Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 17,22-34

Univ.-Prof. Dr. Christian Bauer/Innsbruck

15.04.2016 Frauenkirche in Nürnberg

Ökumenischer Festgottesdienst zum 200jährigen Bestehen der Pfarrei der Nürnberger Frauenkirche

 

Der unbekannte Gott.
Paulus auf dem Areopag von Nürnberg

 

Eine Handvoll yogaseliger Damen mittleren Alters sitzt im Schneidersitz. Pastelltöne überall, eine linde Prise weht, mildes Licht fällt von der Seite herein. Haben auch Sie schon südindische Schalmaienklänge im Ohr und spüren auch Sie schon einen dezenten Jasminduft in der Nase? Mitten in dieser sanft heruntergedimmten Szene sitzt ein junger Mann mit Dreitagebart. Irgendwie passt er nicht so recht dazu: „Bin ich hier richtig?“ fragt er sich. - - -  Ich stehe vor diesem Werbeplakat einer Krankenversicherung, das gerade vielen Orten  zu sehen ist, und frage mich, wie es wohl mir an seiner Stelle ginge: Wäre ich dort richtig? - - - Haben Sie sich das auch schon einmal irgendwo gefragt: Bin ich hier richtig? - - -  „Bin ich hier richtig?“, das könnte sich auch Franziska fragen, wenn sie heute Abend zufällig zu unserem Ökumenischen Gottesdienst in die Frauenkirche gefunden hätte. Die junge Physiotherapeutin aus dem Osten fände das, was wir gerade tun, vermutlich ebenso so exotisch wie der junge Mann auf dem Werbeplakat das esoterisch eingefärbte Yogamilieu, in dem er gerade sitzt. Ältere Herrschaften in seltsamen Gewändern, merkwürdig altmodische Musik – und diese geschraubte Sprache erst… alles sehr, sehr strange für eine junge Frau aus dem Osten. Es bleibt die skeptisch interessierte Frage: „Bin ich hier richtig?“

Altar des unbekannten Gottes

Unsere ‚Hauptamtlichen’ aller Konfessionen können noch so offen und unsere Gemeinden können noch so engagiert sein – die Welt um uns herum hat sich verändert. Unsere Kirchen – und zwar die katholische wie auch die evangelische, die reformierte und die altkatholische – sind den meisten Menschen von heute ziemlich fremd geworden, eine merkwürdige Sonderwelt mit komischen Leuten, unverständlicher Sprache und sonderbarem Verhalten. Ihre Eindrücke sind für uns sehr wichtig, denn sie bieten eine wertvolle Außenperspektive auf unser Tun. Wir denken ja oft, unsere eigene kleine Kirchenwelt sei schon das große Ganze – und übersehen dabei, wie exotisch sie auf Menschen wie Franziska wirkt. Für sie ist der Altar, um den wir uns heute Abend in ökumenischer Gemeinsamkeit versammelt haben, genau das, wovon Paulus in der Lesung gerade gesprochen hat: der Altar eines ihr unbekannten Gottes. Wir Kirchenchristen meinen, diesen Gott mit Namen zu kennen – für unsere ostdeutsche Physiotherapeutin aber ist er denkbar fremd.

Es gibt in unserem Nürnberg von heute viele Menschen wie Franziska, sie müssen noch nicht einmal alle ungetauft sein und aus dem Osten stammen. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, kann uns ‚Kirchenchristen’ aller Konfessionen weiterbringen. Denn sie zeigen uns, dass wir den Gott, um dessen Altar wir uns immer wieder versammeln, vielleicht gar nicht so gut kennen wie wir so meinen. Auch für uns ist es eigentlich der Altar eines unbekannten Gottes, dem wir uns auf dem Jesusweg der Nachfolge zu nähern versuchen. Denn auch für uns Christinnen und Christen ist er ein fremder, geheimnisvoller Gott. Wir brauchen den Altar dieses unbekannten Gottes, von dem Paulus spricht, daher gar nicht erst draußen in der Stadt zu suchen, wir finden ihn in unserer Mitte.

Hier wird nun eine andere Geschichte wichtig, die wir zuletzt an Ostern gehört haben und ebenfalls vom Evangelisten Lukas stammt: die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Auch sie erkennen Jesus zunächst einmal nicht. Sie halten ihn für einen Fremden und erst beim Brotbrechen ihnen die Augen auf – aber in genau diesem Augenblick entzieht er sich ihnen. ‚Unser’ christlicher Gott – auch er ist ein unbekannter, geheimnisvoller, sich entziehender Gott. Emmaus und Areopag, der unbekannte Gott in unserer Mitte und der unbekannte Gott draußen in der Stadt: beide gehören zusammen. Wer den einen zu kennen meint, muss den jeweils anderen suchen. Wer wie unsere ostdeutsche Physiotherapeutin seinen säkularen Altar draußen hat, könnte hier bei uns den Weg der Nachfolge entdecken. Und wer wie wir Kirchenchristen diesen Weg zu gehen versucht, wird draußen in der Stadt säkulare „Orte der Fülle“ – so der Philosoph Charles Taylor – entdecken, die sich als uns bisher noch unbekannte Altäre Gottes erweisen könnten.

Spuren in die Stadt

Wie aber können wir diesem unbekannten, auch für uns fremden Gott in unserem städtischen Alltag, also ganz konkret, auf die Spur kommen? Ich schlage vor, dass wir uns an den Apostel Paulus halten und uns an seine Fersen heften. Paulus stürmt, als er in Athen ist, nämlich nicht gleich auf den Areopag, diesen Marktplatz für alte und neue Ideen aus aller Welt, um mit flammenden Worten das Evangelium Jesu zu verkünden. Nein, er durchstreift vielmehr erst einmal in aller Ruhe Athen – diese flirrende antike Großstadt mit ihrem brodelnden Gemisch aus Lebensstilen, Glaubensweisen und Weltanschauungen. Als aufmerksamer Flaneur schlendert Paulus durch ihre Straßen und Gassen, bleibt hier stehen, dort hängen. Denn er sucht nach den „Heiligtümern“ der Athenerinnen und Athener – nach jenen Orten also, an denen sie bereit sind, dem, was ihnen heilig ist, Opfer zu bringen.

Ich stelle mir vor, wie er zweitausend Jahre später auch heute Abend durch unsere Stadt flaniert. Welche Heiligtümer fände er dort? Wofür sind wir bereit, etwas zu opfern: Zeit, Geld und Herzblut? Vielleicht würde er durch die Fußgängerzone schlendern und käme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vielleicht setzte er sich aber auch ins Clubstadion und zitterte mit in Sachen Aufstieg. Oder vielleicht ginge er nach Gostenhof, um einen Deutschkurs für Flüchtlinge mitzuorganisieren. Überall dort fände er ‚Heiligtümer’ von heutigen Nürnbergerinnen und Nürnbergern. Der Soziologe Peter Berger spricht in seinem neuesten Buch von Altären der Moderne. Und vielleicht würde Paulus überall dort auch das finden, was er auf seiner Suche nach einem Anknüpfungspunkt für das Evangelium bereits in Athen entdeckte: den Altar eines unbekannten Gottes. Damit beginnt er dann auch seine Predigt auf dem Areopag – hören wir noch einmal hinein:

„Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Gott, der die Welt erschaffen hat […] wohnt nicht in Tempeln […]. Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas – er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. […] Sie [also: die Menschen] sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir […].“ (Apg 17, 23-28).

Gott im Leben der Stadt

Deswegen kann man ihn auch nicht nur in der Kirche finden, sondern eben auch auf der Straße – weshalb der Jesuit Christian Herwatz in Berlin auch die ‚Straßenexerzitien’ erfunden hat als Möglichkeit zur Entdeckung Gottes im Alltag. Vielleicht lässt er sich aber auch im Fußballstadion finden – erinnern Sie sich nur an den faszinierenden Moment, als vor kurzem in Dortmund ein ganzes Stadion spontan den Tod eines Fans betrauerte. Oder aber im Nachbarschaftshaus um die Ecke, wo Freiwillige um gute Lösungen für Flüchtlinge ringen. Papst Franziskus schreibt in Evangelii gaudium:

„Wir müssen die Stadt […] mit einem Blick des Glaubens betrachten, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die [verborgene] Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Geschwisterlichkeit und das Verlangen nach dem Guten […].“ (EG 71).

Soweit Papst Franziskus. Die ganze Sache mit dem Areopag endet für den geübten Prediger Paulus übrigens nicht besonders schmeichelhaft. Als er auf die Auferstehung zu sprechen kommt, wenden sich viele Zuhörer ab: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg 17, 32) sagen sie und gehen weg. Nur einige wenige bleiben. Wer auf den Areopag geht, darf nicht mit einem überwältigenden Massenerfolg rechnen. Einer von denen, die nicht weggehen heißt Dionysios. Er sollte in der christlichen Theologiegeschichte noch eine wichtige Rolle spielen. Denn nach ihm benannte sich Dionysios Areopagita, Dionysios vom Areopag also, der ‚Erfinder’ der sogenannten Negativen Theologie, in der mystische Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen und eine ganz grundsätzliche Vorsicht in der Rede von Gott – zwei Dinge, die wir heute in unseren Gemeinden mehr denn je brauchen: Sicher ist nur, was wir von Gott nicht sagen können – alles andere ist und bleibt ein unergründliches, nur auf dem Weg der Nachfolge ‚erfahrbares’ Geheimnis. Dieser letztlich auch für uns Christinnen und Christen unbekannte Gott, in dem wir uns dennoch zusammen mit allen anderen Menschen ‚bewegen und sind’: das ist für mich die wichtigste Botschaft der gerade gehörten Pauluspredigt vom Areopag. Und wenn jemand kirchendistanziert lebt, dann ist Gott ihm oder ihr zwar möglicherweise fremd und unbekannt, sicher aber – so Paulus – nicht fern. Denn er möchte auch das Gelingen dieses Lebens.

Orte einer neuen Ökumene

Gerade weil auch wir Kirchenchristen aller Konfessionen längst keine gesellschaftsdominierende Mehrheit mehr sind, verweist diese Botschaft uns auf die vielen nichtkirchlichen, säkularen ‚Altäre’ Gottes in unserer Stadt – auf all jene faszinierenden Orte also, an denen sich die umgekehrte IKEA-Frage stellt: „Lebst Du noch oder wohnst Du schon?“ Auf inspirierende Orte voll sozialer Phantasie und mit kulturellem Sexappeal, an denen man sich über die großen Dinge des Seins austauscht: über Menschen und Mächte, über das Leben und die Liebe und das kleine Glück in dieser Zeit. Also: Nehmen wir uns zusammen mit Papst Franziskus ein Beispiel am Apostel Paulus und gehen wir raus – hinaus aus unserer kleinen Kirchenwelt, hinein ins pralle, bisweilen auch widersprüchliche und anstrengende Leben der Großstadt, vielleicht sogar an Orte, an denen wir uns wie unsere Physiotherapeutin Franziska denken: „Bin ich hier richtig?“ Und zwar nicht um die vielen ‚Anderen’ zu bekehren, sondern weil wir sie für unsere eigene Suche nach dem unbekannten Gott brauchen – ihre anderen Geschichten vom Leben, ihre anderen Altäre und damit auch ihre anderen Zugänge zu Gott. Denn, so noch einmal Paulus: Keinem von uns ist Gott fern.

Bei unseren kirchendistanzierten Zeitgenossen handelt sich ja nicht einfach nur um hilflos Suchende, sondern auch um selbstbewusst Findende – nur eben anderswo, an anderen und uns vielfach unbekannten ‚Altären’ Gottes. Neben der ersten Ökumene, der unter uns Christen, brauchen wir daher heute nicht nur eine zweite Ökumene der großen Weltreligionen, sondern auch das, was der ostdeutsche Religionsphilosoph Eberhardt Tiefensee die ‚dritte Ökumene’ nennt – eine Ökumene mit allen nichtglaubenden Menschen. Mit all denen also, die wie Franziska sagen: Ich bin nicht religiös, ich bin normal. Mit ihnen die säkulare Bedeutung des Evangeliums zu entdecken, das wäre eine, vielleicht sogar die pastorale Zukunftschance einer so zentral gelegenen Stadtkirche wie der Nürnberger Frauenkirche, die nun schon seit zweihundert Jahren katholisch ist. Auch in dieser ‚dritten Ökumene’ haben wir einiges zu entdecken, was unsere Gemeinden reich machen kann: faszinierende Menschen, spannende Geschichten, aufrichtige Hingabe – und am allermeisten: unseren eigenen Gott. Denn auch für den ‚Areopag’ unseres ebenso multireligiösen wie multisäkularen Nürnberg gilt ja die alte Verheißung „Stadtluft macht frei“.

Amen.