Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 3,1-14

Pastor Jens Blume (ev.-luth.)

05.02.2017 Gemeindehaus "Haus der Kirche", Kleinburgwedel

Liebe Gemeinde,

 

Gott kann man nicht sehen… (?)

Ja und nein!

Im Normalfall stimmt es: Gott kann man nicht sehen – zumindest nicht so, wie wir uns jetzt sehen / so, wie man „Dinge“ angucken kann und sagen: „ach guck! Da ist es ja!“ – so kann man Gott tatsächlich nicht sehen!

 

Das hat uns eben die erste Lesungen aus der Bibel bestätigt: Mose verhüllt sofort sein Gesicht, als Gott ihm im brennenden Dornbusch begegnet…

Warum eigentlich?

Ich meine: warum erscheint Gott überhaupt, wenn er doch eigentlich nicht gesehen werden will / wenn es heißt: man müsste sterben wenn man ihn sieht…?

 

Fest steht: Gott macht das! Er erscheint! – Aber er lässt sich nicht „angucken“ – so, wie wir uns ansehen, wenn wir uns begegnen oder wenn wir miteinander sprechen.

 

Gott erscheint, weil es offenbar eine Bedeutung für unseren Glauben hat, ob man etwas sehen kann oder nicht.

Ich glaube – da können wir erst einmal alle nicken.

Sie kennen ja den Spruch: „wenn ich das nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe…“ Denn:

was wir nicht sehen können – das gibt es auch irgendwie nicht…

(Gut – „anfassen“ ist auch noch so ein wichtiges Kriterium)

Aber: das Sehen nimmt doch einen wichtigen Platz ein. Mit allem, was wir nicht sehen können, tun wir uns schwer. Hinter dem Sehen stehen die anderen Sinne deutlich zurück: Wenn wir einen schönen Duft riechen, dann gucken wir schnell nach, woher der kommt / Wenn wir ein Geräusch hören, dann drehen wir uns um, um zu sehen, woher das kommt / wenn uns etwas berührt, gucken wir hin, um zu sehen, was das war...

 

Erst, wenn wir etwas gesehen haben, können wir es einordnen / stellen wir eine bewusste Beziehung her… Erst, wenn wir etwas gesehen haben, billigen wir Sehenden einem Erlebnis zu, dass es „wahr“ ist.

Gerade für uns (in unserer heutigen Zeit) ist das Auge ganz besonders wichtig: schnelle Bildfolgen im Fernseher / überall: große, bunte Bilder.

Wenn es von einem Ereignis keine Bilder gibt… ja – dann können die uns ja viel erzählen…!

Zum Beweis brauchen wir Bilder! Deshalb wird auch „alles und nichts“ ständig mit dem Handy aufgenommen.

Das ist manchmal richtig lästig. Wenn man auf einem Konzert ist oder auf einer Reise (oder wo auch immer) – dauernd werden da Handys hochgehalten. Man meint, die Leute „erleben“ ja gar nichts, sondern, gucken ständig nur durchs Handy.

Klar – es ist wie eine Beweis-Aufnahme! „Ich war wirklich da! Guck mal: davon habe ich Bilder! Das kann ich also Beweisen – anderen und auch mir selbst“ Früher hieß es: „kneif mich mal – ich glaub´ ich träume.“

Heute heißt es: „mach schnell ein Bild! Damit wir hinterher sehen können, dass es wirklich stimmt.“

 

Das Sehen ist für uns unglaublich wichtig. Und: emotional.

Wenn man an die Anfänge des Täuflings denkt. Familie X - erinnern Sie sich noch an das erste Ultraschall-Bild? Als man das Kind zum ersten Mal gesehen hat?

Oder dann:

der erste Augenkontakt. Als sie endlich da war. Als man gesehen hat, wie schön sie ist!

Wir lassen uns bewegen von diesem Blick / von dem, was wir sehen…

 

Das gleiche gilt – so schwer es auch fällt – für die Last einer Beerdigung.

Es reicht nicht, wenn uns andere davon erzählen!

Man muss da selber hin! Auch, wenn die Schritte noch so schwer sind / auch, wenn man um alles in der Welt die Zeit zurückdrehen will… Man muss das mit eigenen Augen sehen. Den Abschied: sehen…!

 

Deshalb erscheint Gott! „Epiphanias“ – auf Deutsch: Erscheinung!

 

Dieses Wort „Erscheinung“ stößt uns aber schon darauf, warum Gott sich dennoch nicht wirklich „angucken“ lässt. „Er-Scheinung“.

Was nämlich, wenn es nur ein falscher Schein wäre, den wir sehen?

 

Wir (in unserer heutigen Zeit) können das vielleicht besser nachvollziehen als frühere Generationen. Denn:

wir kennen die möglichen Tricks, mit denen „das, was wir sehen“ manipuliert werden kann.

Angefangen von einfachen Bild-Bearbeitungen – die wir alle mit „Foto-Shop“ am PC vornehmen können.

Da wird aus einer Aufnahme vom verregneten Urlaubs-Nachmittag ein Bild bei strahlendem Sonnenschein (sogar mit Schatten auf den Gesichtern). Das ist kinderleicht.

Da haben Foto-Models Beine „von hier bis Meppen“. Wahnsinn! Und: keine einzige Falte!! Nicht mal da, wo die Natur uns allen eine Falte gegeben hat, weil wir sonst die Augen gar nicht aufkriegen (oder so).

Nix!

Makellose Schönheit…!

 

Und siehe da - wir sagen: „zu schön um wahr zu sein!“

Wir wissen: da werden unsere Augen getäuscht! Fake! „Fake news“ (oder wie wir inzwischen sagen: da werden uns „alternative Fakten“ vor Augen gehalten).  

 

Jedes Kind kennt heute die virtuellen Welten der PC- oder Handy-Siele. Jedes Kind, weiß, dass diese Bilder zwar „wahr“ sind aber nicht „wirklich“!

Wohl wahr: dass man Gott nicht ansehen darf, wird in der Bibel begründet durch seine Hoheit / durch die Macht seiner Gottheit. Wir Menschen können es nicht ertragen, diese Macht anzusehen – dann müssen wir sterben… Für mich wird das nachvollziehbar, wenn ich weiß: unser Auge lässt sich eben leicht täuschen. Wir würden den „tatsächlichen Gott“ gar nicht sehen können.

Wir brauchen etwas für die Augen, aber können zugleich nicht wahrhaben, was wir sehen. //

 

Welchen Weg wählt Gott deshalb?

Ein Wunder!

Er spricht zu Mose aus einem brennenden Dornbusch! / Aus einem Busch, der in Flammen steht und dennoch nicht verbrennt!

 

Und welchen Weg wählt Mose?

Er lässt sich ansprechen, zieht seine Schuhe aus, um sich auf „heiligem Boden“ bewegen zu können und nimmt die Stimme, die zu ihm spricht ernst!

 

Könnten wir das auch? Würden wir das auch so machen wie Mose?

 

Mal angenommen: da draußen (direkt hier vor dem „Haus der Kirche“) brennt ein Busch. Zum Beispiel die Eibe dahinten…?!

 

Wahrscheinlich würde unser Küster gleich den Feuerlöscher schnappen und sich der Sache annehmen.

Unsere Ortsfeuerwehr würde anrücken. Und dann wäre die Sache schnell vorbei. Vielleicht würden wir uns noch wundern, warum der Busch solange in Flammen steht, ohne gleich zu Asche zu verbrennen und die ganze Gegend in Brand zu setzen.

Vielleicht…

Anschließend würde dann nach der Brandursache geforscht und man würde irgendwelche Konfirmanden verdächtigen – die hätten da vielleicht heimlich geraucht, oder so…! 

 

Und wenn bei dem ganzen Lösch-Trubel nun noch eine Stimme aus dem brennenden Busch käme. Würden wir dann unsere Schuhe ausziehen und wissen: da spricht Gott?!?

Wahrscheinlich würden wir meinen: die Nachbarn hätten das Radio an oder den Fernseher / wahrscheinlich wären wir so beschäftigt, dass wir die Stimme gar nicht hören würden… //

 

Was ich damit sagen will ist:

die angemessene erste Reaktion auf die Erscheinung Gottes ist: mit dem Wunder seiner Gegenwart überhaupt zu rechnen!!

 

Selbst wir hier im Gottesdienst – die wir mit dem Glauben an Gott etwas anfangen können / selbst wir, die wir heute Morgen hierhergekommen sind und vorhin das Glaubensbekenntnis mitgesprochen haben / selbst wir (das behaupte ich jetzt mal) rechnen nicht wirklich damit, dass Gott heute oder morgen zu uns spricht.

Also – wirklich „spricht“ – so von „Du“ zu „Du“.

In der ersten Lesung hieß es:

Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! ---- Der antwortete: Hier bin ich.

Wenn Gott heute ruft: „Willi! Willi!“ oder, um mal meinen Namen zu nennen: „Jens! Jens!“…

Würde ich dann sagen: „Hier bin ich!“ Und wissen: das ist Gott, der da ruft…?!?

Wahrscheinlich nicht!

 

Und dann würde ich die Erscheinung Gottes: verpassen!

 

Das sind die ersten beiden Erkenntnisse, die ich aus den Texten des heutigen Sonntags gewinne:

Gott erscheint!

Und er erscheint so, dass wir ihn erkennen können (– wenn auch nicht so, dass wir ihn unmittelbar sehen…). Das ist das eine.

Und das andere ist: wenn wir Gott begegnen wollen, dann müssen wir auch bereit sein: Wunder als solche zu erwarten!

Wenn ich von vornherein „dicht mache“… / wenn ich nur das ernst nehme, was ich ohnehin erwarten konnte… / wenn ich mich nicht überraschen lasse von Ereignissen, die mir begegnen – dann werde ich am Ende zu denen gehören, die sagen:

„Gott?!? Gott gibt´s gar nicht!“

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!

Weil ich nur glaube, was ich sehe!

Wie klein ist das denn!?! Wie armselig, wenn man sich mit dem „eigenen Horizont“ als Grenzlinie zufrieden gibt…

Nein – Gott traut uns viel Größeres zu.

Gott nennt seinen Namen: Er nennt sich: „ich werde sein, der ich sein werde“.

Nämlich der Gott, der sein Volk aus Ägypten herausführen wird /

Gott ist der, der am Kreuz eine Dornenkrone tragen wird /

der, der durch seine Auferstehung allen, die sterben eine Zukunft schenkt /

der, der heute im „Sakrament der Taufe“ den Täufling als sein geliebtes Kind angenommen hat.

Gott ist der, der eine Geschichte mit uns führt! Mit jeder und jedem einzelnen von uns. //

 

Gott kann man nicht sehen?...

 

Ja und nein!

 

Amen.