Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6,4-9

Pastor Dr. Werner Steinmann

28.08.2016 Erlösergemeinde Vahrendorf

Liebe Gemeinde,
wie bereits angedeutet möchte ich in meiner Predigt gerne anknüpfen an meine Gedanken vom vergangen Sonntag und im Rhythmus des Zirkulierens um eine Mitte dazu einladen, neu zu verstehen und zu begreifen, was unseren Glauben in seinem Innersten ausmacht.

Sie werden mir Recht geben, wenn ich sage:
Wir leben in einer Zeit, die von einer außergewöhnlichen Bilder- und Informationsflut geprägt ist.

Auf der einen Seite mag man das begrüßen, weil dadurch natürlich vieles schneller vermittelbar ist als früher, weil sich dadurch unser Wissenshorizont weitet, und weil die faszinierende Fülle all der Wirklichkeiten, die sich für uns neu erschließen, einen Wert an sich besitzt.

Andererseits kann diese Vielfalt und dieses Übermaß schnell zur Oberflächlichkeit führen.

Die Sprache scheint oft nicht mehr das wiedergeben zu können, was sie abbilden will. Sie verliert den Bezug zu ihren Wurzeln, zur Wahrheit, und wird dann belanglos und schal.

Unser kirchliches und gottesdienstliches Leben steht auch in dieser Gefahr.
Wir machen so viele Worte. Und diese Worte scheinen in ihrer Vielzahl oft an uns vorüber zu ziehen, ohne dass sie Wirkung zeigen.
Was kommt noch an und bleibt nachhaltig bei uns, entwickelt und verändert unseren Glauben, unser Bewusstsein und unsere Sicht auf die Dinge?

Das ist ja die Chance von regelmäßigen Gottesdienstbesuchen, jeden Sonntag ein paar Mosaiksteine mehr zu entdecken, aus denen sich die Plausibilität und die Faszination unseres Glaubens und unseres Lebens mit Gott zusammensetzt und zur Quelle der Kraft wird.

Aber bei der Wort- und Gedankenfülle dessen, was uns oft in Gottesdiensten und Predigten begegnet, besteht eben die Gefahr, dass wir das Gehörte nicht mehr wirklich aufnehmen, dass es an uns vorbeirauscht, dass es uns nicht mehr wirklich betrifft – zumal wenn wir die Predigttexte schon gut kennen und sie entsprechend häufig ausgelegt bekommen haben.

Heute möchte ich Sie gerne dazu einladen, sich noch einmal ganz bewusst zu öffnen für ein Thema, das in der Tat zur Mitte des Neuen Testaments und der Bibel insgesamt gehört und das uns vertraut sein dürfte – so sehr, dass uns der Blick für seine eigentliche Wahrheit möglicherweise verloren geht.

Man kann das Wort der Bibel natürlich nicht zum Wort Gottes instrumentalisieren. Das Wort Gottes trifft uns, wie es will und aus Gnade heraus. Oder es rauscht als Menschenwort an unseren Herzen vorbei.

Die Aufmerksamkeit allerdings ist das Sprungbrett der Nähe Gottes.

Um diese Aufmerksamkeit möchte ich Sie heute in besonderer Weise bitten, wenn wir noch einmal auf das Wort von der „Liebe“ hören.

Wohl in keiner anderen Heiligen Schrift kommt das Liebesgebot, die Liebesvorstellung so zentral vor wie in der Bibel.

Ist uns bewusst, welche Dimension dieser Vorstellung für unseren Glauben und für unsere Beziehung zu Gott innewohnt?

Es lohnt sich in jedem Fall, hier noch einmal tief zu schürfen, wie ein Goldgräber, der nicht davon ablässt, dass zu suchen, was er zu finden hofft.

Als Jesus von einem Gelehrten seines Volkes gefragt wird, was das höchste Gebot sei, was sozusagen den Kern des Alten Testaments ausmache, überlegt er einen Augenblick und zitierte 5. Mose 6,4 und 5, wo es heißt:

„Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“

Und dann fügt er die Textstelle aus 3. Mose 19,18 an: „Das andere ist dies: ,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’“

Der Gesprächspartner Jesu ist beeindruckt und erwidert:

„Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“

Das Doppelgebot der Liebe nennen wir diese Antwort Jesu.

Und in dieser doppelten Aussage über die Liebe – nämlich Gott und dem nächsten Menschen gegenüber –, fließt zusammen, was die gesamte alttestamentliche Tradition ausmacht und was Jesus als die Mitte seiner eigenen Botschaft in den Vordergrund gestellt hat.

Liebe Gemeinde,
vor diesem Hintergrund wird deutlich, von welch zentraler Bedeutung der Predigttext ist, über den wir heute nachdenken wollen und den sie eben ausschnittweise als Zitat Jesu bereits gehört haben.

Ich möchte diesen Text gerne noch einmal vollständig wiedergeben. Er steht im 5. Buch Mose 6,4-9:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du dir zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“

Es geht hier also um Israel,
es geht um das Hören,
es geht um das Hören auf die Botschaft von der Einzigartigkeit Gottes.

Und es geht um die Liebe diesem Gott gegenüber.
Und es geht um das sich Erinnern, um das Nicht vergessen dieser Worte von der Liebe.

Liebe Gemeinde,
wie geht uns das? mit Gott? Mit dem einen Gott, mit dem Gott, an den wir glauben?

Wie geht uns das mit dem Gott der Bibel, von dem hier die Rede ist?

Dieser Gott ist ja nicht nur der Gott Israels, sondern er ist auch unser Gott.

Also das schəma jisrael, was heute noch in einer jeden jüdischen Gottesdienstfeier erklingt, richtet sich auch an uns Christen.

So könnte man umwandeln:

„Höre, meine Kirche, höre, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Und du sollst ihn lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“

Wenn wir jetzt einen Augenblick innehalten und uns fragen:

Wie ist mein Verhältnis Gott gegenüber, wie sehe ich ihn, wie stehe ich zu ihm?
Könnten wir dann antworten: Ich habe ihn lieb? Ich bin ihm in Liebe verbunden?

Das fällt vermutlich vielen von uns schwer.

Ja, an Gott zu glauben oder auch ihn zu ehren oder ihn zu verehren – das kommt uns vertrauter vor und das leben wir vielleicht auch.

Aber Gott zu lieben?
Doch gerade dies – so erfahren wir in unserem heutigen Predigttext noch einmal sehr eindrücklich – gerade diese persönliche Liebe ist das Anliegen des Allerhöchsten.

„Du sollst Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“

Und dann handelt der Text davon, dass wir diese Liebe, wenn wir sie denn als Antwort auf die Liebe Gottes in unserem Herzen, in unserer Seele lebendig spüren, dass wir sie uns dann vergegenwärtigen, dass wir sie uns dann ständig bewusst machen und sie auf keinen Fall vergessen sollen.

In der jüdischen Tradition gibt es so genannte Merkzeichen. Fromme Juden tragen sie auch heute noch: die an den Gebetsriemen, den Tefilin, befestigten Gebetskapseln.Das sind kleine aus Leder gefertigte Behältnisse, in denen Pergamentstreifen aufbewahrt sind, auf denen das „Höre, Israel …“ aufgeschrieben steht. Zur steten Erinnerung daran, dass Gott von seinen Menschen geliebt werden will.
Man trägt sie an der Hand oder auch am Kopf.

Wie oft vergessen wir Gott. Wenn wir arbeiten, wenn uns der Alltag fordert – aber auch in der Freizeit, wenn wir uns entspannen oder wenn wir etwas Schönes erleben.

Ist Gott uns dann gegenwärtig?

Wir Menschen sind so sehr auf uns selbst fixiert, auf die Dinge, die uns begegnen.

Wir vergessen dann – fast wie von selbst –, was uns in unserem Innersten ausmacht, dass der Atem den Rhythmus unseres Seins bestimmt und Gott mitten drin ist.

Eben dieses mitten drin sein, das ist es, was die Bibel in ihren Texten zum Ausdruck bringt.

Und dass Gott in seinem geheimnisvollen Gegenwärtigsein in Beziehung treten will zu uns. Er hat sich uns Menschen als Gesprächspartner, als Du, als Gegenüber erwählt.
Er liebt uns.
Und er möchte von uns wiedergeliebt werden.

Er möchte Anteil nehmen und Anteil gewinnen an dem, was unser Leben in seinem Innersten ausmacht.

Ist das so schwer zu verstehen?

Ist das so schwer, Gott zu lieben?

Den, der uns erschaffen hat, dem wir alles zu verdanken haben, was wir sind:
die Summe unseres Lebens.

Eigentlich doch nicht! Oder?

Denn in dieser antwortenden Liebe könnten wir geborgen sein und werden, wie Gott uns gedacht hat.

In der Liebe, die wir von Gott empfangen und die wir ihm dann widerspiegeln, könnten wir des Sinns, der tiefen Sinnerfüllung unseres menschlichen Daseins teilhaftig werden – in einem warmen, nie zuvor erlebten Gefühl der Hingabe und des Aufgehobenseins.

Ich bin überzeugt, dass Jesus Christus der entscheidende Entzünder für und auchimmer wieder der entscheidende Erinnerungshelfer an die Liebe zu Gott ist.

Denn in Christus wird der Mensch eine neue Kreatur, die lieben kann, die Gott lieben kann und den Nächsten, wie sich selbst.

Amen.