin’s.“

Dieser Mensch hatte nicht den Geschmack von Apfel auf seinen Lippen. Der Geschmack auf seinen Lippen war der Geschmack von Trauben.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Passionszeit hat begonnen. Wir machen uns mit Jesus von Nazareth auf den Weg in den Garten, in dem er sich von den Soldaten finden ließ. Weil Gott nie aufgehört hat, den Menschen zu suchen. Wir feiern das Abendmahl, damit wir uns nicht mehr vor ihm schämen und verstecken müssen. Wir feiern es, damit wir sagen können „Ich bin‘s“, wenn er ruft: „Mensch, wo bist du?!“ Denn der Geschmack, den wir auf unseren Lippen haben, ist nicht der Geschmack von Äpfeln, sondern der Geschmack von Trauben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Im Anschluss an die Predigt  wird das Abendmahl gefeiert.