Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 24,9-11

Pfarrer Lorenz Bührmann (ev.)

26.05.2017 Feierabendmahl auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin

Unser Feierabendmahl hier im geistlichen Zentrum Pilgern nimmt uns heute mit auf einen Weg. Dieser Weg hat drei Etappen, denen ich auch in der Predigt nachgehen möchte:
1.) Hinaufsteigen; 2.) Gott sehen; 3.) Essen und Trinken

1.) Hinaufsteigen

Die Bibelworte unter denen dieser Gottesdienst steht, führen uns an einen Sehnsuchtsort des Alten Testaments, den Sinai. Der Sinai – ein besonderer Berg. Nach dem Auszug aus Ägypten, dieser besonderen Erfahrung der Befreiung und Rettung am Schilfmeer, nach einer langen Wanderung durch die Wüste, lagert sich das Volk Israel „dem Berg gegenüber“ (2. Mose 19,2). Dieser Berg Sinai ist ein heiliger Berg, der Berg, wo Gott seinen Sitz hat. Und in Exodus 19 wird erzählt, wie Mose auf diesem Berg eine Gottesbegegnung hat, wie er Gott sieht. Eine Offenbarung, die begleitet ist von Blitz, Donner, Rauch und Posaunenschall, so dass Furcht und Zittern das Volk ergreift.
Berge waren immer schon besondere Sehnsuchtsorte, Orte der Gottesbegegnung. Deshalb wollten Menschen immer auf diese Berge hinaufsteigen, um Gott zu erfahren.
Hinaufsteigen, das kann man auf der schottischen Insel Iona auch, auf den höchsten Berg der Insel, den Dun I, aber es reicht schon, wenn man sich per Schiff dort anlanden lässt. Denn der Weg auf die Insel Iona ist mit einer ähnlichen geistlichen Bewegung verbunden, wie das „Hinaufsteigen“ in dieser biblischen Geschichte. Denn auch Iona ist ein Sehnsuchtsort, ein Ort, der Pilger anzieht. Schon seit vielen Jahrhunderten war diese Insel ein besonderer spiritueller Ort. Im 6. Jahrhundert ging von dem Kloster, dem geistlichen Zentrum auf der Insel die Mission der iroschottischen Mönche für Nord- und Mitteleuropa aus. Auf dem Friedhof nahe der Abteikirche haben sich viele nordeuropäische Könige begraben lassen, weil sie erwarteten, dass sie gerade hier der Auferstehung am Jüngsten Tag ganz nah sein würden.
So machen sich auch heute noch Menschen auf zu diesem besonderen Ort Iona mit ihrer Sehnsucht. Mit der Hoffnung oder der Ahnung, dort Gott zu begegnen. Mit der Sehnsucht, sich selbst zu finden und vielleicht viel mehr als sich selbst zu finden: Gott zu finden, eine Begegnung mit ihm zu haben, die ihrem Leben eine neue Wendung gibt.
Wenn Sie diesen Weg auf die Insel Iona machen würden, wäre es schon die erste spirituelle Erfahrung: Man hat ein bisschen fast das Gefühl, an das Ende der Welt zu reisen, selbst die meisten Briten können heutzutage schneller auf Mallorca sein als auf Iona. Stellen Sie sich vor, Sie besteigen hier in Berlin – soweit Sie nicht die Zeit und das ökologische Bewusstsein für eine Zugfahrt nach Schottland haben - ein Flugzeug dass sie nach Glasgow oder Edinburgh in Schottland bringt. Ihre Reise führt sie weiter zum Kopfbahnhof Glasgow Queen Street. Hier besteigen sie einen kleinen Zug mit vier Triebwagen, der gemächlich in 3 ½ Stunden erst am Firth of Clyde entlang tuckert und die Vororte der Großstadt Glasgow hinter sich lässt, den Hafen Faslane passiert, Heimathafen der vier britischen Atom U-Boote und dann an alten Burgen und Loghs vorbei durch raue Landschaft die Highlands durchquert, um schließlich im beschaulichen Hafenstädtchen Oban anzukommen. Dort ist meistens erst mal eine Übernachtung angesagt. Oban ist der Fährhafen, von dem aus die Fähren in Richtung der hebridischen Inseln fahren. Wir besteigen ein Schiff, das in einer dreiviertel Stunde die größere Insel Mull erreicht. Am Anleger wartet der Bus, der auf einer einspurigen Straße die Insel überquer - immer wieder durchgerüttelt durch Metallgitter, die Schafe und Rinder davon abhalten, abgezäuntes Weideland zu verlassen. Über alte Steinbrücken und durch kleine Dörfer geht es durch immer rauer werdende Landschaft zum Südwestende von Mull. Auf der anderen Seite kann man schon das Ufer von Iona sehen, ein kleines Fischerdorf, das ganzjährig von etwa 100 Einwohnern bewohnt wird und etwas weiter ein dunkles Steingebäude, unverkennbar eine Abteikirche mit den dazu gehörigen Klostergebäuden. Nach einer Viertelstunde Fahrt mit einer kleinen Fähre ist auch diese Meerenge überwunden und wir betreten die ca. 5 x 2 km kleine Insel, auf der außer zweier Läden und ein paar Gästehäusern nicht mehr viel von der Zivilisation der Welt, die hinter uns liegt, übriggeblieben ist.
Die Reise ist schon die erste spirituelle Erfahrung für viele: Man wird mehr und mehr entschleunigt, die Landschaft bekommt mehr und mehr einen ursprünglichen rauen Charme und man fühlt sich am Ende der Reise der hektischen-fordernden Zivilisation der westlichen Gesellschaft fast ganz enthoben. Stattdessen warten auf Iona weiße Sandstrände, felsige Küsten und zerklüftete Hügel den Besucher. Die völlige Abwesenheit von Verkehrslärm, ein zum Greifen naher klarer Sternenhimmel ohne die Lichtreflektionen großer Siedlungen bei Nacht und viele andere Eindrücke lassen das Gefühl entstehen, hier an einem sehr fernen, verlassenen Ort zu sein. Man versteht, wie schon diese Landschaft die Spiritualität der Kelten geprägt hat: Das Leben mitten in einer ursprünglichen, schönen, aber auch herausfordernden Schöpfung als Analogie für die Lebenserfahrung von Menschen. Dann ist da aber auch in der keltischen Spiritualität der Gedanke, dass das Leben eine Pilgerreise (Peregrinatio) ist, wie sie auch die ersten Mönche, die hierher kamen, unternommen haben. Auch wenn schon die Pilgerreise ein geistliches Erlebnis sein mag, so ist die Sehnsucht der alten und heutigen Pilger an diesem Ort doch noch eine weiterführende. Es ist die Sehnsucht, Gott zu treffen, ihn zu erfahren, Gott zu sehen. Damit sind wir beim zweiten:

2.) Gott sehen

Nachdem die Gruppe rund um Mose in unserer Geschichte hinaufgestiegen ist, heißt es: „und sie sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen der Israeliten.“
Gott sehen – eine Sehnsucht der Menschen. Aber können wir Gott überhaupt sehen? Mose der große Prophet hat diesen Wunsch, Gott zu sehen. Das wird ein paar Kapitel später beschrieben in 2. Mose 33. Nach einer langen Durststrecke, als er selbst innerlich am Ende ist, will Mose Klarheit und sehnt sich nach einer Gottesbegegnung. Aber Gott sagt ihm: „Kein Mensch wird leben, der mich sieht“. Trotzdem lässt Gott sich erfahren. Er stellt Mose in eine Felsspalte, hält seine Hand über Mose und lässt seine Herrlichkeit vorübergehen. Und Mose darf Gott hinterher schauen.
Diese Begebenheit beschreibt auch die Ambivalenz, die Freude, die Herrlichkeit, aber auch das Erschrecken und die Furcht, die in Gottesbegegnungen liegen kann. Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat es vor genau 100 Jahren als die „Ambivalenz des Heiligen“ bezeichnet, dass die Begegnung mit dem Heiligen zwei Seiten haben kann: Das Tremendum, das uns erschrecken lässt und das Faszinosum, das uns anzieht.
Die Begegnung mit Gott kann gleichzeitig etwas Faszinierendes aber auch etwas Erschreckendes sein, das finde ich auch in der biblischen Geschichte, die wir heute gehört haben: Da ist das Faszinierende, da heißt es: … und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel wie es klar ist…. Das Bild von leuchtenden Edelsteinen und klarem Himmel – ein Bild für die Faszination und Herrlichkeit Gottes.
Aber auch das Erschreckende steckt in dieser Begebenheit drin, etwas verborgener, aber es heißt: „Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen der Israeliten.“ Das war die Erfahrung der Israeliten, dass Gott auch seine Hand ausrecken kann wider Menschen. Er tat es immer da, wo Menschen den Weg Gottes verfehlten, nur noch um sich kreisten, Vertrauen in Gott und die Erinnerung an seine großen Taten nicht mehr zu Ihrem Bewusstsein gehörte. Auch das gehört zur Erfahrung der Menschen dazu: Wo das Leben verfehlt wird, wo Menschen vor den Folgen dieser Verfehlungen und Verstrickungen Angst haben und den Lebensmut verlieren, da erfahren sie auch: Gott kann seine Hand wider Menschen ausstrecken. Diese Erfahrung muss die Gruppe um Mose gottlob an dieser Stelle nicht machen. Obwohl auch ihre Wege der Vergangenheit manche Irrwege und Sackgassen waren, machen sie hier die Erfahrung, dass Gott seine Hand nicht wider sie ausstreckt und sie gnädig behütet werden.
Wenn Menschen an Heilige Orte gehen mit Ihrer Sehnsucht, mit ihrem Wunsch, sich selbst und Gott zu finden, dann mag das mag das mit wunderschönen Momenten verbunden sein. Auf Iona werden diese wunderbaren Momente noch verstärkt, durch ein sehr intensives Erleben der Natur, durch die faszinierende Rauheit der Landschaft am Meer mit ihren ständigen Regenbögen und grandiosen Sonnenuntergängen. Die Faszination mag erfahrbar werden in den intensiven Gottesdiensten, Liturgien und Symbolhandlungen in der alten Abteikirche, besonders wenn draußen ein rauer Wind das alte Gemäuer umweht. Besonders waren für mich auch immer Begegnungen mit spannenden Menschen aus der ganzen Welt, mit denen ich für eine Woche eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft an diesem Ort gebildet habe.
Aber an diesem Ort, wo ich die Schönheit des Lebens und die Lebendigkeit von Beziehung so intensiv gespürt habe, ist auch manchmal etwas anderes Erschreckendes in mir hoch gekommen. Das ist ja manchmal so: Man kommt zur Ruhe, fängt an nachzudenken. Und dann meldet sich all das, was mir im Leben zu schaffen macht: Die Brüche meines Lebens, die unerfüllte Sehnsucht, die Traurigkeit, die Lasten, die ich zu tragen habe. Wie heißt es in dem Eingangsgebet der Iona Community, wenn wir vor Gott, dem Lebendigen zusammenkommen? „Wir feiern das Leben und wissen um Schuld und böses Geschick.
Wir sehnen uns nach Leben und sind vom Tode bedroht. Wir glauben und zweifeln, wir hoffen und bangen, wir lieben und versagen“. Und kommen mit der Sehnsucht: „Nimm uns an, Gott, wie wir sind.“
Pilger haben eine Sehnsucht nach Gottesbegegnung. Ein großer Teil dieser Sehnsucht ist auch der Wunsch, „heil zu werden“ oder „ein ganzer Mensch“ zu sein. Auf der Insel Iona gibt es einmal in der Woche einen Gottesdienst, der nennt sich „Gottesdienst mit Gebeten um Heilung und Handauflegung“. In einem Sommer, wo ich sechs Wochen lang auf der Insel gelebt habe, ist mir dieser Gottesdienst zum wertvollsten Gottesdienst geworden. In der ersten Zeit habe ich das Thema „Heilung“ skeptisch betrachtet, weil meine Vorstellungen von „Heilung“ geprägt waren von charismatischen Großveranstaltungen, die mich befremdet haben. Aber es tat so gut, im Abendgottesdienst nach vorne zu kommen, von einem Menschen die Hand aufgelegt zu bekommen und zu hören: Der Geist des lebendigen Gottes, der jetzt unter uns lebendig ist, der möge nun in Deinen Körper, in Deine Seele und Deinen Geist kommen und Dich heilen von all dem, was Dir wehtut.
In diesem Moment habe ich einen „heiligen Moment“ gehabt. Das Erschreckende des Lebens war in Gottes Gegenwart aufgehoben. Ich erfuhr den Zuspruch heilsamer Veränderung.
Gott schauen – George Mac Leod, der Gründer der Iona Community, hat Iona einmal einen „thin place“ genannt. „Thin place“ - das kann man gar nicht so greifbar übersetzen, aber er wollte damit einen Ort beschreiben, an dem nur ein Papiertaschentuch zwischen die materielle und die spirituelle Welt passt. Eine andere Beschreibung für die Erfahrung, die unsere Bibelworte im Rückblick beschreiben mit: Und als sie Gott geschaut hatten….
Was kam dann? Stiegen sie herab? Gingen sie wieder ihrem Alltag nach?In der Bibel heißt es: Als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie….Damit sind wir beim letzten:

3.) Essen und Trinken

Das ist interessant: Mose und seine Begleiter gehen über zu einer ganz alltäglichen Angelegenheit, von der unser ganzes Leben gezeichnet ist: Sie essen und trinken. Essen und Trinken - das brauchen wir leiblich, jeden Tag. Als Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl feierte, kam in dieses alltägliche Mahl die besondere geistliche Dimension der Erlösung und Befreiung mit hinein. So wurde das Abendmahl bis heute zu einem „thin place“, einem Ort, wo sich das Materielle und das Geistliche in einem Heiligen Mal begegnen.
Das Abendmahl – ein Zeichen für die Alltäglichkeit des Lebens.
Aber auch ein Zeichen für Stärkung mit dem Lebensnotwendigen.
Das Mahl das die Gemeinschaft feiert, die die verschiedensten Menschen zusammenführt.
Das Mahl, das den heiligen, heilsamen Gott mitten in unserem Leben erfahrbar macht.
Das Mahl, das uns immer wieder daran erinnern soll, dass Jesus Christus der menschgewordene Gott ist. Dieser Jesus Christus ist nicht nur an heiligen Plätzen zu finden. Sondern mitten im manchmal so gebrochenen Leben der Menschen an der Seite der Schwachen oder Benachteiligten.
Von George Mac Leod wird die Geschichte überliefert, dass er einmal eine altehrwürdige Kirche besuchte. Eines der bunten Glasfenster trug die Inschrift: „GLORY TO GOD IN THE HIGHEST“ – „Ehre sei Gott in der Höhe“. Aber dieses Fenster war an einer Stelle zerstört. Ein Stein hatte das Fenster genau in der Mitte des Wortes „Highest“ durchschlagen. So konnte man lesen: „GLORY TO GOD IN THE HIGH ST“. High St - diese Buchstaben stehen in der englischen Sprache auch für High Street, Hauptstraße, die es in jeder Stadt gibt. „Ehre sei Gott auf der Hauptstraße“. Geistliches Leben findet mitten im Leben der Menschen statt, an den Orten, wo auch die sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen. George Mac Leod formulierte diesen gesellschaftsrelevanten inkarnatorischen Zugang an einer anderen Stelle einmal so: „Christus ist nicht auf dem Altar einer Kathedrale zwischen zwei Kerzenhaltern gekreuzigt worden, sondern auf einer städtischen Müllhalde zwischen zwei Dieben.“ Der Heilige Gott ist da - gerade an den Orten, die uns so gottesfern scheinen.
Christus ist nicht nur auf den Höhepunkten des Lebens zu finden, in den Erlebnissen auf dem Kirchentag, in den schönen und faszinierenden Momenten. Christus ist auch in den Tälern zu finden, wenn die Gipfel weit weg sind, wenn unser Weg sich wie eine Wüstenwanderung anfühlt und die Sehnsucht ein unstillbarer Durst zu sein scheint.
Wo immer wir jetzt gerade auf unserer Pilgerreise Leben sein mögen: Wir können uns heute hier stärken lassen durch die Gegenwart des lebendigen Gottes in diesem Abendmahl. Dazu lädt Jesus Christus uns ein. Amen.