Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 12,9

Pfarrer Martin Hecker (ev)

01.01.2012 in dem Evang. Gemeindehaus in Bad König

Der Gottesdienst war als "gottesdienstlicher Sektempfang zum neuen Jahr" gestaltet und wurde am späten Nachmittag des Neujahrstages im Gemeindehaus gefeiert.
Der erste Teil der Predigt (die drei Gäste) wurde von drei verschiedenen Personen vorgetragen. Unterteilung der Predigt durch Lieder, die von der Gemeinde gesungen werden.
Außerdem im dritten Teil eine Mitmachaktion für die Gemeinde.

Einen Mitschnitt der Predigt hören Sie hier.

 

 

(1. Gast – Gesangbuch in der Hand)

Im Alter von 49 Jahren habe ich die Pfarrstelle angetreten. Das war 1748. Da litt ich schon lange unter dieser Heiserkeit. Doch nach drei Jahren in der neuen Gemeinde war meine Stimme ganz weg. Kein Arzt konnte helfen. Ich konnte nur noch leise flüstern. Alle Predigten musste ich meinem Vikar überlassen.

Vor kurzem haben sich ein paar Männer aufgemacht nach Stuttgart, zum Konsistorium. Sie haben dort gefordert, einen anderen Pfarrer zu bekommen. Naja, ich kann's ihnen nicht verübeln. Wer will schon einen Pfarrer, der nicht reden kann. Trotzdem – es hat weh getan. Aber was wollte ich machen.

Als sie zurückgekommen sind, waren sie ganz verändert. Auf der Heimreise sind sie in einer Gaststätte mit einigen anderen Reisenden ins Gespräch gekommen. Als die hörten, dass sie von Steinheim auf der Ostalb kamen, riefen sie aus: „Ach, da ist doch der Pfarrer Hiller. Wir singen seine Lieder so gerne.“

Seit da freuen sich die Steinheimer über ihren sprachlosen Pfarrer. Zumindest die meisten. Ich kann es nicht fassen. Möchte gerne jubeln – wenn ich nur könnte. Gott ist groß!

Mein Name: Philipp Friedrich Hiller. In meiner Schwachheit ist Jesus Christus mächtig geworden. Obwohl ich keine Stimme mehr hatte, singen viele fremde Stimmen meine Lieder. Bis heute.

Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen: Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.

Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen, ob ich schon noch Pilgrim bin: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig; ehret, liebet, lobet ihn!


(2. Gast – Steifftier im Arm)

Haben Sie auch so eines? (Hält ein Steiff-Tier hoch) Ich auch. Sogar viele.

In meinem 2. Lebensjahr erkrankte ich an Kinderlähmung. Das war damals, 1849, eine schlimme Sache. Seit damals war ich an beiden Beinen gelähmt und hatte eine steife rechte Hand.

Ich liebte schon als Kind die biblischen Geschichten, in denen Jesus Kranke heilte. Oft habe ich gebetet, dass er mich auch heilt. Aber nichts geschah.

Bei meiner Konfirmation bekam ich als Spruch einen Satz aus dem 2. Korintherbrief: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das war ein schwerer Satz für mich. Aber er hat mein ganzes Leben geprägt.

Trotz meiner Behinderung wollte ich selbständig sein. Mein Wunschtraum: Lehrerin war natürlich ausgeschlossen. Es war ein harter Kampf, bis man mir erlaubte, eine Ausbildung als Schneiderin zu machen. Und es war ein harter Kampf, diese Ausbildung zu bestehen. Aber es gelang. Und es war ein harter Kampf, dass ich lernen musste, mir an Gottes Gnade genügen zu lassen. Aber auch das habe ich gelernt – Gott sei Dank!

Mit meinen Schwestern zusammen gründete ich eine Nähstube. Wir haben eine Nähmaschine angeschafft. Die allererste in unserem Ort. Wenn ich sie umdrehte, konnte ich mit der linken Hand das Rad antreiben – und nähen. So konnten wir unsere Produktion steigern.

Irgendwann entdeckte ich ein Schnittmuster für ein Nadelkissen in der Form eines Elefanten. Ich habe einige angefertigt – eigentlich als Weihnachtsgeschenk für Nichten und Neffen usw. Weil aber immer mehr nach den „Elefäntle“ gefragt wurde, haben wir mehr davon hergestellt. Im Jahr darauf belieferten wir einen Weihnachtsmarkt. Alle Elefäntle wurden verkauft! Und dann ging's schlagartig vorwärts. Wir nähten auch andere Tiere. Aus ganz Deutschland, später aus Amerika kamen Anfragen. Ein Teddy mit drehbaren Gelenken war unser bestes Produkt. Ich musste immer mehr Näherinnen anstellen – schließlich waren es 400, dazu kamen 1800 Heimarbeitsplätze.

Mein Name: Margarete Steiff. In meiner Schwachheit habe ich die Kraft des Herrn Jesus erfahren. Ich konnte nicht als Lehrerin Kindern helfen. Aber ich durfte doch so vielen Kindern eine Freude machen. Mit meinen Steiff-Tieren.


(3. Gast – mit Trolley)

Ich bin, wenn Sie so wollen, Außendienstler. Reisender im Auftrag des Herrn.

Eigentlich war mein Leben klar vorgezeichnet. Ich hatte eine theologische Ausbildung. Man sagte mir nach, ein kluger Kopf zu sein. Akademische Laufbahn, Karriere. Ich liebte Gott und wollte ihm mit meinen Fähigkeiten dienen.

Dann aber bin ich Jesus begegnet. Nicht Jesus, dem Menschen. Sondern Jesus, dem Auferstandenen. Er ist tatsächlich auferstanden! Er lebt! Das war in meinem Denken und in meinem Glauben nicht vorgesehen. Aber das hat mein ganzes Leben verändert.

Jesus hat mich in den Dienst genommen. Und mich in die ganze Welt geschickt, um von ihm zu erzählen. Dabei war ich immer ein schlechter Redner. Wenn ich schreiben konnte – da war ich stark. Aber im Reden … in der persönlichen Begegnung … Und auch für die Strapazen der vielen Reisen war ich der Falsche. Andere hätten das leichter gekonnt. Oft war ich in Todesgefahr. Ich war im Gefängnis, ich wurde ausgepeitscht und mit Stöcken geschlagen. Ich habe drei mal Schiffbruch erlitten, einmal trieb ich eine Nacht und einen Tag auf dem offenen Mehr. Viele Gegner haben mir nachgestellt. Oft hatte ich tagelang nichts zu essen. Und so weiter.

Und noch ein Problem hatte ich. Nie habe ich verraten, was für eine Schwäche das genau war. Also verrate ich's heute auch nicht. Aber ich habe drei mal den Herrn Jesus gebeten, diesen „Pfahl im Fleisch“ doch von mir zu nehmen. Aber – in dieser Sache hat er mir nicht geholfen. Statt dessen bekam ich zur Antwort: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ja, und das habe ich dann auch erfahren. Wie er zu meinem schwachen Werk seine Gnade geschenkt hat. Wie er mit Kraft und Macht seine Gemeinde gebaut hat.

Mein Name: Paulus von Tarsus. Apostel Jesu Christi. Ein Apostel in Schwachheit, der immer wieder staunen darf über die Kraft und Macht von Jesus Christus. Jesus ist der Herr!

Lied: Lass dir an meiner Gnade genügen


Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Diese Jahreslosung ist ein Anti-Satz, ein Gegen-Satz zu unserer Leistungsgesellschaft. Bei uns zählt der Starke. Und der Schwache kommt unter die Räder. Ein Pfarrer ohne Stimme – Vorruhestand. Eine mehrfach behinderte Schneiderin – naja, dank einer Quotenregelung bekäme sie schon eine Stelle. Aber nicht als Chefin. Und Paulus – schlechter Redner; Sturkopf, der schon oft verjagt wurde; Unruhestifter, der immer wieder in Schwierigkeiten gerät – ich befürchte, kaum eine Kirchengemeinde würde ihn als ihren Pfarrer wählen.

Nein – bei uns gilt: Der Stärkere setzt sich durch. „Survival of the Fittest“ - Charles Darwin hat diesen Grundsatz auf den Punkt gebracht.


Und zu diesem Grund-Satz jetzt noch mal Gottes Gegen-Satz: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Oder, komplett: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Was ist das? Ein Satz für Schwächlinge? Ein Trost für Versager? Ein cooler Spruch für Loser-Typen?

Ist das nicht völlig weltfremd, was diese Jahreslosung da behauptet?

Mag schon sein. Fremd in unserer Welt. Aber zugleich ganz typisch für den Gott der Bibel.

Sehen Sie: Ausgerechnet eines der kleinsten und schwächsten Völker seiner Zeit hat er ausgewählt und zu seinem Volk gemacht. Ausgerechnet Israel – zum Segen für die ganze Welt. Jeder Politiker würde den Kopf schütteln.

Dann setzt er permanent auf die falschen Leute. Abraham ist viel zu alt. Mose ist ein steckbrieflich gesuchter Mörder. David ist viel zu klein. Jeremia ist viel zu jung. Jeder Personalchef würde dankend ablehnen.

Und erst, als Gott selbst auf die Welt kommt. Bethlehem statt Jerusalem (oder noch besser Rom). Ein Säugling statt eines starken Mannes. Ein Wanderprediger statt eines Berufspolitikers. Und schließlich, der Gipfel: Ein Kreuz statt eines Thrones. Mit dieser schwachen Figur will Gott die Welt retten? So will er bei uns ankommen? Jeder Marketingexperte würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Aber genau das ist typisch für Gott. Was schwach ist vor der Welt, das erwählt er. Das finden Sie in der Bibel wieder und wieder.

Das wäre ein toller Vorsatz für das Jahr 2012: Lesen Sie möglichst viel in der Bibel, immer auf der Suche nach diesem Charakterzug Gottes. Lesen Sie und achten Sie dabei darauf, wo und wie Gott ausgerechnet auf die Schwachen, auf die Kleinen, auf die Falschen setzt. Ich prophezeie Ihnen, dass Sie damit in den 366 Tagen dieses Jahres nicht fertig werden. Aber jede Entdeckung wird Sie reicher machen. Gott hat eine Schwäche für die Schwachen. Gott hat eine Schwäche für unsere Schwächen. Genau das ist eine seiner großen Stärken.


Das mag weltfremd sein. Deshalb, weil Gott für unsre Welt ein Fremder geworden ist. Aber ich bin überzeugt: Dieser weltfremde Satz hat die Kraft, unsere Welt zu verändern. Und unser Leben.


Wir dürfen unser frommes Leistungsdenken ablegen. Wir dürfen sagen: Gott, ich kann nicht mehr. Vor Gott müssen wir nicht die frommen Alleskönner spielen. Ganz im Gegenteil: Mit unseren Stärken sind wir so manches Mal Gott eher im Weg. Denn in unseren Stärken ist ja kein Platz für Gott. Da kommen wir ja bestens alleine klar. Meinen wir. Aber in unseren Schwächen – da kann Gott zum Zug kommen. Unsere schwachen Seiten, das sind die Stellen, an denen Jesus wirken will.

Das Reich Gottes wächst, wo wir unsere Schwächen aushalten.

Die Gemeinde Jesu Christi wächst, wenn wir unsere Schwächen ihm hinhalten.

Unser Leben als Christ wächst, wenn wir uns so verhalten, dass wir ihm Platz einräumen, damit er kräftig und mächtig wirken kann.

In unserer Schwacheit – seine Kraft. In unserm Versagen – seine Hilfe. In unsrer Schuld – seine Vergebung.

Gott braucht keine Helden. Sondern Menschen, die ihm ihre leeren Hände hinhalten. Wir müssen Gott nichts beweisen. Aber er will sich erweisen – als der Gnädige und Starke und Mächtige. Mitten in unserer Schwachheit.

Lied: Allein deine Gnade genügt


Wir werden diese starke Jahreslosung heute nicht ausschöpfen können. Ich habe nur einiges kurz angerissen. Das ist wirklich ein Programm für's ganze Jahr. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie in den nächsten Monaten immer wieder mal daran erinnern werde.

Machen Sie doch selbst den Anfang: Sie bekommen jetzt gleich ein bisschen Zeit, um zu überlegen: Wo sind meine Schwächen? Was sind meine schwachen Seiten? Wo brauche ich Kraft von Gott?

Und: Welche Stärken könnten der Sache Gottes (und vielleicht ja auch meinem eigenen Leben) im Weg stehen? Wo spiele ich den starken Mann oder die starke Frau und merke doch mehr und mehr: Ich schaffe es nicht?

In welcher Schwachheit will ich die Kraft Gottes zum Zug kommen lassen? An welchen Punkten will ich mich viel mehr auf seine Gnade verlassen?

Wir haben Ihnen Papier und Stifte bereitgelegt. Und Briefumschläge. Notieren Sie Ihre Gedanken. Ihre guten Vorsätze, wie Sie die Kraft Gottes in Ihrer Schwachheit mächtig werden lassen. Schreiben Sie das auf, stecken Sie's in den Umschlag und adressieren Sie den an sich selbst.

Und weil gute Vorsätze ja nach ein paar Wochen meistens verflogen sind, werden wir Ihnen in zwei bis drei Monaten Ihre Briefe dann wieder zuschicken.


Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Wahrheit, die Größe, die Power dieser Jahreslosung erfahren. So wie unsere drei Gäste, die vorhin aus ihrem Leben berichtet haben. Ich wünsche Ihnen, dass Gottes Kraft mächtig ist – in Ihnen.

Lied: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (T:H.Wegner-Nord, M: S.Fietz)