Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 50, 15-21

Rebekka Havemann, Prädikantin i. A.

09.07.2017 Johanneskirche, Greifswald

Ich suche meine Brüder


Die Welt ist zweigeteilt. Und zwar in Menschen, die, wenn sie ein neues Buch anfangen, als erstes die letzte Seite lesen, um zu wissen, wie es ausgeht. Und dann gibt es Menschen, die das zutiefst verabscheuen und fuchsteufelswild werden, wenn ihnen jemand die Spannung klaut und das Ende vorzeitig verrät.


Wenn Sie zur 2. Sorte Mensch gehören, müssen Sie einfach aushalten, dass wir es in unserem Predigttext heute nur mit dem Ende eines Buches und dem Ende einer sehr langen Geschichte zu tun haben.


Die Hauptpersonen dieser spannenden Erzählung sind 12 Brüder, die als Viehhirten in einem fernen Land leben. Und was braucht eine Geschichte, um eine richtige Geschichte zu sein?
Einen Konflikt!


Konflikte gibt es in dieser großen Familie zuhauf. Und das hat v.a. mit dem Vater zu tun, der einen Sohn den anderen vorzieht und das auch noch offen sagt und zeigt. Da sind Neid, Streit und Eifersucht bis hin zum Hass vorprogrammiert.


Und so kommt es, wie es kommen muss: eines Tages, als Vaters Liebling 17 Jahre alt ist, wird er vom Vater losgeschickt, um seine älteren Brüder zu besuchen, die die Tiere in einer weit entfernten Gegend hüten, und dem Vater Bericht zu erstatten, was die so treiben. Angetan mit seinem bunten Rock zieht er los und als er lange suchend umher irrt, wird er von einem Fremden gefragt, was er hier in der Gegend treibe. Joseph sagt: Ich suche meine Brüder.


Sie kennen die Geschichte: Die Brüder sind nicht gerade erfreut über den Besuch, sondern überwältigen Joseph, werfen ihn in einen Brunnen, um ihn bei erstbester Gelegenheit an eine Karawane zu verkaufen, die nach Ägypten zieht. So, diesen Störenfried sind sie los, nun wird das Leben besser werden, oder?


Die Geschichte im 1.Buch Mose wendet sich dann ganz Joseph zu und erzählt, wie der erst als Sklave ins Haus eines hohen ägyptischen Beamten kommt, dann unschuldig ins Gefängnis, und später, weil er die Träume des Königs von Ägypten deuten konnte, zum mächtigsten Mann Ägyptens wird und das Land vor einer Hungersnot bewahrt.


Die Brüder haben unterdessen gemerkt, dass das Leben nicht wirklich besser geworden war. Der Vater ist in eine tiefe Depression gefallen und sie müssen seitdem mit einer Lüge leben: Sie hatten ihrem Vater nämlich erzählt, ein wildes Tier habe Joseph zerrissen. Und als jetzt noch eine schreckliche Hungersnot den ganzen Landstrich heimsucht, ist es mit dem

schönen Leben endgültig vorbei. In ihrer Not ziehen sie nach 2x Ägypten, um Getreide zu kaufen.


Erst beim 2.Mal gibt Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen. Die Freude ist groß - na ja, das wissen wir eigentlich gar nicht so genau - jedenfalls ist sie laut. Und Joseph trägt ihnen auf, ihren alten Vater und ihre Frauen und Kinder nach Ägypten zu holen und hier zu leben, bis die Hungersnot vorbei ist.


Nun lebt diese Großfamilie schon lange in Ägypten und grade ist Vater Jakob gestorben.

Da setzt unser Predigttext ein: Ich lese aus 1.Mose 50, 15-21


15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.

18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.


Drei Dinge fallen mir an diesem Bibeltext auf: nämlich die Angst, der Hunger und die Verheißung


1. Die Angst

Die Brüder fürchten Josephs Rache. Sie wussten, dass diese Situation irgendwann eintreten würde und ich vermute mal, dass die Angst nicht erst mit dem Tod des Vaters an die Tür klopfte. Mit einer Lüge zu leben, erzeugt Angst, dass es herauskommt. In der Geschäftigkeit des Alltags kann man solch eine Angst sicher für eine Weile ausblenden, aber im Unbewussten rumort sie beständig. Als Joseph dann sozusagen von den Toten „aufersteht“, kommt die Wahrheit ans Licht. Es wird nichts davon berichtet, wie der Vater reagiert, als die Brüder gezwungenermaßen ihre Lüge offenlegen. Vielleicht hat die Freude über Josephs Überleben alles andere beiseite geschoben. Das war sicher erleichternd für die Brüder, aber noch keine Versöhnung.


17 Jahre ist das nun her, 17 Jahre sitzt ihnen die Angst vor der Macht des wiederentdeckten Bruders schon im Nacken. 17 Jahre war Joseph übrigens alt, als sie ihn in die Sklaverei verkauften.


Ich habe erfahren: Angst ist keine Aussage, sondern sie stellt immer eine Frage, die beantwortet werden will.

Die Frage der zweiten „17 Angst-Jahre“ ist klar – wird Joseph sich rächen?

Und die frühere Angst aus ihrer Kindheit und Jugend - ist die auch so offensichtlich? Am Anfang der Josephsgeschichte heißt es nur: Israel (das ist ein anderer Name für Jakob) aber hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, und machte ihm einen bunten Rock. Als nun seine Brüder sahen, dass ihn ihr Vater lieber hatte als alle seine Brüder, wurden sie ihm feind und konnten ihm kein freundliches Wort sagen.


Neid ist es, was hier an den Brüdern frisst, Neid und Eifersucht. Doch dahinter verbirgt sich eine große Angst: die Angst zu kurz zu kommen.

Welche Frage stellt diese Angst? Vielleicht: Kriege ich genug Liebe? Wird mein Liebeshunger, mein Lebenshunger auch gestillt?


2. Der Hunger

Das bringt mich zum 2. Punkt, zum Hunger. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es in der Josephsgeschichte sehr viel um Essen und um Hunger geht?

Es ist ja die Hungersnot, die die Brüder nach Ägypten treibt, um dort Getreide zu kaufen.

Joseph ist dort der Herr über die Getreidevorräte.

Und erinnern Sie sich an die Träume, die Joseph als junger Mann hatte? Ihm träumte, er würde mit seinen Brüdern Garben binden, seine Garbe stand aufrecht in der Mitte, während die anderen Garben sich verneigten.

Garben, Getreide – da geht es um äußeren Hunger.


Aber es gibt auch einen inneren Hunger.

Den der Brüder hatten wir vorhin schon benannt: Kriege ich genug Liebe vom Vater? Werde ich von ihm gesehen? Bin ich wichtig?

Und Joseph: kann es sein, dass dieser verwöhnte Schnösel auch einen inneren Hunger verspürt? Ich denke ja: In Kapitel 37 sagt er zu einem Fremden: Ich suche meine Brüder.


Liebesentzug, wie ihn die Brüder vom Vater spüren, tut sehr weh und ist grausam, aber mindestens genauso grausam und verunsichernd ist der Entzug von Zugehörigkeit.

Joseph sucht seine Brüder, will einer von ihnen sein und genau das verweigern sie ihm.


So haben sie in dieser Geschichte eigentlich alle Hunger und dieser Hunger ist mit den Jahren bestimmt nicht weniger geworden. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass alle längst erwachsen und selbst Väter geworden sind.


Kennen Sie das auch, mit einem inneren Hunger zu leben, vielleicht schon sehr lange? Unter Umständen haben wir uns an dieses Gefühl schon so gewöhnt, dass wir es kaum noch wahrnehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, so ein Gefühl zu überspielen, zu bagatellisieren, lächerlich zu machen oder einfach nicht wahrzunehmen, denn wir haben ja soviel anderes zu tun. Aber es ist da. Immer, wenn eine Sucht im Spiel ist, deutet das auf einen ungestillten Hunger hin, da wird es offensichtlich.


Aber wo kriegen wir unseren Lebenshunger gestillt? Und: darf ich ihn überhaupt haben? Ist es nicht peinlich, als erwachsener Mensch mir nicht selber helfen zu können?


Wir Menschen sind Mangelwesen, so hat uns Gott gemacht. Wir sind darauf angewiesen, von außen Essen und Trinken, Zugehörigkeit, Liebe, Annahme und vieles mehr zu erhalten. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder, täglich. Vieles können wir uns selber nehmen, aber das, was wirklich wichtig ist, kann ich mir nur schenken lassen.

Aber wie geht es dann weiter? Wie geht es für Joseph und seine Brüder weiter?


3. Verheißung

Also: Vater Jakob ist tot. Die Brüder schicken einen Boten zu Joseph, um ihn im Namen des Vaters um Vergebung zu bitten. Und Joseph weinte, als sie solches zu ihm sagten.

Warum weint Joseph? Weil er angerührt ist? Weil er denkt, dass das eine plumpe Lüge war? Wir wissen es nicht.


Dann kommen seine Brüder selbst, fallen vor ihm nieder und sprechen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Joseph reagiert prompt. Knechte und Sklaven hat er mehr als genug, was er dringend braucht, sind Brüder. Darum sagt er: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?


Das endlich ist die richtige Richtung!

Eine neue Perspektive kommt in dieses jahrelange Wirrwarr der verschiedenen Gefühle, Erwartungen und Schuld auf allen Seiten hinein, und das ist Gottes Perspektive.


Schuld vergeben, das kann allein Gott, damit wäre sogar der allmächtige Joseph überfordert.

Merken Sie: der Traum, den Joseph als Teenager hatte, erfüllt sich in dem Augenblick, als seine Brüder vor ihm auf die Knie fallen.

Ein Triumph für Joseph, dass er recht hatte? - Aber: Wer wird satt davon, dass er recht hat?


Nein, die Verheißung reicht viel weiter: Joseph steht in der weltlichen Hierarchie ganz oben, das stimmt. Aber das ist äußerlich und dazu gedacht, den äußeren Hunger vieler Menschen zu stillen und ihr Überleben zu sichern.


Die Verheißung, an der nicht nur der Frieden der 12 Brüder hängt, besteht darin, dass sie sich endlich als Brüder erkennen.

In Psalm 133 heißt es: Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheißt der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit.

Die Verheißung lebt davon, dass Gottes Perspektive ins Spiel kommt.


Wie wird Gott hier charakterisiert?

Joseph sagt: Er gedachte, es gut zu machen. Das ist Gottes Bestreben von Anfang an: es gut machen, einen Raum schaffen, in dem Leben möglich ist, und nicht nur Überleben, sondern Leben in Fülle. Für alle.


Heißt das jetzt: Gott ist im Spiel und alles ist gut? Die Schuld, der Verrat, der Mangel – einfach weg und egal?

Nein, sicher nicht. Ob hier noch echte Versöhnung und Aussprache geschieht, wird nicht berichtet und wie das weitere Zusammenleben aussieht, auch nicht.

Aber jetzt erst sind die Voraussetzungen gegeben, dass das Leben für die einzelnen und als große Familie überhaupt möglich wird, dass der Hunger gestillt und die Angst entmachtet werden kann, weil Gottes Perspektive im Spiel ist.


Gott hat immer die Möglichkeit, es gut zu machen, egal wie verworren die Dinge im Hier und Jetzt aussehen.

Dafür braucht er Menschen, schreibt Dietrich Bonhoeffer, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Und weiter schreibt er: Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.


Es gibt eine größere Perspektive, einen tieferen Sinn hinter den scheinbar zufälligen und oft schuldhaften Begebenheiten, in denen wir leben. Wenn wir mitten drin sind, können wir das selten erkennen, oft erst im Nachhinein erahnen. Doch schon der Gedanke, dass es ihn gibt, dass ein freundlicher Gott unser Leben mit all seinem Reichtum und seinem Mangel in seiner guten Hand hält, kann uns befrieden und uns dann fähig machen, konkrete nächste Schritte zu gehen, die der Versöhnung zum Beispiel.


Dass wir Bruder oder Schwester unter vielen Brüdern und Schwestern sind, hier in dieser Gemeinde, ist Verheißung auch über unserem Leben. „...denn da verheißt Gott Segen und Leben...“. Segen und Leben für unsere Johannesgemeinde und darüber hinaus für Greifswald, sogar für die Welt, in der Angst und Hunger so vielen Menschen das Leben schwer machen.


Und der freundliche Gott, der es gut machen will und kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.