Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 50,15-21

Vikarin Josephine Teske (ev.-luth.)

09.07.2017 Auferstehungskirche, Büdelsdorf

Liebe Gemeinde,

 

Nun stehen sie also wieder vor ihm, in Ägypten. Sie mussten den Vater begraben, trauern. Und sind dennoch von einem ganz anderen Gefühl erfüllt. Eng stehen sie beieinander. Wie ihre Schafsherde. Suchen sie Schutz? Brauchen sie Schutz? Sie beugen ihre Köpfe vor Joseph. Nur einer nicht. Es ist Benjamin, der Jüngste von ihnen. Er steht etwas am Rand. Beobachtet die Situation. Er sieht alles. Sieht sie an. Jeden einzelnen Muskel, in den angespannten Armen und Beinen der Brüder. Die vor Furcht zusammengebissenen Kiefer.

Benjamin hat keine Furcht aber mulmig zumute ist ihm schon. Er weiß nicht, worum es in diesem Streit geht. Und er spürt: etwas in ihrem Miteinander stimmt ganz und gar nicht. Schon lange hat er die kleinen, feinen Risse gespürt, die sich durch ihre Familie gezogen haben.  Das etwas geschehen sein musste. Aber er hat es nicht angesprochen, so wie seine Schwestern und Brüder. Und der Vater. Stillschweigend gab es so etwas wie eine Vereinbarung zwischen ihnen: nicht darüber reden. Als wäre dann alles gut!

Und er sieht Joseph. Seinen Bruder. Der vor ihnen sitzt. Von dem er nichts wusste. Der ihm lange fremd war. Er sieht seine wachen Augen, das sanfte Gesicht.

Was wird passieren? Haben sie nicht schon vor langer Zeit einander in die Arme genommen? War das nicht die Versöhnung zwischen den verstrittenen Brüdern? Wozu die Angst, Joseph könnte ein anderes Gesicht zeigen? Er, Benjamin, versteht es nicht. Mit ihm als Jüngsten reden sie nicht. Das macht ihn wütend. Es ist doch auch sein Leben, seine Geschichte.

 

Vertraut darauf: Gott schreibt auf krummen Linien gerade.

 

Nun stehen sie also wieder vor ihm, in Ägypten. Sie mussten den Vater begraben, trauern. Und sind dennoch von einem ganz anderen Gefühl erfüllt. Eng stehen sie beieinander. Wie ihre Schafsherde. Suchen sie Schutz? Brauchen sie Schutz? Sie beugen ihre Köpfe vor Joseph.

Und der Älteste unter ihnen, Ruben, denkt fieberhaft nach. In den letzten Wochen haben sie alle viel Zeit miteinander verbracht. Auch mit Joseph, dem Lieblingssohn des Vaters. Den sie vor langer Zeit so gedemütigt hatten, verkauft und aus der Familie ausgeschlossen.

Und nun? Stehen sie, ihre Köpfe geneigt vor ihm, diesem mächtigen Herren. Ist er noch ihr Bruder? Sie sind abhängig von ihm, das spürt Ruben. Bisher hatte die schützende Hand des Vaters den Frieden bewahrt. Aber nun? Sie hatten nie über ihre unvorstellbare Tat gesprochen. Weder mit dem Vater, noch mit Joseph. Der Deckmantel des Schweigens wurde über die Tat am Brunnen gelegt. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Ruben spürt: der Frieden zwischen Joseph und ihnen ist zerbrechlich. Er ist bedrückt.

Der Moment war gekommen: heute musste ausgesprochen werden, was sie alle unterdrückt hatten. Sie waren feige gewesen. Hatten erst einen Boten geschickt, der an ihrer Stelle für sie um Vergebung bitten sollte. Aber das war falsch. Über andere kann Versöhnung nicht geschehen. Deshalb waren sie nun hier. Sich ihrer Schuld bewusst. Die Schuld, das Leben des Bruders zerstört zu haben. Und damit auch das Leben des Vaters und der Schwestern. Und schließlich auch ihr eigenes. Ihr Familienleben war vergiftet gewesen, all die Jahre. Doch heute sollte das ein Ende haben. Sie sehnten sich nach einem Neuanfang. Mit Joseph.

 

Im Vertrauen darauf: Gott schreibt auf krummen Linien gerade.

 

Aber hatten Ruben und seine Brüder tatsächlich dieses Vertrauen? Ruben zweifelte langsam daran. Sie wollten endlich mutig sein. Und sich doch auch auf der sicheren Seite wissen. Also hatten die Brüder untereinander besprochen, sich als Knechte in Josephs Dienst zu stellen. Und sich für den scheinbar sicheren Weg entschieden: klein machen, ducken. Nicht aufrecht stehen, weder vor Joseph, noch vor Gott.

Sollten sie nicht lieber darauf vertrauen, dass Gott es zum Guten fügen würde? Natürlich, angesichts ihrer Tat fiel ihm das schwer. Er konnte nicht so recht glauben, dass Joseph ihnen verzeihen würde. Und auch deshalb wollte er sich lieber vor Gott verstecken. Und trotzdem sprechen sie heute aus, was allen auf der Seele lag: Wir haben uns an dir schuldig gemacht. Verzeih uns, bitte.

 

Wir hoffen: Gott schreibt auf krummen Linien gerade.

 

Nun stehen sie also wieder vor ihm, in Ägypten. Sie mussten den Vater begraben, trauern. Und sind dennoch von einem ganz anderen Gefühl erfüllt. Sie beugen ihre Köpfe vor ihm. Er ist erleichtert. Endlich sind sie zu ihm gekommen. Keine Bitten nach Versöhnung, keine Botschaften der Aufforderung nach Vergebung, die sie ihm über Boten ausrichten lassen.

Sie sind bei ihm. Endlich! Er weint. Warum? Das weiß er nicht. Er kann seine Gefühle, die ihn überwältigen, nicht beschreiben. Weint er vor Erleichterung? Vor Freude? Weil der Schmerz aufbricht? Sie sind bei ihm. Endlich! Und sie stehen zu ihrer Schuld. Bitten um seine Vergebung. Wollen sich endlich versöhnen und mit ihm neue Wege gehen.

Nicht nur den Brüdern, auch ihm fällt es schwer, über ihre ungeheuerliche Tat zu sprechen. Zu tief sitzt der Schmerz. Aber er wird durchbrochen, trotz aller Schwere. Joseph fühlt sich erleichtert. Auf das Schuldeingeständnis der Brüder hat er gewartet.

Er sagt: ihr gedachtet es böse mit mir zu machen. Er muss es aussprechen: es lässt sich nicht mehr verheimlichen oder schönreden. Ihr ward grausam zu mir. Ich war lange zornig. Hattet ihr nicht mein Leben zerstört? Was musste ich durch euch erdulden? Schmerz. Einsamkeit. Ein fremdes Land. Die Trennung von meiner Familie. Was habt ihr mir genommen! Doch dabei habe ich meinen Glauben daran, dass Gott bei mir ist, nicht verloren. Ich habe einen Weg gefunden, mit meinem Schicksal umzugehen. Und mit all den Gefühlen: dem Hass und meinem Wunsch, eine Familie zu haben, nicht mehr einsam zu sein.

 

Ich habe geglaubt: Gott schreibt auf krummen Linien gerade.

 

Nun ist es ausgesprochen. Auf beiden Seiten. Das war wichtig.

Und Joseph sagt: Gott gedachte es gut zu machen.

Joseph braucht den Kniefall der Brüder nicht mehr. Sie sollen ihre Köpfe hochnehmen. Auf  Augenhöhe kann er mit ihnen sprechen und ihnen begegnen. Er breitet nicht großherzig die Arme aus oder geht ihnen entgegen. Es kann und soll nicht in einem Moment alles wieder gut sein. Auch die Brüder ahnen: sie alle müssen sich wieder einander annähern. Nicht die großen Gesten zählen. Da gibt es einen vorsichtigen Blick in Josephs Augen. Ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen. Vielleicht die Hand auf der Schulter. Ein vorsichtiges Aneinandertasten in der Gewissheit, dass sie nun einander vertrauen können, dass Versöhnung wachsen kann.

 

Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Denn Gott gedenkt es gut für uns zu machen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Erbitten die Brüder nicht Unvorstellbares von Joseph? Er soll ihre Schuld tragen. Wie können sie so etwas erbitten? Ist es überhaupt ihr Recht?

Im Wochenspruch heißt es: „Einer trage des anderen Last“. Aber wie soll das konkret aussehen? Wie soll ein Opfer, das  von Schmerz und Wut erfüllt ist, sich nicht abwenden, sondern die zusätzliche Last des Täters auf sich nehmen?

Joseph schafft es. Und macht uns Mut. Vielmehr: er zeigt uns einen Weg, auf dem Vergebung möglich ist. Mit seinem tiefen Vertrauen darauf, dass Gott es gut für uns macht. Dass Gott auch bei uns ist, wenn unser Leben aus allen Fugen gerät. Wenn es krumme Linien schreibt. Wenn wir einsam sind. Zerstritten. Hoffnungslos.

Und Joseph kann uns eine Last von den Schultern nehmen. Die, über den anderen zu urteilen. Bin ich denn an Gottes statt? Joseph weiß, er steht nicht an Gottes Stelle. Und das muss er auch nicht. Gott nimmt uns die Last ab, zu vergeben, was wir nicht vergessen können. Gott sieht uns gnädig an. So wie wir sind. Mit unseren menschlichen Fehlern und Schwächen. Wenn wir Täter oder Opfer sind. Er sieht uns ganz. Mit barmherzigen Augen. Gott trägt unsere Last mit. Er kann vergeben, wo wir allzu menschlich es nicht vermögen.  Joseph weiß: Gott allein wird richten. Es braucht nicht seine Aufgabe sein.

 

Die Brüder sind beieinander. Haben Frieden gefunden. Reden. Das Böse ist ausgesprochen. Ihre Herzen sind erleichtert. Es wird nicht vergessen werden. Aber sie machen sich auf einen gemeinsamen Weg in eine neue Zukunft. „Ich will euch und eure Kinder versorgen!“. Joseph übernimmt sogar Verantwortung für seine Brüder.

Joseph hat erkannt: Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Sein Lebensweg hatte einen Grund. Den er nicht erahnen konnte. Aber Gott hat ihn begleitet, wie er auch uns begleitet.

Und auch die Brüder beginnen, es zu begreifen.

 

Wir können in der Gewissheit leben: in aller Dunkelheit, Verzweiflung, Sinnlosigkeit des Lebens gibt Gott unserem Leben einen Sinn.

 

Denn Gott schreibt auf unseren krummen Lebenslinien gerade.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.