Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 3,15-18

Gemeindereferent Gerold Traub

02.06.2017 St. Paulus Kirche Künzelsau

In Mitteleuropa leben wir heute in einer Zeit, in der sich niemand mehr fürchten muss, für seinen Glauben beschimpft zu werden. In anderen Teilen der Welt ist das sicher ganz anders. Dennoch kennen wir vermutlich alle Reaktionen des Unverständnisses, wenn man sich zum Glauben oder gar zu einer Kirche bekennt. Und somit hat die Aufforderung aus dem ersten Petrusbrief nach wie vor Aktualität: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach eurer Hoffnung fragt.“ Wir könnten jetzt ein Experiment in Form der offenen Bühne in Künstlerkneipen machen. Jede und jeder, der etwas über seine Glaubenshoffnung sagen will, darf nach vorne kommen. Wer möchte? …

Niemand? Ehrlich gesagt überrascht mich das nicht. Nicht weil ich es ihnen nicht allen zutrauen würde, aber vermutlich erschreckt sie meine Einladung in diesem Moment oder sie denken zu recht „der wird doch dafür bezahlt“. Aber kann man Glaubenszeugnis bezahlen? Wird jemand durch ein Theologie- oder Religionspädagogikstudium zu einem gläubigen Menschen, der seinen Glauben weitergeben kann? Und wie viel individuelle Glaubensverkündigung könnte eine so große Institution wie die katholische Kirche überhaupt vertragen? Ihrem Namen „katholisch=allumfassend“ nach eine ganze Menge. Aber entspricht das der Tatsache? Es stimmt, Andersdenkende werden nicht mehr als Ketzer verfolgt, aber findet wirklich ein Dialog auf Augenhöhe statt? Pflegt die Kirche partnerschaftliche, ja sogar freundschaftliche Beziehungen mit anderen Weltanschauungen? In der Ökumene mit anderen christlichen Konfessionen tut sich ja etwas, auch mit anderen Weltreligionen werden erste Gehversuche unternommen, aber fordert der erste Petrusbrief nicht auf allen Rede und Antwort zu stehen? Auch denen, die nicht glauben. Denjenigen, die über den Glauben an eine höre Macht nur spotten. Was würde ich einem Atheisten oder Agnostiker sagen, der mich fragt, wie ich als aufgeklärter Mensch nur glauben kann, dass es jemanden Imaginären gibt?

Die Antwort: Glaube hat ähnlich wie die Liebe etwas mir Gefühl zu tun, würde er mir neurobiologisch Hirnreaktion entzaubern.

Der Antwortversuch, dass ich in eine Gemeinschaft hineingeboren und hineinerzogen wurde, würde er vermutlich kopfschüttelnd ignorieren oder mir sagen, dass ich Glaube und Gemeinschaftsgefühl miteinander verwechsle oder mich fragen, ob ich mein ganzes Leben so gestalte, wie vor mir meine Eltern und Großeltern.

Die Antwort, dass ich einfach nicht glauben kann, dass der Mensch wirklich alles alleine schaffen muss, wäre für ihn falsche Bescheidenheit und vermutlich würde er mir ein Persönlichkeitscoaching empfehlen, um mein Selbstwertgefühl zu steigern.

Wenn ich mit der Tugend der Nächstenliebe die Daseinsberechtigung von religiösen Gemeinschaften begründen würde, wäre seine Reaktion wohl: Solidarität kennt der Humanismus auch, dazu braucht es keinen Glauben, keine Moral nur Vernunft. Und ehrlich gesagt, hat er recht. Wir sind ja keine Morallehre, sondern eine Glaubensgemeinschaft.

Ich muss gestehen, so langsam gehen mir die Antworten aus, aber ich möchte mich meinem fiktiven Diskussionspartner nicht zu schnell geschlagen geben.

Ich lese nochmals im Petrusbrief nach: Haltet in eurem Herzen Christus heilig. Dieser Satz ist keine Aufforderung, sondern die Erinnerung an die zentrale Bedeutung unseres Glaubens. Dieser Satz steht vor aller Aufforderung zum Bekenntnis. Nehmen wir mal die 3 wichtigsten Worte heraus: Christus/Herz/heilig halten.

Ich beginne mal bei mir und meinem Herz. Biologisch betrachtet ist es ein großer Muskel, der das Blut durch den ganzen Körper pumpt. Wenn es auf hört zu schlagen, bin ich tot. Aber das gilt auch für viele andere Organe. Was es von anderen unterscheidet, wenn es ganz leise ist, kann ich meinen Herzschlag hören. Mit meiner Leber oder meinem Gehirn ist mir das bisher nie gelungen. Vielleicht gilt das Herz deshalb als Sitz der Seele, weil mir mein Herz in jeder Sekunde die Botschaft des Lebens verkündet. Das ist jetzt zwar nicht sehr fromm, aber ich denke mein Gesprächspartner findet auch keine allzu großen Widerspruchspunkte.

Anders ist es mit dem Wort heilig, das meistens mit religiösem Sprachgebrauch in Verbindung steht. Im Wortsinn stammt es von Heil, von Ganz sein ab und beschreibt etwas Besonderes oder Verehrungswürdiges. Die Worte Heil, Heilung, Ganz sein haben in erster Linie auch nichts mit Religion zu tun. Wenn ich etwas heilig halte, dann will ich nur nicht, dass es irgendeinen Schaden nimmt. Das geht manchen sicher mit ihrem „heiligen Blechle“ so und ganz sicher allen Eltern mit ihren Kindern – sie wollen sie heil(ig) halten. Ich denke, diesen Wunsch teilen religiöse wie nicht religiöse Eltern miteinander und somit könnte mein atheistischer Freund vielleicht zustimmen.

Das schwerste zum Schluss: Christus sollen wir heilig halten. Christus ist für mich der Sohn Gottes. Für meinen Gesprächspartner gibt es Gott nicht, somit hat der auch keinen Sohn. Ich will ihn aber heilig, also unbeschadet halten und will das auch nicht aufgeben. Ok, nochmals nüchterner betrachten: Christus ist der traditionell geprägte Ehrentitel für den Zimmermanns Sohn Jesus aus Nazareth. Sein Leben und sein Kreuzestod wird auch in außerbiblischen Schriften belegt – da kann er jetzt nichts einwenden. Seine Jüngergemeinde hat nach seinem Tod angefangen zu erzählen, Jesus wäre auferstanden. Bei Auferstehung komm ich wieder in Erklärungsnot. Aber warum sollten sich die Jünger, die Angst haben mussten, dass es ihnen gleich ergeht, so etwas ausdenken? Einen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Vorteil verschaffen sie sich dadurch nicht. Im Gegenteil. Sie wurden als Feinde des Friedens gesehen. Aus den Synagogen und damit aus der Tradition ihres Glaubens ausgestoßen. Viele von ihnen wurden für ihren Glauben sogar mit dem Tod bestraft. Religiöser Wahn oder Überzeugung? Für mich ist klar, etwas muss diese verängstigten Fischer bewegt haben, auf die Straße zu gehen und anderen von Jesus, den sie Christus nennten, zu erzählen. Für mich ist es Auferstehungsfreude – auch die Jünger sind aus ihrem Grab aus Angst und Verzweiflung auferstanden.

Wenn wir nun die drei Gedanken wieder in den Petrusbrief einfügen, hieße es: Nimm die Auferstehung Christi an, lass dir von diesem Geschenk nichts wegnehmen und lasse es dir jede Sekunde durch deinen Körper, durch dein Leben pumpen.

Die Diskussion, wenn auch nicht ganz real, war jetzt doch ziemlich anstrengend. Vielleicht wäre es einfacher, es wie die Apostel zum Machen und um die Kraft und den Mut zu Beten.