Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 18, 13-23

Pfarrerin Dr. Sylvia Hartmann

05.03.2017 Kirchsaal Küllenhahn/Wuppertal

Liebe Gemeinde!

Mit diesem Gottesdienst wird die Visitation der Kirchengemeinde Küllenhahn durch den Kreissynodalvorstand eröffnet. Visitation – für diejenigen, die sich nicht ständig im kirchlichen Rahmen bewegen, mag dies etwas Fremdes sein. Solch ein Besuch einer kirchlichen Gemeinschaft durch Vertreter einer anderen - wozu soll das gut sein? Warum muss das sein? Nun, die letzte Frage lässt sich formal relativ schnell beantworten: Regelmäßige Visitationen aller kirchlichen Einrichtungen müssen zunächst deshalb stattfinden, weil die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland es so vorschreibt.

Damit knüpft sie an eine vor allem in der Reformationszeit wichtig gewordene Praxis an. Schon 1527/28 verfasste Philipp Melanchthon eine Visitationsordnung. Damals wurden viele Gemeinden visitiert, um die reformatorische Lehre und Gestaltung von Gemeinde durchzusetzen. Wenn wir also so etwas Unspektakuläres wie eine Visitation durchführen, knüpfen wir damit an unser reformatorisches Erbe an. Nicht weniger als mit so mancher spektakulären Veranstaltung, die in diesem Jahr des Reformationsjubiläums angeboten wird.

Aber die Praxis, Visitationen durchzuführen, hat noch tiefer gehende Wurzeln. Dies habe ich bei einem Durchgang durch biblische Texte festgestellt. Sowohl in alttestamentlicher als auch in neutestamentlicher Zeit hat es Vorformen von Visitationen gegeben. Auch wenn sie noch nicht rechtlich verankert waren. Die heutigen Lesungen sind Beispiele dafür. Mit der „Visitation“ des Volkes Israel durch Moses Schwiegervater Jethro möchte ich mich in der heutigen Predigt näher befassen. Ich glaube, wir können wichtige Impulse daraus gewinnen. Ich möchte meine Einsichten unter vier Überschriften stellen: „Die Grundstimmung“, „Die Person des Visitierenden“, „Die Verbesserungsvorschläge“ und „Das Ziel“.

1. Die Grundstimmung

Die Visitation der evangelischen Kirchengemeinde Küllenhahn beginnt. heute, mit diesem Gottesdienst. Ich finde, das ist ein guter, ja sachgemäßer Anfang.

Die Visitation des Volkes Israel durch Jethro beginnt eigentlich schon vor den verlesenen Bibelversen. Mose ist einst, nachdem er einen Ägypter erschlagen hat, in die Wüste geflohen. Dort hat er Zippora kennengelernt und sich in sie verliebt. Nach der Hochzeit hat das Paar eine ganze Weile bei Zipporas Eltern gelebt, bevor Mose von Gott dazu berufen wird, das Volk Israel aus Ägypten zu befreien. Das ist für Mose der Anlass, mit seiner Familie nach Ägypten zu ziehen. Mose wird zum Sprachführer der unterdrückten Israeliten.

Mit Gottes Hilfe gelingt das Wunderbare. Es gelingt ihm, den Pharao zu überzeugen, die Israeliten ziehen zu lassen. Als diesem die Entscheidung leid tut, jagt er den Israeliten mit einem Heer nach, doch das ertrinkt im Schilfmeer. Die Israeliten können ihre Reise ins Gelobte Land fortsetzen und werden unterwegs in der Wüste auf wunderbare Weise von Gott versorgt.

Unter dem Eindruck all dieser Wunder steht Mose, als sein Schwiegervater zu Besuch kommt. Er erzählt ihm von den großen Taten Gottes. Gemeinsam loben sie Gott und bringen ihm Opfer dar. Sie feiern also auf ihre Weise einen Gottesdienst.

Gott für seine großen Taten zu loben, Gottesdienst zu feiern – das ist die angemessene Form, eine Visitation zu beginnen. Denn wir alle, die visitierte Gemeinde ebenso wie Sie, die Sie uns besuchen, leben von den großen Taten Gottes. Vor allem von der einen großen Tat, nämlich der Sendung seines Sohnes Jesus Christus und von seinem Weg bis hin zum Kreuz und zur Auferstehung. Seinen Leidensweg werden wir von heute an bis zu Karfreitag und Ostern hin bedenken.

Wir leben aber auch von den kleinen Taten Gottes – also von dem, was er in unserem persönlichen Leben und in unseren Gemeinden tut. Wir erzählen Ihnen, die Sie zu uns kommen, gerne von den Taten, die er hier in unserer Gemeinde getan hat. Und wir freuen uns, wenn Sie von dem erzählen, was er in Ihren Gemeinden und im Kirchenkreis getan hat. Lassen Sie uns gemeinsam Gott für seine großen und kleinen Taten loben, heute und an allen Tagen. Lob und Dank – das soll die Grundstimmung dieser Visitation sein.

2. Die Person des Visitierenden

Die meisten von Ihnen, die Sie uns besuchen, sind uns fremd. Wir hoffen, Sie in den nächsten Wochen besser kennen zu lernen. Bei Mose war das anders. Bei Mose war es sein Schwiegervater, der seine Arbeit in Augenschein nahm und ihm Verbesserungsvorschläge übermittelte. Ich weiß nicht, was günstiger für eine Visitation ist – wenn die Person, die da kommt, einem fremd oder wenn sie einem vertraut ist wie etwa ein Schwiegervater.

Über Schwiegereltern und speziell über Schwiegermütter gibt es viele Witze. Vielleicht weil es meistens eher die Schwiegermütter sind, die schon mal  so etwas wie eine Visitation bei ihren Schiegertöchtern unternehmen und deren Sorge für ihren Sohn begutachten. Schwiegermütter und –väter werden wohl vor allem dann besonders geschätzt, wenn sie sich aus Ehe und Haushalt der nachfolgenden Generation heraushalten. Sonst kommen die Konflikte von selber.

Sie kommen nicht als Schwiegereltern zu uns, sondern als Mitglieder des Kreissynodalvorstandes. Und Ihre Aufgabe ist es gerade nicht, sich rauszuhalten, sondern zu schauen, Verbesserungsvorschläge zu machen, aber auch - selber zu lernen. Unsere Superintendentin ist im Vorgespräch zu dieser Visitation nicht müde geworden zu betonen, dass dies ein Geschehen zwischen Gleichgestellten ist. Dass es in der Rheinischen Kirche keine Hierarchie der Gremien gibt und eine Visitation nur eine Begegnung auf Augenhöhe sein kann.

Von der Kirchenordnung her hat sie da sicherlich recht. Aber was etwa das Wetter angeht, haben wir in den letzten Jahren gelernt, dass es einen Unterschied gibt zwischen der messbaren und der gefühlten Temperatur. Genauso gibt es eine rechtliche und eine gefühlte Wirklichkeit. Wobei ich speziell aus meiner Tätigkeit als Krankenhausseelsorgerin weiß, dass die gefühlte Wirklichkeit oft von mindestens so großer Bedeutung ist wie die Fakten. Selbst wenn ich weiß, dass eine Operation in 99% der Fälle gelingt, kann ich Angst davor haben, wenn sie auf mich zukommt.

Auch wenn eine Visitation rein rechtlich also eine Begegnung auf Augenhöhe ist, werden nicht alle in dieser Gemeinde das so empfinden. Vielleicht hat sie für einige auch so ein bisschen etwas von einem Besuch der Schwiegereltern an sich. Gefühle kann man nicht wegdiskutieren. Aber wenn man sich dessen bewusst ist, dass solche Gefühle da sind, kann man mit ihnen umgehen.

3. Die Verbesserungsvorschläge

Die Verbesserungsvorschläge, die Jethro dem Mose macht, empfinde ich als den spannendsten Teil unseres Predigttextes. Mose ist für die Israeliten nicht nur die Führungsperson in Sachen Wüstenwanderung. Er ist auch der leitende Richter seines Volkes. Er steht für die Durchführung von Gottes Recht ein. Eine Gewaltenteilung, wie wir sie aus modernen Staaten kennen, gibt es also damals noch nicht. Aber Jethro ermutigt Mose zu einem ersten kleinen Schritt in diese Richtung. Denn Mose befasst sich nicht nur mit den großen Rechtsstreitigkeiten im Volk, sondern auch mit den kleinen alltäglichen Auseinandersetzungen. Und da wir alle wissen, wie Menschen gestrickt sind, dürften das nicht wenige gewesen sein.

Diese Praxis ist nicht nur für Mose selbst äußerst ermüdend. Sondern auch für das Volk.  Jethro schlägt ihm nun vor, so etwas wie untergeordnete Richter für die kleineren Rechtsstreitigkeiten einzusetzen und nur noch die großen Fälle selbst zu entscheiden. “So mach dir’s leichter und lass sie mit dir tragen“, ermutigt er Mose.

Mach dir’s leichter. Dieser Satz klingt in den Ohren manches fromm erzogenen Menschen fasst ein wenig unanständig. Für mich mit meiner reformiert-pietistischen Erziehung auf jeden Fall. Es sich vielleicht nicht leicht, aber doch leichter als bisher zu machen – das ist etwas, was in Kirche und Gesellschaft nicht allzu populär ist. Da wird oft der am meisten bewundert, der einen vollen Terminkalender und  viele Ämter hat, der von Termin zu Termin hetzt und am lautesten stöhnt. Und da, wo die Zahl der Haupt- und Ehrenamtlichen geringer wird, werden nicht etwa Aufgaben gestrichen, sondern Lasten auf immer weniger Schultern umverteilt.

Vom rheinischen Motto des Reformationsjubiläums „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“ ist uns leider oft wenig abzuspüren. Schon Friedrich Nietzsche hat beklagt, dass die Christen erlöster aussehen müssten, wenn er ihnen ihre Erlösung glauben sollte. Unsere Verflechtung in das Betriebssystem Kirche macht uns manchmal blind dafür, wie belastet wir sind und wie belastet wir wirken. Es ist gut, wenn Menschen von außen kommen und uns darauf hinweisen, wenn bei uns von Erlösung nicht mehr viel zu spüren ist.

Bei Mose persönlich war schon kurz nach der Befreiung aus Ägypten nicht mehr viel Freiheit zu spüren, genauso wenig wie oft bei uns.  Helfen wir uns gegenseitig herauszufinden, wo wir es uns leichter machen können. Nicht um der Bequemlichkeit zu frönen. Sondern damit unsere Botschaft von der Erlösung glaubhaft bleibt. Damit Erlösung auch auf dem Küllenhahn spürbar wird.

4. Das Ziel

Was aber soll nun beim Unternehmen Visitation herauskommen? Letztlich hat Jethro bei seiner Visitation und seinen Verbesserungsvorschlägen nur ein Anliegen: „Wirst du das tun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebietet, und dies ganze Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen.“ Für uns als Gemeinde gibt es im Gegensatz zum wanderenden Volk Israel keinen bestimmten Ort als Ziel. Aber wir haben einen bestimmten Auftrag zu erfüllen, nämlich „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ So sagt es die 6. These der Barmer Theologischen Erklärung. Die Menschen mit ihrer inneren Leere und ihrer Verstrickung in ungute Bindungen – das ist der Ort, an der wir gewiesen sind.

Allein davon, alle Menschen auf dem Küllenhahn mit der Botschaft von der freien Gnade Gottes zu erreichen, sind wir noch weit entfernt. Ganz zu schweigen von dieser Stadt und diesem Land. Als Einzelkämpfer werden wir diesem Ziel auch nicht näher kommen. Nur in einem friedlichen Miteinander aller Gemeinden und Gremien, Konfessionen und Kirchen können wir uns diesem Ziel nähern. Nur gemeinsam können wir Gottes Auftrag erfüllen. Wir auf Küllenhahn brauchen dazu die Unterstützung der anderen Christen, so wie sie unsere brauchen. Und darum ein herzliches Willkommen an alle, die uns in den nächsten Wochen in unserer Gemeinde besuchen. Amen.