Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 17

Pastorin Anke Döding (ev.-luth.)

09.01.2011 in der Stephanusgemeinde Wolfsburg-Detmerode

Radiogottesdienst

Hier können Sie die Predigt hören

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesus Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
David legt die Rüstung ab! Weg mit dem schweren Helm, runter mit dem glänzenden Brustharnisch. Knie – und Ellenbogenschützer landen auf der Erde. Jetzt auch noch das Schwert. Wie leichtsinnig! Drüben steht Goliath. Dieser Baum von einem Kerl, muskulös, sein Sixpack unter der Rüstung verborgen, breites Grinsen: Was will dieser kleine Hänfling von mir? Hochgerüstet ist der Krieger mit den gefährlichsten Waffen. Sein Ruf eilt ihm voraus: eine Kampfmaschine! Wie viele Kerben mag er haben in seinem mächtigen Schild? Jede Kerbe ein Besiegter.
Ich sehe mich an Davids Platz. Mein Herz wummert, der Atem geht flach und schnell. Die Hände schweißnass. Die Knie fühlen sich an wie Pudding. Auf was habe ich mich da nur eingelassen! Von wegen: Vor wem sollte mir grauen, vor wem sollte ich mich fürchten!

Hochaktuell ist diese alte Erzählung. Wir kennen das geflügelte Wort von David gegen Goliath  –  der Kleine gewinnt gegen den Großen. Und wir lieben es! Groß ist die Schadenfreude, wenn der Drittligist die gutbezahlten Profis aus dem DFB-Pokal kickt. Oder wenn die kleine Kassiererin Recht bekommt gegen den Discounter. 
Aber wenn man diese Geschichte noch einmal ganz hört, so wie wir heute morgen: dann kommt sie einem doch archaisch und blutrünstig vor.
Es bleibt die alte Sehnsucht, dass der Schwächere mal gewinnt. Das tut unserer Seele gut, und unserem Gerechtigkeitsgefühl. Es bleibt die Tatsache, dass wir in einer Welt voller
Konflikte leben. Nur sind Gut und Böse nicht immer so leicht zu unterscheiden.
Wer ist denn heute David, wer ist heute Goliath im Israel-Palästina-Konflikt? Dort stehen sich die Nachkommen der biblischen Widersacher unversöhnlich gegenüber. Beide Seiten nehmen für sich in Anspruch, im Recht zu sein und fühlen sich terrorisiert von einem übermächtigen Gegner. Und in vielen Konflikten überall auf der Welt ist es nicht anders.

Aus meinen persönlichen Kämpfen kenne ich es auch. Die Rolle des Goliath zu vergeben, das fällt mir ziemlich leicht. Wo immer Menschen zusammenkommen, in einer Firma oder in der Familie, begegnen wir Konflikten. Dazu gibt es auch noch die ganz realen Bedrohungen der Gegenwart. Wo wir Konflikte nicht sofort lösen können oder uns als ohnmächtig erleben, da türmt sich Angst sich. Mein Glaube schrumpft dann in sich zusammen, und ich möchte mich und meine Lieben einfach nur schützen und absichern. Nicht mit Gebet und Psalmwort, sondern ganz handfest und effektiv.
Der Volksmund sagt: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und genau das sehen wir auch in dieser Geschichte. Die anderen Israeliten gucken ängstlich zu.
David aber legt die Rüstung ab. Er sagt: „Ich kann so nicht gehen, ich bin’s nicht gewohnt.“ Ganz leicht tritt der schmächtige Hirtenjunge der Angst gegenüber, nur  mit seiner Schleuder und fünf glatten Steinen -  und mit seinem Gottvertrauen.

„Mach’s doch wie David“!
Wenn es doch nur so einfach wäre, meiner Angst zu begegnen! Wenn ich das könnte: Mit Gottvertrauen als Schild und Schutz der Angst trotzen, ganz leicht und ungeschützt.
Im Alltag ist das aber schwer umzusetzen.
Keine Mutter lässt es ihrem Kind durchgehen, wenn es sich in Gefahr begibt! „Setz den Helm auf. Wenn Du noch einmal ohne fährst, kommt das Fahrrad in den Keller, das sag ich dir!“
Sie hat recht!
Wenn ich die David-Geschichte auf die heutige Zeit übertrage, muss ich erst einmal feststellen: Fünf glatte Steine und eine Schleuder schützen nicht vor dem Autoverkehr.
Und so werden die Kleinen – sinnvollerweise - ausgerüstet mit Helm und Sicherheitsreflektoren und mittels Verkehrserziehung zugerüstet für den Schulweg.
Und nicht nur das! Was stellen Eltern heute nicht alles an, um ihren Kindern gute Startbedingungen ins Erwachsenenleben mitzugeben. Frühförderung von klein auf, Musikschule, Nachhilfe, bilingualer Unterricht, Judo und autogenes Training – all das soll vorbereiten auf die Anforderungen in der globalisierten Welt. Eltern tun alles, um ihr Kind zu schützen und stark zu machen.
Mit einer Schleuder in der Hand käme der kleine Mensch nicht weit. Im Gegenteil – jemand würde die Sozialarbeiterin oder den Schulpsychologen rufen. Oder den Arzt, der das richtige Medikament verschreibt.

Auch das Älterwerden fällt unter dem Druck der Leistungsgesellschaft nicht leichter als früher. Wie lange kann ich noch mit den Jungen und Leistungsfähigen mithalten? Was gibt meinem Leben Sinn, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Verrentung ansteht, sich die ersten körperlichen Gebrechen einstellen.  Ich habe hier in Detmerode in kurzer Zeit schon viele Menschen getroffen, denen die Selbständigkeit und ihre Unabhängigkeit wichtig sind, auch im Alter. Aber dann kommt der Tag, an dem die Kinder drängeln, endlich den Führerschein abzugeben, vielleicht kommt der Pflegedienst ins Haus. Nach einem langen Leben in Eigenständigkeit bin ich bei den täglichen Verrichtungen angewiesen auf fremde Hilfe.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das Angst macht! Mir hilft dann die Begegnung mit alten Menschen, die die Lasten des Alters mit großer Würde tragen. Im Gespräch leuchten ihre Augen und ihr Glaube ist fast mit Händen zu greifen. Mit diesen Menschen als Vorbild kann ich meinem Älterwerden ins Auge blicken und mir überlegen, wie ich damit umgehen will. Und genau dabei hilft es mir zu wissen: Auch wenn ich alt und grau werde, ich bin immer noch Gottes geliebtes Kind. Mein Glaube sagt mir, dass ich mehr bin als das, was ich leiste. Das gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit.
Wenn mich dagegen die Angst im Griff hat, und das hat sie manchmal, dann ist das Vertrauen in Gott und in mich selbst ganz klein. Unsere Vorfahren hatten dafür einen treffenden Begriff: Kleinglauben. Das bedeutet: Ein bisschen Glauben ist schon da! Ich weiß, wie ich es schaffen könnte, meine Angst zu besiegen. Indem ich die Herausforderungen mit Gottvertrauen annehme, kampfbereit und gleichzeitig gelassen.
Indem ich es wie David mache und meiner Angst frech  gegenüber trete  – ich habe doch immerhin den Lebendigen Gott an meiner Seite! Und sage:  „Was willst du eigentlich, du lächerlicher aufgeblasener Goliath!“
DAS ist doch wirklich den Versuch wert! Der Angst begegnen, indem ich meine Lebendigkeit und das, was ich kann - oder noch kann -  ins Spiel bringe! Dazu gehört, dass ich meine Angst erst einmal wahrnehme, ohne mich von ihr beherrschen zu lassen.
Dazu gehört Gottvertrauen.
Wer auf Gott vertraut, ist mutig, nicht naiv! Naiv wäre es zu meinen, man könnte sich vor den Nöten des Lebens schützen, indem man sich einbunkert. Doch wer sich abschottet, sperrt sich immer auch selber ein. Und da sitze ich dann, zusammen mit meiner Angst.
David macht es anders! Er legt die Rüstung ab, die ihn einengt und behindert. Fast schon übermütig tritt er dem Angstgegner Goliath entgegen  – ein junger Mann mit der Haltung „Hoppla, jetzt komm ich“. Ich gebe zu: Zuerst dachte ich: Diese Haltung kann ich mir in meinem Alter nicht mehr aneignen.
Aber dann erinnerte ich mich an Situationen meines Lebens, als Sorgen mich erdrücken wollten, und plötzlich kam Hilfe: Als ein Lichtstrahl, der mir das Herz leichter machte. In Gestalt einer Freundin, die mir half, scheinbar Unerträgliches dennoch auszuhalten. Oder wenn jemand ein Lächeln aus mir herauslockte,  wo mir eigentlich zum Heulen war. Da bekam ich plötzlich wieder Lebensmut. Und einen langen Atem, mit dem ich alles, was schwer war, tragen konnte.
Die Kraft des Glaubens half mir, meinen Goliath zu besiegen!
David erinnert sich: „Der HERR, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister.“
Ich kann mich erinnern:
Der HERR, der mich in meiner wilden Jugendzeit bewahrt hat, der wird mir auch im Alter helfen.
Der HERR, der mir meine wunderbaren Kinder geschenkt hat, der wird sie auch auf ihren manchmal ungeraden Wegen begleiten.
Der HERR, der mich gestärkt hat damals, als wir nichts hatten, der wird mich auch jetzt begleiten.
Gott wird mir den Mut schenken, den ich brauche, um meinem Goliath entgegen zu treten. Mit welcher Sorge oder Not auch immer ich zu kämpfen habe. Ich nehme den Kampf auf: Nicht naiv, aber mit dem Vertrauen, dass Gott mir helfen wird, meinen Weg zu gehen.
Und so kann es dann geschehen, dass ein kleiner Hirtenjunge den Riesen besiegt – mit seinem Glaubensmut und einer Steinschleuder.

Die Angst wird klein.
Das kann jederzeit, überall geschehen:
Ein sterbenskranker Mensch nimmt sein Leben dennoch jeden Tag wie ein Geschenk aus Gottes Hand. Und gibt seiner Familie so noch wichtige gemeinsame Stunden,  die sich später alle wie einen Schatz bewahren.
Ein alter Mensch erträgt es, dass er auf Hilfe angewiesen ist. Und spürt zugleich: Ich werde noch geschätzt! Die Enkel kommen gerne, weil er soviel Gelassenheit ausstrahlt.
Hier in Wolfsburg haben sich verschiedene Menschen zusammengetan, um Kindern aus sozial schwachen Familien zu ein paar Tagen Urlaub im Jahr zu verhelfen. 
Es gibt viele ermutigende Zeichen!

Ein Gekreuzigter besiegt den Tod und gewinnt das Leben für alle.
Mit solcher Lebensmacht im Rücken kann ich Mut gewinnen. Ich kann es sagen und erfahren:
„Der HERR ist mein Licht und mein Heil! – vor wem sollte ich mich fürchten! Der HERR ist meines Lebens Kraft! Vor wem sollte mir grauen!“
Und der Friede Gottes, der größer ist als unsere Vernunft, tiefer als unsere Angst und weiter als unser Kleinglaube, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.