Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Amos 5,7-15a und Mt 5,43-48

Pfarrer em. Dr. Ferdinand Kerstiens

15.01.2017 St. Heinrich, Marl

Weltfriedenstag

Wir feiern heute den Weltfriedenstag. Papst Franziskus hat ihn unter das Leitwort gestellt: „Gewaltfreiheit: Stil einer Politik des Friedens“. Gewaltfreiheit als Stil einer Friedenspolitik? Und das in einer Welt voller Gewalt? Wie soll das gehen? Viele von Ihnen wissen vielleicht, dass ich seit Jahrzehnten bei pax christi aktiv bin, der internationalen katholischen Friedensbewegung. Sie wurde gegründet von französischen katholischen Christinnen und Christen nach dem 2. Weltkrieg. Sie wollten nach dem schrecklichen Krieg Frieden zwischen Frankreich und Deutschland stiften und so die jahrhundertelange Feindschaft zwischen den beiden Völkern überwinden. Engagierte Gruppen in Deutschland haben das aufgegriffen und versucht, Frieden nach Polen weiterzutragen, das immer wieder unter deutscher Gewalt zu leiden hatte. Diese Idee, dieses Engagement hat sich ausgebreitet und pax christi ist inzwischen in über 80 Völkern und Nationen rings um die Welt aktiv.

 

Uns geht es überall um gewaltfreie Lösung der Konflikte. Denn Gewalt führt immer zu neuer Gewalt. So erleben wir es ja heute vor allem im Nahen Osten und in Afrika. Deutschland ist an dieser Gewalt beteiligt nicht nur durch die Außeneinsätze der Bundeswehr, sondern auch durch die Waffenexporte und durch eine aggressive Wirtschaftspolitik. Deutschland ist nach den USA und Russland der drittgrößte Exporteur von Waffen in der Welt. Anderswo wird mit unseren Waffen gemordet. Viele hier haben längst daran verdient.

 

Wir erleben bei fast allen Konflikten, dass Gewalt keinen Frieden schaffen kann, sondern neue Gewalt provoziert. Aber ist Gewaltlosigkeit nicht eine blanke Illusion? Wie soll sie gegen die Gewalt ankommen? Hier muss zunächst ein Missverständnis ausgeräumt werden. Gewaltlosigkeit ist keine Passivität, kein bloßes Hinnehmen anderer Gewalt, sondern aktiver Einsatz für Verständigung und Frieden. Gewaltfreiheit gegen Gewalt? Ja, wir übersehen das oft. Es gibt ausführliche Studien über die politischen Konflikte der letzten 100 Jahren. In zwei Drittel waren die gewaltfreien Aktionen erfolgreich, nur in einem Drittel geschah das durch kriegerischen Einsatz, der dann oft in Bürgerkriegen endete, die das Elend nur vergrößerten, wie jetzt im Irak, in Afghanistan und Syrien. Die Gewalt ging da von den USA aus.

 

Beispiele für gewaltfreie Lösungen: Ich will nur drei große Erfolge nennen: Da ist für uns hier in Deutschland natürlich 1989 zu nennen. Ein Jahr zuvor haben es die gewaltfreien Gruppen in der damaligen DDR, die oft bei den Kirchen Schutz suchten, nicht geahnt, dass die Zwangssysteme der DDR und dann der Sowjetunion gewaltfrei überwunden werden konnten. Da haben viele Faktoren eine Rolle gespielt, vor allem aber die Menschen, die zu Tausenden über die Straßen zogen in Leipzig und anderswo, mit Kerzen in den Händen und dem Ruf: Keine Gewalt. Sie haben ihr Leben riskiert, wussten nicht, ob das Regime mit Gewalt reagiert, aber sie sind gezogen.

In Südafrika herrschte das brutale Apartheitssystem mit der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Dann haben viele Menschen, vor allem auch fast alle christlichen Kirchen, die gewalttätige Regierung des Weißen gewaltfrei überwunden und ein neues Miteinander der Weißen und Schwarzen ermöglicht. Keiner hatte gedacht, dass das Regime ohne Gewalt überwunden werden könnte.   

In Lateinamerika gab es viele Militärdiktaturen, die mit Gewalt, Folter und Mord die Andersdenkenden ausschalteten. Vielfach wurden diese Gewaltregime durch die USA unterstützt, die auch die Folterknechte für die Diktatoren ausbildete. Sie wurden gewaltlos überwunden, weil die Bevölkerung ihnen den Gehorsam verweigerte. Vielfach waren daran die kirchlichen Basisgemeinden beteiligt, die geholfen haben, das Selbstbewusstsein der Armen, der Kleinen zu stärken, ein großer Verdienst auch der Befreiungstheologie, die leider vom Vatikan und von den USA bekämpft wurde – Noch 2016 sind 63 Kleinbauern in Brasilien ermordet worden im Auftrag der Großgrundbesitzer, die großflächig Soja anbauen, auch für das Schweinefutter hier bei uns. Wir stecken in deren Gewalt mit drin. Unser Brasilienkreis kann davon aus eigenen Erfahrungen berichten.

 

Gewaltfreiheit – Stil einer Politik für den Frieden, weil Gewaltfreiheit schon als Weg ein zukünftiges versöhntes Miteinander der Menschen und Völker vorbereitet. Unsere gegenwärtige Welt zeigt, dass Gewalt kein Weg in eine menschliche Zukunft ist, zumal die Opfer meistens die Zivilisten sind, die Frauen und Kinder, die einfach nur leben wollen.

 

Lange hat auch unsere Kirche unter bestimmten Bedingungen vom gerechten Krieg gesprochen und damit oft auch die ungerechten Kriege gerechtfertigt, wie z.B. die deutschen Bischöfe den zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende. Auch Clemens  August, der Löwe von Münster, hat bis zum Mai 1945 die Soldaten zum Gehorsam dem Führer gegenüber aufgefordert. Heute geht die Suche nach einem gerechten Frieden, der die Grundrechte der Menschen achtet: das Recht auf Leben, Gesundheit, Ernährung und Arbeit. Dieser gerechte Frieden, der den Menschen gerecht wird, ist nur gewaltfrei zu erreichen, durch innere Überwindung der Versuchung zur Gewalt. Leider ist dieser Weg in den politischen Auseinandersetzungen kaum vertreten. Die Mächtigen auf allen Seiten sind miteinander verzahnt im Kampf um Macht und Öl. Die gewaltfreie Veränderung muss von unten kommen, wie in der damaligen DDR, in Südafrika und Lateinamerika. Die gewaltfreie Veränderung muss von uns hier kommen.

 

Pax christi unterstützt in vielen Völkern die Gruppen, die sich für eine gewaltfreite Lösung einsetzen. So haben wir auch enge Kontakte mit den Friedensgruppen in Israel und Palästina, die ohne Gewalt sich für den Frieden zwischen beiden Staaten, Völkern, Religionsgruppen und Kulturen einsetzen. Leider ist hier bei uns in der Öffentlichkeit davon kaum die Rede, sondern nur von der Gewalt, die immer wieder auf beiden Seiten aufflammt.

 

Gewaltfreiheit – Stil der Friedenspolitik. Vielleicht sind auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen unserer Zeit die Kritik des Propheten Amos an dem Verhalten der reichen Oberschicht und die Weisungen Jesu aus der Bergpredigt verständlich und hilfreich. „Liebet eure Feinde!“ – das heißt ja nicht, dass ich sie liebevoll umarmen soll, sondern, dass ich ihnen deutlich mache, dass sie vor mir keine Angst zu haben brauchen, dass auch in meiner Zukunft Platz für ihre Zukunft ist, dass ich sie nicht als Feinde vernichten will, sondern sie vielmehr als Gegner im gemeinsamen Ringen um eine bessere Zukunft für alle Beteiligten gewinnen will, damit es keine Opfer mehr gibt.

 

 Ich weiß aus eigener Erfahrung, aus vielen Diskussionen, wie schwierig es schwierig es ist, den Gedanken der Gewaltfreiheit in unsere kleinen und großen Konflikte einzutragen, um zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Deswegen bin ich dem Papst Franziskus dankbar für diese Weisung zum Weltfriedenstag: Gewaltfreiheit als Stil der Friedensarbeit. Es liegt an uns und an vielen anderen, ob es gelingt, die kriegerischen und gewalttätigen Scheinlösungen zu überwinden und mehr Frieden zu schaffen, damit die Menschen in Würde miteinander leben können, so wie Gott es allen zugedacht hat.