Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-24

Pfarrer Uwe Teichmann (ev.)

05.03.2017 Dorfkirche Alt-Buckow Berlin

„Eva sah, dass von dem Baum mitten im Garten gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm und aß...“

Der Mensch will, soll und darf klug werden, das gehört zu seinem Leben.

Nele war zwei Jahre alt, stand neben ihrer Mutter am Herd. Sie sagte pass auf, die Herdplatte ist heiß, fasse da nicht drauf. Als sie den Topf runter nahm, um das Wasser von den Kartoffeln abzugießen, patsch war Neles Hand auf der Herdplatte. Sie schrie vor Schmerzen, ihre Mutter ließ den Topf fallen und nahm Nele in den Arm, schnell wurde die kleine Hand gekühlt, die Tränen getrocknet, die Hand verbunden. Es bildeten sich Brandblasen. Nele schluchzte im Arm ihrer Mutter und schlief langsam über ihren Schmerzen ein, sie fühlte sich geborgen, sie spürte die streichelnde Hand ihrer Mutter in ihrem Gesicht.

Zum klug werden gehört das Ausprobieren, Erfahrungen machen, gute wie schlechte.

Möglicherweise hätte eine andere Mutter im Schreck Nele angeschrien: habe ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen, das hast du jetzt davon. Das wird noch lange weh tun, dass wirst du nicht vergessen. Und Nele wäre mit verbundener Hand schluchzend in ihrem Zimmer verschwunden und hätte sich vom Leben bestraft gefühlt.

Derselbe Vorgang. Nur unterschiedlich beschrieben. Einmal fühlt ein Mensch sich vollkommen behütet und einmal eher bestraft.

Unser Bibelwort ist überschrieben mit dem Wort Sündenfall und es hat, bedingt durch seine bedeutungsvolle Erzählung, eine fatale Wirkung für die Menschheitsgeschichte. Statt einer Geschichte des Lebens wurde es zu einer Geschichte der Bestrafung: Das hast du jetzt davon, du Mensch, deine Taten lösen eine Kette schlimmer Folgen aus.

Der Mensch will, soll und darf klug werden, das gehört zu seinem Leben. Das Leben ist nur ein wahres und freies Leben, wenn es die Wahl hat. Der Mensch als ein von Gott gewolltes freies Gegenüber ist keine Marionette.

Ich möchte deswegen diese Geschichte für unser Nachdenken aus einer anderen Perspektiven erzählen.

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn als Mann und als Frau. Und so ließ er den Menschen entstehen, ließ ihn klüger und schöpferischer werden als die Tiere, umgab sein Leben mit den Grenzen von Raum und Zeit.

Er ließ ihn lernen, dass sein Leben Gefährdungen ausgesetzt ist, das alles was er tut, im Guten wie im Bösen, Folgen für ihn hat. Er ließ ihn verstehen, dass er um des Lebens willen gewisse Grenzen nicht über-schreiten soll. Zugleich entfachte er in ihm eine schöpferische Neu-gier, ein Streben und Suchen über sich hinaus. Da war der Nervenkitzel und Reiz in ihm sich auszuprobieren, klug zu werden. Nur so konnte sich der Mensch entwickeln, die Welt um sich herum erobern. Er spürte die Nähe Gottes, er vergaß sie, er suchte sie wieder.

Er durchlebte die Härte des Lebens, den Kampf ums Überleben, die Geburtsschmerzen, die Scham voreinander und die Scham vor Gott. Er entdeckte sein Gewissen.

Die ständige Wahl zwischen Gut und Böse ist Teil unseres Lebens, - seit alters her wie man sieht. Es macht unsere Freiheit aus und ist zugleich ein Pulverfass voller Gefahren. Sind wir deshalb darin verloren?
Gott ruft: Adam, wo bist du? 10 Sek. Pause

So ruft er jedem von uns zu.

Der Mensch horcht auf und schnell beginnt das Spiel des Versteckens in uns, die Angst vor Gott. Ich mache andere für meine Schuld verantwortlich.

Es ist der Ruf der Liebe, ein Zeichen dafür, nicht an das Leben und seine Gefahren verloren zu sein, nicht einem blinden Schicksal der Verstrickung in Schuld anheim zu fallen. Ich bin nicht nur mir selbst überlassen, bin nicht dem Bösen in mir und um mich herum allein ausgeliefert.

Gott ruft den Menschen: Wo bist du? Komm aus deinem Versteck, lass die Verkrampfung los, das Leben hat dich hart gemacht, hör auf zu kämpfen, du gehörst zu mir. Ich decke deine Blöße zu, damit du frei von Scham leben kannst.

Und Gott machte Adam und Eva Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Damit gab er ihnen eine ganz andere Startposition ins Leben.

Von diesem Satz her habe ich mir erlaubt, die Geschichte anders zu erzählen. Nicht als eine Geschichte der Bestrafung sondern der Behütung.    

Alles, was in unserem Bibelwort beschrieben wird, ist genau das, was wir in unserem Leben vorfinden. Ich zähle es zur Erinnerung auf:
Die ständige Wahl zwischen Gut und Böse. Die Versuchung, dem Bösen zu erliegen, die Gebote zu übertreten. Der Drang schöpferisch über sich hinaus zu wachsen, klug zu werden, alles zu erforschen. Die Scham voreinander. Die Angst und Scham vor der eigenen Schuld und vor Gott. Der Ruf Gottes: Wo bist du - ich mag ihn hören oder wegdrängen. Das Wegschieben der Schuld auf andere. Das Glück und die Schmerzen der Geburt. Die Mühe um den Acker, der manchmal nur Disteln und Dornen trägt. Ja, wir sind nicht im Paradies, uns sind – Gott sei Dank – Grenzen von Raum und Zeit gesetzt.

Damit beschreibt unser Bibelwort das Leben, erzählt die Gegebenheiten des Lebens, über die sich zu allen Zeiten Menschen den Kopf zerbrechen. Warum ist es so und nicht anders und wo kommt das her? Das Böse und das Schuldigwerden ist in der Welt, egal ob wir es uns in einem Symbol wie der Schlange vor-stellen, oder es als Teil des Lebens zur Kenntnis nehmen.

Diese Beschreibung des Lebens wird uns am Beispiel eines Menschenpaares zu Beginn der Menschheitsgeschichte verdeutlicht.
Ich möchte diese alte Erzählung, in der einmal Erklärungsmuster für die Gegebenheiten des Lebens versucht wurden, in der Perspektive der Liebe Gottes zu sehen.
Aber das ist schwer. Eben weil diese Erzählung eine fatale Wirkung in unserem Menschheitsgedächtnis hinterlassen hat. Es ist, vereinfacht gesagt, die Botschaft von der ewigen Schuld. Du bist nicht im Paradies, weil du Gott ungehorsam bist, du musst Sterben als Folge deiner Schuld.
Was wurde aus dieser Erzählung alles herausgelesen und zur Fessel des Lebens gemacht. Selbst die gute Gabe der Sexualität wurde weit-gehend verdorben, denn dadurch wird ja nach Meinung mancher die Sünde weitergegeben von einer Generation zu anderen. Also bitte Sex nur zur Zeugung.
Da könnte man nur noch den Kopf in den Sand stecken, und sich fragen, hat der Schöpfer sich mit dem Menschen so geirrt.

Doch dann ist dieser Satz, der  alles überstrahlt:
Gott machte Adam und Eva Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

Behütung, Bewahrung, Schutz, er hat uns nicht verdammt. Er hat uns – wie Adam und Eva - weiter ins Leben entlassen, ohne von ihrer Seite zu weichen.                                                                                                              ( Hier finde ich wieder, was ich in meinem Leben von Jesus verstanden habe. In Jesus geht Gott selbst mit auf den Straßen des Menschen, in der ständigen Qual, dem Ringen zwischen dem Guten und dem Bösen, wo so oft auch das Gute enttäuscht wird. Jesus selbst durchlebt die Verstrickung des Menschen in Versuchung und Schuld, so erzählt es uns heute das Evangelium von der Versuchung Jesu.)

Versuchung und Schuld sind Teil des Lebens, keine impulsive Handlung in der Menschheitsgeschichte. Wir wissen, wie schnell aus einer Unwahrheit ein ganzer Rattenschwanz von Lügen wird. Wir kennen das Seufzen: Ach könnte ich es doch ungeschehen machen. Wäre ich dem nur enthoben. Das müsste das Paradies sein. Aber was ist das Paradies ohne Freiheit.

Adam, wo bist du? Dieser Ruf lässt mich aufhorchen, Vertrauen finden, ruhig werden. Verständnis finden für meine Schuld. Der Weg nach vorne öffnet sich.

Ich spüre und ahne, Gottes Geschichte mit uns ist viel größer als nur diese negative Deutung dieses Bibelwortes. Selbst wenn sie Recht hätte und meine Geschichte nur ein Traum ist, will ich mich doch lieber  in die erbarmenden Arme Gottes werfen, als irgendeiner Ideologie der Schuld und der Schlechtigkeit zu verfallen.
Wie gut für uns, dass Gott die Geschichte seiner Schöpfung weiter geschrieben hat.
So zeigt uns das Leben Jesu ein anderes Bild von Gott. Es ist trotz all der Schuld und Grausamkeit, die der Mensch zu verantworten hat, nicht der Weg in den Abgrund. Es ist der Weg der Liebe. Wir können es nicht erfassen, nur immer wieder hören, hören, hören. Mit der Hoffnung zu begreifen.

Der Mensch will, soll und darf klug werden, das gehört zu seinem Leben. Zum klug werden gehört das Ausprobieren, Erfahrungen machen, gute und schlechte.

Nele schluchzte im Arm ihrer Mutter und schlief langsam über ihren Schmerzen ein, sie fühlte sich geborgen, sie spürte die streichelnde Hand ihrer Mutter in ihrem Gesicht. Ist es nicht schön und tröstlich, dass auch wir uns in Gottes Armen geborgen wissen können?
Wie in der Vorstellung, dass Gott Adam und Eva Röcke von Fellen machte und sie ihnen anzog, um sie zu schützen.

So will ich an die Gnade glauben. AMEN

Predigtlied: 455,1-3 Morgenlicht leuchtet...“