Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 13,6-12

Dr. Gerda Altpeter

09.09.2001 in Siders und Leukerbad, Wallis/Schweiz

  1. Da sie (Barnabas und Saulus) die ganze Insel durchwanderten bis nach Paphos fanden sie einen Mann, einen Zauberer, einen Lügenprofeten, einen Juden, der Bar-Jesus hiess,
  2. der war bei Sergius Paulus, dem Prokonsul, einem verständigen Mann. Dieser liess Barnabas und Saulus zu sich rufen, weil er das Wort Gottes hören wollte (suchte, nachforschte).
  3. Es hinderte sie Elymas, denn so wird sein Name übersetzt, weil er den Prokonsul vom Glauben abzuhalten suchte.
  4. Saulus aber, der auch Paulus genannt wird, blickte ihn voll des Heiligen Geistes an und sprach:
  5. "O, der du voll bist mit aller List und Tücke, Sohn des Teufels, der alle Gerechtigkeit hasst, du hörst nicht auf, die geraden Wege des Herrn zu entstellen.
  6. Und nun, siehe, die Hand des Herrn ist über dir, und du wirst blind sein. Du wirst die Sonne nicht sehen bis zu einer bestimmten Zeit." Alsbald fiel über ihn Dunkelheit und Finsternis. Und er ging umher und suchte jemanden, der ihn an der Hand führe.
  7. Als der Prokonsul sah, was da geschah, wurde er gläubig, und war erstaunt über die Lehre des Herrn.

Sergius Paulus sitzt auf dem Dach seiner Villa in Paphos. Er freut sich, dass er nicht mehr in Rom weilen muss, wo es zwar rauschende Feste, aber auch Giftmorde und versteckte Verbrechen gibt. Er hat dort die Palastschule besucht und viel gelernt, aber er fiel immer auf durch seine geradlinige Rede und seine offene Art. So hat er den Zorn des Kaisers heraufbeschworen und wurde in diese entlegene Ecke des römischen Reiches, auf diese abgelegene Insel versetzt.

Sergius stammt aus der Familie Paulus, bisher alles bekannte Krieger, die sich um ihr Land verdient gemacht hatten. Paulus heisst zu Deutsch "klein", ob sie klein gewesen waren? Sergius war mittelgross. Vielleicht fiel er aus dem Rahmen, in der Grösse wie in seiner Gesinnung. Er wollte nicht Soldat werden. Ihn lockte das Kriegshandwerk nicht. Alle Eroberungsfeldzüge der Römer wurden als Hilfen getarnt - wie ungerecht! Es wird ihm geradezu schlecht, wenn er an Cäsars Bücher über den gallischen Krieg denkt. Nein, Sergius Paulus will Frieden, Gerechtigkeit und Weisheit. Er fühlt sich den griechischen Philosophen verpflichtet.

Als Prokonsul führt er ein verantwortliches aber auch angenehmes Leben. Er sieht über das Meer, dann über das sanft ansteigende Land. Es gefällt ihm hier auf Zypern. Er will die Insel so gut wie möglich verwalten. Er orientiert sich genau über alle Vorgänge in seinem Amtsbereich. Da leben nicht nur Griechen und Römer, sondern auch Juden. Er hat den Magier Bar Jesus in sein Gefolge befohlen, um mehr über die Juden und ihre Religion zu erfahren. Bar Jesus, der auch Elymas heisst, erzählt ihm von dem einen Gott, neben dem es keine anderen Götter gibt, weder Zeus noch Aphrodite, die hier auf der Zypern ihr Heiligtum hat, noch ein Kaiser oder Neptun. Sergius leuchtet es ein, dass der jetzige Kaiser Claudius kein Gott sein kann. Claudius kann kaum laufen, schlecht sprechen und wirkt als kranker Mann nicht wie ein himmlisches Wesen.
Ein Gott - gab es das nicht schon einmal in Ägypten?
Ein Gott - das könnte etwas Gutes bedeuten.

Ein Diener bringt ihm die Liste der gerade Gelandeten. Unter ihnen befinden sich Barnabas und Markus, Glieder einer bekannten jüdischen Kaufmannsfamilie aus Salamis, sowie in ihrer Begleitung ein Mann namens Saulus mit dem römischen Namen Paulus. Sergius wird neugierig. Sie sollen etwas anderes verkündigen als die andern Juden. Sergius will hören, worum es geht. Er schickt einen Boten nach Salamis, um die Männer zu sich zu bitten.

Baar Jesus wird wütend, als er davon hört, doch er kann es nicht verhindern. Er berichtet der jüdischen Gemeinde in Paphos von dem Besuch. Ketzer sind das, behauptet er, Feinde des jüdischen Volkes. In Jerusalem verfolgt man sie, jetzt kommen sie hier auf diese Insel. Die drei Neuankömmlinge ziehen gemächlich durch Zypern. Sie besuchen alle jüdischen Gemeinden, die Barnabas und Markus kennen. Sie werden überall freundlich aufgenommen und finden viele Anhänger für das Evangelium.

In Paphos ergeht es ihnen anders, dafür hat Elymas gesorgt. Paulus wird von den Juden an eine Säule gebunden und geschlagen. Zerschlagen und gedemütigt schleppen sich die drei in das Haus eines Verwandten von Barnabas. Dort werden sie liebevoll gepflegt. Der Prokomsul lässt sie zu sich rufen. Der Magier Bar Jesus befindet sich unter dem Gefolge. Sie betreten den Empfangssaal mit den herrlichen Mosaiken, die die Geschichte von Teseus erzählen. Alles glänzt ringsum, nur die drei tragen schlichte Gewänder.

Paulus erzählt von Jesus, wie er gekreuzigt wurde durch Pontius Pilatus auf Wunsch des hohen Rates der Juden. Wie er auf diese Weise die Sünden aller Menschen gesühnt habe, damit sie neu werden können. Wie er nach drei Tagen auferstanden sei, und den Tot besiegt habe. Von nun an werden alle Menschen auferstehen so wie er auferstanden ist. Sie werden alle vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen und gerichtet werden nach ihren Taten. Jesus ist der Messias, der Christus. Wer an ihn glaubt, der wird neu, gerechtfertigt, wahr und verständig. Der Magier und Zauberer widerspricht. Ein gekreuzigter Messias, man höre und staune! Das ist doch Unsinn! Der richtige Messias wird als König kommen in Pracht und Herrlichkeit. Ein schlichter Zimmermannssohn aus Nazareth - Blödsinn ist das! Das Gesicht des Mannes verzieht sich in Zorn und Hass, gleichzeitig spielt Angst mit hinein. Wenn Sergius Paulus gläubig wird, dann kann er dem Kaiser nicht mehr opfern, dann verliert er seine Stelle als Prokonsul und Senator und wir zu einer Null - und er, Bar Jesus verlöre auch seinen Posten im Gefolge des mächtigen Mannes.

Paulus hört betroffen zu. Er versteht den Mann. Er war auch einmal so. Er hatte den Hass seiner Lehrer gegen Jesus übernommen. Er bewachte die Kleider seiner Gefährten, als sie Stephanus steinigten. Eine diebische Freude hatte ihn überfallen. Mit seinen Lehrern hatte er höhnisch gelacht, als Stephanus blutend zusammenbrach.

Diebische Freude, höhnisches Lachen - das ist das Zeichen der Täter. Nicht nur Stephanus wurde zum Opfer, Saulus zog die Christen aus jeder Ecke, in die sie sich versteckt hatten, und überlieferte sie dem Richter. Aber wenn er nachts aufwachte, dann sah er ihre Gesichter vor sich, ihre Angst, ihre Leiden, ihr Entsetzen. Sie schlichen sich in seine Träume. Angst erfüllte sein Herz. Er wagte es kaum noch, sich schlafen zu legen. Krumme Wege war er gegangen.

Der Prokonsul unterbricht Bar Jesus und bittet Paulus weiterzufahren. Paulus erklärt Auszüge aus Jesu Bergpredigt.
"Das hat er gesagt: "Selig sind die geistig Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich". Das heisst, dass niemand verschlungene Wege suchen muss, um sein Ziel zu erreichen. Wer aufrichtig und gerade redet und handelt, behält ein fröhliches Herz, wird glücklich." Bar Jesus schnaubt, das geht gegen ihn.
"Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden" Das heisst, dass Gerrechtigkeit und Recht Ordnung schaffen im menschlichen Zusammenleben. Wer solch eine Gesellschaft mitgestaltet, erwirbt ein fröhliches Herz, wird glücklich." Bar Jesus starrt Paulus hasserfüllt in die Augen. Es gibt einen stillen Kampf. Mit diesem Blick will der Zauberer seinen Gegner klein kriegen. Paulus begegnet diesem Blick mit alles Ruhe. ein seltsames Leuchten ist um ihn.
"Selig sind, die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heissen." Das heisst, dass Sergius Frieden verbreiten kann auf Zypern, und er wird mit allen Einwohnern der Insel Frieden finden." Paulus hält in seiner Rede inne. Er spürt eine glühende Hitze. Der Heilige Geist kommt über ihn. Er kann nicht mehr reden und handeln wie er es will. Er denkt an seine Begegnung mit Jesus vor Damaskus. Damals war er blind geworden. Seine Gefährten mussten ihn führen. In der Zeit äusserer Dunkelheit blitzte in seinem Inneren ein Licht auf. Er erkannte die Wahrheit. Nicht Gamaliel, sein Lehrer, nicht die Schriftgelehrten und der hohe Rat hatten recht. Jesus war der Messias, der Christus, der Gesalbte, der von Gott kam, um alle Menschen zu erlösen.

Dann war Barnabas gekommen, und hatte ihm sein Augenlicht wiedergegeben. Er hatte ihm von Jesus erzählt, hatte ihn bei den Aposteln eingeführt, hatte ihn bis jetzt begleitet. Nun verkündete er das Evangelium von der Auferstehung Jesu. Durch die äussere Blindheit hindurch war er innerlich sehend geworden.

Durch die äussere Blindheit hindurch soll Elymas, der Magier, der Zauberer, die Wahrheit erkennen und innerlich sehend werden. Es soll an ihm geschehen, was an Paulus geschehen ist. Da beginnt Paulus zu sprechen. Er scheint zu wachsen über sich hinaus. Laut und schneidend erhebt er seine Stimme:
"O, der du voll bist mit alles List und Tücke, Sohn des Teufels, der alle Gerechtigkeit hasst, du hörst nicht auf, die geraden Wege des Herrn zu entstellen. Und nun, siehe, die Hand des Herrn ist über dir, und du wirst blind sein. Du wirst die Sonne nicht sehen bis zu einer bestimmten Zeit."
Paulus sieht dem Magier strahlend in die Augen. Er sieht durch ihn hindurch in sein innerstes Herz. Sie starren einander an.
Fasziniert beobachtet Sergius das Geschehen. Die Rede des Paulus von der Gerechtigkeit und dem Frieden hat ihn beeindruckt. Es ist genau das, was er jahrelang suchte. Sind es aber nur Worte, oder steckt auch Kraft dahinter?
Langsam senkt Elymas seine Augen. Die Erde verschlingt seine Kraft. Ein Schleier wallt vor ihm auf. Er sieht nichts mehr. Er streckt sein Hände aus. Wo soll er hin? Ein Diener tritt an ihn heran, und führt ihn hinaus.

Sergius Paulus erkennt, dass die Lehre Jesu nicht nur aus Worten besteht, sondern Gottes Kraft zeigt und die Welt verändert. Er wird gläubig, ein Christ. Er freut sich und wird glücklich. Damals wie heut wirkt die Kraft des Heiligen Geistes, verändert die Menschen und erneuert ihre Herzen. Wer sich Jesus Christus öffnet wird glücklich. Er nimmt Angst und Hass fort, und schenkt uns Freude und Frieden. Wir brauchen nicht Täter zu sein. Und wenn wir zu Opfern werden, dann dürfen wir ruhig und getrost bleiben. Er bleibt bei uns.

Amen