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Predigt über 2. Mose 32,7-14

Jan Thomas Otte (ev.)

13.12.2009 in der Evangelischen Kirchengemeinde Oberschefflenz

3. Advent

Hier die Predigt hören

 

Vom Goldenen Kalb zum Goldenen Stern

7 (…) Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.  8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.  9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, daß es ein halsstarriges Volk ist.  10 Und nun laß mich, daß mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 

11 Mose sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?  12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, daß er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.

14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte. 

 

Ungeduldig hockt das Volk Israels in der Wüste. Gott scheint nicht mehr mit ihm reden zu wollen. Aaron, der Bruder Moses, Rhetoriker und Charismat, kommt auf eine kühne Idee: Man könnte sich Gott doch auch selbst bauen, greifbar, immer so verfügbar – so wie ich ihn gerne hätte. Aarons Idee kommt gut an. Erstaunlich schnell reißen sich Israels Frauen (auch die Männer) Ohrringe und Halsketten vom Leib. Morgen, so sagt Aaron, sei der „Tag des Herrn“. Eine klare Ansage in der Ungeduld des Volkes. Mose war über 40 Tage auf dem Heiligen Berg, hatte mit Gott gesprochen, gebetet und die zehn Gebote empfangen. Davon hat das Volk wenig mitbekommen. Ein goldenes Kalb soll jetzt der Gott Israels sein. Das soll helfen gegen die Ungeduld, das Nicht-Wissen wo Gott ist, wann er wie reagiert. Hilft mir so ein goldenes Prachtexemplar wirklich?

Mitte November war ich in Berlin, auf einem Seminar. Sonntags ging ich in den Gottesdienst, wie ich das gewohnt bin. Aber das war gar nicht so leicht. Die Glocken läuteten kräftig. Viele Menschen strömten zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Kudamm, dem Berliner Einkaufsparadies. Doch als ich in die Kirche wollte, waren das keine Gottesdienstbesucher (da saßen nur wenige). Es waren Techniker für den großen Weihnachtsbaum, um ihn mit prächtigen Christbaumkugeln zu schmücken –ganz oben, so in 20 Meter Höhe kam dann per Hebebühne ein großer, goldener Weihnachtsstern, das Höchste der Gefühle. Viel Hektik und Trubel darum. Das Problem hängt genau an diesem Stern. Bleiben wir in unserer Anbetung hier ehrfurchtsvoll stehen, sehen nur diesen Goldglanz? Oder ist das ein echtes Hilfsmittel, weil wir uns so doll freuen, dass Jesus zu uns kommt? Mal ehrlich, was ist so ein Stern für euch und mich – nur Schmuck-Stück, ein Sinn-Geber – oder ein Zeichen auf unseren Herrn und Heiland, Jesus Christus? Gott kann richtig zornig werden, über so ein Kalb. Das ist nicht lapidar. Und es kann auch der Weihnachtsbaum sein.

Trotz Stolpern gegen Tannenzweige und Lichterketten. In den Gottesdienst habe ich es dann doch noch pünktlich geschafft. Ich finde das klasse, dass da ein Altar steht, mit vielen Kerzen, Sternen – vor allem aber, und das ganz groß: ein Kreuz mit dem auferstandenen Christus, Jesus der für eure und meine Sünden zu uns gekommen ist. Weihnachten ohne Karfreitag und Ostern gibt es nicht. In Berlin hängt überm Altar ein riesiges Kruzifix, mit ausgebreiteten Armen, in Gold glänzend. Und das hilft mir zu begreifen, dass Gott da ist – auch wenn ich ihn sonst noch nicht in seiner ganzen Pracht sehen kann. Das Gold an sich ist also kein Problem, solange ich dieses nicht als Götzen, sprich als Gottesersatz anbete. Also muss ich beten, mit der Kraft des Heiligen Geistes, dass ich diesen Unterschied zwischen Gebetshilfe – und Götzendienst – erkenne. Paulus formulierte das mal so: „Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen“ (1 Kor 6,12)

An erster Stelle steht in den 10 Geboten geschrieben (Mose bekam sie rund um den Predigtext), dass Gott ein einziger Gott ist. Deshalb dürfen sich die Israeliten kein Bildnis von Gott machen, dass diesen ersetzen soll. Jesus als menschgewordener Sohn Gottes, Krippe und Kreuz, sie haben uns das einfacher gemacht, die Gnade (aber auch das Gericht) Gottes in unserem Leben zu begreifen. Israel kannte das damals noch nicht, wohl aber die Ebenbildlichkeit Gottes mit dem Menschen (Gen 1,27). Zu dem Alleinherrschaftsanspruch Gottes kommt noch das Bilderverbot hinzu. Wer sich nicht an diese ersten beiden Paragraphen der 10 Gebote hält, der wird bestraft. Im Hebräischen Urtext und der Theologie redet man vom „apodiktischen Recht“, d.h.: Das du erst gar nicht auf die Idee kommen sollst, dir ein goldenes Kalb zu bauen. Vor allem auch dann nicht, wenn ein Volk doch von seinem Herrn schon mit dem Auszug aus Ägypten belohnt wurde, sichtbaren Zeichen von Gottes Größe. Da ist nicht nur Ungeduld mit im Spiel, sondern ein ganz großer Vertrauensbruch. Und da können wir uns direkt mit dem Volk Israel einreihen.

Das geht heute schon bei den Weihnachtsgeschenken los. Und endet damit, dass so ein goldenes Kalb (oder ein Weihnachtsstern) Gott ersetzen soll, ein Götze wird, dessen Schönheit mich zwar beeindruckt, mir etwas Halt in dunklen Tagen geben kann. Geschenke sind eine tolle Sache, wenn wir sie eben auch noch am Heiligen Abend haben. Nicht aber, wenn die Geschenke um den Baum zur Hauptsache werden. Das Problem bleibt beim Gold, was ich mir davon verspreche. Jeder goldene Stern, jeder Altar und jeder Kirchturm – Gott sei Dank – weisen sie über sich hinaus, allein Gott zur Ehre. So hat es auch Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium auf jede Seite geschrieben, geniale Musik mit einer spannenden Frage: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir, oh Jesus, du mein Leben. Bleiben wir bei dem Äußerlichen, ist das zwar menschlich verständlich, aber geistlich oder theologisch gesehen hoch problematisch.

Kein Mensch kann ohne Gebet – und damit meine ich an erster Stelle die Erkenntnis der eigenen Schuld, die Sünde – zu Gott kommen. Nicht ein Mal Mose, der auf dem Heiligen Berg mit Gott reden durfte, hat Gott direkt gesehen. Nur mit dem Rücken und durch Naturwunder wie ein Licht in der Nacht, eine Wolke am Tag. So haben ihn die Israeliten auf der Flucht von Ägypten bis zum Sinai erlebt. Das ging so lange gut, wo Mose noch als Vermittler zwischen ihnen und Gott voran ging. Und hörte recht schnell auf, als ihr Führer rund 5 Wochen verschwand. Jesus sagte ein Mal: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6). Das klingt ernüchternd, aber entspricht der Wahrheit. Die Wahrheit die uns frei machen wird (Joh 8,21). Jesus muss immer wichtiger als der Weihnachtsmarkt vor unserer Tür sein, dann können wir nicht nur leben, sondern auch noch richtig genießen. Auf dem Stand von der Jugendhilfe heißt es: „Jesus lebt. Du auch?“ Es kommt eben auf die Reihenfolge an.

Im Propheten Jesaja ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott“ (Jesaja 40,3) Gott geht es darum, sein Volk nicht nur zu richten, sondern auch zu trösten: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist“, sagt Gott. In der Geschichte am Sinai ruft er Mose, nachdem er für sein Volk gebetet hat, seine Eigenschaften zu: barmherzig und gnädig, geduldig und sanftmütig (2 Mose 34,6). Gott ist so mächtig, dass ihn seine eigenen Gesetze (und notwendigen Urteile gegen sein Volk) gereuen. Aber er sagt auch ganz klar im Predigttext, dass er Schuld und Sünde nicht einfach so ignoriert oder beiseite schiebt. Den ersten großen Bund nach dem Sündenfall schloss Gott mit Noah. Einer Zeit, wo er alle Menschen bis auf Noahs Familie vernichtete – das war machte, was Gott seinem Volk androhte (auch uns). Dann aber von Mose an seine wundervollen Verheißungen erinnert wird.

Unter anderem Abraham und sein Erlebnis mit unzählbaren Sternen als Nachkommen, ein echter Segen. Der Zorn Gottes am Sinai macht mir deutlich, wie viel das eigentlich bedeutet, dass Jesus in mein Dunkel kommt, meine Schwachheit, meine Ungeduld, mein Misstrauen. Martin Luther hat viel mit Gott gerungen. Er schrieb ein Mal seinem Freund Melanchton, dass Sünde auch eine einzige gute Seite hat. Das ich darin erkenne, wie viel mehr Jesus mich lieb hat. Christus erkennen bedeutet: Meine Sünden erkennen. Im Text beschreibt Gott diesen Zustand mit einem starren Hals.  Wenn ich nur den Stern auf dem Weihnachtsbaum bewundere, anstarre – dann fehlt mir der Schulterblick für Jesus, der mich in allen Bereichen haben will – und auch der Blick auf die Bedürfnisse anderer. Nur wenn ich das verstanden habe (darunter manches goldene Kalb), dann kann ich Jesus in die Augen schauen, ist der Kontakt zwischen Gott und Mensch wieder im Lot.

Beim goldenen Kalb werden Ungeduld und Misstrauen gegenüber Gott natürlich auf die Spitze getrieben. Der Text zeigt uns im Grunde zwei Typen. Suchen wir wie Mose die Gemeinschaft mit Gott im Gebet, geduldig, wenn auch manchmal abstrakt aber doch völlig frei? Oder flüchten wir uns mit Aaron in äußerliche Belange, weil das handfester im ersten Moment, voller Tatendrang erscheint, aber doch recht ängstlich ist? Der Stern von Bethlehem glänzt heller als alle anderen Sterne weit oben am Firmament – und ganz sicher auch heller als jeder Weihnachstern am Tannenbaum. Mitten in unsere Dunkelheit – und damit meine ich auch so manches Licht, dessen Glanz uns nur getäuscht hat, wir meinten, das wäre jetzt Gott gewesen.

Übrigens leuchtete der Stern ja so hell, dass auch Nicht-Christen sich auf den Weg durch die unbequeme Wüste machten, die Heiligen aus dem Morgenland. Statt beim Gold-Palast des Herodes einzukehren, wanderten Sie lieber direkt zu Jesus, in eine einfache Grotte. Die Gemeinschaft mit Gott war ihnen wichtiger als menschliche Eitelkeiten. Jesus nimmt hinweg die Sünden dieser Welt (Joh 3,16), ist Gestalt geworden wie wir. Damit wir leben können – und ihn noch mehr lieb haben. Gerade in den Situationen, wo ich Jesus noch nicht Hundertprozent vertraue und ich wieder einen neuen Anfang wagen will. Das ich eben nicht beim Anblick vom vergoldeten Tannenbaum meinen Hals versteife, „halsstarrig“ bin – sondern Jesus anbete. Er selbst sagte seinen Jüngern – und auch uns: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ (Lukas 21,28)

Ich will das: mehr von Gott, mehr beten, mehr Jesus erleben. Der Schriftsteller C.S. Lewis formulierte es ein Mal so: „Ich glaube an Christus so wie ich an die Sonne glaube. Nicht nur, dass sie jeden Morgen aufgeht (als sichtbares Zeichen von Gottes Größe), sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann“. Wir suchen das Licht, gerade in dieser dunklen Zeit. Es geht nicht nur um irgendeine Harmonie, nicht um Floskeln wie „Es ist halt nicht alles Gold, was glänzt“. Mose geht weit in die Familiengeschichte Israels, zu den Ursprüngen des Glaubens: dem Segen der Urväter, den Gott ein Mal Abraham zugesprochen hatte, unwiderruflich dafür aber mehrmals in der Bibel wiederholt.

Gott sagte zu ihm, dass seine Nachkommen so zahlreich wie der Sand in der Wüste, oder aber auch wie die Sterne am Nachthimmel sein sollten (1. Mose 15, 5). In dieser dunklen Jahreszeit können wir das mal selbst ausprobieren. Schaut mal nach draußen, heute Abend! Der Weihnachstern von Bethlehem leuchtet noch heller (Forscher haben ihn ja schon in Berechnungen als Komet mit Schweif gefunden). Lasst mich diesen Punkt zum dritten Mal sagen: Gott hat bestimmt nichts gegen Weihnachtsbäume und Sterne. Die gehören traditionell dazu. Gott freut sich, wenn wir uns dann über ihn freuen, der diese geschaffen hat. Knackpunkt bleibt, dass Israel zum Kalb gesagt hat: „Das ist unser Gott“. Und das kann nicht stimmen, wenn Mose oben auf dem Berg Sinai den direkten Weg wählt: Beten zu ihm. Dabei hat er sich nicht den Hals verrenkt, sondern ist innerlich ruhig geworden.

Wie sollen wir als Gemeinde nun „richtig“ Weihnachten feiern? Weg von Kitsch und Konsum, sich aufs Wesentlich konzentrieren. Darin sind sich auch die meisten weltlichen Kreise, ob nun Bläserkreis oder Gewerkschaft einig. So manche Kritik hat man da schon rund um unsere Weihnachtsmärkte gehört. Selbst die beiden großen Kirchen in Berlin haben kürzlich geklagt – bis zum Bundesverfassungsgericht. Um sicherzustellen, dass Sonntage wie dieser im Advent ruhig bleiben. Aber ob es am Heiligen Abend so ruhig war? Ruhe allein, in den Läden und Familien, sie schafft noch keine Heiligkeit. Im Gegenteil. Lasst uns lieber das echte Heil am Heiligen Abend wiederentdecken. Der prachtvolle Schmuck kann uns dabei helfen – aber auch völlig blockieren.

Grund zum Feiern und kräftig Beten jedenfalls gibt es genug. Nicht erst in 2 Wochen, sondern schon heute. Der Stern hier auf dem Beamer, der mahnt mich. Dass es Gott ist, der ihn geschaffen hat. Dass er uns den Weg zur Krippe von Jesus Christus weist, zum Kreuz, seiner Auferstehung, zum Himmel, zum ewigen Leben. Dieser goldene Stern ist besser als jedes goldene Kalb – sei es noch so schön. Alles aber ist von Gott geschaffen, der uns durch Jesus Christus mit sich versöhnt hat (2 Kor 5,18). Halleluja, Gott sei Lob, Preis und Ehr! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre in ihm unsere Herzen und Sinne. Amen.