Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Timotheus 2,1-3

Pastorin Bettina Kattwinkel-Hübler (ev.-luth.)

01.05.2016 St.-Petri-Kirchengemeinde Langen, Geestland

Liebe Gemeinde,

 

Kathi liegt im Koma.

Noch ist ungewiss, wie es ausgeht.

Wird sie wieder aufwachen? Wenn ja, wie wird es dann sein?

Wird sie wieder gehen und sprechen, lachen, auch tanzen?

 

Vorsichtig öffne ich die Tür zum Zimmer und sehe ihre Mutter am Bett sitzen.

Sie hat die Hände gefaltet und bewegt lautlos ihre Lippen.

Sachte gehe ich rückwärts, da sieht sie mich und winkt, dass ich hereinkommen soll.

„Ich bin gerade fertig“, sagt sie, „ich habe gebetet. Ob es was nützt?“

Ich setze mich ans Bett. Kathis Mutter legt den Kopf an meine Schulter, weint leise vor sich hin.

So sitzen wir eine ganze Weile zusammen. Kathi sieht so klein und verletzlich aus, wie sie da so im Bett liegt; dabei ist sie schon fast 18, steht sonst mit beiden Beinen im Leben.

Ich will einfach daran glauben, dass alles wieder gut wird. Ja, bestimmt, sie wird aufwachen;

es wird werden, irgendwie.

Kathis Mutter bittet mich, noch eine Weile zu bleiben. Sie muss mal einen Kaffee trinken,

sich frisch machen, kurz den Himmel draußen betrachten: Kraft sammeln für die nächste Wache am Bett.

So bleibe ich und höre Kathis Atem- sonst nichts.

Mache, was ich immer mache, wenn ich nicht mehr weiterweiß:

Ich bete.

Beschwere mich bei Gott, dass der blöde Autofahrer nicht aufgepasst hat.

Kathi war sicher unaufmerksam – bestimmt wieder das Handy am Ohr!

Wo war der Schutzengel, im Urlaub?

 

Dann beginne ich, zu verhandeln.

Lieber Gott, lässt du sie aufwachen, will ich dieses und jenes tun, immer, wirklich.

Mein Leben für ihrs. Wenigstens dieses eine rette doch, zu viele sterben ohnehin vor der Zeit.

Mach schon!

 

Nun bete ich für ihre Eltern, dass sie zuversichtlich bleiben; für die Ärzte, dass sie auch bei Kathi Großartiges vollbringen wie an allen anderen Tagen der Woche- überall auf der Welt.

Schließlich bin ich erschöpft. Nichts fällt mir mehr ein, was ich Gott vor die Füße werfen könnte. Doch: Das Vater unser! Anders als ihre Mutter bete ich laut. Vielleicht hört Kathi es doch- unterbewusst. Wie früher, wenn ich sie am Abend zu Bett brachte.

Außerdem halte ich selbst die Stille- nur Kathis Atem allein- nicht mehr aus.

 

Irgendwann kommt Kathis Mutter wieder. Schweigend sitzen wir eine Weile am Bett, dann fragt sie:

„Hast du auch gebetet?“ Ich nicke. „Das ist gut“, sagt sie, „ je mehr, desto besser. Wir vertrauen darauf, dass alles gut wird, das tun wir doch, oder? Wenn es nichts nützt mit dem Beten, schaden wird es ja wohl auch nicht.“ Sie putzt sich die Nase, dann sagt sie:

„Dass du da bist, ist doch schon eine kleine Antwort auf mein Gebet.“

 

Später gehen wir zusammen nach draußen. Sitzen auf der Bank, seufzen, rauchen.

Kathis Mutter sagt irgendwann: „Mir war es peinlich, dass du mich erwischt hast. Sonst bete ich gar nicht. Das ist mir alles so fremd geworden. Das hat gar keinen Platz  mehr bei uns. Als die Kinder klein waren, da gab es noch Gebete vor dem Essen, am Abend, und natürlich in der Kirche, wenigstens das. Aber sonst?“

 

Wir gehen beide unseren Gedanken nach. Ich den meinen.

 

Beten ist aus der Mode, scheint mir. Wer betet, tut es im Gottesdienst, weil es da eben so gemacht wird. Die meisten, die ich kenne, beten nur, wenn Not am Mann ist, Gefahr im Verzug. Wenn es wirklich um was geht; etwas, das bedrängt und die Luft abschnürt. Stoßgebete. Im Alltag kommt das Beten kaum mehr vor. Selten Fürbitte, wenig Dank, noch weniger Sehnsucht. Seltsam.

Ich denke an Muslime, die fünfmal am Tag ganz selbstverständlich ihren Gebetsteppich ausrollen, sich nach Mekka wenden. Stelle mir vor, würde ich mitten in der Arbeit sagen: tut mir leid, aber ich muss jetzt mal eben unterbrechen, ich geh beten; alles bleibt stehen und liegen. Verrückt!

Denke an die unzähligen Gebete, die ich laut und leise gesprochen habe.

Wie oft blieb die Antwort aus, war anders, als ich es erhoffte:

 

Die Krankheit breitete sich aus.

 

Einer, der mir wichtig war, ist doch gestorben

 

Leben gehen verloren zwischen Festland und Meer-

etwas Besseres als den Tod findet man doch nicht überall.  

.

Man kann des Betens wirklich müde werden, das kann ich so gut verstehen.

Schweres lässt sich manchmal nicht weg reden, nicht weg singen, auch nicht weg beten.

Es bleibt- ein Stachel in Fleisch und Seele, Gott so abwesend. Das zermürbt mich selbst, lässt mich zweifeln. Und doch spür ich immer wieder, dass ich selbst zutiefst bedürftig bin.

Wie jeder wohl auf seine Weise:

Wir brauchen das Vergeben, Hoffen und jemanden, der uns bedeutsam sein lässt.

Immer wieder falte ich meine Hände, richte meinen Sinn auf Ihn,

lege in seine Hände und an sein Herz, was mich bewegt in der großen und kleinen Welt.

Spreche mit Gott, rede mit Jesus wie mit einem Freund, der mich kennt wie kein anderer sonst.

Nichts muss ich beschönigen, alles darf sein.

 

Meist sage ich die Namen derer, die mir begegnen,

lege ein gutes Wort für sie ein:

Kranke, Suchende, Sterbende,

Unzufriedene und Selbstgerechte

Mühselige und Beladende

Rastlose, nicht Eingeladene.

Heute Kathi und die, die sie lieben.

Ich vertrau darauf, dass andere das auch für mich tun,

wenn es nötig ist.

Mal bete ich zornig, wütend, traurig-

und sehr oft sehr dankbar, weil jedes Gebet mich vor mir selbst rettet.

Jedes Gebet verbindet mich mit anderen- und mit dem, der da war, der da ist und der kommt.

Ich glaube fest daran: Jedes Beten nützt.  Bei Gott sind wir gut aufgehoben.

Das Dankbare, aber auch das Intime, das Verletzende, ja, selbst das Gemeine haben Platz bei ihm. Er macht das Kleine groß und viele Wunden heil.

 

Kathis Mutter holt mich aus meinen Gedanken. Sie will wieder zurück zu ihrer Tochter ins Zimmer. Die Heilung wird noch ein langer, ein steiniger Weg. Das wissen wir beide. Wir nehmen unsere Hände, halten einander fest. Wird das Beten helfen?

 

„Ich bete weiter“, sage ich zu ihr. „Hör du auch nicht auf. Gott segnet euch. Bestimmt. Du wirst es sehen.“

 

Amen.