Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 2,6

Pfarrer Klaus-Peter Lüdke (ev.)

23.10.2016 Evangelische Stadtkirche Altensteig

Eröffnung der Reformationsstadt und Luthermeile

"Predigt von Dr. Martin Luther" (Pfarrer Klaus-Peter Lüdke)

Ich erinnere mich noch, wie ich mit 20 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben eine Bibel zu Gesicht bekam. Selbst in der Kirchen hat ich noch nie eine gesehen. Nach einer schweren Verletzung - ich hatte mir mein Degen beim Stolpern selbst in mein Schenkel rammet und wär fast daran storben - musst ich mich lang erholen.

Als es mir langsam wieder besser ging, streift ich durch die Bibliotheken meiner Universitas. Ziellos schlug ich irgendeinen Band auf und hab begonnen, mittendrin zu lesen. Und es waren gleich die ersten Wort, mit denen Gott zu mir zu sprechen begann:

Der HERR tötet und machet lebendig, führet hinab in die Höll und wieder herauf.

Ihr müsst wissen, statt einer Bibel hat ich zuhause in meiner Kirchen den Teufel auf einem Bilde anstarren müssen. Und Satan hätt mich oft gern umgebracht, als hätt er gewusst, was das Wort Gottes an mir noch ausrichten würde.

Der Teufel war mit unglaublich Mitteln darauf aus, mich umzubringen, und mich zu fesseln, sodass ich mich öfters hab gefraget, ob ich wohl der einzig unter den Sterblichen sei, auf den er es hat abgesehn. Wie sollte ich da je Gottes lieblich Stimm vernehmen können?

Auch die Arbeiter in den Bergwerken meins Vaters glaubten, dort dem Teufel zu begegnen, wenn er sie hart schlug und strafte, und selbst in meiner Mansfelder Schulen herrschte Zittern, Angst und Jammer wie in der Höll und im Fegfeuer, darinnen wir gemartert worden sind.

Einzig in den Liedern konnt ich Trost vernehmen. Das ward auch mein Trost in Eisenach, dem Pfaffennest und Stapelplatz der Geistlichkeit, als ich neben der Schul auch des Singens erzogen ward und nach der Schul für das ein oder ander Stück Brot mit frommen Chorälen hausieren ging.

Bei den Franziskanern lernt ich neu Lieder und hatt gehöret von Johann Hilten, den sie hatten eingemauert, weil er den Anbruch des Reiches Gottes hat verkündiget. Ehe die barfüßigen Mörder zu Eisenach den lebendigen Toten am Ende  erwürget haben, habe er geweissaget, um das Jahr 1516 solle ein Augustiner-Eremit aufstehn und das Papsttum stürzen. Hat Gott wohl durch diesen Johann sprechen müssen, weil keiner hat die Bibel lesen können?

In mir indes herrschte und sprach nur Traurigkeit. Die Aussicht, nach meinem Studium der Rechte wieder unter die harte Hand und Ruten meines Vaters zurückzukehren, hat mir nommen alle meine Freud. Dazu hatte die Pest mir meine Brüder und Freunde geraubet. Dann wär ich schier  an meinem eigen Degen gestorben. Da hat mir auf meiner Stuben die Laute holfen, die ich nun hab wollen lernen. Und mit ihr hat mich tröstet manch alt und neu Choral.

Als ich nach langer Zeit endlich wieder gehen konnt, hatte ich auf der Such nach Trost nun zum ersten Mal in meinem Leben die Bibel aufgeschlagen und las die Wort der Hannah, wie sie Gott danket und spricht:

Der HERR tötet und machet lebendig, führet hinab in die Höll und wieder herauf.

Das kannte ich. Hat ich nicht solches gerade selbst erlebet. Wunderbar gefiel mir das Buch und ich meinte, ich würde glücklich sein, wenn ich einmal ein solches Buch haben könnt. Doch solang ich keine Biblia hatte, musste Christus versuchen auf ander Weis mit mir zu sprechen.

Das mir der leidend Christus selbst im Kloster erschienen ist, tat ich das erste Mal als Teufelszeug ab. Erst als er mir beistand, wie ich mich im Fegfeuer fühlte, und er mit mir litt, brannte und starb, ahnte ich, dass er mich nicht richten, sondern retten wolle. Aber mir hat noch die Schrift fehlet, die mich hätt dies fassen lassen.

Gott sei Dank hat mich mein Augustinerpater und -magister Johann Staupitz an die Bibel heran geführet und mir den Schlüssel zeiget, sie besser zu verstehn: durch Gottes Lieb und seinen lieben Sohn, der für uns hat alles tan.

Das hat mir mein Augen und Ohren öffnet und zeiget, dass viels, was in unser Kirchen predigt worden ist, war bauet nit auf Gottes Wort, sondern auf Menschenwort, und hat von uns nit forderet zu tun Gottes Willen, sondern menschlich Willen.

Darum hab ich – Staupitz hat mich schier gar dazu dränget - zur Disputatio wollen einladen über meine 95 Thesen darob, was wahre Buße sei. Zu Anfang hab ich den Satz stellet: Unser Herr und Meister wollt, dass unser ganzes Leben Buße sei. Und es waret mir wichtig, dass es hat heißen sein und nicht tun.

Ich soll nit alles tun oder lassen, um ins Paradies zu kommen, oder um die verdorbn Welt zu retten. Sondern wenn ich in Christo bin – hier und jetz - und ihn lass alles tun, dann werde ich zu dem, was ich in sein Augen schon bin: geliebet! Auch du bist von ihm geliebet!

Buße heißet nicht, dass du alles tust, sondern du kannst Gott nur finden, indem du ihn lässest tun alles.

Das heißet wahre Umkehr, ihn in dir alles sein zu lassen. Kehr um in die offen Arm Gottes, und du wirst werden selig. Dann wirst du auch das eng Gefängnis hinter dir lassen können, in das du dich selbst hast stecken lassen von den Papisten und ander Leut, worin du gefangen bist im Schein des Glaubens, statt dass du selbst bist in Christo allein gesetzet. Er lässet dich sein geliebet und bringet dich durch Glaub und Tauf neu zur Welt als Kind Gottes.

Als solch Kind Gottes kannst und sollst du dann recht tun, was ihm gefallet. Aber, nit weil dich solchs Tun zu ihm bringet, sondern weil er dich dazu erst hat befreiet.

Ich hab‘s müssen sehen an, dass ihr euch heut machet ein groß Kopf darob, welchen Schein ihr wollt verbreiten. Als ob es darauf ankommet, wie du bist gekleidet, oder ob dein Nas sei recht inmitten von deim Kopf. Gott wollt nit, dass du schlecht denkest über dein Nas, dein Bauch oder über meinen – ach ich will solchs nicht wissen.

Für Jesus Christus zählet nicht dein Schein, sondern allein dein Sein in seiner Lieb.

Hannah, welch schöner Nam, heißet er doch zu deutsch Gnade. Doch Ihr Herze war erfüllet von tief Traurigkeit. Hannah hat wollen haben ein Kindlein mit ihrem Manne, doch sie haben es nit können selber machen ohn Gotts Hilf. Darumb hat sie sich im Gebet ihrem Schöpfer anvertrauet. Und der hat sich allein aus Gnad ihrer erbarmet.

Gnade ist für Hannah wesen, wie wenn vorher all Hoffnung erstorben war, und nun wird sie ihr geschenket. Ihr Leib war wie erstorben, doch der Herr hat ihn wieder lebendig macht. Ihr Traurigkeit ist für sie wesen wie in der Höll zu sitzen. Doch der HERR hat sie von dort gnädig zogen zu sich herauf.

Was ist alls von dir erstorben? Ist es dein Hoffnung, dein Herz, ein Teil von deinem Leib oder gar dein Glaub?

Du könntest machen, so viel du wolltest, du magst dir geben noch so viel Müh und dir machen noch solch groß Plag. Solch groß Gnade, wie Hannah sie hat erfahren, wollt nicht aus deinem Tun und Lassen erwachsen, sondern wird dir aus seiner Barmherzigkeit geschenket: im Glauben durch seinen Heilgen Geist.

Wie tief bin ich wesen unten, hab ich mich selbst fühlet wie drunten in der Höll, und ich hätt können beten und fasten wie kein anderer, ich hätt mich nimmermehr können retten.

Weil aber mein Christus ist selbst fahren hinab in die Höll, wo die Toten und die lebendgen Toten liegen und leiden, hat er können holen mich und dich heraus. Allein in Christo sollst du leben. Allein im Glauben an Christum hat er dich befreit. Aus Gnade ist er Dir begegnet, wo sonst kein Hoffnung mehr ist, dort unten in der Höllen. Und wo nichts mehr zu hoffen gewesen ist, erwachset nun all Hoffnung allein durch sein Wort und Evangelium, das dich lebendig machet, und nicht durch Menschenwort und Menschensatzung.

Aber wenn Menschen oder falsch Lehr in der Kirchen Mauern errichten, die dich und andere wollen von seiner Lieb und Gnade trennen, so bricht Christus mit seinem Wort mitten hindurch, denn das gilt bis heut! Sein Wort leuchtet und dringet bis in die tiefsten Gruben:

Der HERR machet dich lebendig und führet dich aus deiner Traurigkeit und Höllen wieder herauf in sein Gnad und Barmherzigkeit.

Drum sollst du nicht hören und trauen auf unvernünftig und selbst erdichtet Menschenwort, sondern allein auf sein Evangelium, dass dich reißet  aus der Höll und lässet dich sein geliebet und geführet von deinem guten Hirten, welcher ist Christus allein, Gott Sohn, der für dich hat alles tan.

Glaub ihm allein und keinem ledig Menschenhirt, der dich net kann führen durchs dunkel Tal hindurch auf frische Auen, sondern dich reißet hinunter, wo sonst kein Hilf mehr ist.

Darumb bin ich blieben bei Gottes Wort, und wo ich dies nit hab halten können, sollt ihr mir auch nit folgen. Folget Christum allein, und er wird euch alle machen frei.

Amen.