Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 33,12-23

Pfarrer Christoph Knack (ev.)

15.01.2017 Erlöserkirche, Ludwigshafen-Gartenstadt

Verlesen des Predigttextes zu Beginn

 

I)

Das Bild erzählt viel.

Ein altes Urlaubsfoto. Etwas verknittert aus der Kiste gezogen.

Aber alles ist gut zu erkennen:

Marco schaut wie immer mürrisch.

Papa schaut nur in den Straßenatlas,

er will sich mal wieder nicht fotografieren lassen.

Mama setzt ihr strahlendes Hochglanzmagazin-Lächeln auf.

Steffi sieht man nicht. Die fotografiert.

 

Das war der erste Urlaub im Ausland, den die Eltern sich leisten konnten.

Auf der Fahrt nach Südfrankreich: Das Bild ist kurz hinter Avignon entstanden.
Papa wollte unbedingt noch den Weg zu irgendwelchen alten Steinen über eine Landstraße finden. Alle anderen spotteten darüber.

Schaut Marco deswegen mürrisch und Mutter so etwas angestrengt lächelnd?

 

Im Auto hatte man vorher großen Spaß, weil sie alle zusammen lautstark französische Schlager mitgegrölt hatten.

Keiner von ihnen konnte Französisch.

Jetzt sehen sie gerade nicht so spaßig aus.

Die Kinder waren keine Kinder mehr.                                                                         „Spätpubertär“ nannte Mama Marcos mürrische Miene und Steffis unsicheres Kichern.

 

 

 

 

Wenn man genau hinsieht, sieht man noch die Beule im alten Golf.

Papa hatte einen kleinen Unfall ein paar Wochen vorher.

Ausgerechnet vor der großen Fahrt über 1000 Kilometer in den Süden. Einen Werkstatt-Tag lang hatten sie Angst, dass sie vielleicht gar nicht losfahren könnten.

 

Das Bild ist irgendwo am Straßenrand aufgenommen.

Im Hintergrund Kiefernwald, trockenes Buschland und ein so blauer Himmel - fast schon unnatürlich.

 

Eine Momentaufnahme nur -

wenn man sie betrachtet scheint alles wieder da.

Wie ein innerer Film zieht Familiengeschichte vorüber:

Man kann fast die Zikaden hören und das Meer wieder riechen.

Man kann hören, wie Marco leise „Fahrn wir jetzt weiter?“ grunzt.

Und Papa stöhnt: „Diese Karte kann nicht stimmen.“

Mama verbreitet lautstark Urlaubsparolen wie: „Kinder schaut euch den Himmel an!“

Und was denkt Steffi hinter ihrer Kamera?

 

Ist im Betrachten alles wieder da? Alles?

Das Bild zeigt doch nur so einen kurzen Ausschnitt,

so einen unbestimmten Augenblick auf einer Fahrt in den Süden.

Man war ja noch nicht am Ziel! 

Warum gibt es eigentlich keine Fotos mehr vom Urlaubsort, als man dort angekommen war…? 

 

II)

Einer will ein vollständigeres Bild: Mose will sehen.

Will die herrliche Gewissheit:

Es geht weiter und es geht gut weiter - wir kommen an am Ziel!  

Mose will kein goldenes Kalb.

Dagegen hatte er gekämpft, gegen seine eigenen Leute.  

Er ist klug genug, um zu wissen, dass das Ganze nicht auf ein selbstgebasteltes Bild zu kriegen ist.

Aber er will nicht nur hören, er will sehen.

Will die ganze Wahrheit wissen,  will die herrliche Gewissheit schauen.   

 

Verständlich:

Immer unterwegs zu sein,

immer durch die Wüste einem Wort, einer wolkigen Ahnung, einem flackernden Licht hinterher – das ist anstrengend!

Und die Freiheit auf dem Weg macht nicht so satt wie die Fleischtöpfe in der Sklaverei.

Die Wüste ist so weit. Und die Augen sind hungrig, endlich mal wo ausruhen zu können.

Immer hinterherlaufen. Da will Mose einmal mehr geboten bekommen. Will erkennen: Alles ist gut. 

 

Und was darf er?  Hinterherschauen.

Das ganze Bild gibt es nicht, davor wird er geschützt.

Er bekommt einen Schutzort,  seine hungrigen Augen werden gehalten.
Er darf hinterherschauen. Damit er in der Spur bleibt.

Wenn das Vorüberziehen vorbei ist, dann darf er das Kielwasser sehen…

 

Das ganze Bild kann niemand überleben.

Es wäre unbarmherzig alles aufzudecken, alles zu zeigen.

Es wäre tödlich: die Geschichte wäre zu Ende.

Damit es weiter geht, damit es gut werden kann, darf Mose nicht alles in einem Augenblick festhalten.

 

Mose ist noch nicht am Ziel, der Weg geht noch weiter.

Nach dem Aufbruch,

nach der verstörend peinlichen Panne mit dem goldenen Kalb,

nach dem Zerschlagen der Gesetzestafeln im Streit…

 geht die Geschichte weiter.

Immer einer Hoffnung, einer frohen Aussicht hinterher!

 

Mose darf hören.

Mose darf viel sehen.

Er hört den Namen, er sieht Zeichen, er ist in der Spur.

 

Aber die Geschichte überholen, sich selbst überholen, um schon vorweg zu wissen, wo es hingeht – das wäre unmenschlich.

 

Mose darf viel sehen.

Aber alles sieht er nicht.

 

III)

Das alte Urlaubsfoto - zerknittert aus der Kiste gekramt - es erzählt viel.

Das alte Urlaubsfoto erzählt vieles nicht.

Es bleiben Geheimnisse. Die ganze Geschichte weiß niemand.

Niemand sieht, dass Marco gerade unglücklich verliebt war.

Das hat er nicht einmal Steffi erzählt.

Hat nachts stumm in sein Kissen geweint und sich noch zigmal unglücklich verliebt bis er sein Glück gefunden hatte.

Wenn er sein Bild  jetzt im Rückblick sieht, dann weiß er selbst nicht mehr so ganz, wer ihn da ansieht.

 

Niemand sieht auf dem Foto, dass die Eltern vor der Abfahrt Streit hatten. Und sie wissen, wenn sie jetzt auf das knittrige Bild schauen, zum Glück auch nicht mehr, worüber sie stritten.  

 

Steffi wollte dieses Familienbild auf der Fahrt vielleicht nur unbedingt, weil sie so wieder perfekte Harmonie herstellen wollte. Familienfrieden war ihr heilig.

Heute ahnt sie, wenn sie auf das Bild schaut, dass es besser mal laut geknallt hätte.

 

Alle die auf das alte Foto schauen, erinnern sich, dass es ein schöner Urlaub war und fragen sich, warum immer nur auf dem Hin-und Rückweg geknipst wurde.

Es gibt kein Bild, das die ganze Geschichte festhält.

 

IV)

Ich schaue mir gerne alte Bilder an. Am besten wild durcheinander in einer Kiste: Kindheitsbilder, Familienfotos, Urlaubsszenen und Ahnenporträts. Das hilft, Lebenslinien und große Bögen zu erkennen.

 

Aber wo bin ich jetzt da drin? In der Summe dieser Bilder und ihrer Geschichten?

Die Bilder zeigen mir Spuren, aber sie schließen die Suche nicht ab. Die Suche nach der eigenen Geschichte, die der Herrlichkeit hinterherjagt.

 

Das ist gnädig.

Weil kein Mensch das ganze Bild hat.

Und kein Mensch das ganze Bild braucht.

 

Das ist barmherzig. Das führt in die Freiheit.

Die Schönheit unserer Geschichten zieht ihre Spur.

Und das Ziel geht unerkannt mit und kennt unsere geheimen Namen. 

Brauchen wir das ganze Bild?

Wir sind schon ganz, wenn wir der Wahrheit unseres Lebens nur von hinten hinterherschauen. 

Das ist die beste Aussicht, die wir bekommen können.

AMEN