Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Könige 5,1–19a

Ulrike Klein, Pfarrerin i. R. (ev.)

09.07.2017 Egidienkirche zu Nürnberg

Gottesdienst in der Reihe Mit der Seele hören

Was für eine Erzählung,

liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte von Naaman und Elisa, von den Königen, dem Mädchen, den Dienern! Haben Sie sie schon gekannt? Oder war das eben vielleicht eine Premiere?

Was für eine Erzählung? Ein bisschen skurril, manchmal wie eine Karikatur, und doch anrührend? Lassen wir uns einladen, in den Raum dieser ungewöhnlichen biblischen Geschichte zu treten.

Im alten Israel spielt sie, damals, als die Könige von Aram (das heutige Syrien) Scharmützel gegen das nordisraelitische Reich führten.  Im späten neunten Jahrhundert vor Christus war das. Freilich, wann sie geschrieben wurde, darüber streiten sich die Gelehrten, ein bisschen später oder auch noch ein bisschen später.

 

Lassen wir uns einladen in den Raum dieser Erzählung! Naaman, siegreicher aramäischer  General, aussätzig. Nein, nicht die Lepra, die gab es damals nicht im Nahen Osten. Er litt wohl an einer  extrem heftigen Schuppenflechte. In einem Anhang unserer Geschichte heißt es nämlich, dass jemand anders die Krankheit des Naaman bekommen habe und aussätzig wie Schnee geworden sei (die weißen Schuppen).

Naaman, …er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig. Der Oberbefehlshaber eines mächtigen Heeres – gequält von kleinen juckenden Pünktchen. Er, der nur zu befehlen braucht,- und schon geschieht, was er will -  ist ohnmächtig gegenüber seiner Krankheit. Ob uns das ein wenig amüsiert, uns, die wir meist keine Oberbefehlshaber sind, aber es vielleicht manchmal gerne wären? Ob es uns erinnert an eigene Erfahrungen von Macht und Ohnmacht? Ob wir Mitleid fühlen?

 

Ein Mädchen hat Mitleid und will helfen. Ein israelitisches Mädchen, verschleppt von den aramäischen Soldaten, nun im Haus des feindlichen Generals als Dienerin. Sie könnte sich jetzt ein stilles Vergnügen machen, eine kleine innere Rachefeier. „Ich hätte schon eine Idee, wie der General  Hilfe kriegen könnte, aber ich sag es ihm nicht…“ Sie sagt es ihm doch, dass der Prophet in Samaria, Elisa, ihm helfen könnte. Warum? Weil sie im Haus des Naaman, bei dessen Frau etwa, trotz allem Chancen bekommen hat? Weil sie weiß, wie sich Ohnmacht anfühlt? Weil sie in ihrem schwierigen jungen Leben gelernt hat, mit Ohnmacht kreativ umzugehen?

 

Wird der General auf sie hören? Oder hält er das Mädchen und das, was sie sagt, für bedeutungslos?

An dieser Stelle der Erzählung entsteht eine Folge verrückter Szenen. Naaman geht zu seinem König und berichtet. Der  schreibt dem König Israels, dass er den General Naaman heilen solle. Und Naaman zieht mit dem Brief und viel Gold und Silber aus dem eigenen Vermögen los. Der König Israels ist entsetzt. Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte? …wie er Streit mit mir sucht, dieser Nachbarkönig.

 

Verrückte Szenen.  Warum geht Naaman zu den Königen und nicht zum Propheten, wie das Mädchen ihm geraten hatte? Dass der aramäische König, in die Sache hineingezogen, vielleicht gern  politisch zündeln will, nun ja. Aber Naaman, warum geht er nicht zum Propheten, wie das Mädchen ihm geraten hat?

Ist er  vielleicht hin und her gerissen zwischen verschiedenen Gedanken, verschiedenen Gefühlen?  Da die ihm vertraute Welt, in der es um Macht geht, um Geld, um Könige und deren Willen und Wohlwollen, um Briefe und Befehle. Und da eine andere Welt, in der eine verschleppte Jugendliche etwas von einem Propheten weiß und diese Heilungschance nicht vor ihm, dem Feind ihres Volkes, verbirgt.

 

Nun, letztendlich kommt der General  doch bei Elisa, dem Propheten, an. Mit Rossen und mit Wagen. Eine köstliche Szene entfaltet sich. Elisa bleibt im Haus, lässt nur durch einen Boten an der Tür ausrichten, dass Naaman sich sieben Mal im Jordan waschen solle, dann würde er gesund.

Ist das nicht eine schöne Karikatur eines Machogehabes? Auf der einen Seite der General mit seiner Entourage. Auf der anderen Seite Elisa, berühmter Prophet, dem man Heilkräfte zutraut. Viele Auslegungen betonen, wie Naaman hier gewaltig auftritt. Aber lässt nicht Elisa genauso seine Muskeln spielen? Der Mann des Geistes, des Geistlichen, lässt den Mann der militärischen Macht ganz schön abblitzen.

Da wurde Naaman zornig und zog weg. Zwei Mächtige, Naaman, Elisa. Und nichts geht weiter. Nur die Krankheit geht weiter. Alles wie gehabt.

 

Alles wie gehabt?  Jetzt schalten sich die Diener des Naaman ein, reden mit ihm, besänftigen ihn, bringen ihn dazu, dass er das doch probiert, das Bad im Jordan. Wissen sie etwas vom Leben, das Naaman noch nicht weiß? Und tatsächlich: …sein Fleisch wurde wieder heil, wie das Fleisch eines jungen Knaben.

 

Schauen wir diese Genesung ein bisschen genauer an. Naaman hatte eine bestimmte Vorstellung gehabt, wie eine Heilung geschehen könnte. Der Prophet  sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand über der Stelle bewegen und mich so von dem Aussatz befreien.

Elisa sollte also, so Naaman, mit prophetischer Macht und mantisch-magischen Gebärden die Krankheit besiegen. Elisa aber ließ ihm ausrichten, er solle sieben Mal im Jordan unterzutauchen. Sieben Mal, nun ein bisschen Magie weht auch hier. Aber der Schwerpunkt des Rates scheint mir doch so zu lauten: Naaman, du kannst selber etwas tun. Es ist nichts Gewaltiges. Gewalt hilft nicht gegen diese Krankheit. Aber du bist auch nicht ohnmächtig. Es gibt ein Drittes, zwischen Macht und Ohnmacht, und es ist nicht schwer. Siebenmal baden.

Ein Drittes zwischen Macht und Ohnmacht. Naaman hat vor dem Untertauchen im Jordan sicher seine Generalsuniform und sonstige Zeichen seiner Macht und seiner Bedeutung abgelegt. Aber er ist ein erwachsener Mann geblieben, er wurde nicht wie ein Baby, das niemand hält, weggetragen oder verschluckt von den Fluten des Jordans.

Naaman. Ist unser Text die Story eines Mannes, der merkt, dass es noch andere Perspektiven gibt als das Gegensatzpaar von Macht oder Ohnmacht, dass noch was anderes nötig ist, um gut zu leben? Bei mir tauchte die Phantasie auf, dass Naaman in der Lebensmitte angekommen ist oder auch schon darüber hinaus. Dass es noch andere Perspektiven gibt als das Gegensatzpaar von Macht oder Ohnmacht! Eine Männergeschichte? Ich bin eine Frau, und auch ich finde die Story in ihrem Witz und ihren glitzernden Facetten berührend.

 

MUSIK

 

…sein Fleisch wurde wieder heil, wie das Fleisch eines jungen Knaben. Naaman kehrt zurück zu Elisa. Und will ihn beschenken mit dem Gold und Silber, das er aus Aram mitgebracht hat. Elisa lehnt ab. Man könnte überlegen, ob der Prophet hier noch einmal seine Muskeln spielen lässt. „Ich habe dir was geschenkt, aber du kannst mir nichts schenken!“

Aber stärker, scheint mir, ist doch eine andere Verstehensspur. Elisa nimmt nichts an, weil die Heilung nicht eigentlich mit ihm zu tun hat, sondern mit Naaman und mit Gott. Und noch ein bisschen anders gewendet: Elisa nimmt kein Geld an, weil der Kummer eines Menschen über seine Krankheit und die Freude eines Menschen über seine Heilung keine Ware sind. Das bedeutet auch: Es soll nicht der Reiche sich die Heilung kaufen können und der arme Schlucker krank bleiben müssen.

 

Naaman und Elisa. Noch etwas geschieht zwischen den beiden. Naaman will künftig den Gott Israels und nur ihn anbeten. Aber in  seiner Heimat Aram muss er, der Oberbefehlshaber, bei Staatsakten seinen König in den Tempel des Gottes Rimmon begleiten und dort anbeten.

Wird Elisa dem Naaman deswegen drohen, ihm einen Fluch ankündigen? Ein atemberaubender Augenblick. Geht jetzt alles von neuem los? Am Anfang der Story ein gewaltiger Mann, jedoch ohnmächtig gegenüber den juckenden Pusteln, am Ende der Story ein gewaltiger Mann, jedoch ohnmächtig in Furcht vor Elisas Fluch, vielleicht auch ohnmächtig in Gewissensnot?

Lange hat Naaman in einer leiblichen Hülle leben müssen, die ihm zu wenig Schutz bot. Muss er künftig mit einem Glauben leben, der durchlöchert ist von Angst?

 

Zieh hin mit Frieden! Das ist die erstaunliche Antwort  des Elisa. Denn in diesem Punkt – der Gott Israels in Konkurrenz mit den Göttern der Völker – waren die frühen Propheten sehr streng.

Zieh hin mit Frieden! Hat auch Elisa in dieser Story etwas Neues erfahren? Dass Gott das Spiel von Macht und Ohnmacht nicht favorisiert? Dass Gott in den Lücken spielt? Dass Gott Räume eröffnet jenseits von Orthodoxie und Heterodoxie, Ketzerei?  

Zieh hin mit Frieden! Vielleicht hat Elisa das nicht sehr freundlich gesagt, vielleicht wollte er diesen ausländischen, mächtigen Naaman auch schnell loshaben. Aber er hat es gesagt.

 

Und nun ist die Geschichte aus? Unsere Story hat, wie schon erwähnt, einen Anhang, einen burlesken Anhang. Der geht so: Elisa hat einen Diener, Gehasi. Und dem tut es leid, dass all das schöne Gold und Silber im Wagen des Naaman wieder davon rollt. Er rannte hinterher und erzählte dem Naaman, dass  Elisa zugunsten anderer Propheten nun doch einen Teil des Geldes brauchen würde. Und so wurde der Diener ein sehr reicher Mann. Elisa aber, der von all dem wusste, sagt ihm: der Aussatz Naamans wird dir anhangen und deinen Nach-kommen allezeit. Da ging Gehasi von ihm hinaus, aussätzig wie Schnee.

 

Ein Strafwunder. Elisa war wirklich ein Unsympath! Und merkt dieser Prophet denn nicht, was er anstellt. Am Beginn unsere Geschichte stand da Naaman, der mächtige General, aber ohnmächtig gegenüber den juckenden Pusteln seiner Krankheit. Und am Ende der Geschichte steht da Gehasi, mächtig durch seinen Reichtum, aber ohnmächtig gegenüber den juckenden Pusteln seiner Krankheit. In der Summe genommen alles gleich geblieben, alle Heilung vergeblich.

Zieh hin mit Frieden! So löste sich vorhin der atemberaubende Augenblick. Jetzt aber drängt die Krankheit von neuem, sich wiederholend, nach vorne.

 

Elisa merkte wohl nicht, was er angestellt hat.  Aber ein anderer, der Erzähler, so scheint mir, hat was gemerkt.  In dem burlesk-rauen Ton des Anhangs glitzert sein Spott über den Propheten. Und so bleibt das Machtwort gegen Gehasi nicht das letzte Wort.

 

Zieh hin mit Frieden! Ziehen wir hin mit Gottes Frieden in die beginnende Woche! Und haben wir ein Auge für Möglichkeiten, für Lücken und neue Räume!

 

AMEN