Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 3,1-15

Pastor Dirk Woltmann (ev.-luth.)

02.02.2017 Kirche St. Michaelis, Hildesheim

Hinweis: Der Predigttext wurde von einer Lektorin in den unten angegebenen Abschnitten die Predigt unterbrechend vorgelesen. Da die Stellenangabe für den Predigttext auf einem Begleitblatt abgedruckt war, konnte die Lektorin direkt mit dem Bibeltext einsetzen. Auf Kanzelgruß und -segen habe ich verzichtet. Die geographischen Angaben in der Predigt sind mit GoogleMaps recherchiert und mit einer gewissen Freiheit verwendet. Die Predigt muss mit vielen Pausen gedacht werden, mit Moritz mitgehend.

[Lektorin:]

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

3 Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

5 Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

 

Moritz G. aber lebte ein ganz normales Leben. Er hatte sich längst häuslich eingerichtet, hatte eine Familie gegründet, hatte einen einfachen, aber einträglichen Job gefunden bei Blaupunkt. Täglich fuhr er denselben Weg, die 13 km vom Stadtfeld über die B1, durch den großen Kreisel, die Schützenallee, an Himmelsthür vorbei bis zum Abzweig nach Emmerke und Sorsum, dann immer geradeaus am Rottebach entlang. Irgendwann hatte er auf einer Karte entdeckt, dass dieser Graben an der Straße einen Namen hatte. An der Kreuzung von Sorsumer und Robert-Bosch-Straße schließlich bog er jeden Tag ab zum Betriebsparkplatz.

So machte er das Jahr für Jahr und dachte nicht viel darüber nach und liebte seine Familie und kam gut zu Recht mit seiner Arbeit und den Kollegen.

So war er auch heute unterwegs wie an jedem Arbeitstag. Im Radio lief ein Schlager aus den 90ern, den er mochte. Er sang mit: „One of us“ - Joan Osborne, fiel ihm ein, 1995 oder so; da war er 17 Jahre alt. Joan Osborne sah ganz süß aus damals, erinnerte er sich. Er konnte eigentlich außer der Titelzeile nur den Anfang des Refrains mitsingen, aber das auch mit Inbrunst:

[Prediger singt den Refrain an:]

„And yeah, yeah God is great
Yeah, yeah God is good
Yeah, yeah, yeah, yeah, yeah“

Bei Kilometer Neunkommanull seiner täglichen Strecke, da, wo der Rottebach aus dem nördlichen Zipfel des Hildesheimer Walds hinunterfließt, auf Höhe des ehemaligen Klosterguts Sorsum, bog er zu seiner eigenen Überraschung spontan rechts ab auf die Nebenstraße, die von Sorsum aus hinauf zum Hildesheimer Wald ansteigt. Bei der Zeitansage im Radio zu den letzten Tönen von „One of us“ hatte er festgestellt, dass er früh dran war heute. Er fuhr den Weg, der über die beiden Bahntrassen führt, bis zum Ende, ließ dort sein Auto an den Teichen stehen und stieg das letzte Stück zu Fuß hinauf bis an den Waldrand. Es war still und der Himmel klar.

Gerade, als er den Waldrand erreichte, trafen ihn die ersten Strahlen der Morgensonne, die im Osten über dem Lerchenberg aufging. Das hatte er noch nie gesehen. Mein Gott, das war großartig, dachte er. -

Gott - er wusste nicht, wie lange er nicht an Gott gedacht hatte; bei der Taufe der Kinder ja, aber Paul ging schon in die Grundschule und Mia war im Kindergarten. Bei Pauls Einschulung letztes Jahr vielleicht.

„What if God was one of us…“

Moritz schloss die Augen und genoss die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf seinem Gesicht. Fast schon Frühling, dachte er.

„One of us“. Was singt sie? Irgendwie, dass Gott einer von uns sein könnte, mit uns unterwegs - genau: „a stranger on the bus“, ein Fremder im Bus.

Er lachte einmal kurz auf und blinzelte in die Sonne - fast wie eine Vision, die Lichtreflexe durch die halb geschlossenen Wimpern, ein Blick auf die Welt wie durch ein Kaleidoskop. Gibt es das eigentlich noch als Kinderspielzeug?

„A stranger on the bus“ - was für eine Idee!

War Gott nicht im Himmel, weit weg, unsichtbar, hielt sich aus allem raus, wenn es ihn denn überhaupt gab?

„Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten…“,

das war Mias Taufspruch, fiel ihm jetzt ganz unvermittelt ein. Stefanie hatte den ausgesucht, fand sie irgendwie süß und ihn hatte das gerührt, seine Frau noch mehr als der Bibelspruch.

Engel. Gottes Boten. Glaubte er eigentlich daran?

Moritz staunte über sich selbst. Was waren das für Gedanken hier am Waldrand. Er hatte das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, wollte sich nicht daraus lösen.

„What if God was one of us.“

Kümmert Gott, was hier passiert?

Er dachte an die Nachrichten jeden Tag, was er heute Morgen in der Zeitung gelesen hatte, an die Bilder von Krieg und Zerstörung, immer wieder. An die Flüchtlinge. Im Freundeskreis gab es viele verschiedene Meinungen dazu. Manches war ihm unangenehm.

Wie sollten sie das Paul und Mia irgendwann erklären, was mit dieser Welt los war? Paul bekam ja jetzt schon einiges mit, eigentlich zu viel für einen knapp Siebenjährigen.

Und wie sollten sie ihren Kindern erklären, warum manche Menschen hier so zornig waren, der AfD hinterherliefen, sich Sündenböcke suchten. Ihn störte auch viel, aber das war ihm zu einfach.

Er dachte an den neuen Präsidenten drüben in den USA, an die Sorgen, die sie sich machten, auch, weil die ganzen rechten Parteien in Europa Morgenluft witterten durch Trump.

Morgenluft. Er atmete tief ein.

„What if God was one of us.“

Kümmert es Gott?

 

[Lektorin:]

6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.

8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,

10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

 

Nein, er hatte in seinem Leben nicht viel über Gott nachgedacht. Sollte er etwa heute Morgen damit anfangen, hier am Waldrand, mit den immer heller werdenden Sonnenstrahlen im Gesicht.

Nachdenklich schüttelte er den Kopf. Er ging ein paar Schritte am Waldrand nach Osten.

Er hatte nicht viel behalten aus dem Konfirmandenunterricht damals, von den sporadischen Gottesdienstbesuchen, den Taufen der Kinder.

Aber doch: der Einschulungsgottesdienst von Paul im letzten Jahr. Das war ja noch nicht so lange her. Das war die Geschichte von Mose, die erzählt wurde. Der brennende Dornbusch. Israel in Ägypten. Gott, der die Not seines Volkes sieht.

Paul war total fasziniert, als der Pastor die Geschichte vorlas. Der hatte das gut gemacht, sehr kindgerecht. Ob es das wirklich gibt, hatte Paul nachher gefragt, ob sie den Brombeerstrauch im Garten mal anzünden könnten, der wäre doch auch so stachelig.

Moritz kickte fröhlich einen Stein zur Seite, der auf dem Weg lag. Er hatte über seinen Sohn gelacht und ihm erklärt, dass das ja nur eine Geschichte sei und dass das nur bei Gott geht, dass ein Busch nicht abbrennt und dass bestimmt die Feuerwehr kommen müsste, wenn sie den Strauch im Garten anzünden würden und dass das ganz gefährlich wäre und leckere Beeren gäbe es dann auch nicht dieses Jahr.

Nur eine Geschichte?

Eigentlich - eigentlich ist das gar keine Kindergeschichte, dachte Moritz. Mose war ja wohl ein erwachsener Mann. Und das mit der Sklaverei in Ägypten - sowas ist ja auch kein Kinderkram.

Moritz staunte, was ihm alles wieder einfiel. Gott wollte Mose beauftragen. Er sollte das Volk wegführen, befreien, in Gottes Namen befreien. Das ist dann ja wohl auch passiert. Aber Mose hatte sich geziert, genau, er wollte nicht. Er wollte -

Moritz blieb stehen. Er konnte jetzt nicht mehr in die Sonne schauen, ohne dass es wehtat. Er strengte sich an, sich zu erinnern. Er hatte das merkwürdige Gefühl, dass das jetzt das Wichtigste wäre, sich zu erinnern, sich an eine uralte Bibelgeschichte zu erinnern. Eigenartig. Wie war das?

Mose wollte - Gottes Namen wissen. Gott sollte für ihn kein Fremder im Bus sein. Einer, mit einem Namen.

 

[Lektorin:]

11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.

13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?

14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

15 Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

 

Der Name. Das war irgendwie merkwürdig und auf eigenartige Weise schön, wusste er noch. Irgendetwas Traditionelles, mit Jakob und Abraham oder so; Jakob wäre auch ein schöner Name, wenn sie noch einmal einen Sohn bekommen sollten. Aber dann war da noch etwas anderes. Moritz strengte sich an, blinzelte in die Sonne. Gottes Name… Ich bin. Ich bin da. Ich bin für euch da. Ich werde da sein. Irgendwie so etwas - oder alles zusammen. -

Merkwürdig, seine Stimmung, dachte Moritz. Ihn schauderte. Es lag nicht am kühlen Morgen. Fühlt sich an, als ob man das glauben könnte, dachte er.

„Yeah, yeah, God is great…“

Moritz hatte gar nicht gemerkt, dass er wieder leise zu singen angefangen hatte. Diesen Refrain halt, den er kannte.

Und jetzt fiel ihm auch wieder die erste Strophe ein:

„If God had a name what would it be?
And would you call it to His face?
If you were faced with Him in all His glory
What would you ask if you had just one question?“

„Wenn Gott einen Namen hätte -
welcher wäre das?
Und würdest du ihm ihn ins Gesicht rufen?
Wenn du mit ihm konfrontiert wärest in all seiner Herrlichkeit:
Was würdest du ihn fragen,
Wenn du nur eine Frage hättest?“

Sein Name. Ich bin da. -

Was würde ich ihn fragen?

Vor ihm flog ein Schmetterling auf, ein Zitronenfalter, immer die ersten im Jahr. Moritz wusste nicht, warum ihn der Anblick beinahe zu Tränen rührte.

„Gott hat seinen Engeln befohlen…“

Zum ersten Mal, seit er von seinem Weg zur Arbeit abgebogen war, sah er auf die Uhr - und bekam einen Schreck. Es war viel mehr Zeit vergangen, als er gedacht hatte. Gut, dass es die Gleitzeit gab. Er würde später nach Hause kommen. Er musste nachher Stefanie eine WhatsApp schicken, damit sie Bescheid musste. Und er würde ihr schreiben, dass er viel zu erzählen hätte und ganz neue Fragen hätte und so.

Sein Name. Ich bin da.

Es klang in ihm nach, als er sich wieder ins Auto setzte. Das Radio blieb stumm diesmal. Er wusste nicht, was ihm da passiert war, heute Morgen. Aber dass etwas in ihm in Bewegung gekommen war, das wusste er. Etwas Wichtiges. Etwas von Bedeutung.

Etwas von Bedeutung.

Wie lange hatte er danach nicht mehr in seinem Leben gesucht: nach Bedeutung. Jetzt war es - wie ein Geschenk.