Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 3,18-22

Ordinariatsrat Domvikar Dr. Hans Bauernfeind

01.03.2009 Bayerischer Rundfunk München B 1

Katholische Morgenfeier

Hier die Predigt hören

 

Euch rettet jetzt die Taufe.

Rettungsringe schwammen auf dem Wasser. Der Hudson-River in New York dampfte vor Kälte. Die Ringe waren an einem Kai befestigt. Sie waren an diesem Tag, der Geschichte geschrieben hatte, nicht benötigt worden. Es war wie ein Wunder. Ein Passagier-Flugzeug musste kurz nach dem Start notlanden. Vermutlich war ein Schwarm Vögel in die Triebwerke der Airbusmaschine geraten. Jetzt war schnelles Handeln notwendig. Rasch entschied der Pilot Chesley Sullenberger, auf dem Hudsonriver das Unmögliche möglich zu machen – nämlich die Maschine auf unruhigem Wasser zu landen und die Passagiere weitgehend unverletzt aus dem Flugzeug zu retten. Augenzeugen im Rumpf der Maschine berichteten, dass der Pilot den Airbus überraschend weich auf die Wasserfläche brachte. Bekanntermaßen sind Wasserlandungen oft sehr hart und enden nicht selten in der Katastrophe. Nein. Hier war es anders. Der eiserne Vogel setzte auf und… es folgte kein berstendes Geräusch. Kein Feuersturm jagte durch die Maschine. Die Passagiere waren durch die Kunst ihres Piloten wirklich auf dem Wasser gelandet. Dann gab es keine Zeit, länger nachzudenken. Sofort schickten der Pilot und die Besatzungscrew die Flugreisenden hinaus auf die Tragflächen der Maschine. Es sollte schnell gehen. Keiner wusste, wie lange das Flugzeug auf der Wasseroberfläche schwimmen würde. Es könnte jederzeit untergehen. Und so sehe ich heute noch – wie damals vor dem Fernseher - die Menschen, wie sie auf den Flügeln des Airbus stehen. Die Kameraperspektive vermittelte sogar den Eindruck, als würden die Menschen schon knietief im Hudsonriver eingesunken sein. Doch das Bild täuschte nur. Gott sei Dank. Eiligst war die Rettung angelaufen. Von überall her fuhren Fähren und kleine Boote heran. Sie nahmen die frierenden Menschen auf. Es heißt, dass Pilot Sullenberger noch zwei Mal das ganze Flugzeug innen abgegangen war, um keinen Menschen zu vergessen. Er war der letzte, der das notgelandete Flugzeug verließ. Vorbildlich hatte der Flugkapitän seine Pflicht erfüllt. Alle Passagiere wurden gerettet. Einige wenige mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Aber sie lebten. Sie waren gerettet. Flugreisende berichteten später, dass sie zwar hofften, alles werde gut werden, aber sie hatten auch den Tod vor Augen. Was würde nur mit ihnen geschehen? Doch jetzt waren sie gerettet. Und der Retter war ihr Kapitän: Pilot Chesley Sullenberger. Er war zum Helden geworden. Mitten in der Finanzkrise, mitten in der bedrückenden Wirtschaftskrise Amerikas, mitten in der niedergeschlagenen Atmosphäre der Endphase der Regierung Bush hatten die Menschen einen Helden entdeckt. Dieser Held war der Retter. Solche Menschen wünschte sich – nicht nur – Amerika. Noch war der neue Präsident nicht im Amt. Sullenberger gab ihnen ein gutes Gefühl.

So vielschichtig werden Ereignisse wahrgenommen. Da ist der Pilot, der pflichtbewusst und entscheidungsstark die Passagiere rettet. Da sind die Passagiere, die heilfroh sind, dass sie noch leben. Da sind die Menschen, die diese Rettungstat auf ihre persönliche Lebenssituation übertragen.
Wenn Sie bei der Feuerwehr mitwirken oder beim Rettungsdienst arbeiten, haben sie gewiss ganz eigene Bilder vor Augen. Da sehen sie wohl die Gefahr, der sie bei der Rettung der Gestrandeten selbst ausgeliefert sind. Wünschen sie sich als Hörer, als Hörerin vielleicht auch so einen Piloten, der sie sicher notlandet und ihr Leben und ihre Träume vom Leben rettet? Aus Gesprächen weiß ich, dass junge Menschen solche Bilder anregen, selber in einen helfenden oder rettenden Dienst zu gehen. Es war beeindruckend, wie schnell von allen Seiten Menschen zu Hilfe eilten. Interessant fand ich, dass viele sagten, sie hätten trotz des Unglücks keine Angst vor dem Fliegen. Sie meinten, dass es beim Spazierengehen auch zu Unfällen kommen könne.

“Das Wunder vom Hudson“, wie es in vielen Zeitschriften genannt wurde, hat viele Emotionen wie Erschrecken, auch Freude, Jubel und Stolz über die menschliche Rettungskraft aufgelöst. Es hat jede Menge nachdenklicher Bilder hervorgebracht, die mehr im übertragenen Sinne, ganz persönlich zu verstehen sind. Ein solches Ereignis, eine solche Geschichte der Rettung geht nicht spurlos an mir vorüber. Menschen brauchen anscheinend sogar solche Bilder der Rettung, sie sehnen sich nach ihnen – vermutlich ohne genau zu wissen, was sie dabei wirklich ersehnen. Der Gedanke an Rettung aber tut gut.


Es gibt auch traurige Rettungsgeschichten. Mein Großvater, er wurde über neunzig Jahre alt, war noch Soldat im Ersten Weltkrieg. Blutjung, so bezeichnete er sich selbst, und unerfahren ging er, aufgeheizt durch die Kriegspropaganda, ins Feld. Und immer wieder erzählte er in der elterlichen Wohnküche dieselbe Geschichte, die ihn bewegt und zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen hatte. Am Ende standen ihm Tränen in den Augen und er zündete sich eine neue Zigarette an. Diese war aber nicht die gewöhnliche Zigarette des vertrauten Kettenrauchers. Nein, sie war eine symbolische Geste an die Vergangenheit und an die Begebenheit, die ihn so sehr berührte. So berichtete er immer wieder, als wäre es zum ersten Mal. Er lag mit seiner Kompanie in einem der Gräben vor Verdun. Dieser Ort in Frankreich steht für den grausamen Stellungskrieg, der damals tobte. Immer wieder wurden die Soldaten nach vorne zum Angriff aus den Stellungsgräben gejagt. Die Folge waren viele Tote und Verwundete. Am Ende ging es wieder zurück in die Gräben. Der Krieg war sinnlos und die Soldaten in ihrer Mehrheit spürten das. Dennoch folgten sie jedes Mal aufs Neue den Befehlen. So kam es, dass sie wieder auf das gegnerische Terrain zuliefen. Da passierte es. Eine Granate schlug ein und sie verschüttete den jungen Soldaten, meinen Großvater. Er glaubte, dass dies sein Ende wäre. Doch da bekam er mit, wie jemand ihn aus den Erdmassen heraus schaufelte. Er konnte es nicht fassen, dass er noch lebte. Viel zu schnell war alles geschehen. Er stand unter Schock. Zugleich spürte er die Erleichterung, nicht getötet worden zu sein. Sein Kamerad, ein guter Freund, hatte ihn unter Lebensgefahr gerettet. Schon waren andere Soldaten da, die ihn zurück in die sicheren Gräben bringen sollten. Dankbar schaute mein Großvater auf seinen Retter. Ich vermute, dass er nicht sprechen konnte. Und dann passierte das, was ihm bei jeder Erzählung neu die Tränen in die Augen trieb. Plötzlich erfasste seinen Retter ein Granatsplitter. Er war sofort tot. Der, der ihm das Leben gerettet hatte, ihn unter Lebensgefahr aus den Erdmassen befreit hatte, dieser treue, gute Freund, war nun getötet worden. Den Retter konnte niemand mehr retten. Und der Gerettete musste hilflos zusehen, wie sein Freund zerfetzt am Boden lag. Ein Bild des Grauens.
Ich frage mich oft, wie unsere Großväter und Väter, die in den Kriegen waren, mit den grauenvollen Ereignissen, die sie gesehen und erlebt hatten, zurecht gekommen sind. Diese Erzählung meines Großvaters ist mir bis heute eindrücklich in Erinnerung geblieben. Ich finde, dass solche Geschichten menschlichen Grauens nicht vergessen werden dürfen. Denn sie sprechen gegen den Krieg. Jeder Krieg ist wahrlich sinnlos und ebenso mörderisch. Krieg darf nicht sein. Zugleich sehe ich in der Hingabe des Kameraden einen Menschen, der unter Lebensgefahr seinen Freund gerettet hat. Warum hat er das getan? Er hätte auch sagen können, dass er sein eigenes Leben retten müsse. Dann wäre mein Großvater damals gestorben.
Dazu passt das Wort Jesu, wenn er sagt: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten (vgl. Mt 16, 25).
Vermutlich hätte dieser Soldat sich nicht mehr im Spiegel anschauen können, wenn er meinen Großvater nicht gerettet hätte. Er konnte gar nicht anders. Vielleicht dachte er daran, dass auch er von seinem Freund aus den Erdmassen befreit worden wäre. Und hätte er unter all dem Dreck gelegen, so wünschte er sich nichts sehnlicher, als von jemandem gerettet zu werden.
Ich war immer sehr berührt von den Erzählungen meines Opas. Ungerecht empfand ich das Schicksal dieses Soldaten, der so heldenhaft gehandelt hatte. Aber mein Großvater wies mich darauf hin, dass im Krieg alles ohne Vernunft und Gerechtigkeit sei. Allein die Menschlichkeit, das Gewissen und eine große Portion Gottesfurcht, so sagte er, könnten dem Leben in diesen Zeiten noch einen Sinn verleihen. Sein Freund habe diesen Sinn hochgehalten. Dass sich mein Großvater später im öffentlichen Leben sehr für das Gemeinwohl eingebracht hatte, war wohl auch eine Folge dieser Kriegserfahrung. Rettung erlebt zu haben, schärft die Augen für das Leben. Mir bleibt das Gefühl in Erinnerung, dass es zur Aufgabe eines jeden Menschen gehöre, bereit zu sein, einen anderen zu retten, mich für ihn einzusetzen und auch ein gutes Wort für ihn zu haben. Geschichten, die von Rettungstaten berichten, verleihen dem Leben einen Sinn – und ich möchte sogar sagen, sie lassen etwas von der hingebenden Liebe Jesu, wenn er am Kreuz für alle Menschen stirbt, aufleuchten. Die Welt braucht Retter, sonst geht sie in der Sinnlosigkeit unter, sonst wird sie gottlos – von der eiskalten Wirklichkeit erdrückt.


Mit dem Wort „retten“ verbinden sich unzählig viele persönliche Geschichten. Sie wissen um diese. Z. B. wenn ihnen jemand einen rettenden Rat gegeben oder sie aus einer gefährlichen Situation herausgezogen hat. Als Rettung haben sie vielleicht erfahren, wenn sie in Panik waren und sie dann jemand beruhigt oder ihnen eine blutende Wunde gestillt hat. Möglicherweise haben sie ja auch selbst Menschen in Notsituationen gerettet, weil sie aufmerksam für sie waren, Trost gespendet oder helfend zugepackt haben. Die Menschen, die jährlich in Bayern mit einem Orden ausgezeichnet werden, weil sie mutig Menschenleben gerettet haben, beeindrucken mich sehr.

Das Wort der Rettung tritt mir mit so vielen Begebenheiten entgegen, dass ich überrascht bin, wie häufig ich es selbst  in den Mund nehme und davon sprechen höre.
So verwundert es nicht, dass das Verbum „retten“ und die Feststellung der Rettung auch in der Heiligen Schrift weit mehr als 300 Mal Verwendung findet. „Retten“ ist eines der zentralen Worte in der Bibel. Es werden Geschichten erzählt, wie Gott die Menschen rettet, wie das Volk Israel aus der Knechtschaft der Sklaverei in Ägypten herausgeführt wird, wie Jesus im Neuen Testament Menschen von unreinen Geistern befreit oder eine Frau vor der Steinigung bewahrt. Die Bibel bekennt, dass Jesus Christus, der Gottes Sohn, die Menschen durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung erlöst, also gerettet hat.
Wenn dieses Wort so häufig vorkommt, dann belegt das die Grundausrichtung der Bibel: Gott rettet. Das ist schon im Namen Jesu ausgedrückt: Jesus heißt nämlich auf Deutsch: Gott rettet.
Mit der Hl. Schrift darf ich also Menschen keine Angst machen, sie unter Druck setzen oder manipulieren. Die Bibel ist vielmehr ein Dokument der Liebe Gottes zum Menschen, ein Zeugnis seiner rettenden Liebe. Dahinter steht ein rettender Gott, ein liebender, einer, der sogar Mensch wird, um alle zu retten – einfach, weil er sich um jeden Menschen sorgt.
Gott rettet. Menschen brauchen dieses Wissen, dass es Rettung gibt. Sie sehnen sich danach, diese zu finden. Ohne den Gedanken der Rettung verliere ich die letzte Hoffnung. Es ist unersetzlich, vertrauen zu dürfen, dass es einen letzten, endgültigen Retter gibt – einen der mir auch dann noch Hoffnung zuspricht, wenn alles verloren scheint.

Für Christen war und ist Jesus Christus der Retter – im Leben und im Tod. Die Bibel gibt dafür Zeugnis. Alles, was von ihm geschrieben steht, was uns überliefert ist, dient den Menschen, rettet.
So verhält es sich auch mit der Taufe, die in die Gemeinschaft mit Jesus bewusst hinein führt. Im ersten Petrusbrief ist von dieser Taufe die Rede, die die Menschen rettet.
Sie werden jetzt fragen, wie denn die Taufe retten könne? Wovor soll sie retten?
Wenn die Christen von Anbeginn der Kirche sich öffentlich dazu bekannten, ihr Leben auf Jesus Christus zu setzen, wenn sie zum Gottesdienst zusammenkamen und im öffentlichen Leben christliches Profil zeigten, dann wehte ihnen in ihrer Umwelt auch eisiger Widerspruch entgegen oder sie wurden lebensgefährlich verfolgt. Da gab es den häufigen Vorwurf, wie man denn an einen glauben könne, der am Kreuz hingerichtet worden sei.
Vielleicht denken sie ja ähnlich? Und trotzdem. Das war gerade das Besondere an diesem Jesus. Er hätte doch nicht ans Kreuz gehen müssen. Er hätte davon laufen können. Vielmehr hat er von der Liebe seines Vaters zu den Menschen gesprochen. Sein Vater stehe zu jedem Menschen in einer Beziehung, die das Leben auf feste Füße stelle - so seine Botschaft. Wer mit diesem Vater bewusst verbunden sein wolle, der finde durch ihn, Jesus, zum Vater im Himmel. Mensch, du bist gerettet. Du gehörst zu Gott. Das war die Frohe Botschaft Jesu. Und sein Evangelium war im Leben geerdet. 
Statt Zahn um Zahn galt für ihn, die andere Wange hinzuhalten. Er nahm die Armen in den Blick, tröstete Menschen, pries die selig, die gewaltfrei zu leben versuchten, den Hunger nach Gerechtigkeit sättigten, im Umgang miteinander Barmherzigkeit übten, ein reines Herz in die Beziehungen hineinnahmen, Frieden stifteten und so als Söhne und Töchter Gottes erkannt werden wollten. Aber Söhne und Töchter würden die Menschen dadurch, dass sie zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes gehörten. Wer zu Jesus gehört, ist Bruder und Schwester Jesu, ist Sohn und Tochter Gottes.
Für diese Christen war Jesus Christus der Retter. Und die Taufe war der bewusste Zugang zu dieser rettenden Gemeinschaft mit ihm. Wie die Menschen auf der Arche Noah vor der Sintflut gerettet worden waren, so bedeutete auch die Taufe die Rettung. Die Christen des Anfangs verstanden die Botschaft Jesu so: Lasst euch nicht von eurer Umwelt mürbe machen. Wehrt euch im Herzen, vom Virus infiziert zu werden, Gott habe mit euch nichts zu tun. Denkt an eure Taufe – ihr seid schon gerettet. Ihr gehört zu Gott. Und ihr, die ihr einmal zu Jesus gehören wollt: Die Taufe ist es, die euch jetzt rettet.
So steht es im ersten Petrusbrief, der am heutigen ersten Fastensonntag in den Kirchen vorgetragen wird.

Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben,
er, der Gerechte, für die Ungerechten,
      um euch zu Gott hinzuführen;
dem Fleisch nach wurde er getötet,
      dem Geist nach lebendig gemacht.
So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren,  
und hat ihnen gepredigt.
Diese waren einst ungehorsam,
      als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete,
      während die Arche gebaut wurde;
in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen,
      durch das Wasser gerettet.

Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet.
Sie dient nicht dazu,
      den Körper von Schmutz zu reinigen,
sondern sie ist eine Bitte an Gott
      um ein reines Gewissen
 aufgrund der Auferstehung Jesu Christi,
      der in den Himmel gegangen ist;
dort ist er zur Rechten Gottes,
und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.

Die Lesung aus dem Ersten Petrusbrief ist kein Stück für die Vergangenheit. Sie gilt immer neu. Sie beschreibt auch unsere heutigen Tage. Die Kirche bekommt immer wieder durch die Kindertaufe neue Mitglieder. Es sind die Eltern, die sich bewusst für die Kirche entschieden haben. Aber immer öfter passiert es, dass Erwachsene sich taufen lassen und ganz bewusst in diese kraftvolle Gemeinschaft mit Jesus Christus hinein finden wollen. Was aber geht in diesen Menschen vor?
Am heutigen ersten Fastensonntag wird unser Passauer Bischof Wilhelm Schraml am Nachmittag im Hohen Dom St. Stephan sogenannte Katechumenen, also Frauen und Männer, die auf dem Weg zur Taufe sind, zum Sakrament der Taufe zulassen. Das ist ein sehr feierlicher Augenblick. Jetzt, während sie gerade am Radio sind, machen die Pfarrer und die Begleiter der Taufwilligen die Gemeinde auf dieses Geschehen aufmerksam. Die Katechumenen sind nicht selten Menschen, die in einen Ort neu hinzugezogen sind. Sie erleben, wie die Bewohner dort in Vereinen leben, wie ihre Kinder dort zur Schule gehen und schauen ebenso auf das religiöse Leben. Oft haben sie die Sehnsucht, dort eine Heimat zu finden, einwurzeln zu können. Und sie erkennen, wie prägend das christliche Leben ist. Die Christen vor Ort machen sich das oft gar nicht mehr bewusst, wie sehr ihr Miteinander vom christlichen Geist geprägt ist – in den Vereinen und Verbänden, in der Sonntagskultur, in der Mitfeier des Gottesdienstes oder in der Feier der Sakramente, z. B. der Erstkommunion für Kinder. Dieses Leben wirkt. Es hat eine anziehende Kraft. So finden Menschen, die neu zugezogen sind, Anknüpfungspunkte, aber auch jene, die schon lange an einem Ort leben und nun ihrer inneren Sehnsucht folgen, auch religiöse Heimat zu finden. Darin aber bildet sich die Sehnsucht ab, angenommen, aufgenommen, geborgen – kurz: gerettet zu sein.
Kirche ist Rettungsgemeinschaft. Allmählich kommt es zu Gesprächen und es stellen sich Gläubige aus der Gemeinde zur Verfügung, dem Interessierten auf dem Weg in den Glauben und in die Kirche zu begleiten. Der Verantwortliche für den Katechumenat im Bistum Passau erläutert, dass dieser Weg keine Einbahnstraße darstelle. So erfahren zwar die Katechumenen viel Neues vom Glauben, aber sie inspirieren auch ihre Begleiter. So werden alle in ihrer religiösen Tiefe gestärkt.

Es ist gerade der gemeinsame Blick auf Jesus Christus, der die Katechumenen fasziniert. Jesus Christus ist aus Liebe für die Menschen am Kreuz gestorben und von seinem Vater aus dem Tod auferweckt worden. Diese Liebe bewegt. Sie rettet. Sie führt auf die Arche Noah, dem Ort der Rettung. Zu Jesus Christus zu gehören, schenkt eine innere Heimat. Sie ist vergleichbar mit einem rettenden Anker, der mitten im stürmischen Leben einen inneren Halt verleiht. Kirche ist in diesem Sinne rettende Gemeinschaft mit dem Herrn.

Mit diesen Erfahrungen im Glauben gehen heute Nachmittag erwachsene Frauen und Männer bewusst in den Passauer Dom. Der Bischof wird ihren Glaubensweg würdigen und schließlich zu ihnen sprechen: „Sie sind nun erwählt, am kommenden Osterfest in die volle Gemeinschaft der Kirche aufgenommen zu werden.“
Das bedeutet, zur Feier der Taufe, der Firmung und der Eucharistie zugelassen zu werden.
Papst Benedikt XVI. ermutigte in seiner Predigt zur Vesper im Münchner Liebfrauendom am 10. September 2006 die Seelsorger und alle Frauen und Männer, die dem Pfarrer ehrenamtlich und hauptberuflich zur Seite stehen, solche Wege des Katechumenats zu fördern. Wörtlich sagte er:
„Euch bitte ich, alles zu tun, damit die Pfarrei eine innere Heimat für die Menschen wird – eine große Familie, in der wir zugleich die noch größere Familie der weltweiten Kirche erleben ...“

Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Hoffnung auf Rettung ist ein tiefes Bild in uns Menschen. Geschichten von Rettung bewegen uns und sprechen unser Innerstes an. Die Betrachtungen zur Rettung der Flugpassagiere auf dem Hudsonriver machen das offensichtlich. Der Hinweis des ersten Petrusbriefes auf die Rettung der Menschen in der Arche Noah spricht ebenfalls von dieser innersten Sehnsucht.
In Jesus Christus haben Menschen den Retter gefunden. Und diese innige Gemeinschaft mit ihm, die im Lebenszeugnis der Kirche sichtbar wird, ist die bewegende Kraft, dass auch heute Menschen bewusst zu ihm finden.

Für mich ist es eine wohltuende Anregung, darüber nachzudenken, warum ich Christ und warum ich von Herzen gern Priester bin.
Vielleicht bewegen diese Gedanken auch sie?

Mit dem Segen des rettenden Gottes beschließe ich diese Morgenfeier. Es segne sie der dreifaltig-eine Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

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Musik I:
aus: Guitar Special Sigi Schwab, Meditation, melos musik verlag, postfach 710644, d-81456 münchen, LC 8421, GS 701-2 WP,
Stück 2: Gesang der Erde: 00.00-01.16.

Musik II:
Aus: Christoph Fankhauser, Goldflügel, Kreuz PLUS Musik,
K 3-7831-1312-1, LC 6190,
Stück 6: Gebet, 00.00-01.16

Musik III:
aus: Guitar Special Sigi Schwab, Meditation, melos musik verlag, postfach 710644, d-81456 münchen, LC 8421, GS 701-2 WP,
Stück 2: Gesang der Erde: 01.18-02.35.