Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 32,7

Pfarrer.i.R. Hartmut Hegeler (ev.)

15.05.2010 2. Ökumenischer Kirchentag in München

Gedenkgottesdienst für die Opfer der Hexenprozesse, 2. Ökumenischer Kirchentag in München

Gedenkgottesdienst für die Opfer der Hexenprozesse

Hier die Predigt sehen

 

Liebe Schwestern und Brüder!
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesu Christi. Amen.

1. Orientierungpunkt für uns Christen ist Jesus, der ein Opfer von Ausgrenzung und Gewalt wurde

Orientierungspunkt für uns Christen ist Jesus. Er wird unschuldig angeklagt, gefoltert und ans Kreuz genagelt. In Angst und Verzweiflung ruft er am Kreuz Worte des Psalms 22: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein Soldat stößt mit der Lanze in seine Seite, und es kommt Blut und Wasser heraus. Dieser Text im Neuen Testament ist Quelle der katholischen Herz-Jesu-Verehrung, Ursprung der Namensgebung für diese Kirche in München. Im Mittelpunkt steht das am Kreuz durchbohrte Herz Jesu mit der Glaubensbotschaft: Das Herz des Erlösers steht offen für alle. Er ist Gott in einer Welt von Leid und Tod.

2. Lerne aus den Jahren der Geschichte!

Wir gedenken in diesem Gottesdienst der Leiden der Opfer der Hexenprozesse. Aufdecken wollen wir diesen beschämenden Abschnitt der Geschichte des christlichen Abendlandes, weil es unsere Geschichte ist.
Aber: Haben wir nicht heute ganz andere Sorgen? Muss man denn ihr Schicksal  aus der Versenkung holen?

In der Bibel lese ich: „Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte!“ (5. Mose 32,7) Wir sollen die Vergangenheit nicht totschweigen, sondern aufdecken, "was an Schrecklichem mitten im Volk Gottes geschehen ist." (Münchener Erzbischof Reinhard Marx, 5.3.2010, zu den Mißbrauchsfällen an Kindern)

3. Verfolgung bis heute

Im Alltag erleben wir bis heute, wie Menschen ausgegrenzt, fertig gemacht, gemobbt werden. Täglich berichtet amnesty international davon, in welchen Ländern Menschen verfolgt, gefoltert, hingerichtet werden. Falsche Beschuldigungen und Abwälzen von Schuld erleben wir in unseren eigenen Lebensbezügen. Die Suche nach Sündenböcken findet sich in Gruppen und Familien, im privaten und öffentlichen Leben. Heute wie damals werden Menschen fälschlich beschuldigt, für Missstände in der Gesellschaft verantwortlich und schuldig zu sein. Auf der Strecke bleiben damals wie heute Fremde, Arme und Außenseiter. Der Mechanismus von Ausgrenzung kann aber nur so lange funktionieren, wie er von den Beteiligten nicht erkannt und geändert wird.

4. Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt

Orientierungpunkt für uns Christen ist Jesus, der selbst ein Opfer von Ausgrenzung und Gewalt wurde. Die Kirchen riefen 2001 die ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt aus, "damit zu beginnen, unseren Anteil an der Gewalt zu akzeptieren und die Verantwortung dafür zu übernehmen." Viele Menschen warten auf eine klare kirchliche Stellungnahme zu den Hexenverfolgungen. Das ist ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit kirchlichen Redens und Handelns. Jetzt zum Ende der Dekade ist eine theologische und rechtliche Rehabilitation der Opfer ein überfälliger Akt im Geist der Versöhnung von Seiten der Kirchen.
Wer sich mit der Hexenverfolgung befasst, erschrickt über die Rolle, die die Kirchen, auch die Kirchen der Reformation, gespielt haben. Die Hexenverfolgung wurde theologisch legitimiert und mit Billigung der damaligen Kirchen durchgeführt.
In der Vergebungsbitte "mea culpa" von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 heißt es: "Menschen der Kirche [haben] im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen ..., die dem Evangelium nicht entsprechen." Dieses vom Vatikan als "historisches Ereignis" bezeichnete "Mea Culpa" ist nicht ausreichend, denn das Dokument nennt die Ketzer- und Hexenverfolgung nicht ausdrücklich.

Die Landessynode der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern stellte 1997 fest: "Die Hexenverfolgung geht nicht allein zu Lasten der Kirchen, aber die maßgebliche Beteiligung der Kirchen ist nicht zu leugnen."

5. Klage über das Leid der Opfer der Hexenprozesse

Die Geschehnisse in den Hexenprozessen erfüllen uns aus heutiger Perspektive mit Erschrecken und Scham. Wir beklagen das unendliche Leid, das Frauen, Männer und Kinder erlitten haben. Bis heute wissen einige Familien, dass von ihren Vorfahren damals jemand wegen Hexerei hingerichtet wurde.
Die Angeklagten wurden unter dem Vorwurf der Hexerei hingerichtet. Dabei beriefen sich die Ankläger auf die Bibel (Exodus 22,17): "Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen!"

6. Sie waren keine Hexen


Wir aber sagen heute:

  • Sie waren keine Verbündeten des Teufels, sondern Frauen und Männer, die in die Fänge der Malefizjustiz gerieten.
  • Sie waren keine Hexen, sondern ihre Geständnisse wurden durch die Folter erzwungen.
  • Sie waren keine Zauberer, denn niemand kann das Wetter verzaubern.
  • Sie nahmen nicht am Hexensabbat teil - niemand kann auf einem Besen durch die Luft reiten.
  • Sie waren keine Hexen - sondern ihre angeblichen Verbrechen entstammten der Fantasie der Theologen, Juristen und Regierenden.

Ihre Seelen und Körper wurden nicht durch Buhlschaft mit dem Teufel beschmutzt, sondern durch ihre Ankläger und Peiniger. Die Richter zwangen die Angeklagten durch die Folter, ihrem Glauben an Gott abzuschwören.

Ihre Schreie zerreißen bis heute unsere Ohren und Herzen.
Wie Katharina Lips bekannten viele ihren Glauben an Gott, bis zu ihrem letzten Atemzug auf dem Scheiterhaufen.

7. Sie waren keine Hexen, sondern sie sind unsere Schwestern und Brüder


Wir wollen die Ausgegrenzten aus dem Dunkel der Vergessenheit zurückholen, ihnen ihre Würde und Christenehre wiedergeben.

Inmitten von 100 000 Christen auf dem Ökumenischen Kirchentag in München bekennen wir:

  • Sie waren keine Hexen, sondern sie sind unsere Schwestern und Brüder.
  • Sie sind unschuldig verfolgt worden. Sie gehören zur Gemeinschaft der Heiligen.
  • Ihr Name wurde mit Füßen getreten, ihre Körper geschunden, ihre Leiber verbrannt, ihre Asche in alle Winde verstreut.
  • Sie wurden hingerichtet. Gott will sie aufrichten.
  • Deswegen heben wir ihr Andenken aus dem Schmutz der Asche auf.
  • Deswegen nehmen wir sie wieder in unserer christlichen Mitte auf.
  • Deswegen bekennen wir: Aufleben soll euer Herz für immer. (Psalm 22, 27)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

8. Namensnennungen


Die unschuldig Verurteilten erfahren Rehabilitierung, wenn wir ihre Namen nennen und ihnen ihre Ehre als Christinnen und Christen wiedergeben.

Namensnennungen - mit Echo und Echo- immer lauter von Opfern der Hexenprozesse
(ihr Schicksal wurde vorher im Gottesdienst von Sprechern erzählt)

Nördlingen, Ursula Haider, Maria Marb, Margaretha Getzler, am 15.5.1590 als Hexen verbrannt
Bad Waldsee, Sybille Schuler 1604
Bamberg, Johannes Junius 1628
Braunschweig, Anna Landmann 1597
Eschwege, Catharina Rudeloff/Martha Kerste 1657
Fulda, Merga Bien 1603
Hofheim, Clasen Merg 1597
Köln, Katharina Henot 1627
Oberkirchen, Kind Christine Teipel 1630

Wenn jeder von uns seine Arme ausbreitet, stellen wir viele Gedenkkreuze dar.
Wir bilden mit ausgestreckten Armen eine Menschenkette und sind so ein hundertfaches Mahnmal für die Frauen, Männer und Kinder, die als Hexen hingerichtet wurden.
Wir sind ein lebendes Denkmal ihrer Rehabilitation.

(mit ausgestreckten Armen aufstellen) (Menschenkette bilden)