Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Matthäus 3,17

Pfarrer Klaus-Hermann Heucher (ev.)

10.01.2016 Evangelische Kirche in Brünen

Liebe Gemeinde,

I.

am heutigen 1. Sonntag in der Epiphanias-Zeit steht traditionell und auch in der Verbundenheit mit katholischen Christen die Taufe Jesu ganz im Mittelpunkt.

Fest soll mein Tauf-Bund immer stehen“, wird heute in vielen katholischen Kirchen auch die große Taufhymne angestimmt.

Und wenn es um Jesu Taufe geht, dann geht immer auch um das, was wir gerade in diesem Vers im Matthäus-Evangelium gehört haben: nämlich um Gottes Liebe und seine Freude; Und die soll in unser Leben ausstrahlen. –

Das versteht sich für viele Menschen nicht von selbst, und deswegen lohnt es sich heute, die Geschichte von Jesu Taufe genauer anzuhören und auch anzusehen.

 

II.

Denn es gibt mindestens zwei Überraschungen in dieser kurzen Geschichte.

Die erste Überraschung ist:

Jesus lässt sich taufen! – Dass der das nötig hatte?!

Selbst Johannes der Täufer, der ja immerhin ein Cousin von Jesus von Nazareth war und wusste, wen er da wirklich vor sich hat, der war so überrascht, dass er nur noch sagen kann:

„Warum sollte ich dich taufen? Eher sollte ich mich von dir taufen lassen.“

Aber Jesus diskutiert nicht, er erklärt das auch nicht, er sagt nur noch: Mach doch, Johannes, „denn so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.“ (V.15).

Und dann ist da die zweite Überraschung: Als Jesus nach der Taufe wieder aus dem Wasser steigt, da öffnet sich der Himmel und Gott sagt:

Das ist mein Sohn,

ihn habe ich lieb,

an ihm habe ich Freude!“       (Matthäus 3,17)

-

III.

Liebe Gemeinde,

ich glaube, dass diese Geschichte wahr ist.

Allerdings heißt das nicht, dass, wenn wir damals Augenzeugen von Jesu Taufe gewesen wären, und wenn wir damals die technischen Möglichkeiten gehabt hätten, die wir heute haben – also Handy auspacken und zack Kamera an –, dass wir die Szene mitfilmen, dass wir damit das Geschehen nicht hätten festhalten können.

Sondern diese Geschichte ist wahr, weil dieser Moment, in dem Jesus nach der Taufe aus dem Jordan steigt, für ihn klar gemacht hat: Das wird auf mein ganzes Leben ausstrahlen.

Für ihn hat sich in diesem Moment festgemacht: Das gibt es wirklich:

Bei Gott bin ich geliebt. Gott hat an mir Freude. Das gilt.

Und dann ist da vielleicht die dritte Überraschung:

Und die besteht darin, dass Gottes Gerechtigkeit darin durchgesetzt wird, von der Jesus eben noch gesprochen hat. Das heißt: Gottes Friede und seine Liebe zu uns gilt von Anfang an. Denn als Jesus in dieser Situation zu Johannes dem Täufer kommt, ist das zu einer Zeit, da hat er noch nicht das Evangelium verkündigt, er hat noch keine Jünger berufen, noch keine Wunder getan, keine Kranken geheilt. Und trotzdem gilt ihm die Zusage von Anfang an:

Dich habe ich lieb, an dir habe ich Freude.

IV.

Liebe Gemeinde,

nun soll uns ja die Epiphanias-Zeit dazu helfen, dass Gottes Freude und Liebe auch uns erreicht. Ob das in einer Predigt immer so möglich ist, das weiß ich nicht.

Und ich glaube, es liegt auch die Schwierigkeit darin, dass viele Menschen eher die gegenteilige Erfahrung machen, die in ihrem Leben negative Sätze gesammelt haben. Es gibt Menschen, die haben mitunter ihr ganzes Leben lang nur schlechte Sätze gesammelt, die haben sich Sätze anhören müssen wie etwa:

„Du kannst das nicht“. - „Da bist du noch zu klein für.“ - „Lass das mal lieber andere machen, sonst ist es gleich kaputt.“ - „Davon hast du doch keine Ahnung.“ - „Seit wann interessierst du dich denn dafür?“ - „Das ist doch gar nicht dein Ding!“ - „Das passt doch gar nicht zu dir.“ - Dort, wo Leute solche Sätze in sich aufnehmen, kann es dazu führen, dass es sie entmutigt, im schlimmsten Fall kann es sie sogar krank machen. Das schlimmste ist, wenn sie am Ende glauben: Ich kann das nicht, andere müssen das tun.

Wenn man Menschen in einer solchen Situation helfen möchte, ob in der Seelsorge oder etwa in der Therapie, dann ist ein Ansatzpunkt die Leute zu fragen:

„Können Sie sich vielleicht an einen guten Satz in Ihrem Leben erinnern, der Ihnen einmal gesagt worden ist. Der wahr ist. Das muss keine große Sache sein. Aber einen Satz.“

Gott sei Dank gelingt es in aller Regel, diesen einen Satz zu finden. Und wenn man ihn hat, dann kann dieser eine Satz zum Wendepunkt im Leben dieser Menschen werden.

Weil die Macht dieser feststehenden Sätze, dieser Block an negativen Erfahrungen an einer Stelle gebrochen wird. Und dann wird der Raum frei andere Sätze zu suchen, und so Schritt für Schritt hin zu einem Selbstbewusstsein hinzugehen, das gut ist und gut tut. Weil jeder Mensch es verdient ein gutes Selbstwertgefühl zu haben, zu wissen: Ich bin auch liebenswert. Ich bin liebenswert. Und das gilt.

 

V.

Liebe Gemeinde, es ist schwierig, einen Satz wie den „An dir habe ich Freude“ direkt eins zu eins auf einen selber zu übersetzen. Aber ich glaube, dass die Biographie anderer Menschen, die aus einem solchen Satz, aus einer solchen Erfahrung heraus gelebt haben, immer wieder in den Blick zu nehmen, daran zu sehen, wie Gottes Zusage wachsen kann.

In meiner Jugend, im kirchlichen Unterricht und darüber hinaus auch im Studium hat mich die Biographie von Martin Luther sehr beeindruckt. Im „Luther“-Film gibt es auch die starke Szene, vielleicht haben Sie sie gesehen: Da hat Martin Luther sich ja nun wirklich gute und tiefe Gedanken gemacht, was besser laufen kann, und wie die gute Nachricht Gottes unter die Leute kommt. Er hat seine 95 Thesen Papst Leo X. gewidmet, und dann schickt der ihm die schlimmste Post, die ein Mensch in der damaligen Zeit bekommen konnte. Schlimmer, als wenn Sie heute im Internet massenhaft fertig gemacht werden würden.

Die sogenannte Bannandrohungsbulle, worin ihm gesagt wird: Luther, wenn du das nicht widerrufst, was du geschrieben hast, dann bist du ein verfluchter Mensch.

Das schlimmste, was einem Menschen damals passieren konnte: Post vom Papst: Wenn ich nicht widerrufe bin ich draußen, und zwar nicht nur aus meinem Leben jetzt, sondern ich verwirke auch noch das Heil danach.

Wir wissen, dass Martin Luther das gelesen hat, dann hat er überprüft: „Hast du dich geirrt?“ Er hatte ja sorgfältig überlegt: Nein, hatte er nicht. Und dann zieht er los mit dem Schreiben in der Hand auf den Marktplatz von Wittenberg, macht ein großes, loderndes Feuer, das erregt Aufmerksamkeit. Die Leute kommen herbei, und dann sagt er: Das hier nennt sich eine Bannandrohungsbulle und ich sage, das ist ein – Zitat Martin Luther – „ein Furz“, und er zerknüllt das Papier und schmeißt es in das Feuer hinein.

Wir wissen, dass Martin Luther danach in seinem Leben immer wieder auch schwierige Zeiten hatte, auch dass er depressive Zeiten hatte, aber an dieser Situation ist deutlich, dass er die Entscheidungsspiele um den Sinn seines Lebens nie verloren hat. Weil er davon lebte – ein Satz, den er sich in Krisenzeiten immer wieder aufgeschrieben hat, drei Worte: - „Ich bin getauft.“ Und das hieß für ihn: Egal, mit wem ich es in meinem Leben zu tun bekomme, und egal was mich bedrohen will, allem voran gilt:

„Ich bin geliebt bei Gott. ICH BIN GETAUFT.“ Die drei Worte, die er sich immer wieder aufschrieb.

-

VI.

Vor drei Jahren haben wir im Kirchlichen Unterricht überlegt: Wie kann man den Jugendlichen vielleicht nahebringen, dass die Taufe eine Zusage, eine Liebeserklärung Gottes an sie ist. Und wir haben es probiert mit einer Komplimente-Runde. Ich weiß nicht, ob sie das kennen. In der Pädagogik wird es an verschiedenen Stellen vorgeschlagen. Da haben wir also im Kreis der 24 Konfirmandinnen und Konfirmanden gesessen, und die hatten dann die Aufgabe: Jeder schreibt auf einem Blatt Papier seinen Namen, und wird dann im folgenden sein Blatt weitergeben, bekommt dann vom Nachbarn dessen Blatt, so dass dann die Blätter immer kreisen, und jeder und jede hatte die Aufgabe, auf dem Blatt, das er gerade hat und für die Person, deren Name gerade oben draufstand, einen Satz zu schreiben.

Zwei Bedingungen: Erstens: der Satz ist gut, er ist positiv. Und die zweite Bedingung: der Satz ist ehrlich.

Die Blätter kreisten, ich war erleichtert, dass das funktionierte, dass sie sich darauf eingelassen haben, und am Ende hielt dann jeder ein Blatt Papier mit 23 positiven Aussagen über sich in den Händen. - Ich hatte den Eindruck, dass einige 13-jährige sich gar nicht vorstellen konnten, dass man 23 gute Sätze über sie sagen könnte. Und die haben gestaunt, haben gesagt: Wow, das hebe ich auf. – Und besonders in Erinnerung ist mir ein Junge geblieben, das war so ein richtig starker Junge, da konnte man im Unterricht machen, was man will, den hat man emotional nie erreicht. Der war super-cool. Und der hatte Tränen in den Augen. – Ich habe sein Blatt nicht ganz gelesen, ich habe mir die Blätter eigentlich überhaupt nicht angesehen, sondern habe geguckt, dass das mit dem Weiterreichen klappt, aber ich weiß, dass bei seinem Blatt, da stand in wunderschönster Schrift von einem Mädchen der Satz geschrieben – und dann unterschrieben mit ihrem Namen -: „Ich finde dich total süß“. –

Ich glaube, wenn mir das jemand mit 13 Jahren gesagt hätte, das wäre mir auch wie Öl runter gegangen, eine solche schöne Erklärung. Und ich glaube, der hat in dem Moment gemerkt, wie schön das Leben ist, wenn man weiß: Man ist nicht nur so wie man ist. Sondern dass es auch noch jemanden gibt, der so wie man selber ist, einen mag.

Und dafür steht die Taufe von Anfang an.

Gott sagt: Du bist mein Sohn. Du bist mein Kind. An dir habe ich Freude! Dich habe ich lieb.

 

VII.

Am Ende dieses Evangeliums sagt Jesus: Geht hinaus, sagt das allen Menschen! Tauft sie!

Und das wünsche ich allen, die getauft sind, mehr noch, ich wünsche es allen Menschen, die leben, dass sie spüren und dass sie ein Selbstwertgefühl in ihrem Leben mit Recht erfahren, zu wissen: Ich bin liebenswert. Und ich bin bei Gott geliebt. Gott hat an mir Freude.

Amen.