Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 50,15-21

Vikarin Sophie Leisering (ev.-luth.)

09.07.2017 Friedenskirche in Kisdorf

Liebe Gemeinde,

Nie wieder! Nie wieder würde sie ein Wort mit ihr reden. Nie wieder mit ihr spielen. Nie wieder ein Bild für sie malen. Nie wieder etwas von ihren Süßigkeiten abgeben. Nie wieder morgens zusammen mit ihr zum Bus laufen. Ihr nie wieder ein Geheimnis anvertrauen und vor allem: Ihr nie wieder ihre Puppe ausleihen. Nie wieder! Wütend saß Anna auf den rotbraunen Stufen vor dem Haus. Tränen der Wut liefen über ihre Wangen. Hastig versuchte sie sie mit dem Ärmel ihrer Strickjacke abzuwischen. Vergrub das Gesicht wieder in den Ellenbogen. Das würde sie ihr nie, nie, nie verzeihen. Auch wenn sie manchmal gemein zu ihrer Schwester war, so etwas hätte sie nie getan! Vorsichtig hob sie den Blick. Da lag sie. Ihre Puppe. Mit dem hellblauen Kleidchen, den braunen Augen, den langen Wimpern. Die langen blonden Strähnen lagen bei Lisa im Kinderzimmer. Starr standen die übrig gebliebenen Stoppeln vom Kopf ab. Nie wieder.

 

Lange schaute Levi der Karawane nach. Nur noch ganz klein sah er die Kaufleute am Horizont. Irgendwo dort zwischen ihnen musste Josef laufen. Sein Bruder. Der Liebling seines Vaters. Immer wieder hatte er vor ihnen mit seinen tollen Träumen angegeben. Geprahlt, dass sie ihm alle einmal dienen würden. Sie? Jetzt musste er selbst bei den Kaufleuten der Diener sein! Kurz hatte Levi ja gedacht, dass es keine gute Idee war, ihn in den Brunnen zu werfen. Kurz hatte er überlegt, ob er seine Brüder davon abhalten sollte, Josef zu verkaufen. Aber dann hatte er doch mitgemacht. Sauer stieg das schlechte Gewissen in ihm auf. Gern wäre er jetzt hinterhergelaufen. Hätte das Geld zurückgegeben. Doch dann wäre Josef sicher mit der Geschichte zum Vater gelaufen. Nein. Sollte er doch sehen, wie er zurechtkam. Allein stand er da. Sie waren verschwunden. Josef würde er nicht wiedersehen. Nie wieder.

 

Nein, ausgeschlossen.

Keinesfalls.

Keine Sekunde und keinen Augenblick.

Zu keinem Zeitpunkt.

Nimmermehr.

Niemals.

Kein Zurück mehr.

Nie im Leben.

 

Manchmal erscheint das Leben unendlich lang. Das Wort NIE viel zu kurz für die Wut und die Verletzung. Die Schuld der anderen so groß, dass ich meine eigene gar nicht sehe.

 

Bis der Tod ins Leben kommt.

 

(Predigttext)

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Thomas starrte auf die Zeitung. Noch einmal las er den Namen, der dort unten neben dem Bild eines schwarzen Kreuzes mit Rose stand. Sie hatten es ihm nicht gesagt. Ihn nicht angerufen. Nur diese Anzeige. Seine Schwester und sein Bruder. Beide standen sie mit ihren Familien unter dem Namen seiner Mutter. Luden jeden zur Beerdigung ein. Sechs Jahre war ihr letzter Kontakt her. Da hatten sie, auf die Einladung hin, kurze Grußkarten zu seinem 50. Geburtstag geschickt - bei seinem Bruder war ein Schein drin gewesen. Wann war er das letzte Mal bei seiner Mutter im Heim? Ostern musste es gewesen sein. Noch immer sah er sie vor sich, dort auf dem bunten Sofa in ihrem kleinen Zimmer. Irgendwie war er an dem Tag froh gewesen, dass er keinen der beiden dort getroffen hatte. Dass die alten Wunden nicht wieder aufgerissen wurden. Und jetzt das. Trauer. Wut überfiel ihn. Zugleich Sehnsucht, über die gemeinsame Kindheit zu sprechen. Ob sie ihm noch immer böse waren? Ob seine Schwester wieder geheiratet hatte, nachdem er weggegangen war? Ob er seinen Bruder anrufen sollte? Er könnte sich aufregen. Oder weinen. Oder er könnte zur Beerdigung gehen. Mit ihnen sprechen.

Aufeinander zugehen.

Sich umarmen.

Miteinander reden.

Die Last des anderen tragen.

Schuld bekennen.

Vergeben.

Miteinander neu beginnen.

 

Der Tod verändert alles.

Er verdeutlicht die eigene Endlichkeit.

Er bringt zum Nachdenken über Vergangenes – über Schuld und Vergebung – über das Wort NIE.

Er drängt zur Eile, wo zuvor unendlich Zeit schien.

Er schiebt eine unüberwindbare Wand zwischen uns und die Verstorbenen.

Er beendet Beziehungen.

Er ermöglicht Versöhnung, wo Streit schwelte.

Er ist das Ende und kann doch zugleich Neuanfang bewirken.

Aus einem toten Ast brechen im Frühjahr Knospen hervor.

Beziehungen ordnen sich neu, wenn ein geliebter Mensch von uns geht.

Gott versöhnt sich mit uns im Tod - schließt im Sterben seines Sohnes am Kreuz einen neuen Bund mit uns.

Ende und Neuanfang.

Tod und Auferstehung.

Streit und Versöhnung.

 

Amen.