Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 33, 17b-23

Pastor Martin Hofmann (ev.-luth.)

18.01.2015 in der Christuskirche in Othmarschen

Sonntagsgottesdienst

Liebe Gemeinde,

ziehen Sie sich die Schuhe aus. Kommt immer gut.

Das hat uns Frau Shabnam Jalali am Montag im Gemeindehaus gesagt. „Ziehen Sie sich die Schuhe aus. Kommt immer gut, wenn Sie in die Wohnung von Menschen aus der arabisch-islamischen Welt kommen.“

Frau Shabnam Jalali, mit einem Bein Iranerin, mit dem anderen Rheinländerin, ist Beraterin für interkulturelle Kompetenz und beriet uns am Montag in Sachen Flüchtlingsarbeit.

„Ziehen Sie sich die Schuhe aus als Zeichen der Höflichkeit und des Respekt, wenn Sie die Wohnung betreten.“

Nun kann man natürlich sagen: Nein, mach ich nicht. Es ist mein „gutes Recht“, in Deutschland Schuhe zu tragen, und zwar überall – außer im Schwimmbad. Schließlich sind wir hier nicht in Istanbul. Das stimmt natürlich alles. Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Wer mal eine Moschee besucht hat, kennt die langen Reihen ausgezogener Schuhe. Und wer mal in die Bibel guckt, stolpert vielleicht über einen Gott, der Mose bittet, seine Schuhe auszuziehen. Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (2. Mose 3,5)

Liebe Gemeinde, kennen wir so etwas überhaupt noch? Heiliges Land? Oder latschen wir mittlerweile überall drüber in unserer tabulosen Gesellschaft, weil es ja unser „gutes Recht“ ist, mehr noch: Unsere Freiheit hängt daran, dass wir überall hingehen, dass wir alles machen können, ganz egal, ob anderen etwas heilig ist, ob es sie vielleicht verletzt, ob es ohne Not unser Zusammenleben erschwert. Wir haben immer die Freiheit zur Rücksichtslosigkeit. Das ist unser „gutes Recht“.

Unser heutiger Predigttext erzählt von Mose, der Gott sehen möchte. Doch Gott entzieht sich: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; Mose, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Gott schützt Mose vor seinem eigenen Angesicht, hält die Hand über ihn, und lässt nur zu, dass er ihm von hinten nachschaut. Heiliger Gott, der um des Menschen willen Grenzen setzt, der sich nicht sehen lässt, der sogar auf dem Berg Sinai gebietet: Du sollst dir von mir kein Bildnis machen.

Liebe Gemeinde, wir kommen heute nicht um das Thema Charlie Hebdo herum. Am 7. Januar stürmten 2 Männer mit Sturmgewehren in die Redaktion des Satireblattes und riefen „Gott ist am größten“ und „Wir haben den Propheten gerächt.“ Sie erschossen 12 Menschen. Ein barbarischer Akt, durch nichts zu rechtfertigen, grausam, dumm und hinterhältig. Wenige Stunden später: Breite Solidarität im Netz: „Je suis Charlie.“ – „Ich bin Charlie.“ Das heißt: Ich solidarisiere mich mit dem Magazin, ich traure um die Opfer, ich betrachte diese Morde als Angriff auf meine eigene Freiheit. Ein Marsch der Millionen setzt sich in Gang, angeführt von sehr unterschiedlichen Spitzenpolitikern: Ich bin Charlie. Ich bin gegen Terroristen. Ich bin dafür, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Meinung zu sagen, ohne dafür um sein Leben zu fürchten.

Das ist alles gut und richtig. Aber ist das das letzte, was man als Christ in dieser Sache sagen sollte? Und: Würden wir in einem ähnlichen Fall auch sagen: Ich bin „BILD“, ich bin „Titanic“, ich bin „Junge Freiheit“?

Was ist uns noch heilig?

Wer „Charlie Hebdo“ bei der Bildersuche im Internet eingibt, stößt auf eine Unmenge an Karikaturen. Viele sexistisch, blasphemisch, irgendwo zwischen Pennäler- und Alt-Herren-Witz-Niveau. Es muss erlaubt sein, das zu kritisieren. Viele Karikaturen richten sich gegen den Islam, einige auch gegen andere, zum Beispiel wird die Heilige Trinität im homosexuellen Geschlechtsakt gezeichnet. Finden Sie das lustig? Ich zumindest nicht. Es verletzt mich. Es verletzt mich, wenn die Zeitung Titanic den Gekreuzigten als Klorollenhalter abbildet oder wenn ein Jugendlicher einen meiner Söhne „aus Spaß“ fragt, wann denn sein Pastorenvater sein letztes Kind geschändet hätte. Und ich halte mich für recht humorigen Menschen, der normalerweise nicht sehr politisch korrekt daherredet. Aber es gibt Grenzen bei mir. Ich bin verletzt und muss es notgedrungen aushalten, weil ein Sturmgewehr keine Alternative für mich ist. Aber gut finden muss ich es noch lange nicht, muss es auch nicht als größte Errungenschaft der Abendlandes feiern, dass man auf Teufel komm raus zeichnen kann, was man will und es darum auch muss.

Gestern meldeten die Zeitungskioske einen Run auf die neuste Ausgabe von Charlie Hebdo - auch in Deutschland. Ein Magazin, das normalerweise in einer Auflage von 60.000 erscheint, kommt jetzt mindestens 5.000.000 Mal unters Volk. „Nun erst recht!“ ist die Denke dahinter. Wenn Menschen Redakteure ermorden, dann schlagen wir zurück und verteidigen unsere Freiheit mit Stift und Pinsel. Dann erhöhen wir die Auflage und geben somit zugleich patriotischen Europäern Bildmaterial an die Hand, mit dem sie dann gegen die Islamisierung des Abendlandes protestieren können. Das ist ja auch deren „gutes Recht“. Dass wir damit nicht allein die Terroristen treffen, sondern Millionen von friedlichen Gläubigen verletzten, ist nebensächlich. Das muss eine Religion aushalten können. Denn wie schon Tucholsky sagte: „Satire darf alles.“ Stimmt. Aber muss sie?

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten, heißt es in der Bibel. (1. Kor 6,12) Unser Predigttext sagt, dass es Grenzen gibt, Grenzen, die der Mensch aus eigenem Interesse heraus nicht überschreiten sollte. Mose soll Gott nicht ins Angesicht schauen. Er würde es nicht überleben. Und im Neuen Testament heißt es: Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. (Gal 6,7) Sehr schnell kann man diesen Satz als Begründung für den Mord am Spötter missbrauchen, nach dem Motto: Charlie Hebdo hat’s doch verdient: Gott lässt sich eben nicht spotten.

Nichts liegt dem christlichen Glauben ferner. Denn unser Gott LIESS sich spotten, ließ sich Purpurmantel und Dornenkrone aufsetzen und sich lächerlich machen. Kein Blitz fuhr vom Himmel, im Gegenteil, der Gott, der aufs Kreuz gelegt wurde, vergab denen, die nicht wussten, was sie taten. Er hielt das aus. So, wie wir eben auch aushalten müssen, wenn das, was uns heilig ist, aus Spaß niedergemacht wird.

Trotzdem, liebe Gemeinde: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, der nichts mehr heilig ist, die nicht nur alles macht, was sie kann, sondern, die auch jeden niedermacht, den sie will. Nein, ich rufe nicht nach Inquisition, nicht nach Zensur, sondern ich rufe nach einem Gewissen in den Fernseh- und Zeitungsredaktionen. Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Der ehemalige Bundespräsident Wulff schrieb letztes Jahr im Spiegel (30/2014): „Was ich beklage, ist die Verrohung des Diskurses, diese ganze Häme, mit Diffamierung und Denunziationen. … Andere fertigmachen und sich daran erfreuen - diese Häme bringt uns um. Sie zerstört die Motivation für gesellschaftliches Engagement und nagt an unserem Gemeinwohl.“

Einerlei, was man über die „causa Wulff“ denken mag: Zumindest dort hat er Recht: Wenn der Mensch sich über jede Grenze hinwegsetzt, wird Leben unmöglich. Die Häme bringt uns um.

Ich denke an Polizisten und Lehrer, die zunehmende Respektlosigkeit und gar Gewalt gegen sich beklagen. Die Häme bringt uns um. Ich denke an Politiker und Politikerinnen, die mit Amtsantritt zum gefunden Fressen für Kabarettisten werden, die nicht allein die Politik attackieren, sondern zugleich die Person.

Schauen Sie sich mal die Wahlplakate an: Ganz oft Politiker und Politikerinnen tadel- und kantenlos, wunderschön ausgeleuchtet, manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit zurechtgeschminkt oder gephotoshopt. Bloß keine Blöße geben! Die Häme bringt uns um.

Ich denke an all die unheimlich lustigen Sendungen, in denen es nur darum geht, Menschen vorzuführen als „Schlüpfer-Schnüffler und Kotzfrucht-Schlürfer“ (ntv). Ich bin ein Fernsehzuschauer. Holt mich da raus.

Welch Druck lastet auf einer Gesellschaft, die so frei ist, dass sie sofort alles und jeden in den Dreck ziehen kann?! Ist das die Freiheit, für die Millionen auf die Straße gegangen sind?

Dass die eigene Freiheit dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt, ist ein Satz, der Wissen umeinander voraussetzt. Ich muss wissen, was der andere zur Ausübung seiner Freiheit benötigt. Dazu muss ich mit ihm eine Gesprächsebene haben. Die eigene Freiheit endet dort, wo die des anderen beginnt. Zumindest wissen wir durch diesen Satz um die Grenzen unserer eigenen Freiheit - aber nicht um ihren Inhalt.

Christliche Freiheit ist nicht allein „Freiheit von etwas“, sondern zugleich auch „Freiheit zu etwas“, Die Freiheit eines Christenmenschen heißt nicht, alles tun zu dürfen, was man will. Die Freiheit eines Christenmenschen heißt, alles tun zu dürfen, was Gott will.

Die Tafeln der 10 Gebote sind keine Verbotsschilder, die die Freiheit des Menschen beschneiden. Sondern sie sind Weisungen, die die Freiheit des Menschen schützen wollen. Sie beginnen mit „Ich bin der Herr, dein Gott“ und sie buchstabieren durch: Ehrfurcht vor Gott ist nicht ohne die Ehrfurcht vor menschlichem Leben, vor der Freiheit und Würde eines jeden einzelnen zu haben. Und sie sagen auch: Ein Leben in Freiheit und Würde ist ohne Ehrfurcht vor Gott nicht möglich. Freiheit ist nicht möglich, wenn der Mensch nichts Unantastbares und Bedingungsloses mehr hat, auf das er sich beziehen kann, nichts Heiliges, das ihn mit seinem Nächsten verbindet. Gott ist heilig und das Leben eines jeden Menschen auch, sei er Franzose, Deutscher oder Syrer, sei er Muslim, Jude oder Christ.

Vor knapp 2000 Jahren begann in der Nachfolge Jesu eine Bewegung, die sich zunächst „der neue Weg“ nannte, so wie Christus immer seinen eigenen, neuen Weg gegangen ist, um das Böse gewaltlos zu überwinden. Welchen Weg sollten wir Christenmenschen einschlagen, wenn Männer angeblich im Namen Gottes 12 Menschen erschießen?

Davon, dass wir die Auflage von Charlie Hebdo hochschrauben, wird die Welt weder freier noch friedlicher. Sie wird freier und friedlicher, wenn wir auf Menschen wie Frau Shabnam Jalali hören, wenn wir die Schuhe ausziehen und vielleicht auch mal auf unser „gutes Recht“ verzichten. Wenn wir denen helfen, die kommen, weil sie Hilfe benötigen. Die Welt wird freier und friedlicher, wenn wir nicht per Gesetz, sondern aus freien Stücken zulassen, dass es in dieser Welt heilige Räume, Texte und Lieder gibt, an denen unsere Freiheit ihre Grenze findet.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit um Gottes Willen auf dieser Welt! Die Feder ist mächtiger als das Schwert, sagen die Engländer. Es ist nicht ganz unerheblich, was man mit dieser Feder schreibt. Amen.

Pastor Martin Hofmann