Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 5,5-11

Prädikantin Regina Eske-Keller

04.09.2016 Auferstehungskirche in Marbach

Liebe Gemeinde,
Ein Löwe ... In unserem Bibelabschnitt muss er als Bild für die teuflischen Bedrohungen herhalten.
- Ein passendes Bild, wie ich finde. Denn Löwen sind die meiste Zeit ihres Lebens faul, liegen im Schatten und beobachten ihr Umfeld.
Ganz genau weiß unser Löwe, welche Tiere als Opfer taugen. Er beobachtet die Antilopen- und Zebraherden: Wohin ziehen sie? Welches sind die schwachen Tiere, welche Tiere sind unaufmerksam, mit anderen Sorgen beschäftigt...?
Und wenn der Hunger kommt, dann hat er sein Rudel, das mit ihm auf die Jagd geht, er brüllt, verunsichert die Beutetiere, schreckt sie auf aus ihrem Sorgen und Geschäftigkeiten... Wie blind rennen sie dann los, ohne Plan, ohne Leitung und Struktur. Und so fallen ihm und seinem Rudel immer wieder genügend Kreaturen zum Opfer.

Der Schreiber des Petrusbriefes hat hier wohl gut beobachtet. Treffend ist das Bild, wie die teuflischen Bedrohungen uns immer wieder mitten im Leben begegnen - in unserem Sorgen für unseren Wohlstand, unsere Sicherheit, unsere Gesundheit und unser Ansehen.
Wie die Zebras sind wir besorgt um die Aufzucht unserer Jungen, die Suche nach auskömmlichem Leben auf frischen Wiesen. Wir sind beschäftigt mit Rangkämpfen und sozialen Ordnungen, Sicherung unserer Habseligkeiten und unseres Umfeldes. Wie die Antilopen ihre Hörner in Kämpfen untereinander ausprobieren, schärfen wir unsere Waffen - im übertragenen Sinn, indem wir lernen unsere Talente im Beruf und gesellschaftlichen Leben zu unserem Nutzen einzusetzen, wie auch ganz direkt, indem im staatlichen Auftrag Polizei und Militär aufgerüstet werden für die Verteidigung im Inneren wie im Äußeren.

Auch treffend die Beobachtung, dass der Löwe/der Teufel sich nicht allein auf den Weg macht, um seine Beute zu reißen, sondern er hat seine Gehilfen. Nicht immer sind sie so klar zu erkennen wie die Löwinnen, aber geschickt auf der Jagd sind sie schon.

Sehen wir uns die Jagdmethoden der Löwenrudel einmal an: Die Löwen lauern ihrer Beute an Wasserlöchern und an Lichtungen mit frischen Wiesen auf. In der Steppe ist beides knapp. Da ist klar, dass die Antilopen, Zebras, Affen, Büffel und was da noch so alles zusammen kommt, nur noch eines sehen: Ich will meinen Teil haben. Und dann ist auch klar, dass Rangordnungen vorgeben, wer zuerst an die Tränke darf, wer am meisten bekommt. Und all dies schränkt die Aufmerksamkeit und die Beweglichkeit der Herden ein. Und da finden die Löwen ihre Chance.
Tiere folgen normalerweise ihrem Instinkt - je nach Art verschieden - verstecken sie sich bei Gefahr oder können schnell flüchten. In den Herden stellen sich große und starke Tiere mit Hörnern schützend vor die anderen. Sie sind gemeinsam stark. Aber wenn es um Befriedigung von Bedürfnissen - auch über das Nötige hinaus - geht, ist alles anders.
Und so sind auch wir Menschen. Das ist das, was der Apostel mit der Demut und dem Hochmut meint.
Demütig annehmen, was einem zufällt, ist etwas anderes als hochmütig überzeugt zu sein, dass einem ein gewisser Luxus zusteht. Man kann ihn sich zumindest ein Stück weit erwerben/ergaunern. Und wenn das gelungen ist, dann muss man das erreichte doch auch gegen die anderen verteidigen. Beides und alle Stufen dazwischen gehören sicher zu unserem eben und unserem Miteinander. Niemand ist nur immer von der einen Seite.

Und so kommt es dazu, dass wir alle den Versuchungen des Teufels immer wieder ausgesetzt sind und/oder erliegen. Eigentlich wollen wir nur unsere Bedürfnisse nach Nahrung, Sicherheit, Gesundheit und ein bisschen Freude befriedigen und sichern. Wir nehmen an, dass wir darauf ein Recht haben. - Ja, und das haben wir auch: Die Menschenrechte garantieren es uns, die Verfassung unseres Landes gibt uns diese Rechte.
Aber manchmal wollen wir eben mehr. Verteilungsgerechtigkeit ist gut, ja, aber ein bisschen mehr für mich darf es doch wohl sein? Ich habe das verdient! Wie schnell sind wir dabei mit den Gedanken über Sozialparasiten? Den Lebensstandard, den ich mir erarbeitet habe, möchte ich erhalten? Bei meiner gesellschaftlichen Position steht mir das zu. Arbeit muss sich wieder lohnen!

Und da sind sie, die Löwinnen und Löwen: Die uns das weismachen wollen, sind die, die uns in die Individualisierung treiben wollen, die Demut verhindern, Hochmut fördern wollen. „Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben“, hieß es einmal in der Werbung für eine Lotterie. Das Rund-um-sorglos Paket ist ja schon zum geflügelten Wort geworden. Stammt es eigentlich aus einer Versicherungswerbung, oder war es eine Bausparkasse oder doch etwas ganz anderes, ein Auto vielleicht? Wie auch immer, da ist er der brüllende Löwe, der uns vorspiegelt, dass das Leben einfach und schön sein kann, wenn man nur auf XY vertraut...

Immer neue Parteien, Organisationen, Geschäftemacher und Konzerne versprechen uns ultimative Lösungen für all unsere Probleme und Krisen – im persönlichen  und  auch  im  öffentlichen  Bereich.  Sie  wollen  dafür  unser Geld, unsere Wählerstimmen oder unkritische Gefolgschaft. Das ist teuflisch. Das kann nicht gut gehen.
Sie wollen uns weismachen, dass wir ohne weitere Hilfe – auch ohne  Gott – reich und glücklich leben können.

Gott dagegen verspricht keine Macht, kein Geld und kein Leben ohne Sorgen. – Das wäre ja auch langweilig, oder? Er verspricht uns volle Genüge. Dafür will er uns ganz, frei und lebendig, aktiv und kritisch als seine Glieder, Hände und Füße in der Welt, nicht mehr und nicht weniger.

Aber Sorgen haben ist menschlich und gehört zum Leben. Wir sorgen uns um Freunde, von denen wir lange nichts gehört haben, um kranke Verwandte, um die Zukunft unserer Kinder, die politische und wirtschaftliche Zukunft unserer Stadt und unseres Landes ... Es gibt so vieles. Wer Gefühle hat und sie zulässt, der hat auch Sorgen. Wer sich engagiert und Pläne hat, hat auch Sorgen.
Das, wovor unser Briefschreiber warnt, sind nicht die Sorgen, sondern er warnt uns vor denen, die vorgaukeln sie uns nehmen zu können.

In der Gesellschaft gilt der als erfolgreich, der sich darzustellen weiß, der Tricks kennt, Steuern spart, Rabatte aushandelt, andere für seine Zwecke ausnutzt. Lebenswert ist das Leben anscheinend nur für den, der Schmerzen in den Griff bekommt, Energie hat bis zum Schluss, ein großes Auto fährt, schön und faltenfrei durchs Leben geht, Zeit und Gelegenheit zum ausgelassenen Feiern hat.
Wer das nicht erreicht, .. naja... Der ist eben der Loser. Und da fühle ich mich doch gleich wieder etwas besser...

Halt! - Seid nüchtern und wachsam!
Nur nicht vergessen: Das Löwenrudel rund um uns herum lauert. Wenn wir uns aus der Gemeinschaft lösen, weil wir meinen, einen besseren Platz zu finden, oder wenn wir untereinander in Streit geraten, wenn wir nicht mehr für die Schwächeren und auch die Fremden bedingungslos eintreten, dann werden wir nicht mehr durch die Gemeinschaft geschützt. Und nur darauf hat der Löwe/der Teufel gewartet. Jetzt stürmt das Rudel mit Gebrüll hinein, treibt auseinander und stiftet Durcheinander.
Der einzelne kann sich nicht wehren. Und so fehlen - manchmal ganz unbemerkt - einer oder zwei, manchmal mehr, wenn sich die Situation wieder beruhigt hat.

Schafft es die Viehherde aber, so organisiert zum Wasserloch zu gehen, dass die Starken die Schwachen schützen, niemand zu viel trinkt, so dass alle etwas bekommen, niemand ausschert und sich Vorteile verschaffen will, dann haben die Löwen keine Chance.

Der Teufel richtet sein böses Werk unter uns - auch in den christlichen Gemeinden – aber immer nur da an, wo Eitelkeiten, Geltungsbedürfnis, Neid und Machtkämpfe Unfrieden heraufbeschwören. Wenn der Blick nicht mehr auf Gott und sein Evangelium gerichtet ist, sondern auf Vorteil und vermeintliche Rechte, oder die Angst vor fremdem oder ungewohntem, dann wirft der Teufel alles durcheinander, dann gibt es Verletzungen und am Ende fehlen ein oder zwei...

Der Löwe schläft, wenn er satt ist. Der Löwe reißt nicht über das Nötige hinaus. Und genau das ist die Stelle, an der er als Bild für den Teufel nicht taugt. Der Teufel schläft nicht, er bekommt nie genug. Seine Chargen schlagen zu, immer und überall, wo wir nicht damit rechnen, da wo wir für unser Leben und unser Wohlbefinden sorgen, wo wir schaffen und bauen, wo wir uns selbst darstellen und andere bejubeln, wo wir kämpfen und verteidigen, wo wir hochmütig unsere Wege gehen und meinen, wir könnten alles erreichen, was wir nur wollen, durch unsere Begabungen und unsere Klugheit, unsere militärische oder wirtschaftliche Macht.

Wir können dem einiges entgegensetzen. Denn wir sind keine Zebras oder Antilopen. Wir haben die Vernunft und unseren Verstand. Wir haben aber auch die Wahl zwischen Hochmut und Demut. Den Demütigen gibt Gott Gnade, heißt es am Anfang unseres Bibelabschnittes. Und hier wird klar, was gemeint ist: Wer sich nicht hinreißen lässt von dem Streben nach Vorteil und Macht, wer sich an Regeln hält und für die Gemeinschaft einsteht, eigene Interessen denen der anderen – auch denen der Fremden - unterordnet oder mindestens gleichstellt, der steht unter der Gnade und dem Schutz Gottes. Geben und Nehmen ist hier im Gleichgewicht.

Und hier werden wir vom Apostel aufgerufen, achtsam zu sein in allem, was wir tun. Wir dürfen das Sorgen um Gesundheit, um Aufgaben und Ansehen ihm überlassen, dem Gott, der uns, alle Menschen aller Nationen und Rassen, alle Pflanzen und Tiere (auch die Löwen) geschaffen hat. Dem Gott, der in Jesus Christus sich mit uns versöhnt hat und seinen Heiligen Geist unter uns ausgegossen hat, dem dürfen wir unser Sorgen überlassen, alles auf ihn werfen. Er hat uns sein Reich versprochen: Lahme gehen, Hungrige werden gespeist, Aussätzige werden rein, auch Armen wird die Frohe Botschaft zuteil, ohne unser eigenes Sorgen.

Das Reich Gottes ist angebrochen mitten unter uns, wo Menschen einander und ihm vertrauen, füreinander einstehen und im Einklang mit der Natur leben. Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch. So findet der Teufel keine  Macht an uns. Amen.

Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.