Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 500. Reformationsjubiläum

Pfarrer Herbert Leuninger (kath.)

19.03.2017 Evangelische Kirchengemeinde Oestrich-Winkel

Liebe geschwisterliche Gemeinde!
Ich betrachte es als Ehre, zum 500. Reformationsjubiläum als Gastprediger diesen Gottesdienst mit Ihnen zusammen zu feiern.
Es hat bereits höchst bedeutsame, vor allem auch ökumenische Ereignisse zu diesem Jubiläum gegeben:
Am 31.Oktober des vergangenen Jahres fand seine Eröffnung unter hochrangiger Beteiligung mit einem Festgottesdienst und einem Festakt in Berlin statt. Dabei hielt Joachim Gauck als Bundespräsident die Festrede. Dieser Beginn hatte eine ökumenische Ausrichtung. So wurde Kardinal Lehmann von Mainz die Luther-Medaille verliehen. Die Kathedrale der alten schwedischen Bischofsstadt Lund hat schon viel erlebt. Aber so etwas wie am 31.Oktober 2016 noch nicht: Papst Franziskusund die Spitzen des Lutherischen Weltbundes vereinen sich im Gedenken an die Reformation.
Zusammen mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan unterzeichnet Papst Franziskus eine Erklärung zum gemeinsamen Abendmahl. Darin heißt es:  "Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie in einem Mahl zu empfangen als konkreten Ausdruck der vollen Einheit". Rom und Lund verpflichten sich in der Erklärung nicht zuletzt auch zum gemeinsamen Engagement für Flüchtlinge, Arme und den Schutz der Umwelt.
Ebenfalls im vergangenen Oktober: 18 evangelische und katholische Würdenträger sind für eine Woche gemeinsam im Heiligen Land unterwegs. Es handelt sich um neun katholische Bischöfe und neun Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem obersten Führungsgremium der evangelischen Kirche, darunter fünf Frauen. Sie pilgern am See Genezareth, in Bethlehem und in Jerusalem auf Jesu Spuren. Dabei wollen sie sich näher kommen, Vertrauen aufbauen, vielleicht sogar Freundschaften schließen. So etwas gab es bisher noch nie.
Und dann der 6. Februar 2017. Eine Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands mit dem Ratspräsidenten und Landesbischöfen trifft sich mit dem Papst in Rom.
Es tut sich etwas in der Ökumene ganz oben. Und ganz unten? Dazu meine persönlichen Erfahrungen, immerhin aus 50 von 500 Jahren.
1967  waren zwei  evangelische Theologen, die in Kriftel bei Frankfurt lebten, nach Limburg gefahren, um beim Bischof um einen sozial und ökumenisch eingestellten Nachfolger des verstorbenen katholischen Pfarrers zu bitten. Ich bekam damals die Stelle und hatte gleich drei Lehrmeister in Sachen soziale und ökumenische Einstellung. Es waren der Ortspfarrer, der Sozialpfarrer und der Dritte, der sich nicht hatte ordinieren lassen, und in der Sozialabteilung des Höchster Chemiekonzerns arbeitete. Dabei war er der Schüler des berühmten reformierten Schweizer Theologen Karl Barth gewesen, der als "Kirchenvater des 20. Jahrhunderts" bezeichnet wurde. Mit ihnen zusammen kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen der evangelischen und katholischen Gemeinde. Vor allem ging es um die Verbesserung der Lebensqualität für alle Menschen in der Zivilgemeinde. Wir hatten die beiden Gemeinden befragt, welche Aufgaben Christen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu übernehmen hätten.
Die drei Jahre meiner Tätigkeit in Kriftel haben mich sehr motiviert, der ökumenischen und dabei der sozialpolitischen Zusammenarbeit von Christen einen besonderen Rang einzuräumen. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass ich als späterer Ausländerreferent des Bistums Limburg (1972-1992) ganz selbstverständlich mit der evangelischen Seite zusammen gearbeitethabe. Das galt nicht zuletzt auch für meine Tätigkeit im "Initiativausschuss Ausländische Mitbürger in Hessen", der auf den "Tag des ausländischen Mitbürgers" zurück ging, und erstmals 1970 in Hessen
auf Initiative der Kirchen und der Wohlfahrtsverbände durchgeführt worden war.
1970 habe ich mir erlaubt am Fronleichnamsfest in der Katholischen Morgenfeier des Hessischen Rundfunks dafür zu werben, irgendwann diesen Tag, der damals noch ein allgemeiner Feiertag war, ökumenisch zu begehen. Ich verwies dabei auf Martin Luther, der im Jahre 1519 - also zwei Jahre nach dem Thesenanschlag - eine Predigt gehalten hatte "von dem Hochwürdigen Sakrament des Heiligen wahren Leichnams Christi."
In dieser Predigt hieß es:
"Da muß sich dein Herz nun der Liebe ergeben und lernen, daß dieses Sakrament ein Sakrament der Liebe ist, und wie dir dabei Liebe und Beistand widerfährt, sollst du ebenso Liebe und Beistand Christus und seinen Bedürftigen erzeigen. Denn hier muß dir leid sein alle Unruhe Christi in seinem heiligen Wort, alles Elend in der Christenheit, alles ungerechte Leid der Unschuldigen, das im Übermaß an allen Orten der Welt vorhanden ist. Hier mußt Du ihm wehren, handeln, bitten und, falls du nicht mehr tun kannst, herzliches Mitleid haben..."
Es entsprach meiner Einschätzung, dass wir bei jeder Feier des Abendmahls uns bewusst machen müssen, dass damit eine besondere Verantwortung gegenüber der Not der Menschen und der Welt verbunden ist. Sie gilt für die ganze Christenheit und ließe sich an einem besonderen Fest wie Fronleichnam öffentlich bekunden. Statt in der überholten Form einer Prozession könnte dies mit einer Demonstration im Sinne der Aktion "Brot für die Welt" erfolgen.
1972 war ich als Mitglied der Studiengruppe "Interkommunion" berufen worden. Sie war im Auftrag  der "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Bundesrepublik" gebildet worden. Ihre Aufgabe:
Sie sollte eine Empfehlung für die gegenseitige Teilnahme am Abendmahl vorbereiten. Wir kamen in unseren Überlegungen damit schon sehr weit. Maßgeblich geholfen hatte uns eine Erklärung des Lutherischen Weltbundes, nach der es zwischen Lutheranern und der katholischen Kirche in dieser Glaubensfrage keinen wesentlichen Unterschied gibt. Bei der nächsten Sitzung teilte uns aber einer der katholischen Professoren, der mit seinem Bischof über die Interkommunion gesprochen hatte, mit, dass es diese Abendmahlsgemeinschaft katholischerseits nicht geben könne. Daraufhin bin ich sehr enttäuscht aus der Studiengruppe ausgeschieden.
Auf Bundesebene gehörte ich seit 1976 dem "Ökumenischen Vorbereitungsausschuss für die ´Woche des ausländischen Mitbürgers`" an. Hier ergab sich eine höchst vertrauensvolle, fruchtbare Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer Menschenrechtsorganisationen und vor allem auch mit den Gewerkschaften. Initiator war der damalige Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland Pfr. Micksch. Er hatte dann später auch die Idee, das vielfältige Engagement für Flüchtlinge in der Bundesrepublik durch die Gründung der Menschenrechtsorganisation PRO ASYL zu
bündeln. Hier erweiterte sich ebenfalls die ökumenische Zusammenarbeit auf die anderen Menschenrechtsorganisationen hin. Als Sprecher von PRO ASYL (1986-1994) habe ich erlebt, wie erfolgreich die ökumenische Zusammenarbeit in diesem Bereich sein kann. Übrigens hatte ich dabei mehr Kontakte  mit evangelischen als mit katholischen Gemeinden.
Es gab für mich kaum einen besseren Platz, um zu erfahren, was Ökumene ist, als das Hessische Flüchtlingslager in Schwalbach, in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Tausende Menschen aus aller Welt gingen für die erste Aufnahmeprozedur durch dieses Lager. Seit 1985 fanden dort14-tägig ökumenische Gottesdienste statt mit Menschen aus zahlreichen Ländern und Nationen, aus vielen Sprachen, Kulturen und Religionen. Unsere wichtigste Botschaft dabei war, das menschenfreundliche Willkommen Gottes zu bekunden, und durch uns in begrenzter Weise lebendig werden zu lassen. Es waren bewegende Stunden des Kontaktes mit Fremden, die nach dem ersten vielleicht unverstandenen englischen Lied, nach dem mehrsprachigen Begrüßungswort, durch den gegenseitigen Friedensgruß, bei einer Tasse Kaffee mit frisch gebackenem Kuchen für eine kurze Zeit unsere Freundinnen und Freunde wurden. Wir spürten, daß wir hier am richtigen Platz sind, daß hier ein besonderer Ort für Christen ist in der gemeinsamen und unverbrüchlichen Verantwortung für andere Menschen, gerade auch für die Fremden.
Bei diesen Gottesdiensten, an denen mit der Zeit Hunderte von Christen aus den Gemeinden der Umgebung des Lagers teilnahmen, zeigte sich die gemeinsame Verpflichtung für das Lager und für die Flüchtlinge. Das schloss auch ein politisches Vorgehen für Verbesserungen gegenüber der Hessischen Landesregierung mit Interventionen, Demonstrationen und Pressekonferenzen ein. Selbst hier ging dieser Einsatz über den Kreis der Gemeinden und christlichen Gruppen hinaus und umfasste alle anderen engagierte Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen.
Es ging uns nicht in erster Linie darum, auf dem Weg zur Einheit gegenseitig Glaubenswahrheiten auszutauschen und auf ihre Unterschiedlichkeit hin abzuklopfen, sondern darum, im ökumenischen Handeln der Gnade, die uns irgendwie und irgendwann die Einheit erfahren lässt, zu vertrauen.
Vielleicht würde uns immer deutlicher, wie sehr wir alle in die Einheit des Dreifaltigen Gottes einbezogen sind, und zwar gerade dann, wenn wir unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen, die Menschheit und die gesamte Schöpfung wahrnehmen..
Bei der Orientierung auf Menschen hin, die unserer Zuwendung bedurften, haben wir selbst zu großer Einheit gefunden. Dabei brauchten wir nicht unsere jeweilige Herkunft, Geschichte und unser Glaubensverständnis anzutasten oder zu verändern. Ja, es war meine ganz persönliche Erfahrung, dass sich durch die gemeinsamen Gottesdienste, durch die ökumenische, von uns auf die Verhältnisse hin ausgerichtete Liturgie, durch die Anteilnahme am schweren Schicksal wildfremder Menschen mein Glaube vertieft und meine Toleranz verstärkt wurden. Das schuf eine ökumenische Einheit, wie man sie sich zuvor nicht vorstellen konnte.
Es ist also nicht nur "oben" Wichtiges geschehen. Es hat sich vor allem auch "unten" Entscheidendes getan. Wie sich Oben und Unten miteinander verbinden lassen, das wurde auf einmalige Weise deutlich auf dem regionalen ökumenischen Kirchentag in Speyer an Pfingsten 2015. Dort wurde ein Leitfaden für das Ökumenische Miteinander veröffentlicht, an dem Oben und Unten vier Jahre lang gearbeitet hatten. Er wurde vom Kirchenpräsidenten der Evgl. Landeskirche der Pfalz und vom Bischof des Bistums Speyer in Kraft gesetzt.
Darin wird auf 64 Seiten Ökumene als prägendes und zentrales Element in den Pfarreien und Kirchengemeinden heraus gearbeitet. Es bedeutet:

  • Ein geschwisterliches Miteinander in allen Bereichen kirchlichen Lebens
  • Gemeinsames Beten und gemeinsame Gottesdienste
  • Gemeinsames Glaubenszeugnis vor der Öffentlichkeit
  • Gemeinsamer Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung
  • Gemeinsame Aktionen, ja auch gemeinsame Einrichtungen von Diakonie  und Caritas
  • Gemeinsame Seelsorge für Menschen mit Behinderung, für Gefangene, Patienten in Krankenhäusern, gemeinsame Notfall- und Telefonseelsorge
  • Es geht um ausdrückliche Partnerschaft zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden
  • um das Herausstellen gelungener Modelle des ökumenischen Miteinanders
  • Ja, es geht darum, alles, was irgendwie nur möglich erscheint, auch zu wagen - Dabei wird gerade den Ehen zwischen konfessionsverschiedenen Partnern eine wichtige und förderliche Rolle zuerkannt.

Dieser Leitfaden ist nicht nur als Empfehlung gedacht, sondern ist von verbindlicher Natur. Er hat Pilotcharakter. Er könnte und müsste überall umgesetzt werden, vielleicht auch im Rheingau! Es sollte allerdings nicht mehr 500 Jahre dauern, sondern höchstens fünf!
Der heutige Gottesdienst war ein Taufgottesdienst für Allesio. Ich gratuliere der Familie, der Gemeinde und der Täuferin, meiner Kollegin Elke Stern-Tischleder. Dabei denke ich an das, was der Papst bei der Begegnung mit den hohen Kirchenvertretern aus Deutschland gesagt hat:: "Wir haben die gleiche Taufe. Wir müssen zusammen gehen." So schließe ich auch mit dem Wort des Paulusbriefes an die Gemeinde der Stadt Ephesus, Kapitel 4 Vers 5:
"Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller..."
Amen