Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 12,1-11, 2. Timotheus 4,6-8.17-18, Mattäus 16,13-19

Pfarrer im Schuldienst Michael Rudolf

02.07.2017 Pfarrkirche „St. Peter“ zu Stotzard

Peter und Paul

Verloren!

Verloren ist der Welt: Der Namenstag, liebe Schwestern und Brüder.

Verloren ist der Namenstag in einer Welt, die durchaus die Bedeutung von Namen kennt, Na-men mit einem Copyright schützt, um den Gebrauch von Namen Gerichtsprozesse führt.

Namen, die zu Verkauf fördernden Marken werden, Namen, die Produkte aufwerten und sich teuer verkaufen lassen.

Eine Münchner Weißwurst kann nicht von einer US-Firma in Michigan hergestellt werden. Heftig wurde gerungen, wer sich Nürnberger Rostbratwurst nennen darf oder nur als einfache Rostbratwurst weniger wert ist. Ein Domaine-Namen im Internet kann seinen Besitzer reich machen.

Keinen Namen zu haben führt zu Anonymität. Der Namensverlust raubt einer Person sein Ansehen. Ein No-name, ein Anonymus hat in der Welt nichts zu melden.

 

I.

Verloren aber hat die Bedeutung des Namens im Christentum. War man früher dankbar einen Namen zu tragen, dessen Würde sich von einem Martyrer oder Glaubensbekenner ableitete, so werden Namen heute inhaltsleer. Wie seltsam. Namenstage, einst Tage der Freude und des Feierns, sind vergessen und verloren. Viele Kinder und Erwachsene kennen nicht die Bedeutung ihres Namens und feiern nicht mehr Namenstag. Warum ist das so gekommen?

 

Seit die Heiligenverehrung in der Reformation verloren gegangen ist, wurde der Tauftag nicht mehr mit dem Tag eines Heiligen, mit dem Namenstag eines Heiligen verbunden. Martin Luther am 10. November geboren, konnte mit seinem Vornamen Martin verbinden, dass er am 11. November in der Taufe Christ wurde. Das war das entscheidende Ereignis: Christ,  neugeboren aus der Taufe. Das war festzuhalten als Namenstag und wahrer Geburtstag, als Geburtstag für ein Leben, das nie mehr endet, für ein Leben, das nicht im Tode endet.

 

Die Taufe wurde seit dem Mittelalter notiert im Taufbuch. Wer nicht lesen und schreiben konnte, sich keinen Kalender leisten konnte, wusste am Kalender des Kirchenjahres, wann sein Leben begonnen hatte. Gleich nach der Geburt getauft, war der Heiligentag des Taufereignisses die Merkhilfe für die Zählung der Lebensjahre.

 

Doch mit dem Ausscheiden der Heiligen aus dem kirchlichen Kalender protestantischer Länder verschwand die Merkhilfe anhand der Heiligen- und Namenstage. Es blieb nur mehr der Tag der biologischen Geburt, der Tag für die Geburt zum ewigen Leben aber verlor seine Bedeutung und schwand aus dem Bewusstsein. Der wichtigste Tag für unser Leben, der Tauftag, vergessen, einer Feier nicht wert. Dabei hatte doch gerade Martin Luther die Bedeutung der Taufe so in den Focus seiner Verkündigung gerückt. Aber Menschen, die seit der Refomation zunehmend lesen und schreiben konnten, einen Kalender und die Uhr entziffern konnten, brauchten keine Heiligentage, um den Ablauf der Zeit, um sich den Tauftag anhand des Namenskalenders zu merken.

 

Es gab noch einen anderen Grund die Heiligen- und Namenstage zu verabschieden. Martin Luther schrieb, dass der Christ ein freier Mann sei und niemandens Knecht. Die Freiheit eines Christenmenschen braucht keinen Schutzherrn, keinen Patron, keinen Namenspatron. Patron, darin steckt das lateinische Wort pater, Vater. Der Christ, der in der Taufe Christus wie ein zweites Gewand angezogen hat, braucht keinen Patron, keinen Vater über sich. Christus allein genügt. Der Mensch in seiner Freiheit wird sich später, in der Zeit der Aufklärung, von allem Übergeordneten frei machen und sich als autonomes Wesen verstehen, ohne Schutzbedürftigkeit, ohne Patronatsherren, von dem man womöglich abhängig oder gar tributpflichtig sein könnte. Der Mensch der Aufklärung wird sich auch von Christus selbst verabschieden.

 

Verloren ist uns der Namenstag und der Namenpatron.

Zwar feiern wir heute das Patronatsfest unserer Pfarrkirche, den Namepatron St. Peter, aber wer feiert noch Namenstag? Hat nicht längst der Geburtstag als Standardfest seinen Einzug gehalten?

Die Kirche feiert keine Geburtstage. Geburtstage in der Bibel und im römischen Reich feierten nur die Kaiser und Könige, die das Volk Gottes und die Gläubigen unterdrückten und verfolgten. Weihnachten feiert nicht die Geburt Jesu Christi, sondern die Menschwerdung Gottes, den Einen Gott, der Fleisch angenommen hat und sichtbar wurde in Jesus Christus. Die Feste der Geburt Johannes des Täufers und Mariens feiern nicht etwa die Geburt der Vorläufer des Herrn, sondern wollen die Heilsgeschichte Gottes in den Menschen selbst verkünden.

Obwohl der kirchliche Kalender Geburtstage nicht kennt, feiern aber inzwischen sogar Pfarrer mit ihren Gemeinden runde Geburtstage, ja selbst Bischöfe. Papst Benedikt versuchte vergeblich seinen 80. Geburtstag still zu halten, die Welle der allgemeinen Erwartung an einen Geburtstags-Jubilar aber hat ihn überrollt. Verloren ist der Namenstag! Klarer Sieger ist der Geburtstag, weltweit

 

 II.

Warum feiern wir dann also nicht einfach nur den Geburtstag unserer Gemeinde, unserer Pfarrkirche, also das Kirchweihfest. Warum noch Patrozinium feiern, wenn der Name und der Namenstag nur noch Schall und Rauch ist?

 

Ganz einfach: Der Namenstag eines Heiligen wird in der Regel am Todestag des Heiligen gefeiert. Wenn ein Mensch sein zeitliches Leben beschlossen hat und stirbt, ist der Höhepunkt seines Bekenntnisses zu Gott erreicht. Die Martyrer, die Menschen, die mit ihrem Blut bis in den Tod Christus bezeugt haben, hinterlassen mit diesem Zeugnis eine deutliche Spur. Ein Gedenktag, der nicht verloren gehen kann. Vielleicht vergessen Menschen die Glaubensspur eines Christen, aber Christus vergisst nicht einen Menschen, der ihm nachgefolgt ist. Beim Herrn ist ein Mensch nicht vergessen und verloren, sein Glaubenszeugnis hat bleibenden Wert, sein Name ist eingeschrieben in die Hand Gottes.

 

Der Namenstag ist der Geburtstag für die neue Dimension, der Geburtstag für den Himmel, der Geburtstag, der niemals vergeht, der Übergang des zeitlich begrenzten Menschen zum Menschen der Ewigkeit. Aus der Begrenzung von Raum und Zeit werden wir seit der Taufe befreit. In der Taufe wird der Name über uns ausgerufen, mit dem wir ein Leben lang Christus bezeugen. Unser Name bezeugt unsere unverwechselbare Einzigkeit im Christuszeugnis und wird auf dem Grabstein verkünden, dass wir Christ waren und durch die Auferstehung Christ bleiben: unverwechselbar und einmalig. Unser Name wird Christuszeugnis.

 

III.

Die Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet von der Erfahrung des Menschen, von dem Glaubenszeugnis des „Petrus“, das bis heute wirksam ist. Petrus bezeugt in seinem Leben seine Neugeburt aus Christus und sein Glaubenszeugnis bis in den Tod. Dafür steht er ein mit seinem Namen.

Petrus eingesperrt im Kerker. Kerker, das ist in der römischen Antike ein unterirdischer Raum, ein Vorgeschmack der Unterwelt. Petrus im Kerker unter der Erde ist vom Tod umgeben. Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen. Mitten in dieser Todessituation erfährt Petrus und seine mitbangende Gemeinde das Leben. Wie bei der Auferstehung des Herrn an Ostern: Der Engel! Der Engel, der Bote Gottes führt Petrus aus dem Kerkergrab ins Leben. Stellt ihn wieder hinein in die Aufgabe, den Herrn zu verkünden und zu bezeugen mit seinem Namen. Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.

 

Sankt Peter ist der Patron unserer Gemeinde. Sein Patrozinium wird uns zum Petrozinium, zum Felsenfest. Felsenfest steht die Kirche mit St. Peter, und felsenfest glauben wir, dass nicht die Unterwelt des Todes unser Ziel ist, sondern die Neugeburt in der Taufe, zum Dasein mit Gott. Das Erdenleben mag ein Jammertal sein, gefährlich für uns Christen und bedrohlich, aber es bleibt doch immer Anfang und Bedingung für die Unsterblichkeit. Da ist der Fels, Petrus, der feste Grund aus dem wir immer neu die Kraft schöpfen, den Namen des Herrn auszurufen über alle Welt, ja auch über die Unterwelt. So haben wir ja im Brief an Timotheus gehört: „Der Herr stand mir zur Seite[...] und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen. Der Herr[…]wird mich retten und in sein himmlisches Reich führen.“ Petrus hat das erlebt, Paulus hat das erlebt und wir erleben in Peter und Paul, dass auch wir stark sein können im Namen des Herrn.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Wir feiern den Namenstag dieses Hauses. Wir feiern, dass wir in diesem Haus getauft werden auf den Tod Jesu Christi im Namen unseres Herrn. Jeder Tag, der heraufzieht, lässt uns neu anfangen, um wieder mit unserem Herrn eins zu werden. Petrus und Paulus haben diese Botschaft des Herrn verkündet. Dafür stehen ihre Namen. Auch unser Name soll dafür stehen, dass der Herr in uns geboren ist und wir seinen Namen preisen, immer und ewig.

Es lohnt sich den Namenstag  und den Tauftag nicht zu vergessen und ihn dankbar zu feiern. Denn der Festtag unseres Namenspatrons erzählt von der Kraft der Auferstehung und des Lebens, von der Kraft unseres Glaubens und unserer Gemeinschaft mit allen Heiligen in Christus.