Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apokalypse 21,1–7

Pfarrer Dr. Christoph Kock (ev.)

20.11.2016 Friedenskirche (Evangelische Kirchengemeinde Wesel)

„Wenn wir schon mal dabei sind, dann machen wir alles neu.“ Stolz präsentiert Yannicks Vater das frisch renovierte Zimmer. Die Gäste sind beeindruckt. Freunde, Familie und Nachbarn, die Yannick zu seinem 18. Geburtstag eingeladen hat. In der Woche vor dem Fest hat er zusammen mit dem Vater Hand angelegt. Die Tapeten sind neu. Ebenso die Paneele unter der Decke, frisch lackiert. Auch neue Rollläden haben die beiden eingebaut. Die werden jetzt elektronisch gesteuert. Bei der Gelegenheit sind auch noch ein paar Steckdosen dazugekommen. Für die ganze Elektronik.

Ein schöner Raum, hell und wohnlich. Das Kinderzimmer ist endgültig verschwunden. Wo früher die Legomodelle standen, stapeln sich jetzt Bücher und ein paar Aktenordner für die Berufsschule. Alles ist neu. So neu, das man das noch riechen kann.

 

„Sieh doch: Ich mache alles neu!“

 

Etliche Kilometer über Land sind es schon, bis die Stadt beginnt. Irgendwas ist hier anders. Die Frau wundert sich, als sie durch die Straßen fährt. Was unterscheidet diese Stadt von dem Ort, in dem sie ihr Ferienhaus gemietet hat? Moderne Reihenhäuser im selben Stil die ganze Straße hinunter. Wie aus einem Guss. In der nächsten Straße ein anderer Typ, aber ebenfalls einheitlich. Alles gut durchdacht. Kein Durcheinander. Die Bäume und Sträucher sind eher klein, geben kaum Schatten. Dann fällt es ihr auf: Es gibt keine alten Häuser, keine Ruinen, keine hohen Bäume. Merkwürdig. Es gibt nichts Altes. Dann schaut sie ins Internet. Natürlich, kein Wunder. Diese Stadt gibt es noch nicht sehr lang. Sie wurde auf dem Land angelegt, das dem Meer abgerungen ist. Durch einen großen Deich wurde das Isselmeer zum Binnensee, um Land zu gewinnen. Lelystad liegt auf dem Polder, fünf Meter unter dem Meeresspiegel. Eine schmucke Stadt am Wasser. Alles noch wie neu.

 

„Sieh doch: Ich mache alles neu!“

 

Der Prophet reibt sich die Augen. Irgendwas ist anders in dieser Stadt.

Dann erinnert er sich an das, was er gesehen hat. Unglaublich.

Dieselbe Stadt, die er kennt, und doch ganz neu,

wie sie noch keiner gesehen hat – außer ihm.

 

(Lesung aus dem Off durch eine andere Stimme; Text: BasisBibel)

1Dann sah ich einen neuen Himmel
und eine neue Erde.
Denn der erste Himmel und die erste Erde
sind verschwunden.
Und das Meer ist nicht mehr da.

2Und ich sah die heilige Stadt:
das neue Jerusalem.
Sie kam von Gott aus dem Himmel herab –
für die Hochzeit bereit wie eine Braut,
die sich für ihren Mann geschmückt hat.

3Dann hörte ich eine laute Stimme
vom Thron her rufen:
»Sieh doch:
Gottes Wohnung bei den Menschen!
Er wird bei ihnen wohnen
und sie werden seine Völker sein.
Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.

4Und er wird jede Träne abwischen von
ihren Augen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben,
kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.
Denn was früher war,
ist vergangen.«

5Der auf dem Thron saß, sagte:
»Sieh doch:
Ich mache alles neu!«
Und er fuhr fort:
»Schreib alles auf,
denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.«

6Dann sagte er zu mir:
»Es ist geschehen!
Ich bin das Alpha und das Omega,
der Anfang und das Ende.
Wer Durst hat,
dem gebe ich umsonst zu trinken.
Ich gebe ihm von der Quelle,
aus der das Wasser des Lebens fließt.

7Wer den Sieg erringt,
wird das alles als Erbe erhalten.
Ich werde sein Gott sein
und er wird mein Kind sein.

Alles neu. Unvorstellbar. Nichts wird veralten. Die Zeit steht still.

Der Tod wird nicht mehr sein. Die Tränen sind getrocknet – für immer.

Nichts ist mehr beim Alten.

Das Meer ist weg. „Unser Meer“, nannten es die Römer.

Drehscheibe ihrer Schiffe, die ihre Soldaten an alle Küsten brachten.

Das Meer ist weg, in dem heute Flüchtlinge ertrinken auf dem Weg nach Europa.

Dafür ist kein Platz mehr. Weg damit.

„Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.

Denn was früher war, ist vergangen.«

Ausgedient hat der Tod für immer und ewig.

Das hat noch keiner erlebt.

„»Sieh doch: Ich mache alles neu!«

Ganz anders neu. Neu, das nicht alt wird.

 

„Sieh doch: Ich mache alles neu!“

 

Wohnung ist eigentlich noch gestrunzt.

Kein Palast, kein Haus, keine Wohnung.

Ein Zelt ist es, das Gott in der neuen Stadt bewohnt.

Mitten drin.

Gott zeltet bei den Menschen.

Ganz nah dran.

Kriegt alles mit.

Im Zelt, das keine Privatsphäre bietet.

Im Zelt war Gott unterwegs mit den Menschen.

Im Zelt ist Gott nun Zuhause.

Und die Stadt wird zur Heimat.

»Sieh doch:

Gottes Wohnung bei den Menschen!

Er wird bei ihnen zelten

und sie werden seine Völker sein. «

 

Denn auf einmal sind die verbunden,

die sonst so viel trennt.

Das Meer, Grenzzäune, Kultur, Sprache, Religion.

Weil Gott in Jerusalem zelten geht.

Weil Gott freigiebig verschenkt,

was alle brauchen.

»Wer Durst hat,

dem gebe ich umsonst zu trinken.

Ich gebe ihm von der Quelle,

aus der das Wasser des Lebens fließt. «

 

„Sieh doch: Ich mache alles neu!“

 

Unglaublich, was der Prophet geschaut hat.

Tod und Tränen sind Vergangenheit.

Friedhöfe braucht keiner mehr.

Bestatter schulen um.

Der Zahn der Zeit hört auf zu nagen.

Je weiter man überlegt,

was noch folgt,

desto unglaublicher wird das Neue,

das da in Aussicht steht.

 

Und doch:

Hoffnung wächst,

wie ein Löwenzahn durch den Asphalt.

Längst ist noch nicht alles gedacht und gesagt.

Da wird einer mit seinem Zelt kommen

und alles ändern,

was so unabänderlich erscheint.

Der kennt jeden mit Namen.

Und kehrt endgültige Abschiede um.

Heilt Zerbrochenes.

Herzen, Beziehungen

und was sonst noch im Laufe des Lebens kaputtgeht.

Trocknet Tränen und nimmt der Trauer den Anlass.

Und wenn er schon mal dabei ist,

lässt er auch jeden Schmerz verschwinden.

 

Der auf dem Thron saß, sagte:

»Sieh doch:

Ich mache alles neu!«

Amen.