Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 1,1-11

Pfarrer Michael Striss (Bergneustadt)

25.05.2017 ERF-Feiertagsgottesdienst, ausgestrahlt auf Bibel TV

Christi Himmelfahrt

 In der Woche vor Himmelfahrt hörte ich’s mal im Supermarkt: Nach dem Abkassieren verabschiedeten sich zwei Frauen. „Schönen Vatertag“, wünschte die eine. „Na ja, wir haben ja nichts davon“, meinte die andere.

Ja, das ist schade, wenn man nichts hat vom Feiertag. Damit es uns nicht genauso geht, hören wir heute auf den Bibeltext, der uns für diesen Feiertag gegeben ist:

TEXTLESUNG

Heute trifft es sich wieder: Zwei Feste fallen auf einen Tag. Himmelfahrt und Vatertag. Naja, auf den ersten Blick haben die nicht viel miteinander zu tun. Die einen feiern das Eine, die andern das Andere. Da gibt’s kaum `ne Schnittmenge. Nur Jesus kann die Dinge zusammenbringen: Himmelfahrt ist Vatertag. Für ihn jedenfalls war’s das. Und das ist jetzt mehr als ein Wortspiel. Das ist ein Hinweis darauf, worum es an diesem Tag wirklich geht: Jesus ging zu seinem Vater zurück. Das ist ein Beziehungsgeschehen. Jesus ging nach Hause zurück. Dorthin, wo er herkam. Und wo er hingehört. Wo sein Ursprung ist. Zu Gott. Zum Vater.

Wer Himmelfahrt nicht zuallererst als Ausdruck dieser besonderen Beziehung versteht, dem wird’s schwerfallen, zu begreifen, was da passierte. Das ist ja auch nicht einfach! Da hört man was von einem Abschied. Und von einem Ortswechsel, der ziemlich kurios anmutet. Da flog einer gen Himmel, denkt man. Nein, da flog eben nicht einer irgendwo rum, sondern da ging einer zu seinem Vater zurück und nahm seine Stellung bei Gott ein. Darum geht’s!

„Aufgefahren in den Himmel“ – das bekennen Christen in ihrem zentralen Glaubensbekenntnis. Aber das mit dem Himmel kann schon verwirren und auch auf eine falsche Spur führen. Von einem Jungen wird berichtet: Er sah im Terminkalender der Familie den Eintrag „Himmelfahrt“. Und fragte: „Vati, darf ich da am Donnerstag mitfahren?“

Oder nehmen Sie die Sache mit Leonid Breschnew: Als der damalige sowjetische Staatschef 1977 die Bundesrepublik besuchte – ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich so passiert ist -, da fiel ihm dieser Feiertag mitten in der Woche auf. Er fragte, was das für ein Tag sei. „Himmelfahrt“ wurde ihm geantwortet. Sein Dolmetscher aber wusste offenbar nichts damit anzufangen - und soll übersetzt haben: „Die Werktätigen feiern den Tag der Luftfahrt.“

Ich meine, die Israelis sind ja in vielerlei Hinsicht führend in Wissenschaft und Technik – aber dass die da vor 2000 Jahren schon Raketenabschussrampen auf dem Ölberg in Jerusalem gehabt haben sollen, das wird wohl keiner ernsthaft vermuten. Und doch führt der Bericht von der Himmelfahrt Jesu immer wieder dazu, dass sich die Leute fixieren auf diese vertikale Achse. Da verschwindet einer von unten nach oben. Irgendwohin. Wie mit einem Taschenspielertrick.

Bis vor 200 Jahren noch gab’s in vielen Dörfern und Städten, vor allem in Süddeutschland,  einen merkwürdigen Brauch: Zu Himmelfahrt wurde Christus als hölzerne Figur an Stricken in die Höhe gezogen. In manchen Kirchen verschwand er dann durch ein Loch in der Decke. Unter großem Gejohle. Und von oben regnete es dann Blumen, Heiligenbilder, Oblaten, Nüsse und Süßigkeiten für die Kinder. Naja. In Bayern wurde dieses sogenannte „Christusaufziehen“ dann 1803 als „geistlose Zeremonie“ verboten.

Sicher nicht unberechtigt. Denn da reist eben nicht einer zu den Sternen. Sie wissen das sicher: Die Leute im englischen Sprachraum haben’s da einfacher. Die können sprachlich unterscheiden zwischen „sky“ und „heaven“. „Sky“ – das ist der ganze Raum da oben irgendwo. Der astronomische Himmel. Und „heaven“ – das ist der Ort, an dem Gott wohnt. Seine für uns unsichtbare Welt. Und die lässt sich eben nicht räumlich festlegen. Jesus ging nicht einfach in die Luft – so wie früher das HB-Männchen – sondern wurde aufgenommen in die Heimstatt Gottes.

Darum geht’s! Das können wir weitersagen. Denn viele Zeitgenossen kennen zwar die jeweiligen Aufsteiger in die Bundesliga, aber wissen nicht mehr, wer damals in Jerusalem zu Gott aufstieg. Viele wissen nur, dass heute der sogenannte „Vatertag“ ist. „Ja“, können wir sagen, „das ist der Tag, an dem Christen feiern, dass Jesus nach getanem Werk zu seinem Vater zurückging.“ Das können wir sagen – denn das hat Konsequenzen für alle Menschen.

Denn weiter heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes“. Damit wird zunächst was ausgesagt über die Qualität der Auferstehung.  Diese Auferweckung  am Ostermorgen durch Gott selbst – das war keine erfolgreiche Reanimation, wie sie manchmal im Krankenhaus geschieht. Das war mehr als eine Rückkehr ins Leben. Sowas hatten auch andre schon erlebt, zum Beispiel Lazarus. Nein, das hier ist viel mehr: Dieser Auferweckte hat nun all das überwunden, was unser irdisches Leben noch plagt und auch begrenzt. Jesus ist schon am Ziel angekommen.

Stellen Sie sich einen Bergsteiger vor. Die Kletterstrecke, die man ihm vorschlägt, erscheint ihm fast unbezwingbar. Was tut er? Er erkundigt sich: „Hat das überhaupt schon mal einer geschafft?“ Ja, einer schon.  Einer ist schon den Weg vorausgegangen. Und das ist wichtig, dass wir an dieser Stelle merken: Himmelfahrt hat etwas mit uns zu tun! Genauso wie wir sonst bekennen, dass Jesus für uns gestorben ist, dass er für uns auch auferstanden ist – so ist er auch für uns zu Gott, unserem Vater gegangen. Damit hat er die Voraussetzung geschaffen dafür, dass wir auch dahin eingeladen sind. Hat er nicht seinen Jüngern mal gesagt: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Und ich gehe hin, Euch diese Wohnungen zu bereiten“?   Das ist der, der zur Rechten Gottes sitzt und uns erwartet. Was für eine tröstliche Vorstellung!

„Er sitzt zur Rechten Gottes“. Das ist aber auch ein Krönungsakt. Jesus trat seine Herrschaft an. Der Theologe Wolfhard Pannenberg erklärt, was damit gemeint ist: „Der Platz zur Rechten des Herrschers ist im Alten Orient dem vorbehalten, der der Macht des Herrschers am nächsten stand und sie im Namen des Herrschers ausübte.“  Schlicht gesagt: Wer auf diesem Posten sitzt, hat das Sagen. Wie äußert sich das? In welchen Bereichen? Das Glaubensbekenntnis gibt auch darüber Auskunft: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Auch das ist eine Folge der Himmelfahrt. Wiederkommen, richten - das wäre ja kaum möglich, wenn er nicht zuvor seinen angestammten Platz eingenommen hätte. Wenn er nicht auf dem Thron angekommen wäre, der ihm von Anbeginn gehört.

Ja, auf Erden, da hatte er bewusst auf alle Macht verzichtet. Und wir dürfen so dankbar sein, dass er als ein Mensch unter Menschen lebte. Und liebte. Heilte. Tröstete. Rettete. Und uns Gott nahebrachte auf eine nie gekannte Weise. Jetzt aber, nachdem er den Tod überwunden hat und auferweckt wurde – da warten neue Aufgaben. Die Herrschaft! „Er sitzt zur Rechten Gottes.“ Von dort aus, von der „Rechten Gottes“ aus, wird er weiter auch bei uns hier nach dem Rechten sehen. Davon können wir ausgehen. Er ist nicht abgemeldet. Er ist weiterhin präsent.

So drückt es auch Theo Sorg aus, der ehemalige Bischof, wenn er das Heilsgeschehen zusammenfasst. Er sagt: „Der Karfreitag hat uns gezeigt: Jesus Christus versöhnt. Ostern sagt: Jesus Christus lebt. Und Himmelfahrt fügt dem hinzu: Er regiert. Er hat sich mit der Himmelfahrt nicht aus dieser Welt abgemeldet. Er hat seinen Herrschaftsanspruch angemeldet.“

Möglicherweise haben das die Jünger damals vor Ort ganz anders empfunden. Das ist interessant, im ersten Kapitel der Apostelgeschichte nachzulesen, wie die drauf reagierten. Dieses „Himmelfahrtskommando“, das da zur Verabschiedung angetreten war. Ganz unerwartet kam`s ja nicht. Der Autor Lukas erzählt: Als Auferstandener war Jesus unter seinen Jüngern gewesen. Da gab`s  vierzig Tage lang eine Mitarbeiterschulung. Mit allem, was so dazu gehört: Er lehrte, beantwortete Fragen, führte seelsorgerliche Gespräche. Gab ihnen eine Verheißung. Und dann - geht er. Weg. „Als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“ So steht’s da.

Aber nun stehn die Jünger da. Mit Fragezeichen im Gesicht. „Hat er sich einfach nur aus dem Staub gemacht? Uns im Stich gelassen?“ Sie trauern. Was ich grad erklärt habe, warum das alles so sein musste – das wissen die nicht. Das können die auch noch nicht erkennen. Die empfinden grad nichts weiter als den erneuten Schmerz der Trennung.

Für die Jünger ist die Situation ernst. Und nun kommt`s: Jetzt wird dieser Ernst – wie ich finde – aufgebrochen durch zwei weitere Personen. Die stehn da plötzlich auch mit rum. Und wenden sich nun an die Jünger: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Das ist ein Satz, der ist nicht ohne Komik. Das heißt doch nichts andres als: „Jungs, was steht ihr da eigentlich rum und glotzt? Starrt in die Luft mit offnem Mund? Haltet Maulaffen feil? Kommt zurück auf den Teppich!“

Kann schon sein, dass das ein grotesker Anblick war. Wie bei „Hans-Guck-in-die-Luft“. Nun ist das aber nicht einfach nur lustig. Das ist auch ein bedeutungsschwerer Satz. Denn der geht noch weiter. Und die hier reden, das sind eben nicht irgendwelche Passanten, die grade vorbeikamen und meinten. Ihren Senf dazu abgeben zu müssen. Nein, das sind Boten Gottes. Die sind beauftragt. Und was sie sagen, lautet im Ganzen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Wissen Sie, ich finde, das ist ein Satz, der kann uns die gesamte Apostelgeschichte aufschließen. Denn er bedeutet: Die Geschichte mit Jesus ist nicht beendet. Sie geht weiter! Der Evangelist Lukas schildert sie in den folgenden 28 Kapiteln.

Ich meine, er hätte es ja auch bei einem Buch belassen können. Wie die andern Evangelisten. Hätte es einfach mit der kurzen Notiz von der Himmelfahrt am Ende seines Evangeliums bewenden lassen können: Jesus ist weg. Und damit Schluss. So hat`s Markus auch gemacht. Aber nein: Lukas bringt eine ganze Fortsetzung raus, um zu sagen: Diese Sache geht weiter! Das ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Und was die paar Freunde von Jesus, die da erstmal so ratlos rumstanden – was die künftig noch alles tun sollten, das ist bedeutsam gewesen!  Das ist „Evangelium Teil Zwei!“

Natürlich: Zunächst mal sieht das nicht grade nach einem vielversprechenden Neuanfang aus. Dieser Abschied tat weh. Nach Golgatha mussten sie das nun schon zum zweiten Mal erleben. Bitter. Wo war da noch Hoffnung?

In unseren Kirchen und Gemeinden erleben wir das ja auch manchmal. Mir geht’s jedenfalls so. Da stehen wir und überlegen, wie’s überhaupt weitergehen soll. Manchmal mutlos, manchmal kopflos, manchmal enttäuscht, manchmal uneins, manchmal zerstritten. Wir sind versucht zu sagen: „Kennen wir. Ist bei uns auch so. Wir wissen auch nicht, wo’s hingehen soll. Uns fehlt die Vision.“ Ja, sehr unvollkommen mutet das Ganze an, was uns Jesus da hinterlassen hat. Der französische Theologe Alfred Loisy hat das mal so ausgedrückt: „Jesus hat das Reich Gottes verheißen – und gekommen ist die Kirche!“

Deprimierend? Nicht nur. Zugegeben: Wer jetzt mit dieser Diagnose alleine dasteht, der ist wirklich arm dran. Der ist noch nicht weiter als die Jünger am Himmelfahrtstag. Aber grad in dem Moment, wo wir uns diese Unvollkommenheit eingestehen und uns der Krise stellen – da kommt Hilfe in Sicht. Das ist Hilfe, die jetzt erst wirklich greifen kann. Nicht solange wir noch versuchen, uns selber durchzukämpfen. Natürlich wird jede äußere Form von Kirche und Gemeinde immer auch unvollkommen sein. Weil Menschen sie gestalten. Aber mitten in diesen unvollkommenen Strukturen, mit diesen unvollkommenen Menschen, wirkt Jesus immer noch. Und immer neu. Durch seinen Geist. Durch Menschen, die von diesem Geist bewegt werden.  

Das war’s ja auch, was die Jünger in der Folgezeit erlebten. Zunächst war da die Verheißung: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Und ihr werdet meine Zeugen sein.“ Und dann hören wir im folgenden Kapitel, wie dieses Dutzend orientierungsloser, mutloser Menschen von außen eine Kraft bekam, mit der sie nie gerechnet hatten. Jesus hatte sich also nicht einfach aus der Verantwortung gestohlen. Die Jünger blieben nicht als Waisen zurück. Auf die Himmelfahrt folgte Pfingsten. Auf Jesus folgte der Heilige Geist.

Nun wird auch klar, was für ein Fest wir heute feiern. Es ist das Fest „dazwischen“. Zwischen Ostern und Pfingsten. Es ist das Fest, das uns anzeigt: Es geht weiter. Jesus geht weiter. Er zeigt uns, dass der Himmel wieder offen ist. Auch für uns. Er geht uns voraus. Ein Grund zum Feiern.

Jetzt wird’s den Jüngern auch möglich, diesen Auftrag auszuführen: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Und auch das gilt für jeden von uns. Gut, nicht jeder von uns muss bis an „die Enden der Erde“. Sie selbst dürfen da für sich Ihren eigenen Wohnort eintragen. Jeder kennt doch seinen Bereich.

Eine neue Aufgabe und eine neue Gabe. Gott gibt nicht das Eine ohne das Andere. Gabe und Aufgabe kommen zusammen. Und dann sagt uns Jesus, wie in einem seiner Gleichnisse: „Handelt, bis ich wiederkomme!“ Deshalb der Aufruf der zwei Boten: „Was steht ihr da rum? Es gibt so viel für euch zu tun!“ Ja, es hat seine Zeit, nach oben zu schauen, woher wir alles erwarten dürfen. Und es hat seine Zeit, dann getrost nach vorn zu schauen, wohin uns Jesus weist.

Alle Mitarbeiter im Reich Gottes stehen in einer Traditionslinie, die zurückreicht bis zu dem Tag, an dem Jesus die Erde verließ. Er verabschiedete sich, um später präsent zu sein durch seinen Geist. Damit befähigte er ein paar zunächst rumstehende und gaffende Jünger, den Grundstein zu legen für eine weltweite Gemeinde, von der bis heute Segen ausgeht. Und das, obwohl da sehr unvollkommene Menschen am Werk sind. Und ich befürchte, wir alle werden diesem Auftrag auch in Zukunft nur unvollkommen gerecht werden. Aber Jesus wusste das schon damals. Trotzdem traute er seinen Leuten etwas zu.

Es wird berichtet, nachdem Jesus zum Himmel gefahren war, da kamen die Engel zu ihm. Sie waren alle etwas beunruhigt: „Ja, was passiert denn jetzt mit der Welt, wenn du nicht mehr da bist? Wer sorgt denn nun für alles?“ Jesus antwortete: „Dafür habe ich meine Jünger, die meinen Willen tun.“ Das ließ die Engel unbefriedigt: „Ist das alles? Hast du nicht noch einen anderen Plan?“ Jesus lächelte und antwortete: „Nein, einen anderen Plan hab’ ich nicht.“

Also kein Plan B. Wir sind gefragt. Wir dürfen und sollen mit dieser Botschaft von Himmelfahrt losziehen. Die lautet: Christus regiert zur Rechten Gottes. Und er gibt uns, was wir benötigen. Alles in allem also: ein erstaunlicher, ein ermutigender Feiertag! Amen.