Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Annus Domini"

Pfarrer Joachim Fritz (ev.)

10.01.2016 Gottesdienste im Kirchspiel Fleisbach-Merkenbach in Sinn-Fleisbach und in Herborn-Merkenbach (Lahn-Dill Kreis)

Annus domini?

Wenn im Mai dieses Jahres der Hessentag nach Herborn kommt, werden sicher auch die Inschriften der schönen Altstadthäuser Beachtung finden. Nicht wenige von ihnen tragen zur Jahresangabe ihrer Erbauung noch einen Zusatz: anno domini – erbaut im Jahr des

Herrn. Sie sind mehr als bloße Datumsangaben. Sie verbinden das Haus, diese Lebensstätte ersten Ranges, mit Gott als dem Herrn über Jahr und Tag. Das alles ist lange her. Und doch: wer´s liest, dem stellt sich womöglich die durchaus berechtigte Frage: „Darf man, kann man eigentlich auch 2016 noch ein Jahr des Herrn nennen?“

Nun, der Rückblick auf 2015 wird als Begründung nicht unbedingt überzeugend sein. Im Gegenteil. Er kann durchaus andere Einschätzungen nähren.  Justin Welby, Erzbischof  von Canterbury und Oberhaupt der Anglikanischen Kirche wird in der BBC nach den Anschlägen von Paris im November  als einer zitiert, der durchaus Zweifel an der Gegenwart Gottes hat: „Ja, ich habe Zweifel. Gott, warum geschieht so etwas? Wo bist du in diesen Tagen?“ 

Jahr des Herrn! Meine ersten Einfälle dazu waren: diese Worte beschreiben Gott als Herrscher, als den, der das Sagen hat: ER bestimmt, ER hält die Fäden in der Hand. Biblische Bilder dazu gibt es genug: Die Exodusgeschichte, in der Gott Plagen schickt, um den Pharao zur Freilassung der Israeliten zu zwingen. Die Siege Israels über die Feinde unter der Hand Gottes. Herr Zebaoth, Herr der Heerscharen, wird er daraufhin genannt. Nichts kann sich seinem starken Arm widersetzen. So erfährt man es öfter aus den biblischen Geschichten.

Umso größer womöglich die Irritation über das, was dieser Gott heutzutage anscheinend geschehen lässt.  Das Hadern mit ihm nach all dem, was war in 2015.  Im Grunde genommen entsteht diese Verunsicherung  gerade dann, wenn das eben beschriebene Gottesbild in unseren Herzen ist. Und wenn jene Seite Gottes hinzukommt, die Jesus so betont hat:  die väterliche, entgegenkommende, fürsorgliche. Gott in seiner warmherzigen Art. Er lässt schon mal die Neunundneunzig für einen Moment allein, um dem Einen nachzugehen, der ihn besonders braucht.

Diese beiden Beschreibungen Gottes als mächtig und fürsorglich machen, ehrlich gesagt, eine Begegnung mit der Wirklichkeit heute nicht eben leichter. Was alles so passiert, ist schwer mit diesem Bild in Einklang zu bringen. Und doch muss genau das zum Thema werden, wenn wir uns und unseren Glauben an diesen Gott ernst nehmen. Und all die zweifelnden Stimmen unserer Zeitgenossen auch. Wie passt das zusammen: die erlebte Wirklichkeit und der Glaube, möglicherweise das Festhalten an der Deutung: auch 2016 wird ein „Jahr des Herrn“?

Meine erste Antwort:  Wir Menschen können nur auf der menschlichen Ebene über Gott nachdenken. Wir haben Texte, wir haben Gedanken. Wir haben Erfahrungen. Die aber geben offensichtlich kein klares Bild. Die „Spiegelungen“ Gottes, sein Echo in diesen Zusammenhängen sind nicht einheitlich. Unser Verstand und seine Logik finden keine rechte Ordnung. „Gott, wo bist du in diesen Tagen“?

Wir erinnern uns: eines der 10 Gebote lautet: „Du sollst dir kein Bildnis machen, weder von dem was im Himmel ist, noch von dem, was auf der Erde ist“. Womöglich ist der tiefste Sinn des Bilderverbotes, uns zu ermahnen, Gott nicht festlegen zu wollen auf bestimmte Charakterzüge und Wesenseigenschaften. Das sage ich und weiß doch zugleich auch, dass nicht zuletzt die Bibel selbst uns oft genug diese Wesenseigenschaften und Charakterzüge Gottes anbietet. Schaut man freilich näher hin, dann erkennt man: es geht nicht anderes! Auch die Bibel ist von Menschen und für Menschen geschrieben. Wenn von Gott die Rede sein soll, muss das „menschlich“ sein. Sonst verstehen wir es nicht.

Abgesehen davon aber gilt: Gott ist von uns Menschen im Grunde nicht zu begreifen in dem Sinne, seiner habhaft zu werden oder umfassend über ihn Bescheid zu wissen. Die Bibel selbst – spricht auch davon, von der „Fremdheit“ Gottes: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“, so fragt es der Prophet Jeremia im Namen Gottes. Wir haben Gott nicht in der Hand. Auch die Bibel hat ihn nicht in der Hand. Sie spricht in einer unglaublichen Vielfalt von Gott. Zwei Beispiele nur: Im Paradies geht er in der Abendkühle spazieren. Genesis 3 Vers 8: „Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war“. Viel später in der Bibel, in 1. Tim 6, 16 heißt es: „Gott, der alle Dinge lebendig macht, der allein Gewaltige, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann“. Die Unterschiede sind sicher einmal der Tatsache geschuldet ist, dass Menschen in bestimmten Situationen bestimmte Vorstellungen von Gott gut tun. In der Gesamtschau aber wird darin gerade seine „Unfassbarkeit“ deutlich.

Der unfassbare Gott. Das ist einerseits irritierend, aber es ist auch befreiend. Wer das bejaht, der ist von der Last befreit, die so unterschiedlichen Lebens- Glaubens- und Gotteserfahrungen alle spannungsfrei unter einen Hut bringen zu müssen. Für Gott – um im Bild zu bleiben - ist kein Hut groß genug. Ja, schon der Versuch, Gott sozusagen „unter die Haube zu kriegen“, wäre einer in die falsche Richtung. Die Irritation, die Spannung in der Wahrnehmung Gottes, sie kommt also nicht nur daher, dass wir Menschen begrenzte Bilder haben, sie kommt auch daher, dass Gott an sich – per Definition – in kein Bild passt, das uns zur Verfügung steht.

Annus Domini, Jahr des Herrn! Trotzdem eine erlaubte Überschrift für 2016? Wir haben uns verabschiedet von der Illusion, beim Blick auf die Welt und in die Heilige Schrift ein klares Handbuch Gottes zu erhalten, eine Gebrauchsanleitung, die ihn uns erklärt: Dankbarkeit Seite drei, Trauer Seite elf, Zukunft Seite neunzehn. So geht das nicht. Aber wie geht es dann? Wie kann ich an Gott glauben angesichts der Dinge, die passieren?

Lassen Sie mich an den Beginn meiner zweiten Antwort ein paar Zitate aus der Bibel stellen:

  • Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,24), schreit es der Vater des kranken Jungen Jesus entgegen. Markus hat es aufgeschrieben. Leben im Zwiespalt. Und Jesus wird helfen!
  • Im Römerbrief schreibt Paulus: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ (Rö 8,14). Anders gesagt: die Begegnung mit Gott, die Beziehung zu ihm ist in erster Linie keine des Buchstabens, sondern des Geistes. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor 3,6).
  • Und etwas weiter hinten im Brief lesen wir: „Der Herr ist Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Kor 3,17).

Ahnen Sie, worauf es hinausläuft? Ja, es geht ein Stück weg von klaren Beschreibungen, Erklärungen, Argumenten, Festlegungen. In diesen Bibelstellen kommt eine andere Perspektive ins Spiel. Die heißt: Gott ist  anders. Nicht Person. Gott ist Geist!

Drei Worte mit Folgen, guten Folgen. Ihr und mein Glaube, muss, nein, darf darum auch eine geistliche Prägung haben. Weg von den Buchstaben. Weg davon, dass die Zweifler – auch der Zweifler in uns - uns Zeitungsmeldungen um die Ohren hauen, um Gottes Abwesenheit zu belegen. Weg davon, dass wir zu schnell mit Bibelversen zu antworten versuchen, wo es doch keine eindeutigen gibt. Solche Buchstaben töten. Der Geist macht lebendig. Dieses Wort atmet den Respekt vor dem Geheimnis Gottes. Sich dem Geist Gottes öffnen, heißt womöglich, die klugen Bücher beiseitelegen, die Augen schließen. Ihm Raum geben. Still werden, ins Beten finden – nicht ins plappernde, sondern ins schweigende, ins hörende. Gott in seiner Unfassbarkeit Raum geben. Wo dieser Geist ist, da ist Freiheit! In ihr wird und darf vieles passieren: Zweifel, Ratlosigkeit, aber auch Dankbarkeit und jenes Ergriffensein von der Gegenwart Gottes, das „höher ist als alle Vernunft“.

Dass 2016 ein Jahr des Herrn sein wird, darf geglaubt werden. Es kann auch nur geglaubt werden, weil nur der Glaube den Blick weit genug hat. Unser Verstand, die Argumente, die Buchstabenschlachten, die haben diesen Blick nicht. An Gott glauben, das heißt auch: Im neuen Jahr muss keiner von uns für ihn sorgen; muss keiner ihn verteidigen oder in Schutz nehmen. Wer sind wir denn, dass wir das könnten! Dass wir uns das anmaßten. Gott wird selber für sich sorgen. Und für uns, für Sie und für mich. Er nimmt mich -  kleines begrenztes Individuum - hinein in seine Bewegung, in seinen Geist. In die Freiheit.

Also: weil Gott Gott ist, wird 2016 ein Jahr des Herrn. Und ich hoffe für mich und für uns alle vor allem eines: dass es uns hier und da gelingt, uns ergreifen zu lassen von seiner Gegenwart, die höher ist als alle Vernunft. Amen.